Ausgabe 
5.12.1912
 
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oberhalb der Brücke ragen einige Höcker aus anstehendem Gestein Hitb weiße Felfenzähne aus dem Wasser; zwischen ihnen wirbelt rind kocht teilteni> der Fluß, ehe er mit betäubendem Getöse und unter zischenden Schaumbüscheln und braungrauen Spritzwasser­strahlen sich in den engen Graben unter der Brücke hineinzwängt.

Ein Tibeter kanr mit andern Ufer angelaufen. Er machte mit den Armen abwehrende Bewegungen, und mau konnte sehen, daß er etwas laut schrie, denn etwas anderes zu hören als das Tosen des Flusses Ivar unmöglich. Wir machten ihm Zeichen, daß er zu uns herüberkommen solle, und er kam.

Was ist denn los?" fragten wir ihn.

Die Brücke trägt das Gewicht eines Pferdes nicht, aber die Maulesel können vielleicht hinüber, ohne daß die Balken brechen."

Glaubst du denn, daß wir unsere Pferde hier lassen werden?" Sie Knuten weiter abwärts durch den Fluß schwimmen. Sie sehen ja, daß der Langtschen-kamba bald in Breite zunimmt und ruhig wird."

Wenn die Brinke die Maulesel trägt, dann trägt sie die Pferde auch. Wir werden es ja sehen. Ich will nur hoffen, daß sie nicht gerade dann znsaMmenkracht, wenn die halbe Kara­wane hinüber ist, so daß wir getrennt werden."

Ich rate Ihnen, vorsichtig zu sein. Die Brücke ist morsch und schlecht."

Wie alt ist sie denn?"

Vor zehn Jahren ist sie zuletzt erneuert worden. Die Brückenköpfe sind aber vor dreißig Jahren gebaut."

Die Ladaki sind von ihrer Heimat her an gefährliche Brücken gewöhnt. Sicher und breitbeinig gehen sie mit ihren Lasten auf dem Rücken hinüber. Nur immer ein Mann auf der Brücke! Mit einem Gefühle der Erleichterung sah ich, wie die letzte Last am andern Ufer hingelegt wurde, ging darauf selbst hinüber und stellte mich neben den linken Brückenkopf hin.

Jetzt sind die Tiere an der Reihe. Wir hatten zehn Ziegen gekauft, die mich mit Milch versahen. Laßt sie zuerst die Brücke erproben! Ziegen sind mit Verstand nur schwach ausgerüstet. Die ganze Schar bleibt wie angewurzelt dastehen, wo der feste Brückenkopf in die Planken übergeht. Sie wollen nmkehren, weil sie etwas Unheimliches wittern. Der Fluß kocht unter ihnen. Hier muß eine Falltüre sein, die irgendeine Kanaille ihnen zum Verderben auf deu Weg gelegt hat!

Hinaus, mit euch, ihr Viehzeug!" ruft Tubges, der Hirt.

Wenn sie nur so viel Verstand gehabt hatten, einzeln hin­über zu gehen, aber sie mußten es natürlich dicht aneinander ge­drängt tun, auf die Gefahr hin, sich gegenseitig von der Brücke hinabzustoßen. Hinüber kamen sie, aber nur mit genauer Not.

Einer der Maulesel voran!"

Ein kleiner aus Lhasa wird hinaufgetrieben. Er hat sicherlich schon früher Brücken gesehen, denn er bleibt ganz ruhig, und fängt die Sache klug an. Ohne Zögern betritt er die Planken und pariert ihr Schwanken mit weichen, elastischen Kniebewegungen. Er senkt den Kops ans die Brücke herab und beschnuppert sie beim Hinübergehen; er hält genau die Mittellinie ein. Mit derselben Selbstbeherrschung gehen seine Kameraden hinüber.

Pferde sind dümmer als Maulesel, wenigstens beim Ueber- schreiten von Brücken. Unsere waren alle ans Tschang-tang und hätten in ihrem Leben noch nie eine Brücke gesehen. Das erste, das hinaufgetrieben wurde, scheute, machte kehrt und ging durch. NumMer zwei folgte seinem Beispiel. Nun mußten sie hiuüber- geführt werden. Damit aber das vergrößerte Gewicht die Balken nicht zu sehr belaste, wurde die Zugleine gerade so lang gemacht wie die Brücke, zwei Männer ergriffen sie und zogen aus Leibes­kräften, während zwei andere von hinten auf das Tier losprügelten, bis das widerspenstige Pferd sich auf die Planken hinauswagte und, bebend wie diese, plump und gedankenlos hinübertrabte.

Nun blieben noch die beiden Schimmel übrig, die ich dem Ränberhauptmäim Kamba Tsenam abgekauft hatte. Der eine, ein großes, kräftiges Tier, bäumte sich und zog der greulichen Brücke Hiebe und Schläge vor. Vielleicht konnten die Ziegen ihn beruhigen! Sie mußten den Spaziergang noch einmal machen. Da faßte das Pferd Mut und rannte, um so schnell wie möglich wieder auf festen Boden zu gelangen, <iit solcher Eile über die Brücke, daß es dabei um ein Haar eine Ziege totgetreten hätte. Zuletzt kam die Reihe an mein Reitpferd, has mich die achthundert Kilometer von Kamba Tsenams Zelt hierhergetragen hatte und zweimal über den Transhimalaja durch die Berglabyrinthe von Bongba, an Seen vorüber und durch Flüsse gegangen war. Ich betrachtete es als Gehilfen und Freund, der seinen Anteil an deu gemachten Entdeckungen hätte. Es war schneeweiß und in bestem Zustand, viel zu gut, um tut Satledsch zu ertrinken.

Nun mußte der Schimmel sich in sein. Schicksal finden. Was sollte er ptachcn, wenn die Männer mit, vereinigten Kräften am Stricke zogen'und zwei andere ihn von hinten antrieben! Sein Blick war unglücklich und verängstigt, und an allen Gliedern wie Espenlaub zitternd, begab sich der Schimmel auf die trügerischen Planken hinaus. Mles wäre gut abgelaufen, wenn er nur weiter gegangen wäre. Er hatte ja gesehen, daß die Brücke alle die andern Tiere getragen hatte, und er hätte, sich doch, wie gewöhnlich, Uach ihrer Gesellschaft sehnen müssen. Als er aber bis in die Mitte der Brücke gelangt war, überwältigte ihn die Angst. Ge- iühllos gegen den Strick an seiner Halfter, blieb er stehen und chwelitte nach links um', so daß er nun quer auf der Brüche stand

und flußaufwärts blickte. Er schaute in dencheraueileiwen Wrbel- strom hinunter. Seine Augen leuchteten, seine Nüstern blähten sich, er schnaubte (aut, und dann tat er den Todessprung in die siedenden, kochenden Wellen hinab!

Die Hinterhufe schlugen gegen beit Brückenrand, so daß der Schimmel in der Lust einen Purzelbaum schlug und mit dem Rücken aufs Wasser aunchliig. Natürlich wird er in kleine Stücke zermalmt, dachte ich. Ein Glück, daß ich nicht über diese vor­zügliche Brücke geritten bin ! Den Sattel hatten wir gerettet, das einzige, was verloren ging, war der Strick, den hie Männer losgelassen hatten als sie sähen, welchen Ausgang die Sache nehmen würde.

In demselben Augenblick, als das Pferd die Oberfläche des Flusses berührte, wurde es von der wilden Strömung ergriffen! und verschwand auf der Stelle. Wir stürmten vom Brück hinunter, um zu sehen, ob der zerschellte Kadaver durch dahinwälzenden, rollenden Waffermäfsen wieder an die fläche getragen werden würde.

Da ist er ja!" rief Lobfang.

Unmöglich! Ja, wirklich!"

Dort tauchte, etwa siebzig Meter weiter abwärts, fein weißer Kopf aus den Wellen auf! Der Satledsch ist an dieser Stelle viel breiter geworden, als ob er sich von seiner Anstrengung ausruhen wolle.

Er lebt, er schwimmt!" ruft Knius. Niemand kümmerte sich um die übrigen neun Tiere.

Bravo, er schwimmt nach dem linken Ufer hin!" Ja, sonst hätte er noch einmal springen müssen." Denkt nur, sich einen solchen Umweg zu machen, wenn man nur noch die halbe Brücke, kanm zehn Schritte, zurückzulegen hat!"

Er war natürlich verrückt!"

Indessen hatte der Schimmel seine Energie durchaus mcht eingebüßt. Einige kräftige SchwimMbewegungen brachten ihn ans Ufer, und mit zwei elastischen Sprüngen war er auf dem Trockenen, wo er gleich so munter zu grasen begann, als ob nichts borge* fallen sei. Er schnaubte ein paarmal und schüttelte sich Has Wasser ab, aber er hatte noch alle seine Glieder, und keines seiner Beine war gebrochen. Das Bad schien ihn int Gegenteil auf* geheitert zu haben. _______

Dar normale Weiter im Dezember.

Wacht ans! Es triefen die Dächer, beit Frost zerschlug in bet Nacht ein West mit klirrendem Fächer". So könnte man mit P f a r r i ii s das milde, windige Wetter besingen, das der mitteleuropäische Dezember zu bringen pflegt. Regen und Tau- luetter im ersten Wintennonat find die Regel, Eis und vor allem Schnee find in unserem Flachlande leider recht seltsame Ausnahmen. Weihnachten mit glitzernder, Schneedecke, ein schöner Wunsch, der nur alle 56 Jahre in Erfüllung geht. Die Wit­terung Mittel- und W estd eu tschlauds steht zu sehr unter dem Einfluß der Zyklonen des westlichen Meeres, die meist nordostwärts wandern (in der Richtung des Golfstromes) und auf ihrer Border-(Ost-)Seite milde Südwestwinde bringen.^ Zwischen den rasch wandernden Luftwirbeln pflegt vorübergehend hoher Druck über unser Gebiet zu ziehen. Dann klärt der Himmel auf und durch die Wärmeausstrahlung des Bodens werden die anderen Schichten des Luftmeeres bis unter den Gefrierpunkt abgekühlt; in der Höhe aber lagern wärmere Luftmassen. Dieser Strahlungsfrost ist oft nur von kurzer Dauer und überlebt häufig nicht den Tag, der der Nacht folgt, in der er entstand. Sobald eine neue Zyklone von den britischen Inseln heranzieht, frischt der Südwest ihrer Vorderseite auf, saugt rasch die kalten Lnst- massen ab und holt weit aus dem Süden Frankreichs warme Luftmassen heran. Meist macht die warme Luft sich in der Höhe früher als am Boden bemerkbar. So kamt es Vorkommen, daß Regen fällt, obwohl sich die unteren Luftschichten noch nicht über den Eispunkt erwärmt haben. Bald aber kehren sich die Verhältnisse um; die warmen Südwestwinde besitzen die Neigung/ aufzusteigen; dabei kühlen sie sich nach den Gesetzen der Physik ab und die Höhen werden kalt, die Niederungen mild. Regen- unb Tauwetter unten bedeutet für die Höhen, vor allem ober­halb 1500 Meter Schnee und verschärften Frost, Kälte unten aber Erwärmung und sonnige Witterung oben. Ganz gewaltige Gegensätze können auf wenige hundert Meter Erhebung entstehen. Das gilt auch schon für unsere Mittelgebirge, die bei Regenwetter im Tiefland int Dezember meist eine tiefe Schneedecke tragen.

Die m i 11 l e r e D e z e m b e r t e m p e r a t ii r beträgt im mitt­leren Rhein- und Maingebiet rund 1 Gr. Wärme; die mittlere N a ch m i t t a g s temperatur etwa 3 Gr., die normale Nacht­temperatur 1 Gr. Der Gegensatz zwischen Tag- und Nacht­wärme ist bei dem tiefen Stand der Sonne im Dezember sehr gering, er beträgt nur 4 Gr. und wird umso geringer, je weiter nördlich ein Land liegt; in den Polargebieten ist er gleich Null. Wie mild unter dem Einfluß lebhafter Sübwest- winde Dezembertage werden können, zeigen die Tage vom 5. bis 8. Dezember 1868, an denen die Nachmittagswärme auf 16 Gr. anstieg, die Nachttemperatur aber nur bis 11 Gr. sank. Aber auch scharfe Kälte hat schon der Dezember gebracht, wenn auch viel seltener als Tauwetter. Wenn über bent im November rasch und stark sich abkühlenden russischen Festlande hoher Luft-