Ausgabe 
5.12.1912
 
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heute die Teilnahme und bcn Schutz brauchen konntest, den dir nur ein Gatte angedeihen lassen kann.

Er war so sehr gespannt, welchen Eindruck dieser leise Vorschlag ans Gilbertine machen wurde, daß er völlig vergaß, Dorothea anzusehen, trotzdem die Andeutung, daß bevorstehendes Nebel abznwehreil sei, ebenso sehr aus Doro­thea als auf seine Braut gemünzt war. Im nächsten Augenblick schön bedauerte er die Unterlassung, besonders als er bemerkte, daß Dorothea ihre Haltung geändert hatte und nunmehr beide aiizuschauen vermied.

ist deine Meinung, Gilbertine? fragte er in ernstem .s sie abwechselnd errötend und erbleichend vor ihm saß.

-ch habe keine Meinung darüber. Ich habe nicht darüber nachgedacht es ist die Sache anderer, das zu ent­scheiden anderer, die besser wissen, als ich, was sich gehört. Ich danke dir für deine Teilnahme, fuhr sie fort, indem sie plötzlich ihre Stimme leidenschaftlich erhob, und ich wäre glücklich, dir in diesem Augenblick sagen zu können, was zu erwarten ist. Aber.gib mir ein wenig Zeit laß uns später darüber reden am Morgen, wenn lvir uns alle ein wenig ausgeruht haben, nud wenn ich dich ganz allein werde sprechen können.

Dorothea erhob sich.

Soll ich gehen? fragte sie.

Sinclair trat auf sie zu und berührte mit ruhigem Proteste ihre Schulter. Schweigend ließ sie sich wieder auf ihren Sessel zurückfallen.

Ich möchte auch ein paar Worte mit Ihnen reden, Fräulein Camerden. Gilbertine wird entschuldigen; cs han­delt sich um Dinge, die heute nacht noch entschieden werden müssen. Wir müssen Entschließungen und Anordnungen treffen. Frau Armstrong hat mich beauftragt, Sie darüber zu befragen, da Six mit den Angelegenheiten und allge- meinen Ansichten der .Frau Lansing am besten bekannt waren. Wir wollen Gilbertine nicht damit belästigen. Sie hat ihre eigenen Entschlüsse zu fassen. Meine Liebe, willst du es dir nicht int Palmengarten bequem machen, während ich mit Dorothea rede? Nur fünf Minuten?

Sie erwiderte diese Frage mit einem derart erstaunten und verständnislosen Blick, daß er ruhig seinen Arm in den ihren legte und sie mit sanftem Zwang in den Palmengarten führte.

Ich muß mit Dorothea reden, erklärte er und führte sie zu dem Lehnstuhle, in dem er sie so oft hatte fi c;t seh n. .Sei mein gehorsames Mädchen; ich werde dich nicht lauge warten lassen.

Ja, aber warum soll ich nicht auf mein Zimmer gehen? Ich verstehe nicht du bettnruhigst mich was Hast, bit mit Dorothea zu verhandeln, das ich nicht wissen soll?

Sie war augenscheinlich so aufgeregt, daß er eine Minute zögerte, ob er bei seinem Vorsatz beharren sollte. Dann aber ergriff er ihre Hand.

Ich sagte es dir ja schon, betonte er ernst und küßte sie sanft auf die Stirne. Sei still, liebes Kind, lind bleib da. Da hast du Rosen! /

Er pflückte einen kleinen Strauß und warf ihr die Blumeit in den Schoß. Dann wandte er sich wieder zur Bibliothek und schloß die Türe hinter sich ab. Ich bin nicht erstaunt darüber, daß Gilbertine über das Vorgehen ihres Bräutigams sich wunderte.

Als Sinclair wieder die Bibliothek betrat, stand Doro­thea alt der Türe zur Diele und hatte die Hand auf der Mnke. Sie hielt ihr Haupt gesenkt und nachdenklich, als kämpfe sie im Innern, ob sie ibaMeiben oder fliehen solle. Sinclair ließ ihr keine Wahl, länger zu zögern. Er ging mit raschem Schritt auf sie zu, legte ruhig seine Hand aus die ihrige, und ließ mit einem Ernste, der einen großen Eindruck auf sie gemacht haben muß, die ruhige Bemerkung fallen:

Ich muß Sie bitten, hier zu blei b en und mit anzuhören, was ich Jh!nen zu sagen habe. Ich wollte Gilbertine schonen; ich wollte, ich könnte mit Ihnen desgleichen ver­fahren! Aber die Umstände lassen das nicht git. Sie wissen, und ich tveiß es auch, daß Ihre- Tante nicht infolge eines Herzschlages verschieden ist.

Sie schreckte heftig zusammen; ihre Lippen bebten. Ihre ,Hand war bisher kalt gewesen; jetzt fühlte Sinclair, daß sie eisig wurde. Er zog seine Hand von der Berührung zurück. i

Sie wissen es! stammelte sic unwillkürlich, zitternd und bleich. Ihre Hand machte eine instinktive Bewegung zum Haare.

Gewiß; es ist nicht nötig, nach der Brosche zu suchen. Ich entnahm sie ihrem Verstecke, als ich Sie in Ihrer Ohn­macht auf Ihr Lager bettete. Hier ist sic.

Er zog das Kleinod aus der Tasche und zeigte es ihr. Kaum warf sic. einen Blick darauf; ihre Augen starrten in namenlosem Schrecken aus ihrem Antlitz, und ihre Lippen schienen vergebens eine Frage zu formulieren.

Sinclair versuchte, barmherzig mit ihr zu sein.

Ich habe das Herzchen schon seit Stunden vermißt; es war nicht wehr in der Schublade, wo Sie alle gesehen hatten, daß ich es hineinlegte. Hätte ich gewußt, daß Sie es an sich genommen haben, so würde ich Ihnen wiederholt haben, tote todbringend sein Inhalt ist und wie gefährlich es war, die kleine Phiole zu öffnen oder andere öffnen zu lassen, oder sie gar an die Lippen zu führen.

Sie erhob sich, und unwillkürlich dehnte sich ihre Ge­stalt zu ihrer ganzen Höhe.

Haben Sie in das Herzchen geblickt, seitdem Sie es mir ans dem Haare nahmen? fragte sic.

Jawohl.

Dann wissen Sie also, daß es leer ist?

Als Antwort drückte er -auf die Feder; das Deckelcheit sprang auf.

Es ist jetzt nicht mehr leer, Ivie Sie sehen. Dann fügte er langsam, mit leiser Betonung hinzu: Aber das Fläsch­chen ist es!

Sie legte die Hände zusammen und schaute ihn mit edler'Würde ckn, wodurch die Unterredung wit einem Schlage in eine andere Tonart überging.

Wo wurde dieses Fläschchen gefunden? fragte sie.

Er sand es nicht leicht, zu antworten. Nunmehr schienen sie ihren Standpunkt ansgetauscht zu haben. Als er wieder das Wort fand, tönte seine Stimme leise und Weniger zuversichtlich als zuvor.>

Im Bette der alten Dame., Ich selbst fand es darin. Herr Worthington stand bei mir. Sonst weiß keine Seele darum. Ich möchte Ihnen Gelegenheit geben, das zu er­klären. Ich fange an zu denken. Sie könnten dies aber wie, Gott allein weiß es. Die Brosche war bett ganzen Abend über in Ihrem Haar versteckt. Ich bemerkte, wie Ihre Hand fortwährend darnach griff, solange wir fnt. Musikzimmcr tanzten, i

(Fortsetzung folgt.)

hedins Schimmel wagt den Codersprung.

Aus: Transhimalaja. Dritter (Schluß-(Band. Von Sven Hedin. (Brockhans, Leipzig.)*)

Dort, wo der Fluß am schmälsten ist und zwei vorspringende Felsen sich einander auf nur 13 Meter Abstand nähern, hat man die .Brücke über den Satledsch gespannt. In den einander zu­gekehrten senkrechten Mauern der Brückenköpfe find vier Lagen kurzer Balken eingemauert, deren oberste Lage, die auf den drei untersten ruht und durch sie Festigkeit erhält, am längsten ist und schräge aufwärts gerichtet ist. Auf ihrer Spitze ruhen die beiden runden und bedenklich schwankenden Baumstämme der Schwcbe- brücke, die ihrerseits die Holzplanken trageu. Was die Axt unterlassen hat, als es sich darum handelte, die Gangbahn der Brücke eben zu machen, das haben an ihrer Stelle die Abnutzung, der Regen und der Sonnenschein getan. Das Holzwrrk ist grau­weiß, abgeschält und spröde, und das ganze Gerüst schaukelt unter den Schritten. Es heißt mit dem Leben spielen, wenn man nicht weiß, wann die Grenze der Elastizität erreicht ist.

Die Breite der Brücke beträgt nur 1,2 Meter; ein schützendes Geländer ist nicht vorhanden. Die Tiefe des Flusses mußte hier bedeutend fein, die Breite betrug ja lvenig mehr als 13 Meter, aber die Stromgeschwindigkeit war schwindelerregend. Auch wenn wir im Besitze genügend langer Stangen zum Messen gewesen wären, hätten wir sie hier nicht benutzen können. Der Truck der kom-- pakten Wassermasse hätte sie wie Binsen zerknickt. Unmittelbar

*) Durch das Entgegenkommen des Verlegers Brockhans sind wir in der Lage, nnscren Lesern einen interessanten Abschnitt aus dem soeben erscheinenden Schlußband von Hedins klassischem WerkTranshimalaja" (geb. 10 Mk.) zu bieten. Er hat die­selben Vorzüge, die wir schott an den ersten zwei Bänden hervor­gehoben haben, und er ist eine notwendige Ergänzung dieser.. Aber auch wer die früheren Bände nicht kennen sollte, wird ge­fesselt durch die wechfelvollen abenteuerlichen Schicksale, die der berühmte Forscher hier erzählt.