Ausgabe 
5.12.1912
 
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1912 - M. 19)

Domierrtag, den 5. Dezember

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Das Amethyst-Fläschlein.

Eine Erzählung von A. K. Green.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

'Die untere Diele war zum Teil beleuchtet, von den Zimmern dagegen kern einziges.

Ich betrat die Bibliothek und steckte das Licht an, wie es Sinclair verlangt hatte. Dann sah ich nach, ob die Türe zum Wintergarten geschlossen sei; sie war es nicht. Ich überzeugte mich durch einen aufmerksamen Mick, daß die Bibliothek dieses Mal keinen Hörer verbarg, und daß ich Sinclair ruhig seiner beabsichtigten Unterredung über­lassen könne, ohne fürchten zu müssen, daß er darin ge­stört würde. Schließlich schlüpfte ich rasch hinaus, da ich mir dachte, er würde sehr bald, von seiner Ungeduld ge­trieben, eintreffen und begab mich auf einen Teil der Diele, wo das Licht der einzigen angezündeten Gasflamme nicht hindrang.Ich will hier warten," dachte ich, und be­gann, von meiner Ungeduld und meinen überanstrengten Nerven getrieben, unruhig in meinem Winkel auf- und ab- zugehen.

Aber bevor ich dies mehr als ein halbes Dutzend Mal getan, traf ein einziger, aber klarer Lichtstrahl mein Auge, der aus irgend einer halbgeöffneten Türe int Gang heraus­drang. Neugierig eilte ich zurück, um zu sehen, ob jemand mich "in meinem Schlupfwinkel beobachtet hatte. HiÄei kam ich zu der kleinen Wendeltreppe, auf der vor einiger Zeit Sinclair rätselhafte Schritte vernommen hatte. Rührte dies Geräusch damals von Dorothea her? Und wenn dies der Fall toar, was hatte sie in diesen abgelegenen Teil des Hauses geführt? Furcht? Angst? Gewissensbisse? Eine Flucht vor sich selbst? Sbätte ich doch gewußt, wo sie von den zwei jungen Leuten aufgefunden worden war, die sie in das Zimmer ihrer Tante zurückgeführt hatten! Niemand hatte etwas darüber verlauten lassen, und ich war nicht in der Stimmung und Verfassung gewesen, darnach zu fragen.

Als ich weiter vordrang, mußte ich mich plötzlich über meine eigene Vergeßlichkeit wuwdern. Das Licht, das meine Aufmerksamkeit erregt hatte, kam aus dem Zimmer, das zur Schaustellung von Fräulein Murrays Hochzeitsgeschen- fen diente. Dies hätte ich sofort wissen sollen, Ivar ich ja doch selbit bei ihrer Anordnung behilflich gewesen. Aber in dieser Nacht waren all meine geistigen Fähigkeiten ab­gestumpft mit Ausnahme derjenigen, die nut Furcht imd Entsetzen in Beziehung standen. Bevor tcu meine Schritte waiidte, hielt ich einen Augenblick inne, nur einen Blick auf den Detektiv zu werfen, dem es oblag, das Zimmer mit seinen Schätzen Ku bewachen. Er saß m aller Ruhe auf seinem Posten; möglicherweise bemerkte er mich, er sah jedoch nicht auf. Merkwürdig, daß ich nicht an diesen

Mann gedacht hatte, als ich oben auf Wache stand; ich war auch im Zweifel, ob Sinclair sich in jener Stunde an ihn erinnerte. Und doch mußte er unwillkürlich unsere Maß­nahmen vom Beginn bis zum Ende beobachtet mußte so­gar den Schrei gehört haben, so deutlich, wie ihn nur ein Wachender vernehmen konnte. Sollte ich ihn, fragen, ob dem so gewesen war? Nein. Vielleicht, weil ich nicht den Mut besaß, seine Antwort zu ertragen.

Kurz «ach meiner Rückkehr auf die Diele hörte ich Schritte auf der großen Treppe und wurde der beiden Mädchen ansichtig, die gefolgt von Sinclair herunterkamen. Also hatte er bei seinem Versuche Glück gehabt, Dorothea zu veranlassen, herunterzukommen. Was würde das Ergebnis sein? Konnte ich meine Ungeduld so lange zügeln, bis die Unterredung vorüber sein würde?

Als sie in den Bereich des Lichtes traten, das von der einsamen Gasflamme ausgiug, warf ich rasch einen Blick auf Gilbertine und vertiefte mich sodann in Dorotheas Züge. Ich verstand weder den Gesichtsansdruck der einen, noch den der anderen. Wenn es das Entsetzen war und nur das Entsetzen, daß sie beide so bleich und so unbewegt in den Mienen erscheinen ließ, dann war ihre Gemütserre­gung bei beiden ihrem Wesen, wie ihrer Stärke nach ähn­lich. Wenn aber bei beiden Mädchen die Furcht vorherrschte, entsetzliche, lähmende Furcht, dann bezog sich dieselbe auf Dorothea. Denn während Gilbertine ohne zu zaudern Vorwärtsschritt, wurde Dorotheas Gang immer zögernder, und als sie die Bibliothek betreten sollte, Wendt.' sie sich plötzlich um und machte eine Bewegung, als wolle sie wieder die Treppe hinauffliehen. »

Aber ein Blick Gilbertines, ein Wort Sinclairs gab ihr die Selbstbeherrschung wieder, und sie trat ein. Hinter ihnen schloß sich die Türe. Ich war meiner Aufgabe überlassen, einer möglichen Störung vorzubeugen, und ver­zehrte mich vor Ungeduld über den unerträglichen Auf­

schub.

6. Kapitel.

Ich werde keine Beschreibung der Prüfungen geben, die ich nunmehr ausznhalten hatte, sondern die Unterredung erzählen, wie sie nach Sinclairs Bericht verlief.

Sobald die Türe geschlossen war, und ehe noch eines der Mädchen ein Wort sagen konnte, bemerkte Sinclair zu Gilbertine: w

Ich habe dich gebeten, hierherzukommen, da tch tue in Gegenwart deiner Cousine meine Teilnahme an dem Ereignis aussprechen möchte, das Sie beide mit einem Schlage Ihres langjährigen Vormunds beraubt hat. Auch möchte ich erklären, daß ich in Anbetracht dieses traurigen Ereignisses bereit bin, wenn du es vorzrehst, die Zeremonie zu verschieben, die leie ich hofste, heute unser Leben nut- einander vereinigen sollte. Dein Wunsch wird mir Befehl sein, Gilbertine; trotzdem ich die Vermutung nicht unter­drücken kann, daß du möglicherweise noch nie so sehr tote