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<ring darauf aus, mich von ihrem Gemahl fernzuhalten; nun. und die meine war, ihn um jeden Preis zu sprechen Schnell wie der Blitz war ich aus dem Gemach, raunte durch die Halle und drang in jenes große Zimmer, aus welchem das Gemurmel gekommen war. Am entgegengesetzten Ende sah ich auf erhöhtem Sitz unter dem Thronhimmel den König, vor ihm eine Reihe vornehmer Würdenträger und zu beiden Seiten eine ganz an» sehnliche Versammlung. Den Tschako unterm Arm schritt ich mit klirrendem Säbel vorwärts, blieb nt der Mitte stehen und rief mit lauter Stimme: .
„Ich bin der Abgesandte des Kapers von Frankreich und überbringe dem König von Sachsen eine Botschaft/'
Ter Mann unter dem Thronhimmel erhob sein Haupt und wendete mir sein abgezehrtes, vergrämtes Antlitz zu. ja) mH, daß sein Rücken so gebeugt war, als drücke ihn eine ungeheure Malt.
„Ihr Name, mein Herr?" ;
Oberst Etienne Gerard von den dritten Husaren.
Alle Blicke der zahlreichen Gäste waren auf mich gerichtet; aber ich bemerkte keinen einzigen darunter, der mich freundlich angeschant hätte. Jene Frau war an mir vorüber zü dem Komg hingeeilt und flüsterte ihm mit zorniger Gebärde etwas ins Ohr. Und ich? Nun, ich warf mich gehörig in die Brust, drehte meinen Bart und sah mir die Gesellschaft gleichmütig an. Es waren lauter Männer, anscheinend Professoren, Studenten, Soldaten, Künstler, und alle saßen ernst und schweigend da. In der einen Ecke bemerkte ich eine Gruppe schwarzgekleideter Manner im Reitanzug, welche die Köpfe zusammensteckten und sich leise besprachen, wobei dann und wann das Klirren ihrer Säbel und Sporen hörbar wurde. . ,
„Ich sehe aus des Kaisers Briefen an mich, daß der Marquis St. Arnaud beauftragt war, mir die schriftlichen Botschaften zu überbringen," sagte der König.
„Der Marquis ist meuchlings ermordet worden," antwortete ich, während die Anwesenden in ein dumpfes Gemurmel ausbrachen. Zugleich sah ich, daß mehr als ein Kopf sich den schwarzen Männern in der Ecke zuwendete.
„Ihre Papiere?" fuhr der König fort. :
„Ich besitze keine." ' .
Ta erhob sich wütender Lärm um mich herum. „Em Spion, ein Spion! Hängt ihn!" brüllte eine tiefe Stimme aus der Ecke, und ein Dutzend anderer stimmten bei. Ich zog mein/Taschentuch hervor und schnippte ein Stäubchen vom Pelzbesatz meines Rockes. Der Fürst streckte seine hageren Hände aus, worauf wieder tiefe Stille eintrat. , , .
„Nun, so übergeben Sie uns Ihre Beglaubrgung und bringen S,ie Ihre Botschaft vor!"
„Die Uniform ist meine Beglaubigung, und iene Botlchaft nur für Ihr Ohr bestimmt." , . . , 1 ,
Er fuhr mit der Hand nach der Stirn, tote lemand, der keinem Rat mehr weiß, während die Königin angelegentlich auf ihn einsprach. Endlich sagte er mit seiner müden Stimme: ,„jcE) halte eben mit meinen treuen Untertanen Rat; ich habe keine Geheimnisse vor ihnen und meine, es ist nur billig, daß sie erfahren, was der Kaiser mir in dieser wichtigen Zeit zu sagen hat.
Da ging ein Murmeln des Beifalls durch die Rethen, und aller Augen waren auf mich gerichtet. Potz tausend, meine Aufgabe war nicht leicht! Biel lieber hätte ich jetzt vor meinen achthundert Husaren eine Rede gehalten, als vor diesem Publikum hier. Aber ich heftete meine Blicke fest auf den Komg und sagte mit lauter, weithin schallender Stimme ganz dasselbe, was ich ihm auch unter vier Augen gesagt haben würde:
„Sie haben den Kaiser oft Ihrer Freundschaft versichert, die Zeit ist gekommen, wo sie sich bewähren soll. Wollen Sie zu ihm stehen, so will er Sie belohnen, wie nur e r belohnen kann Ihm ist es ein Leichtes, einen Fürsten zu einem König, ein Ländchen zu einer großen Macht zu machen. Seme Blicke sind auf Sie gerichtet; Sie können ihm wenig Schaden zufugen, er aber, er kann Sie ruinieren. In diesem Moment ,geht er mit zweihunderttausend Mann über den Rhein. Jede Festung rm Lande ist in seinen Händen. In einer Woche wird er hier sem, und wenn Sie ihn verraten haben, dann gnade Gott Ihnen und ^hrem Volke. Sie glauben, er sei erschöpft, weil ein paar von uns letzten Winter Frostbeulen bekamen. Sehen , Sie hier!" rref ich aus, indem ich nach einem Hellen Sterne wies, der durch das Fenster gerade über des Fürsten Kopf hereinleuchtete, „das ist des Kaisers Stern! Wenn dieser in Stücke zerschellt, dann wrrd auch er untergehen — aber vorher nicht." ,
Sie wären stolz auf mich gewesen, merne Freunde, wenn Sie mich hätten sehen und hören können, denn ich rasselte mit meinem Säbel, als ich sprach und schwang meinen Dolman, als stände mein Regiment im Hofe unten gefechtsberett. Still- schweigend wurde ich angehört, aber der Rücken des Fürsten krümmte sich mehr und mehr, als ginge die darauf ruhende Last über seine Kräfte. Mit unsicherem Blicke sah er sich um.
„Wir haben einen Franzosen für Frankreich sprechen lassen," sagte er; „nun soll ein Deutscher für Deutschland reden."
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
* Carmen Sylva über die deutsche Klein» st a a t e r e i. Im Oktoberheit von Velhagen & Klasiugs Monatshelten zeichnet Carmen Sylva, die Königin Elisabeth von Rumänien, ein liebevoll angelegtes Bild ibres Großonkels Maximilian, Prinzen von Wied, des berühmten Amerikareifendeit und Naturiorschers. Sie erwähnt dabei, daß der Fürst einen bösen Haß auf Bonaparte geworien hotte, denn er konnte die Mediatisierung nicht vergeßen und verzeihen tmd sagte zu seiner Nichte einmal: „Das kannst du begreiien, liebe Lilli, das mar nicht angenehm, als man zum ersten Male den König von Preußen als Landesherrn begrüßen mußte!" Im Anschluß hieran fährt die königliche Dichterin fort: „Das konnte ich recht gut begreifen, denn ich sand es auch angenehmer, sein eigener Herr zu sein. Doch muß ich sagen, daß es auf der ganzen Welt keine angenehmere Stellung geben kann, als die der Mediatisierten, denn man ist und bleibt doch immer der Landesvater in seinem früheren Lande und hat dabei keine Verantwortung und auch keine Regierungslasten und Unannehntlichkeiten. TI an hat nur die Gnaden und Wohltateir und nichts Drückendes oder Widerwärtiges. Ich kann es recht gut vergleichen, do ich ans einen Thron gekommen bin und weiß, ivie unendlich angenehmer es ist, mediatisiert zii seiii. 9)lan ist mit seinem Grund und Boden so fest verwurzelt, ivie kein Herrscher heutzutage, da , alle Könige heute nur noch hohe Beamte sind. Man lebt auf seinem Grimd und Boden mit allen Traditionen und Erinnerungen, alle Menschen um einen her sind seit Jahrhiinderien eins mit uns und wir gehören zusamiiieii wie eine Familie. Tie Handwerker hatten m mehreren Geschlechtern stets in der gleichen Weise für die Familie gearbeitet, die Diener ebenso, auch die Jäger stammten bei uns seit zwei Jahrhunderten stets aus den gleichen Familien. Von sämtlichen Handwerkern habe ich deren Großväter schon bei uns arbeiten sehen imb jene Namen gehört, mit denen sie Onkel Max bedacht. Alan kann sich das Verhältnis gar nicht schöner denken. Freilich, man war sehr Frondeur am Rhein und wurde nur recht schiver und ungern Preuße. Es überraschte mich nicht ivenig, als ich, iiach dem gingen Kriege in die Heinrat zilrückgekehrt, auf einmal immer vom Kaiser sprechen hörte. Ter blutige Kampf hatte das Band geschlimgen, das sich vorher nicht binden lassen wollte. Wir wurden in dem Gefühl erzogen, daß das Aufhören der Kleinstaaterei ein Glück für Deutschland sei; ich fange aber an, daran zu zweifeln. Natürlich iväre Deutschland nie so mächtig geworden, io ernt es nicht seine Einigung erhalten; für seine Entwicklung jedoch war die Kleinstaaterei gewiß kein Nebel Tenn ein ieder, auch der kleinste Hoh bildete eine» Herd geistiger Entwicklung, wie es nie der Fall gewesen iväre bei einer Einteilung in Provinzen. Und dabei ist die große, stille Bescheidenheit, in der inan in seinem Winkel ausivächst, eine micbtige Sdiule für alle. Reich ist höchstens nur einer, wenn ers überhaupt ist, das Haupt der Faiiiilie, doch Hal er so viele Laßen, daß er sich selten für reich halten tarnt. Die Nachgeborenen sind einfach arm, aber ganz zufrieden damit, denn sie wissen es gar nicht anders."
* „Wie viel, meinst diUöhl, habe ich letzte Woche verdient/ Isaak?" fragte Ruben. „Ich weiß nicht." — „Na,, rate mal. — „Ich kann nicht raten." — „O, versuch s nur! — „Nun, etwa die Hälfte." - „Was für 'ne Hälfte? '. -„Mwa fa Hälfte von dem, was du mir letzt sagen wirst." (Trt Bits.)
* Moore: „Von meinen Sinnen t|t mein Gehör ant schärfsten. Wissen Sie, ich kamt das Ticketl Ihrer Uhr Horen, obwohl Sie sechs Fuß von mir entfernt stehen. — Poore: „'Dann sind Sie ein Wunder. Meine Uhr hegt tm Lethhause m der Nebenstraße." (Boston Transcript.)
Bilderrätsel.
Auflösung in nächster Nummer.
Ausiösting des magischen Quadrats in voriger Nummer •
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-
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