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noch eine Idee länger hatte, aber Sachverständige behaupten, er ser eben eine Idee allzulang gewesen. Und dann, meine Manieren! Es ist ja bekannt, daß derselbe Mann nicht bei allen Frauen das gleiche Glück hat, will ja auch die Festung je nach dem Wetter auf verschiedene Weise erstürmt werden; aber der Mann, welcher Kraft mit Anmut, Kühnheit mit Milde, Trotz mit Bescheiden- ■ heit zu paaren weiß — das ist der Mann, den Mütter fürchten mögen! Nun, diese Dame sollte nichts von mir zu befürchten haben; das Schicksal hatte mich zu ihrem Beschützer erkoren, und ich war gewaltig auf meiner Hut, denn ich kannte mich selbst gar wohl. Immerhin hat auch ein Besitzer seine Vorrechte, und ich verstand es ausgezeichnet, die meinigen zu wahren.
Auch ihre Unterhaltung entsprach ganz meinen Erwartungen. ;Jn wenig Worten klärte sie mich auf, daß sie mit ihrem Bruder nach Polen reiste. Derselbe war aber unterwegs krank geworden, lind seitdem hatte sie mehr als einmal unter der schlechten Behandlung der Deutschen zu leiden gehabt, weil sie ihre Vorliebe für die Franzosen nicht hinreichend zu verbergen gewußt hatte. Nachdem sie von ihren eigenen Angelegenheiten gesprochen, kam sie auf allerhand andere Dinge zu reden, fragte nach unserer Armee und ließ sich von meinen Abenteuern erzählen. Wie sie mir mitteilte, hatte sie bereits durch Poniatowskys Offiziere, die ihr bekannt waren, von meinen Taten gehört; aber es machte ihr offenbar viel Vergnügen, sie zum zweiten Male von meinen eigenen Lippen zu vernehmen. Ihre Teilnahme freute mich ungemein. Die meisten Frauen begehen den Fehler, zu viel von sich selbst zu reden; aber diese da hörte mir mit demselben Interesse zu, wie Sie, mes amis, es jetzt tun, und wurde des Fragens nicht müde. Die Zeit eilte int Fluge dahin, und plötzlich vernahm ich mit Entsetzen, daß die Dorfuhr die elfte Stunde verkündete. Wie der Blitz sprang ich empor. „Pardon, gnädigste Gräfin, ich muß auf der Stelle nach Hof weiterreiten."
Sie erbleichte und erhob sich ebenfalls. „Und ich? Was soll aus mir werden?" rief sie mit vorwurfsvoller Stimme aus.
„Des Kaisers Angelegenheit! Ich habe schon allzu lange verweilt. Die Pflicht ruft, ich muß gehen."
„Müssen Sie? Und ich soll allein bei dieser Rotte bleiben?
Oh, daß ich Ihnen nie begegnet wäre! Warum haben Sie Mich gelehrt, wie süß Ihr Schutz ist!" Ihre Augen trübten sich t— im nächsten Moment lag sie schluchzend an meiner Brust. Meiner Treu, eine gefährliche Situation für einen Beschützer! Letzt galt es, einen jungen, heißblütigen Offizier im Zaum zu halten! Aber ich machte meine Sache brav. Ich streichelte ihr reiches, braunes Haar, ich flüsterte ihr allerhand Trostworte rns Ohr, ja, ich legte einen Arm um ihren Leib — das aber nur, um sie zu stützen, falls ihre Kraft sie verlassen sollte. Da wendete sie mir ihr von Tränen überströmtes Antlitz zu. „Wasser! Um des Himmels willen, schafft mir Wasser!" Ich sah, daß sie mit einer Ohnmacht kämpfte, bettete schnell ihr Haupt auf dem Sofa und stürzte von Zimmer zu Zimmer, bis ich endlich eine mit Wasser gefüllte Karaffe gefunden hatte. Als ich zurückkehrte, war die Dame verschwunden! Und mit ihr zugleich ihr Hut, sowie die silberbeschlagene Reitpeitsche, welche auf einem Stuhle gelegen hatten. Ich lief hinaus und rief nach dem .Wirt. Der wußte von nichts, hatte die Dame nie zuvor gesehen, und würde froh sein, sie auch nie wieher zu erblicken. Ich forschte allerorten, rannte in Verzweiflung hin und her, bis ich endlich vor einem Spiegel stehen blieb, der mir mein eigenes Ich zeigte: die Augen weit aus ihren Höhlen herausgetreten, der Unterkiefer herabgefallen, soweit es eben der Lederriemen meines Tschakos erlauben wollte.
Vier Knöpfe meiner Uniform waren offen! Das sagte mir genug! Was brauchte ich erst noch nach meinen kostbaren Papieren zu fühlen? Oh, über die Tiefe von Hinterlist, welche in dem Busen des Weibes schlummert! Dieses Geschöpf hatte mich beraubt, während ihr Haupt an meiner Bruch geruht, ihre Hände waren in der Tasche meines Rockes geschäftig gewesen, indes meine Finger ihr Haar gestreichelt, meine Lippen ihr Worte des Trostes zugeflüstert hatten! i
Das also sollte das Ende einer Mission sein, welche einem wackeren Manne das Leben gekostet hatte und mir wahrscheinlich Ruf und Ehre für immer rauben würden. Was wohl der Kaiser sagte, wenn ihm mein Mißgeschick zu Ohren kam, was meine Kameraden! Und wenn nun gar ruchbar wurde, daß ein .Weib mir die wichtigen Briefschaften abgeschmeichelt hatte — mußte das nicht ein Gelächter an der Offizierstafel und beim Lagerfeuer geben! Ach, ich hätte mich vor Verzweiflung auf dem Boden wälzen können!
Eines war klar: die ganze Geschichte mit dem Lärm auf dem Gange und dem Auftritt mit der sogenannten Gräfin war'von Anfang an abgekartetes Spiel gewesen, um welches der Wirt gewußt hatte. Von ihm mußte ich Aufklärung erlangen können. Also geschwind den Säbel in die Hand und ihn aufgesucht! Aber der Kerl hatte meine Absichten durchschaut und seine Vorbereitungen getroffen. Ich entdeckte ihn, eine Flinte in der Hand, in einer Ecke des Hofes, und neben ihm stand sein Sohn, der einen riesigen Bullenbeißer an einem Koppelriemen festhielt. Die beiden .Stallburschen hatten sich mit Heugabeln bewaffnet, während die Wirtin hinter ihnen eine Laterne emporhjelt,
-„Reiten.Sie Ihres Weges, junger Herr!" rief mir der Wirt mit seiner knarrenden Stimme entgegen, „machen Sie sich auf, Ihr Pferd steht vor dem Tore. Lassen Sie sich nicht cinfallen, sich hier zu zeigen, Sie sind allein gegen drei tapfere Männer!"
Nun hatte ich zwar nur den Hund zu fürchten, denn Flinte samt Heugabeln schwankten wie Zweige im Winde bedenklich hin und her; aber ich sagte mir, daß, wenn auch mein scharfer Säbel dem Burschen da eine Antwort entreißen würde, ich immer noch nicht die Gewißheit hatte, die Wahrheit zu erfahren. Wozu mich in einen Kampf einlassen, der mich vielleicht teuer zu stehen kam und mir schließlich doch nichts nützte? Ich begnügte mich also, sie mit einem Blick zu messen, der ihre albernen Waffen mehr als je aus dem Gleichgewicht brachte, und ritt, vom schrillen Gelächter der Wirtin begleitet, im gestrecktem Galapp davon.
Mein Entschluß war schon gereift. Allerdings waren die Papiere selbst verloren, aber über ihren Inhalt war ich doch so ziemlich im klaren. Was hinderte mich denn, einfach zu dem König zu gehen und ihm die Sache mündlich vorzutvagen, als ob der Kaiser mich damit beauftragt hätte? Es war ein kühner, aber auch gefährlicher Plan; denn wie leicht konnte meine Angabe später widerlegt werden! Und doch hieß es hier: entweder — oder, und wenn ganz Deutschland in der Wagschale lag, durften mich solche Bedenken nichts beeinflussen. Mitternacht war bereits vorüber, als ich in Hof einzog, dennoch waren alle Fenster des Ortes hell erleuchtet, und dieser Umstand sprach bei einem so ruheliebenden Volke deutlich von der Aufregung, in der sich die Gemüter befanden. Lautes Geschrei und Gespött begleiteten mich auf meinem Wege, und einmal flog ein Stein hart an mein am: Kopf vorüber, aber ich kehrte mich nicht daran und gelangte glücklich an das Schloß. Auch in diesem Gebäude brannten die Lichter bis unter das Dach hittauf und die Bewohner hatten sich noch, nicht der Ruhe hingegeben, denn unanfhörlich glitten Gestalten an den Fensterlt vorüber. Ich stieg ab, warf einem Diener die Zügel zu und begehrte kurzweg, den König in einer sehr dringenden .Angelegenheit zu sprechen.
Tas Stimmengewirr, das ich bei meinem Eintritt in die Halle vernommen, war sogleich verstummt, als ich meinen Wunsch mit lauter Stimme kundgetan. Meiner Meinung nach fand da bereits eine große Versammlung statt, die über jene wichtige Frage, ob Krieg, ob Frieden, beraten sollte; doch kam ich vielleicht noch zeitig genug, um eine Entscheidung zugunsten meines Kaisers herbeizuführen. Der Hofmarschall warf mir einen finsteren Blick zu, geleitete mich in ein kleines Vorzimmer und ließ mich allein. Nach kurzer Zeit kehrte er zurück; der König könnte jetzt nicht gestört werden, aber die Königin würde mich, empfangen. Tie Königin? Was sollte ich bei einer Dame, die so durch und durch deutsch gesinnt war, die ihren Gemahl und deiOStaat gegen uns aushetzte?
„Ich muß den König sehen!"
„Nein, nein, überbringen Sie mir gefälligst Ihre Botschaft!" ließ sich jetzt eine Stimme von der Tür her vernehmen. „Bleiben Sie hier, von Rosen! Nun, mein Herr, was haben Sie uns mitzuteilen?"
Ich war beim ersten Ton der Stimme aufgesprungen, und ein Blick auf die Gestalt machte mich vor Zorn erbeben. Jene Erscheinung mit dem königlichen Haupt und den Augen, welche blau wie die Garonne und kühl wie ihr Wasser! im Winter waren/ stand mir noch sehr wohl in der Erinnerung.
„Die Zeit ist kostbar," rief sie aus, indem sie ungeduldig mit dem Fuße stampfte, „was haben Sie mir zu sagen?"
„Ihnen? Nur das eine: Sie haben mich gelehrt, fortan keinem Weibe mehr zu trauen. Sie haben Mich zugrunde! gerichtet und für immer entehrt."
Sie zog die Brauen hoch und blickte zN ihrem Begleiter hinüber. „Ist er von Sinnen? Oder was ist Ihre Meinung? Vielleicht ein kleiner Aderlaß?"
„Ah, Sie verstehen sich wohl aufs Verstellen, haben Sie mir doch schon Beweise davon gegedeu!"
„Wollen Sie damit sagen, daß wir Uns schon gesehen haben?" „Daß Sie mich vor zwei Stunden beraubt!"
„Das übersteigt alle Grenzen!" rief sie, und der erheuchelte; Zorn stand ihr allerliebst. „Sie wollen ein Gesandter sein; aber vergessen Sie nicht, daß das Recht eines solchen auch seine Grenzen hat."
„Welche Dreistigkeit! Aber Sie sollen mich nicht zweimal in der derselben Nacht zum besten haben!"
Ich sprang auf sie zu, bückte mich nieder und hob den Saum ihres Kleides empor. „Sie würden wohlgctan haben, Ihr Gewand zu wechselu, nachdem Sie einen so ttichtigen Ritt gemacht haben!"
Wie wenn die Morgenröte den Gipfel des schneebedeckten Berges beleuchtet, so schimmerte jetzt auf ihren Wangen glühende Röte. „Unverschämt! Ruft die Diener herbei und laßt ihn zum Schloß hinauswerfen!"
„Erst will ich den König sprechen!"
„Das wird nicht geschehen! .Ah, Halten Sie ihn fest, von Rosen, halten Sie ihn fest!"
Wenn sie gemeint hatte, ich würde ruhig warten, bis ihre Helfershelfer erschienen, so hatte sie sich gewaltig verrechnet.- Warum hatte sie mir ihre Karte verraten! Ihre ganze Absicht


