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Lächeln um den Mund schritt sie unbefangen auf Mortimer zu und reichte ih!m die Hand zum 'Gruße. Deü „Baron, 'treifte sie nur mit einem neugierigen Blick, woran rch osort erkannte, daß sie den Wann noch me tut Leben ge- eßen hatte. Dann schaute sie mich fragend an. Hch zeigte auf den Baron und fragte:
Ist das Ihr Gatte? ' r„ , ,
Sie lachte natürlich - herzlich. Was für 'ne komische Frage! sagte sie. Ich bin doch gar nicht verheiratet.
Sie sind also nicht die Baronin von Eißen?
Wie kann ich die Baronin von Eißen sein, wenn ich Garcia heiße?
Hon Eißen wurde plötzlich leichenblaß.
Also auch nicht Julia Garcia? fragte ich weiter.
Julia? Nein. Mein Name ist Marcella Garcict.
Ich wandte mich scharf au den Baron.
Sie hören doch, was sie sagt? Halten Sie nun Ihre Behauptung, daß sie Ihre Frau i)t, immer noch aufrecht?
Allerdings tue ich das, antwortete er mit einem kaum merklichen Zittern der Stimme, das mir jedoch nicht entging. Sie hat es eben vergessen. Ihr Gedächtnis iß vollständig geschwunden.
Aber ihren Namen hat sie doch jedenfalls nicht vergessen, entgegnete ich ihm. lind mm möchte ich Ihnen noch eine Frage vorlögen. Ist Ihnen ihr Name nicht wohlbekannt? Haben Sie noch nie etwas von Emmanuel Garcia gehört? .. ,
Er fuhr zurück, wie von einem Schlage getroffen, und' öffnete vor Schreck den Mund.
Was wissen Sie von Emmanuel Garcia? stammelte er dann. , r , ...
Mehr als Sie vermuten, antwortete ich, denn er ist ein alter Freund' von mir, und seine Tochter hat hier bei mir vor seinen und ihren Feinden Schutz gesucht. Null, Sie haben selbst gehört, was inir von Anfang an klar war, daß sie nicht Ihre Frau ist. Auf die Gründe, die Sie hierhergeführt haben mögen, will ich nicht eingehen, son- dern Ihnen nur erklären, daß Sie sich in einein schweren Irrtum befinden. ...»
Inzwischen war seine frühere Unverschämtheit zuruckgekehrt. ...
Sie werden sehen, Herr Doktor Williams, erwiderte er, daß ich mich nicht im Irrtum befinde. Der Irrtum ist ganz auf Ihrer Seite. Dieses Weib gehört mir, und ich werde sie doch bekommen. Sie brauchen nicht zu lächeln — ich bekomme sie schon noch, darauf können Sie sich verlassen. Ueberdies haben Sie Geld von mir. Erstatten Sie mir das sofort zurück — oder Sie werden sonst noch eine energischere Aufforderung von mir bekoinnien.
Um zil „Ihrem GelddH wie Sie es zu nennen belieben, zu gelangen, antwortete ich ihm, stehen Jhiien zwei Wege offen — das Gericht und die Polizei. , An Ihrer Stelle — und angenommen, daß alles, was Sie gesagt haben, aus Wahrheit bericht — würde ich schnurstracks nach Scotland Yard fahren. Einen besseren Rat vermag ich Ihnen gegenwärtig nicht zu geben. Wie ich bereits erwähnt habe, haben Sie sich stark geirrt, und ich glaube, daß unsere Verhandlung damit erledigt ist.
Nach dieser entschiedenen Abweisung! verließ er das Zimmer, und hinter ihm folgte der Anwaltsgehilfe. An der Haustür drehte er sich noch einmal um und sagte:
Passen Sie nur auf, wir werden bald sehen, ton1 sich geirrt hat. c
Einen Augenblick später jagte das Gefährt tn der Richtung nach London davon. .
Einen Augenblick sahen wir schweigend' einander an, dann sagte Mortimer:
Bravo! Das hast du vorzüglich gemacht, Ted, Und dazu ganz aus dir selbst heraus. Da hätte ich wahrhastig in London bleiben können.
Und auf diesen Spaß verzichten können? bemerkte Helen.
Nein, entgegnete mein Freund rasch, ich wollte selbst noch hinzusetzen, daß dies kleine Erlebnis das Fahrgeld wohl wert war; und was Fräulein Garcia anbelangt —-
Unter Freunden Marcella, bitte, unterbrach- iä), ihn.
Ich verbessere mich. Also, Marcella hat sich großartig gehalten. Nicht wahr, Ted?
Einfach wunderbar, erwiderte ich.
Gregory, der über die glänzende Abfuhr des „Barons" riesig erfreut war, wie sein strahlendes Gesicht deutlich
erkennen ließ, bat jetzt, als ihm die Unterhaltung intimer zu werden schien, rücksichtsvoll um Entschuldigung und ließ uns allein.
Aber wie mag -der fremde Mann, sagte Marcella, als wir vier unter uns waren, dazu kommen, mich' als' seine Frau zu reklamieren?
Das, Marcella, möchten wir eben alle gern wissen, versetzte ich.
Außerdem, fuhr sie fort, erwähnten Sie, Emmanuel' Garcia sei ein Freund von Ihnen. Ist das wahr? Emma-, nuel Garcia ist nämlich der Name meines Vaters. So ganz allmählich, wie Sie sehen, kehrt meine Erinnerung wieder. Und ich bin so froh oarüber — so sehr froh! Und daß Sie ihn kennen, wie mich das erst freut! Ach, wenn mir nur -erst alles einfallen wollte. Ich gebe mir alle Mühe, doch! —
Besondere Mühe geben dürfen Sie sich nicht, siel ich ihr ins Wort, denn ich sah, daß sie sich übermäßig anstrengte. Das kommt schon alles ganz allein wieder. Sie machen! ja bereits enorme Fortschritte. Lassen wir das jetzt also! Mein Freund Mortimer hier möchte so- gern wieder ein spanisches Lied von Ihnen hören. Er hat mir's schon mt! Eisenbahukupee gesagt. Jst's nicht so, Mortimer?
Wenn's -die Gelegenheit erforderte, konnte mein Freund lügen -wie -ein alter Jager.
Aber ja, sagte er ohne Besinnen und nötigte sie galant, ohne viel Worte zu machen, am Piano Platz zu nehmen. Sie spielte und sang so hezanbernd dazu, daß wir alle den Baron von Eißen und- seine unverschämten Ansprüche für eine Weile vergaßen. Ms sie aufhörte, hatte ich die Beruhigung, daß sie sich wieder ganz chohl befand. Da ich mit Mortimer gern! ein paar Worte allein sprechen wollte, benutzten wir die Pause, um uns eine Zigarre anzuzünden und einen kleinen Spaziergang ins Freie zu machen.
(Fortsetzung folgt.)
Abenteuer des Vrigadier Gerard.
.Von C. Dohle.
(Fortsetzung.)
Man hatte meine Mahlzeit ausgetragen, und ich war eben dabei, sie mit gehörigem Appetit in Angriff zu nehmen, als ich laute Stimmen und das Hin- und Hcrschlürfen von Füßen vor der Türe vernahm. „Bauern, die über ihrem Bier handgemein geworden sind," sagte ich zu mir, „mögen die selber mit sich fertig werden!" Aber plötzlich drang em Laut an mein Öhr, der imstande ist, einen Etienne Gerard aus dem Totenschlafe aufznwecken — die klagende Stimme einer Frau. Messer und Gabel flogen nieder, und im nächsten Moment stand ich draußen, mitten unter den Leuten. Ich erblickte den behäbigen Wirt nut seiner flachshaarigen Frau, zwei Stallburschen, der Magd und einigen Bauern, die in großer Aufregung und lebhaft gcstcku- kulierend aufeinander einsprachen. In ihrer Mitte aber stand mit angsterfüllten Augen und blassen Wangen das lieblichste Weib, welches das Auge nur erschauen konnte. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt kam sie mir vor, als sie in ihrer königlichen Haltung, mit zurückgeworfenem Haupte und einem Anflug von Trotz m den schönen Zügen auf die lärmende Schar um sich schaute, ^ch hatte noch keine zwei Schritte vorwärts getan, da sprang sie mir auch schon entgegen, legte die Hand auf meinen Arm, und ihre blauen Augen blitzten in freudigem Triumph auf.
„Ein französischer Offizier! Ich bin gerettet!/
„Das sind Sie, Madame!" erwiderte ich und legte ihre Hand auf die meinige. „Befehlen Sie über mich!" fuhr ich fort, indem ich galant die Spitzen ihrer schlanken Finger küßte.
„Ich bin die Gräfin Palotta, eine Polin; man beschimpft mich hier, weil ich zu den Franzosen halte. Wer weiß, was mein Los gewesen wäre, wenn der Himmel nicht Sie 'zu meinep Rettung gesandt hätte!" , , ,
Nun küßte ich wiederholt ihre Hand, damit sie sah, wie aufrichtig ich es meinte, und warf dann den Seuten einen meiner bekannten Blicke zu — im Nu war der Platz geräumt.
„Gnädigste Gräfin, Sie stehen in meinem Schutze! Aber Sie sind erschöpft und bedürfen dringend eines Glases Wem zu stirer Stärkung!" Mit diesen Worten reichte ich ihr den Arm und geleitete sie in das Zimmer, wo sie neben mir am Tische epiatz
$ Sie blühte in meiner Gegenwart völlig auf, wie die Blume in der Sonne, ja, das ganze Zimmer strahlte von ihrer Schönheit wider. Sie mußte die Bewunderung tn meinen Augen gelesen haben, und ich wiederum bemerkte ganz ähnliche Regungen in den ihren. Ach, meine Freunde, Sie hätten mich aber auch sehen sollen, als ich dreißig Jahre zählte! ^a, da war ich kein gewöhnlicher Mann. Einen flotteren Schnurrbart hatte die ganze leichte Reiterei nicht aufzuweism. Ich gebe zu, daß ihn .ucucat


