Ausgabe 
5.9.1912
 
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Cäcilie wußte: ein !BrWf seiner Braut... ein Brief des fernen, bang und selig harrenden Mädchens, dem tn wenigen Tagen in Wirklichkeit die Hochzeitsglocken läuten sollten.. .> ~ . ,,

Gewiß ...das Briefchen sprach von heißer Sehnsucht... von kaum stillbarer Erwariung... von einer süßen Un­geduld. welche die Tage und Stunden zählte, dm sre ngch! von der Erfüllung trennten...

Heute war Sonntag, morgen und übermorgen dre der­ben letzten Manövertage... und- schon Mittwoch sollte Mar­tin Flambergs, des Heimgekchrten, Hochzeitstag fern...

Ueber-üb er morgen... dann war er ihr verloren... ver­loren für alle Zeit

Mer... während er das Briefchen überflog, hatte da auf seinem Gesicht auch nur ein leises, flüchtiges Leuchten des Glücks, der Hoffnung geflammt? nein quälendes Bangen... herbe Gewissensnot... finsterer Zwiespalt der Gefühle...

Sie hatte es gesehen und hatte nicht hindern tonnen, daß ihr Herz aufjubelte vor schamvoller Lust... vor sündig grausendem Triumphs...

Ja, er sehnte sich nicht nach... über-übermorgen.'.. er sehnte sich--nach einem Tage, der niemals kommen

würde niemals oder nur, wenn wilde, schreckliche .Dinge geschehen wären... lange Monde des Kampfes über­standen... Monde der Finsternis... der Einsamkeit... des Elends... t

Und ringsherum in dem kleinen Kreise der lachenden schmausenden Menschen, der festlich weiß geputzten beiden Mädchen, der sonnengebräunten wettergestählten Männer konnte ihr heimlich urrü ruhelos beobachtender Blick überall den Widerschein innern Erlebens verfolgen

Finster lauernd wanderten die eiskalten Augen des Regimentsadjutanten, hämisch funkelnd die des fatalen Oberleutnants Menshausen die Reihe der Tafelnden entlang...

Mit zärtlichem Bangen hingen des Backsischleins Blicke an der stattlichen Gestalt der Schwester, die mit ihrem Tisch- nachbarn, den: rotbärtigen, bebrillten Gelehrten im ver­jährten Landwehrrock, so versunken und weltvergessen über­große und ferne Dinge sprach, als säßen die beiden zwei­einsam auf einer weitentlegenen seligen Insel und nicht inmitten eines Kreises, in dem jeder jeden kontrollierte, in dem jede Bewegung, jeder Blick überwacht würde, ob er arich der strengen Satzung der Kaste entspreche...

"Ja, selbst unten, wo die ganz jungen Herren saßen, schossen aus dem fahlen Gesichte des monokeltragcnden Hermr Quincke gehässig lauernde Blicke hinüber... herüber.

Nur der blutjunge Avantageur und der kindlich harm­lose Carstanjen freuten sich ohne Hinterhalt der Gunst der Stunde... futterten mit Knabenappetit von all den guten, langentbehrten Sachen... kosteten mit glänzenden Augen die edeln Weine... stopften, genäschig wie Penstonsmädel, Konfekt und Obst...

Und mit der unerschütterlichen Gemütsruhe einer wohl­geordneten Daseinsführung, die keine Leidenschaft, keine Herzensstürme kannte, nichts als brave Pflichterfüllung und maßvoll harmlosen Lebensgenuß selbstgenügsam und selbstzufrieden saß der Leutnant Blowitz inmitten der Tafelrunde, auch er wachsam, beobachtend, doch innerlich unbeteiligt. a. nicht als Soldat... nichts als eine Uniform mit einem Etwas darin, dessen ganzer Ehrgeiz nur wär, Ehre zu machen dem Rock, in dem es steckte...

Ach, wie beneidenswert ein solches Temperament... ein solch! unsträflicher, Gott und Menschen wohlgefälliger Wandel...

War nicht ihr Fritz auch so einer gewesen? war das nicht eigentlich seine Natur... Und die Bittern Zweifel... die jähe Wirrnis, in die das 'Schicksal ihn gestürzt wären sie nicht über seine Kraft?

Frau Cäcilie sah! gar wohl, wie tief er litt... welch Un­faßbare Anstrengung es ihn kostete, die lächelnde Miene des vornehmen Gastgebers, des allerwärts liebenswürdigen Wirtes zu bewahren, während er sein Glück, sein Leben wanken wanken fühlte---

Wie er ihr so leid tat, ihr guter prächtiger Fritz... sie litt mit ihm... in seine Seele hinein... so mußte eine sorgende Schwester mit einem herzliche geliebten Bruder leiden... und konnte sie ihm helfen... konnte sie ?

Ein Blick in Märtin Flambergs Gesicht und sie wußte her da wär der Herr ihres Lebens... wäs er erwählen

würde, wär ihre Wähl... was er von ihr fordern würde« das würde sie tun. '

*

Wie Hausfrau hätte die Tafel aufgehoben, und der kleine Kreis der Gäste schwärmte nun in den Schloßgarten) um den Kaffee zu nehmen.

In tiefem Frieden verglomm der SpätsoMmertag.- sein letzter Abglanz lag auf den jenseitigen Höhnen... Dun­kelheit umschleierte schon das Dickicht des Schloßparks, der von den gartenartig angelegten Terrassen der alten Bastio­nen her sich an den Abhängen des Beertales, rechts und links! des Baches, hinzog

Born, wo zwischen den üppig wuchernden Bosketten heimliche Lauben winkten, deren weißlackierte Stakete fast völlig unterm dicken Gerank des Jelängerjelieber, des Pfeifenkrauts, des wilden Weins verschwanden, erhellten bunte Lampions mit mattem Glimmen die Dämmerung..«

Weiter rückwärts, am Berghang lagerten schon tiefe, schwarze Schatten über den Wegen, die sich ins Dunkel der betloteit

Kommen Sie, Herr Frobenius," sagte Nelly,ich muß Ihnen jetzt den Aussichtspunkt zeigen, von dem ich Ihnen bet Tisch erzählte ... er liegt ganz oben am Parkrand ... . wir müssen das letzte bißchen Tageslicht benutzen, sonst wird es ganz finster, unbi wir kommen überhaupt nicht mehr hin . . . Ihren Kaffee kriegen Sie später, wenn wir zurück­kommen !"

Ihre Stimme hatte leise gezittert bei den hastigen Worten und Wilhelm Frobenius fühlte sein Herz hoch klopfen, genau unter den: Fleck, wo auf seinem dunkelblauen Wafsenrock die Landwehrdienstauszeichnung zweiter Klasse sich breit machte, diese geschmackvolle Dekoration, deren Form die Offiziere des Beurlaubtenstandes Mit den altgedienten! Unteroffizieren gemein hatten. . .

In einer längst nicht mehr gekannten Erregung folgte der schlanken Führerin in die Dunkelheit...

(Fortsetzung folgt.)

Die Burgttzeater-Virektoren.

Bon Hermann Kienzl (Berlin).

Am 24. August ist Alfred Baron Berger gestorben. Er war seit zwei und einem halben Jahre Direktor des Wiener tzofburg- theaters gewesen. Man weiß, daß Alfred Berger, geboren zu Wien am 30. April 1853 als desBürgerministers" Johann Nepomuk Berger Sohn, fast sein ganzes Leben laug nach dem Feld- herrnstaü des Burgtheaters getrachtet, gestrebt, gearbestet^ hat, Seine umfassende literarisch-dramaturgische und publrzrsüsche Tätig­keit fällt unter diesen Gesichtswinkel, und eigentlich auch seine zwölfjährige Leitung des HamburgerDeutschen Schauspielhauses Baron Berger war vorher durch 27 Jahreartistisch-literarischer Sekretär" am Burgthcatcr gewesen. Für Berger bedeutete die Stellung, wie er hoffte, die Anwartschaft auf den Thron des! Direktors. Doch wie auch die Berufenen kamen und gingen, an ihm zog das große Los vorüber. Er war der Sekretär Wil- brandts, Försters und Burckhardts gewesen; als Paul Schlenther Mui Direktor des Burgtheaters ernannt wurde, schied Baron Berger von Wien. Nun entfaltete er seine Energien und Kennt­nisse an der neugegründeteir Hamburger Bühüe gewiß Nicht ohne die Hoffnung, daß der Arbeitsausweis ihm helfen werde, das! immer noch ersehnte Ziel in Wien zu erreichen. Mair erinnert! sich der lebhaften Bemühungen Bergers, an der Donau bekannt! und genannt zu bleiben, und besonders auch seiner Festrede bet der Wiener Schiller-Feier im Jahre 1905, die ihm' Gelegenheit gab, den Dichter derMaria Stuart" gewissermaßen für den Katholizismus zu reklamieren . . . Im Jahre 1910 endlich wurde Alfred von Berger Burgtheater-Direktor. Doch es war spät ge­worden. Eine zu kurze Frist blieb dem in der langen Kandidatur gealterten und kränklichen Manne, um den großen theater­literarischen Kredit, den er vorausgenommen, jetzt mit Taten zN bezahlen.

©ine Merkwürdigkeit ist Baron Bergers Bürgtheater-Tirek- tion eigen: sie fand mit deM Leben des Direktors ihren Abschluß, In den 150 Jahren eigentlicher Burgtheater-Geschichte haben vor! Berger nur zwei Direktoren dem anderen bösen Thanatos, der in der Tracht des Höflings die Kunstführer mähte, bis zum EM widerstanden. Mit beidcü teilte Berger gewisse Schicksals- oder Persönlichkeitszüge. Der eine war August Förster, der schon im zweiten Jahre seiner Direktion starb; der ändere, eine übrigens mit Berger nicht zu vergleichende künstlerische Potenz/ Frankl von Dingelstedt, der 'sich aus dem revolutionären -cholüischest Nachtwächter" zu einem passablen HofMann gehäutet hätte. Bon diesen Ausnahmen abgesehen, ist dem langen Züge der Burg-. theater-Direktoren der gemeinsame Nachruf zu widmen:Noch keinen sah ich fröhlich enden". Selbst die h'eMn Matadors

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