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zur Jugend, wohin sie von Gottes und Rechts wegen gehört —!"
„Oh, bitte recht sehr, Herr Oberst, es hat mich natürlich ganz außerordentlich interessiert," log Frau Cäcilie, „nun kann ich mir bei alle dem, was ich gestern gehört und gesehen hab, auch etwas denken — dieser heitere Vorbeimarsch gestern abend, das war in Wirklichkeit die zügellose Flucht eines geschlagenen, fast vernichteten Heeres — wie tntr übrigens Ihre Nelly, Herr Major, ganz richtig erklärt hat!'
„Ja, die Nelly — die hat Ahnung!" schmunzelte der
„Ganz gewiß, meine gnädigste Frau", sagte der Obersti „Und gerade über Ihr niedliches Schlößchen hinweg tobte der Endkampf der beiden Artillerien... im Ernstfälle wurde von diesen: entzückenden Nestchen wohl nicht mehr viel übrig geblieben sein!" „ „ r
„Gott ja... das sieht alles so lustig,... so frisch und freudig aus, und man vergißt gar zu leicht, was für ein schauerlicher Ernst dahintersteckt —“
„Ja, ja — gut wär's, wenn sich unsere jungen Dachse da unten das auch manchmal ein bißchen mehr zu Gemüte führen wollten — wir Alten, wir wissen's ja freilich und werdeu's nie vergessen! — was meinen Sie, Sassenbach?!"
Zärtlich schielten die beiden alten Kämpfer nach dem Bande des Eisernen Kreuzes im Knopfloch, ihrer Ueber- röcke .. zu gleicher Zeit hoben beide die Gläser und tranken auf das Gedächtnis der großen Zeit vor neununddreißig Jahren, die sie beide als blutjunge Leutnants mit durch-, lebt und mit durch fach len ...
Cäcilie aber hatte Nur mit dem Aufgebot ihrer ganzen Haltung den: Gespräch der beiden alten Herren folgen können... in ihr schrie die unverbrauchte Glückssehnsucht... schrie all das Verlangen, das Fritz von Branders nrcht hatte stillen können '
Gott, wie wunderlich... wie verrückt... wie unheimlich rätselschwer das Leben... Wie wirbelte es die Schicksale, die Herzen der Menschen durcheinander...
Da unten bei lautem Gelächter und Geplauder saßen sie mitt einander gegenüber, die beiden Männer... saßen inmitten der Kameraden, schwatzten, tranken, tauschten hundert harmlose, lustige und tragikomische Mänovererleb-
Und wenn dann einmal einer von ihnen beiden in einer unbewachten Sekunde sich vergaß... dann sank urplötzlich die glatte Maske... und ber eine jetzt, der andere nun, starrte tief versonnen in sein Sektglas... und auf eines jeden Gesicht lag dann plötzlich Spannung, Kampf Und Qual...
Und das alles ging um sie. ,
Martin Flamberg hatte einmal nt einem solchen Moment der Versunkenheit rasch und- heimlich em Briefchen aus der Tasche'des Ueberrocks gezogen Und es unterm Tisch mit hastigen Blicken überflogen...
Sommerlrulnsnts.
Roman von Walter Bloem.
Copyright 1910 by Grethlein & Co-
(Nachdruck verboten ) (Fortsetzung.) 3. Kapitel.
„Ja, lieber Sassenbach — Sie können sagen, was Sie wollen, es war ein direkter Blödsinn vom General von 'Ketteler — ein direkter Blödsinn! Statt sich einfach auf der Höhe zwischen Mackenrodt und Hettenrodt mit seiner ganzen Division aufzubauen und unsern Angriff abzuwarten, geht er über das Aubachtal hinüber bis Nockental uns entgegen —“
„Aber — Verzeihung, Herr Oberst! — die, Stellung bei Nockental war wesentlich besser als die bei Macken-- rodt — namentlich seine Artillerie hatte er hinter pen flachen Höhen hier beim R von Rötzweiler ganz glänzend placiert—" , ,, _
„Zugegeben!" sagte der Oberst und neigte sich, tiefer über die Karte, die mitten zwischen den zartgeschliffenen Weingläsern, den über die ganze Tafel verstreuten, nun schon halbverwelkten Astern auf der Damaftdccke lag, dicht neben dem Teller der Hausherrin, die müde und gelangweilt sich fruchtlos Mühe gab, an dein endlosen Streit ihrer beiden Tischnachbarn über den Verlauf der gestrigen Hebung pflichtschuldigen Anteil zu heucheln. — „Zugegeben! — aber bei der Wahl einer Verteidigungsstellung kommt's doch vor allem darauf an, daß man sich anständig aus dem Staube machen kann! Na... und nun sehen Sie sich mal diese Rückzugslinie hier an... zwischen seiner Stellung und dem Punkt, den er zu decken hatte, der Stadt Idar nämlich, liegen zwei — sage zwei! — Talsenkungen... zweimal hat er mit seinem ganzen Schwamm im vollen,Bereich unseres Feuers dreihundert Meter über kahle Höhenzüge hinauf und wieder herunter gemußt! — und wie sich die Infanterie massierte auf dem Rückmarsch — so etwas von einem Wurschtkessel ist ja überhaupt noch gar nicht dagewesen! Erinnern Sie sich... unter dem Berg — wie hieß er doch —? , „Der Galgenberg!" lachte der Major.
"Ja, ja... und wissen Sie auch, wer an dem Galgen 1112117,9^ — nach der Kritik versteht sich das Kohl am
„Allerdings," erklärte der Oberst, >,der Zylinder für Herrn von Ketteler dürfte fällig sein —!" tiwo4sin.
_ und die Brigade frei werden!" lächelte geschmeidig Und beziehungsvoll der Major, der, wenn, er wollte, m seiner rauhen Form ein richtiger Höfling sein konnte..
„Aber nun Schluß mit der Kommißsimpelei, lieber Sassenbach — unsere verehrte Frau Gastgeberin wird sonst bereuen, daß sie sich zu uns alten Knaben gesetzt hat, statt


