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heg Wiener May r. Dagegen entbehrte her Amfortas des Herrn Engel schmerzlich der Bedeutung.
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Vor Zufälligkeiten sind eben auch in Bayreuth die Solisten nicht gefeit. Anders ist es mit den Chören und der Regie. Tie Chöre hat Hugo Rüdel (Berlin) so zusammengestellt, daß sie alle Stellen — auch die ganze Fuge in der Prügelszene — ä capella auswendig singen können! Es ist eine Freude, solche Chöre zu hören. Jedes Motiv saß und der ganze chorale Bau der Meistersinger-Partitur ward einem bei einer so vollendeten Ausführung gewissermaßen zum erstenmal lebendig. Zufälligkeiten sind da bei einem solchen Studium ziemlich ausgeschlossen.
Gerade die Leistungen der Chöre, die Bayreuth dem eisernen Fleiß Hugo Rüdels verdankt, lassen das Werk Bayreuths als jeder Konkurrenz entrückt erscheinen. Denn solche Klänge kann es nicht an einem Theater geben, das mit Repertoirbetrieb belastet ist. Man fühlt die zwei Monate Probe, die von den Chören auf die wenigen Stellen verwendet worden sind.
Ein Aehnliches gilt von der Regier die Siegfried Wagner selbst und mit ausgesprochenem ganz großen Talent in die Hand genommen hat. Jeder Takt ist von ihm durcher- wogcn und mit dem Blick des erfahrenen Wagner-Regisseurs durchdacht worden. So lebt bei ihm jede Szene. In den Meistersingern und im Parsifal hat sich dabei Siegfried mit anerkennens- wertem Mut von allen antiquierten Pietäts-Erwägungen losgerissen und mit mode r n e m Geist und mit modernen Mitteln gestaltet. Seine Entfaltung der großen Szenen auf der Fest- tviese.war ein gleiches Meisterstück wie die Art, in der er auch geruhsame und beschauliche Bilder wie z. B. die Stimmung vor Pogners Hans oder die Schusterstuben-Szene einführte und weiter entwickelte.
Im Ring stand Siegfried Wagner vielleicht was Szenerie anbetrisft noch etwas unter dem Einfluß jener alten, vielgetreuen Bayreuther Paladine, die die Umstoßung einer alten szenischen Anordnung aus dem Grunde unlieb empfinden, weil Richard Wagner mit der damaligen, unvollkommenen szenischen Lösung einverstanden war.
Das ist natürlich kein Grund. Denn Wagner war der erste, der selber sagte: „Kinder, bringt Neues!"
Nein, über die teilweise, von modernen Tendenzen getragenen Inszenierungen seines Sohnes Siegfried würde sich Richard Wagner vermutlich mit von Herzen freuen. „Siegfried, erfreu' dich des Siegs!" Ob er aber auch mit dem Dirigieren seines Sohnes int Bayreuther Festspielhaus so rückhaltlos einverstanden iväre, das ist eine andere Frage. Denn Siegfried hat diesen Ring zwar sehr lebendig, flüssig und elegant, aber doch vielfach ohne Größe und Plastik an entscheidenden Stellen geleitet. Dafür waren Dr. Richter, der ehrwürdige, beneidenswert frische Dirigent der Meistersinger, und Dr. Muck, der scharfsinnige, klar- gestaltende Leiter des Parsifal, auch diesmal berufene Führer des Bayreuther Orchesters, das im ganzen mit einer Klangschönheit und Farbenpracht spielte, wie man sie sonst wohl bei keinem anderen Orchester der Welt antrifft.
Das Publikum, das an allen Abenden das Haus bis auf den letzten Platz füllte, klatschte begeisterten Beifall und ruhte nicht eher, als bis sich Siegfried Wagner am Schlüsse der Götterdämmerung auf der Bühne zeigte. Ar.
Vermischtes.
* Die Suisragettes und die Mode. Die Snffragettes wollen fortan ihren Kainpseiier nicht inehr allein auf Minister, Fensterscheiben und Wahlrecht beschränkeil, auch die Mode, und zwar nicht nur die Mode der Frau, soll künftig ihrem Urteil unterliegen. _ Diese verheißungsvolle Programmerweiterung der Frauenrechtlerinnen geht von Amerika aus. Mrs. Arthur Townsend, die „bestgekleidete Suffragette New Ports", ruft mit einer der guten Sache angemessenen Begeisterung alle Frauenrechtlerinnen Amerikas zum Kampfe für die Mode auf. Es handelt sich diesmal freilich nur um einen Verteidigungskampf; die für den kommenden Winter prophezeite neue Pariser Mode, die in der weiblichen Gestalt dem Leib einen Ehrenplatz gönnen will, scheint den Suffragettes Amerikas nicht zu gefallen, und ihre Kmnpiesireude gilt der Verteidigung der alten Mode. „Die moderne Suffragette", so verkündet Frau Townsend, „erkennt die griechischen Göttinnen nicht an; sie ist mit dein gegenwärtigen gefälligen und hübschen Stil der Mode vollauf zufrieden. Hier jedenfalls, in Amerika, ivo die Frauenbewegung unsere Schwestern zur Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Denkens auch in Kleidungssrage» erzogen hat, werden diese Gestalten keinen Anklang finden. Wir sind der Gestalt der Venus' so nahe, als mir ihr nur kommen können, aber ich glaube nicht, daß die Frauen Anierikas zu einer Venus ohne Korsett zurückkehren möchten. Alle dicken Frauen werden sich gegen eine Mode aus- lehnen, die ihneir eine gerade Taille rauben will. Vom Standpunkt anmutiger Schönheit und praktischer Vernunft kann gegen die jetzige Art des Schnürens nichts eingewendet iverden. Die Figur der modernen Frau hat die große Taillenlinie der Venus und der Schnitt ihrer Kleider verachtet die Wespentaille. In der Tat, die
I Rückseite der Frauen- und der Herrenkleiduug zeigt heute faum einen Unterschied." Man sollte nun glauben, daß di« von Mrs. Townsend gerühmte Uebereinstinunung der Herrentracht mit der Damenkleidung ein Lob für die Männertracht in sich schließe, aber der Geist der Suffragette entwindet sich überlegen jenen niedrigen Fesseln der Logik. Nachdem sie noch erklärt hat, daß die Künstler des alten Hellas beim Anblick moderner Frauentrachten entzückt sein ivürden, unternimmt sie eine Attacke auf die Herren der Schöpfung, die auch in Fragen der Mode die Iran verlemnden imb unterdrücken. Tie Männer haben es nach dieser Ansicht viel nötiger, ihre Tracht zu reformieren, als die Frauen. „Die Kleiduiig, die sie bei heißem Wetter tragen, ist ein Schlag in das Gesicht des gesunden Menschenverstandes. Und dann die gestärkten Kragen, die gestärkten Hemden: nein, die Männer sind die wahren „Sklaven der Mode" und nicht die Frauen, die sich, wenigstens soweit sie Suffragettes sind, nach den Gesetzen ihres Geschmackes und der Bequemlichkeit kleiden und nicht Nachbeter einer uniformierenden Tradition iverden."
* Ein melancholischer Gedanke. „Mein Gott, machst du ein trostloses Gesicht. Woran denkst du?" — „Ich stellte mir einen Aekunbärbahnzug vor,, der auf ein totes Geleise geraten ist." ______________
Die Zimmerpflanzen und ihre Pflege.
Woche vom 6. bis 12. August.
Die Zeit der Vermehrung durch Stecklinge nähert sich ihrmt Ende. Man wird von den gewöhnlichen Zimmerblumen in hinreichender Menge gemacht haben; jetzt fügt man ihnen vielleicht noch einige von den ausdauernden, schönen Tropciolum- Arten (Kapuziner-Kresse) hinzu; diese überwintert man bei 2—8 Grad Celsius hell und nicht zu feucht und topft sie im zeitigen Frühjahr um; sie blühen bann im nächsten Sommer. — Von den Zwiebelchen der im Herbst, Winter und Vorfrühling blühenden Oxalis-Arten (Sauerklee), z. B. bifida für Ampeln, steckt man je 3—4 in 12-Zentimetertöpfe, etwa 3 Zentimeter tief. Erdmischung: sandige Lehmerde und etwas Lauberde. Man Mit die Töpfe draußen, mäßig feucht, hell und geschützt. — Das Horn Veilchen (Viola cornuta) läßt sich (gleich den Lobelien) durch Auseinanderreißen außerordentlich reichlich vermehren. Sßenn, Platz für die Ueberwinterung vorhanden, so sorge man auf diese Weife für einen schönen und langanhaltenden Früh- lingsflor in den Äalkonkästen. Die besten Sorten desselben sind: „Gustav Wermich" und „Alpha", beide blau; außerdem das cremefarbige „Sylvia".
Mitte August beginnt die beliebte Blnmen-Zwiebel- Treiberei im Zimmer. Für die ersten Pflanzungen verwende man keine späten Sorten, für die letzten keine frühen! Auch verwende man saubere, aber nicht neue Töpfe! Als Erdmischung; lehmige Mistbeet- oder Kompost-Erde mit reinem Maurersand, Die Zwiebeln werden bis an den Hals, nicht tiefer, eingepflanzch Tieferes Einpflanzen vertragen und erfordern nur die Narzissen und Lilien. Für frühes, ebenso wie für späteres Einpflanzeit und Treiben sind geeignet: Hyazinthen, Tulpen (Duc van Toll am frühesten), Narzissen, Tazetten und Jon- quillen. Für sMtere Treiberei: Maiblumen, Crocus,- Scilla und Schneeglöckchen, auch Lilien. Außer den Maiblumen verlangen alle Treibzwiebeln nach dem Einpflanzen kühlen Stand (Keller usw.) und zwar so lange, bis die Töpfe! (oder Gläser) durchgewurzelt sind oder bet Trieb sich zeigt (8 bis 10 Wochen). Maiblumen setzt man schon früher höherer Wärme aus (bis 25 Grab C.). Heller Standort ist bei allen erst bann nötig, wenn der Trieb sich zeigt. Hyazinthen pflanzt man einzeln ober zu zweien in 12—15-Zentimeter-Töpfe ober stellt sie auf Gläser, das Wasser (Regenwasser) darf nicht ganz bis an beit Boben der Zwiebel reichen; sie sollten auch während des Treibens nicht über 15 Grab C. haben; über ben erscheinenden Trieb! wirb eine Tüte oder Topf gestülpt, bis er mehrere Zentimeter lang ist. Die übrigen Zwiebeln pflanzt man zu mehreren (3—6) ein, Narzissen in vielleicht etwas größere Töpfe. .— Eine schöne Lauch-Art, die man wie Crocus treiben kann, ist AlliuM Urfinunt. Die im Keller in größerer Anzahl aufgestellten Töpfe überdeckt man bis zum Trieb praktisch mit einer Erb- oder Sandschicht, damit die Zwiebeln sich nicht aus ben Töpfen hochheben. _____________
Geographisches verschiebrätsel.
Böhmen — Harz — Paris — Sudeten — Bern — Nizza.
Vorstehende Namen sollen derart untereinander geschoben werden, daß eine Buchstabenreihe, von oben nach unten gelesen, den Namen eines viel besuchten Aussichtspunktes in der Sächsischen Schweiz ergibt.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Barbe — Bembold — Anna — Uran — Salomo — Elm
Eeoni;
Brauselimonade.
Redaktion ; I. V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießet


