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Molly rückte ungeduldig auf ihrem Sattel hin und her: „Möchtest du mir nicht den Gefallen tun, Papa, und in meiner Gegenwart von Mama nicht so respektlos sprechen —: du Weißt, das schmerzt mich."
„Nanu — hab ja kein Wort gesagt!"
„O — ich habe dich sehr gut verstanden. Wenn Mama Zuweilen etwas abwehrend gegenüber gewissen Herren gewesen ist, die sich um uns bemüht haben, so hat sie es jedenfalls sehr gut gemeint — und soweit ich's beurteilen kann, ist es immer zu unserm Glück gewesen, daß aus den Partien nichts geworden ist, die Mama abgelehnt hat."
Nelly warf dem Vater einen verständnisvollen, der Schwester einen bitterbösen Blick zu.
Der Vater und seine Aelteste wußten sich einig in dem Gedanken: der Freier, der Mama von Sassenbachs Beifall fände, der sollte noch geboren werden. Unter den jungen Leuten von heute hatte Mama von jeher fürchterliche Musterung gehalten — und keinen gerecht befunden.
Nelly hatte auch längst die Hoffnung ausgegeben, daß einer der Herren des Regiments Gnade vor Mamas Augen finden könnte. Sie hatte in ihren sechsundzwanzig Jahren und sieben durchtanzten Saisons gar manchen Flirt gehabt, und der eine oder andere war verflucht ernst geworden, .aber im richtigen Augenblick war es Mama stets gelungen, den betreffenden Bewerber derart kopfscheu zu machen, daß er abschnappte.
Jedesmal, wenn ein Herr in entsprechenden Jahren, Hauptmann oder Oberleutnant, der noch zu haben war, von auswärts ins Regiment versetzt worden war, hatten der Vater und seine Aelteste sich in geheimen Hoffnungen gewiegt, aber nie war's etwas geworden — und so exklusiv war der Verkehr des Regiments, daß Bewerber aus nicht militärischen Kreisen für eine ernsthafte Annäherung kaum in Frage kamen.
Molly, Mamas Ebenbild und getreue Schildhalterin, war bisher mit ihrem Schicksal vollkommen zufrieden geblieben — Nelly aber hatte sich allmählich in einen Zustand ständiger, latenter Empörung wider ihr Los hineingelebt. |
Den unverbrauchten Energieüberschuß ihrer stählernen Leiblichkeit tobte sie in halsbrecherischen Ritten, stundenlangen Radpartien, endlosen Tennistournieren aus — ihre lebenshungrige Seele aber lag völlig brach.
Dies Gefühl der Jnhaltslehre ihres Dafeins preßte ihr oft in der Einsamkeit draußen — in schlummerlosen Nächten daheim — heiße, ächzende Tränengüsse ab.
Sie war verstummt. Den Kopf in den Nacken zurückgeworfen, spornte sie ihren Gaul, hielt ihn aber fest an der Kandare, daß er schäumend und kopfschleudernd nach rechts und links absprang, ohne vom Fleck zu können.
Trüben Blicks verfolgte der Major das Tun seines Lieblings. — Ja, ja — so lagen sie alle drei an der Kandare — her Gaul, das Mädel und er selber auch.
Das war nun achtundzwanzig Jahre her, seit der junge, leichtsinnige Leutnant sich durch die Heirat mit der Tochter eines reichgewordenen, baronisierten niederrheinischen Großindustriellen aus dem chronischen Dalles herausge- holfeu hatte, dem auch er verfallen war, wie seine ganze altfeudäle Familie . . . aber für diese Rettung hatten seine achtundzwanzig Ehejahre ihm die Quittung präsentiert . . . Ein reiches Mädel heiraten! — Soll's der Deubel holen — den Drachen bekommt man gratis!
Der Major zog die Uhr. Es fiel ihm ein, daß er sich quf Punkt neun Uhr am Wegekreuz mit seinent Adjutanten, dem Leutnant Blowitz, verabredet hatte, um sich dort von seinen Töchtern zu trennen und zur Inspektion der Morgenarbeit seines Bataillons nach dem "Exerzierplatz hinüberzureiten.
„Ja, Kinder, nun wird uns doch nichts übrig bleiben, als ein kleines Träbchen zu riskieren, sonst geraten die Erste und die Zweite aneinander, ehe der Kommandeur zur Stelle ist!"
Und in der Tat — vom Exerzierplatz herüber klangen vereinzelte Schüsse, die bald lebhafter wurden: die beiden Kompagnien, welche heute Gefechtsübuug miteinander vereinbart hatten, mußten also bereits Fühlung gewonnen haben.
Schweigend trabte der Major inmitten seiner Töchter die Chaussee entlang.
Die Sonne hatte sich inzwischen durchgekämpft... das Bild der Landschaft entrollte sich in leuchtender Lieblichkeit . . . zur Rechten die dunkeln Waldberge . . . zur Linken die abgeernteteu fahlgelben Ackerbreiten, die sich
zum Tal heruiedersenkten, wo längs des blinkenden Fluß?- streifs die Türme und qualmenden Schornsteine der Gar- nisoustadt aus fahlem' Dunste stiegen, der noch drunten lagerte . . . Geradeaus vor den Reitern zog sich die Chaussee in schnurgerader Linie einen Hügel hinan, hinter dem das Wegekreuz lag und weiterhin der Exerzierplatz sich dehnte. . .
Jetzt schollen aus der Feme rasche Hufschläge.
„Aha — hört ihr?" sagte der Major, „das muß Blowitz sein! Gewiß kommt er mir entgegen, um mich zur Eile anzuspornen, weil's dahinten schon losgeht!"
In diesem Augenblick tauchte ganz, ganz hinten, wo die Chausseebäume sich zu einem dunkeln Strich längs des gelben Wegstreifens zusammenschlossen, ein Reiter auf . . . nein . . ein Reiter schien's nicht zu sein . . . ein herrenloses Pferd, daß in rasender Karriere den sanft sich senkenden Hang heruntertobte.
Aber nein . . . der Sattel war ja nicht leer . . . es sah aus, als baumele ein dunkler Sack auf dem PferderückeU hin und her . . . , .
Nun auf einmal enthüllte sich das ganze Schrecknis . ... der Ganl mußte durchgegaugen sein und der Reiter die Herrschaft völlig verloren haben . . .
Wahrhaftig! . . . Ein Offizier! . . .
Der Säbel schlenkerte hoch in der Luft ... nun flog in weitem Bogen der Helm von: Kopfe des Reiters in den Chausseegraben, und verzweifelt umklammerte der Reiter den Hals des Pferdes . . . immer näher heran raste die tolle Jagd . . .
Ein Schrei war aus den Kehlen beider Mädchen erklungen, ein dumpfer Fluch kam aus den Zähnen des Majors, als den dreien der Vorgang klar geworden war. Während aber der Vater und die jüngste Tochter wie gelähmt auf das unbegreifliche Schauspiel starrten, warf Nelly plötzlich ihren Gaul herum uud raste in der entgegengesetzten Richtung von dannen.
Der Major gaffte einen Augenblick verständnislos hinter seiner Aeltesten drein . . . Dann hatte er begriffen. Nelly, die leidenschaftliche Reiterinj hatte den einzig richtigen Weg eingeschlagen . . . Schon warf auch er den Ganl herum und galoppierte hinterdrein. . .
In diesem Augenblick fegte schon der durchgegangene Gaul an ihm vorbei, und der Major erkannte in dem Reiter den Landwehronkel, mit dem er sich gestern abend so fabelhaft gebildet unterhalten . . .
Mit wütendem Sporenhieb stachelte der Major sein Pferd, aber der Vorsprung, den der Durchgänger erlangt, schien nicht mehr einzuholen. . .
Nun hatte der Flüchtling Nellys Pferd erreicht, und beide Tiere rasten in gleichem Tempo die Chaussee entlang . . . immer mehr näherte sich das Mädchen dem Durchbrenner . . . nun neigte sie sich im Reiten nach rechts hinüber und suchte die flatternden Zügel des rasenden Tieres zu fassen.
„Nelly — Nelly!" schrie der Major.
Das konnte ja nun und nintmer gut gehen! ...
Doch jetzt hatte das Mädchen die Zügel gepackt. .< Im vollen Dahinstürmen riß sie drei-, viermal mit ganzer Kraft den Kopf des Gaules zu sich herüber. . .<
Das Tempo verlangsamte sich. . . abermals riß das Mädchen den Kopf des Durchbrenners herum . . . noch schossen beide Gäule dicht Seite an Seite vorwärts . . , aber der Ansturm erlahmte...
Nun stieg der Fuchs ein paarmal in die Höhe, machte noch einen vergeblichen Versuch, auszubrechen, stfeg abermals . . . und stand plötzlich wie angemauert, flanken- zitternd, schnaubend, über und über mit flockigem Schaum und Schweiß bedeckt...
Der Reiter hatte bei diesem letzten plötzlichen Hält den Zusammenhang mit feinem Gaul vollends verloren und war in den Graben gekNgelt.
Als der Major hierankam, hätte sein Mädchen den Flüchtling bereits vollständig in ihrer Gewalt und beruhigte ihn mit Klopfen und Zuspruchs. . ., ‘
„So ein Satan ton Mädel!" keuchte Sässenbäch, „häst du denn Nichts mitbekommen?"
Er mochte wohl fragen! —
-Als der Major die Biiiget des Ausreißers ergriffen hatte, ließ Nelly! den zechten Arm schlaff heruntersinken '—i ihr war's, als seien alle seine Sehnen wacklig geworden und baumelten schlapp herunter, wie die ausgezerrtett


