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Ein winteraurflug.
Eine wahrhastige Wintersportgeschichte von Lothar B r e n k e n d o r s.
Während sie in einem ivohlgeheizten Mteil zweiter Nasse vom Starnberger Bahnhos zu München aus den bayerischen Borbergen znsuhren, beide im schönsten Sportdreß und mit der zusammenlegbaren Rodel über sich im Gepäcknetz, brachte Erwin Lewald das Gespräch wieder einmal aus sein Lreblnigsthema, nämlich ans das Heiraten. "Senn das war ein Gegenstand, der ihm säst noch mehr am Herzen lag als die Frage, wann endlich die Kritik anfangen würde, ihn unter die berühmten zeitgerrosnschen Maler z-n rechnen. Er war erst vor etlichen Wochen von Berlin nach München übergesiedelt, weil es nach seiner Meinung entschieden leichter sein musste, sich in diesem Maler-Eldorado zur Geltung zu bringen, als in dem grossen Berlin, wo die Leut« neben beut Interesse für die bildende Kimst leider noch so entsetzlich viele andere Interessen haben. Gleich ain ersten Lage hatte er seinen alten Freund Peter Reimers ausgesucht, von Mn er wußte, daß er schon seit einem halben Jahre als junger Medikus an den Ufern der Isar lebte, und sie waren seither trotz mancher! Gegensätze in ihren Charakteren und Anschaulingen beinahe unzertrennlich gewesen. , „ „ . „
Es war viel uneigennützige Aufopferung von fetten des Hern, Erwin Lewald in diesem frenndschastlicl>en Verkehr — wenigstens! nach seiner eigenen Ansicht. Denn angesichts' der geradezu ver- blüssenden Welttmkenntnis und Hilslosigkeit seines ärztliüwn Freundes sühlte er sozusagen die moralische Verpflichttrng, ihm einiges von dem Ueberslnh zuzuwenden, den er selbst an durchdring ende« Kenntnis der Welt und der Menschen besaß. !Tie Vorträge, Die
Dann drehte sie schnell alle Flammen aus, huschte ins Bett, und mit einem Male kamen der Schlaf über sie und der Traumgott. Und sie träumte sich Helena.
Am Morgen aber fühlte Signe sich übernächtigt. Sie schämte sich des Spuks, den sie mit sich selber getrieben hatte. Es fehlte nicht viel, so hätte sie Dodo beneidet, die frisch und fröhlich nut blanken Augen ins Zimmer hereinschaute: „Langschläferin! Auf, sprach der Juchs zum Hasen —" die dann drüben ihr albernes Dtüllerlredchen trällerte: „Wir müllern, müllern, Müllern... bis rot die Wangen schillern. . Und als sie unten auf der Diele Vater begegnete, der seinen Gesundheitsmarsch antreten wollte und ihr in die Augen sah: „Mädel, Signe, du siehst ja aus, als ob du verkatert wärst!" da ging sie trotzig an ihm vorüber inä Frühstückszimmer — und hätte am liebsten Cetueiut.
Mutter saß noch am Teetisch und hatte etne vorwurfsvolle verärgerte Miene aufgesteckt, sagte nur kurz „Guten Morgen!" und vertiefte sich gleich wieder in die Familien- Anzcigen der „KreuMitung", las dann das „Lokals im „Tag" und bildete sich an ein paar Theaterberichten^ Signe trank hastig eine Tasse Tee, stand auf und trat ans Fenster, sah in den verschneiten Garten hinaus. Es fröstelte sie.
Dann kam sie plötzlich zurück und fragte hastig: „Wollen wir nicht ein paar Wochen verreisen, Mama? Nach Italien, nach Paris, gleichviel wohin!"
Der „Tag" sank herab, Mutter blickte sie ganz erstaunt an. „Jetzt — verreisen? Wo wir uns kaum gemütlich eingerichtet haben. Wo die Saison gerade beginnen will! Ich denke nicht daran. Es kann doch nicht dein Ernst sein."
„Wenn — wenn ihr nicht reisen wollt, könnte ich nicht allein..." , „ „
Mutter legte die Zeitung beiseite, nach alter Gewohnheit säuberlich zusammengeknifft, nahm die Brille ab, die sie seit einiger Zeit im Hause zum Lesen trug, da ihre Weitsichtigkeit sich immer mehr gesteigert hatte, und legte die auf die Zeitung. Alles das ganz langsam, schrecklich umständlich für nervöse Leute, wie heut Signe war. Manchmal gefiel Frau Ida sich darin, Frau und Mutter aus der guten alten Zeit zu spielen.
„Allein —" sagte sie gedehnt. „Das schickt sich nichts mein Kind."
Signe lachte gereizt: „Danach hat doch niemand gefragt, als ich zur Fürstin nach Rom reiste."
„Ta war doch mich ein Ziel, und wir wußten dich dort in guter Obhut." ,
„D — gute Obhut! Aber gleichviel: ich konnte ja in eine Pension gehen, irgendwo in Italien —" ,
„Du hast doch hier dein Elternhaus. Weshalo tn aller Welt —"
„Ich — ich halte es hier nicht aus. Jetzt nicht!"- (Fortsetzung folgt.)
Prinzessin! Im Auslande gibt's ihrer zu Dutzenden. In , Frankreich, in Italien wimmelt's von Duchessen und Princi- pessas — es lohnt ja gar nicht darüber uachzudenken.' Aber sie dachte doch nach: dachte daran, daß Deutschland nicht Italien ist, ja daß auch die römische Principessa immer noch, und sei sie bettelarm, ein besonderes Relief genießt. Und! wenn sich mit der Fürstenkrone Reichtum und Schönheit paarte, und wenn zu dem allem noch ein Funken Geist und etwas persönlicher Geschmack hinzukamen, gab das nicht eine unvergleichliche gesellschaftliche Stellung!
Dennoch: es gereute sie nicht, nein gesagt zu haben.
Nur — nur — was blieb ihr nun? Aus die Liebe warten? Darauf, daß ein Mann kommen sollte, der das große heilige Feuer in ihr entzünden könnte! Sie zweifelte selbst. Es war doch Wahrheit, was sie Hoburg gesagt hatte: vielleicht — ich weiß es nicht — vielleicht erwacht mein Herz nie. ,
Man ging daran nicht zugrunde. Aber man ging der Oede entgegen. So lange man jung ist, umschlcrert das Hundertelei des Lebens die Leere, aber sie bleibt gewiß nicht aus. ,
Und jetzt schon: stand sie nrcht isoliert?
Jinmer loser wurden die Fäden zur Mutter hinüber. Zn den Brüdern hatten sie sich fast schon gelöst. Am schmerzlichsten war es mit Vater. Da war früher ein so inniges warmes Verständnis gewesen, nun hatte sich auch das gelockert. Seit wann eigentlich? Knüpfte sich's vielleicht an die Stunde, in der sie Kalteneggs letzte Werbung znrückgewiesen hatte? Oder war Baler selber ein anderer geworden? Ehedem war er eine in aller Enge so schlichte, in sich abgeschlossene Natur gewesen, im kleinen schwach, bei allen großen Entscheidungen doch wiltenskräftig. Jetzt lief er der Stunde nach, fand Befriedigung in tausend' Nichtigkeiten oder täuschte sich in ihnen Befriedigung vor. Die Zügel waren ihm ganz aus der Hand geglitten — vielleicht — das schlimmste: auch die Zügel über sich selber. Er war nicht mehr der Vater, an den man sich anklammern konnte in der Stunde der Not.
Blieb Dodo. Aber Dodo würde sicher bald hinaus- gehen in die Welt. Dodo fand gewiß bald einen sicheren Port.
Und die Kunst —
Einst hatte sie davon geträumt, eins große Sängerin zu werden, eine Jenny Lind, eine Malibran. Nun wußte sie, der Weg war ihr zu lang. Das Stimmaterial hätte wohl zugereicht, die Lehrerin sagte es jetzt noch. Auch der Ausdruck möchte nicht fehlen. Aber die eiserne Energie fehlt, den weiten Weg zu ebnen. Rundheraus gesagt, Signe, der andauernde Fleiß! Gesteh dir's nur ehrlich Wenn du heut noch arm wärst und hättest doch eine Möglichkeit zu studieren, dann würdest du den Fleiß finden. So aber — jetzt — der Fluch des Reichtums hat auch dich gepackt! Deine Kunst ist artige Spielerei geworden und wird's ewig bleiben. Ein Zeitvertreib für den Salon. Mehr nicht — mehr nicht —>
Du hast mit dein eit Pfunden schlecht hausgehalten. —- —— —— — —
Stunde auf Stunde lag sie schlaflos, starrte ins Dunkle, grübelte, kämpfte mit Tränen und lachte spöttisch vor
7 Dann trotzte es plötzlich in ihr auf: ich bin doch noch jung, und das Leben ist lang . . . Ich bin doch schön.
Mit einem jähen Entschluß drehte sie das elektrische Licht an ihrem Bett auf, richtete sich empor, sann noch einen Augenblick nach, warf die Kissen fort, schlüpfte in die Matinee, ließ die Deckenkrone aufflammen und die Seitenlichter an dem großen Trumeaü. Ihr Haar löste sie, daß die goldrote Flut bis zu den Knien wallte — und dann ging sie mit nackten Füßen über den weichen Teppich bis zum Spiegel. Lange sah sie hinein. Und die Lust an der eigenen Schönheit kam über sie. Sie warf die Haarwelle zurück, schob sie im Nacken zusammen, prüfte das Profil, ließ ihr Gesicht en face im Spiegelbild auf sich wirken, öffnete die seidene Hülle, reckte die hohe schlanke Gestalt, prüfte den schönen Fltrß aller Linien —
Ich bin doch schön!
Die lachte ihrem eigenen Bilde zu. Ich bin schön, und Schönheit ist Macht.
Was sollen die trüben Gedanken, was soll alles Grübeln!
Das Glück wird schon kommen. Das Glück ist immer Mit der Schönheit!


