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Glückslasten. [
Usnurn von Hanns von ZobelttK.
LNaMruck verboten^
(Fortsetzung.)
Ms Signe eine Viertelstunde später, die Kinder an der Hand, auch in das Wohnzimmer kam, saß Elly zwischen Water und Friedel und schien sich ganz heimisch zu fühlen. Der kleine hübsche Mund plapperte wie ein Mühlrad.
„Eigentlich ist nur der Mund hübsch und das braune Haar," dachte Signe. „Die Kinder haben mehr von der schönen Mutter, als die Aelteste. Die ist zu sehr nach der Baterseite geschlagen: kurz, stämmig und resolut. Wer vielleicht auch darin wie der Vater: von der Art, die immer und überall sicher durchs Leben geht."
Sie mochte ein Jahr älter fein als Dodo, war aber ungleich fertiger. Saß mit übereinandergeschlagenen Füßen, die sie sehr ungeniert zeigte, trotzdem sie nicht etwa übermäßig klein waren, sah Vater und Friedel sehr unbefangen in die Augen und stand wacker Rede und Antwort. „Mir etwas zu sehr Berliner Kind —" empfand Signe.
Die 'Unterhaltung ging — holterdiepolter — vom Hundertsten ins Tausendste: das Wohltätigkeitsfest, Theater, Literatur, Eisbahn, Universität. Zum Verwundern war's nur, wie Dodo mitchielt. Beide Mädels hatten ganz rote Bäckchen. Und während Mutter und Signe sich mit den Kleinen zu tun machten, klang immer wieder fröhliches Lachen vom Kamin herüber.
Dann sprang Elly plötzlich auf: „Nun müssen wir aber heim. Sonst beunruhigt sich mein alter Herr."
„Erst müssen Sie in mein Reich. Mein Stübchen sehen. Und wir müssen doch auch noch über das Kolleg reden," erklärte Dodo. „Kommst du mit hinauf, Signe'? Nimm die süßen Würmer mit. Ich hab oben noch etwas Besonderes für sie."
Das war eine große Puppe, die Dodo ganz im geheimen über die Backstschzeit hinaus konserviert hacke. Vielleicht hatten die kleinen Neumanns zu .Hause ungleich reichere und schönere als dies Körliner Erzeugnis. Aber das Fremde übte auch auf sie magische Gewalt. Sie waren begeistert, jubelten, kauerten sich mit der starkknochigen Düenna, der eine Hand und die Nasenspitze fehlten, auf den Teppich und vergaßen alles um sich her. Auch Signe.
Die beiden Mädchen steckten über einem Heft die Köpfe zusammen, debattierten, holten noch ein Buch zu Rate, und dann hatte mit einem Male Dodo den Arm um der andern Schulter gelegt, und die Wangen ruhten dicht aneinander,
Mädchenfreundschaft. Schnoll geschlossen, vielleicht ebenso schnell verweht. Vielleicht doch fürs Leben ausdauernd —
«lgne stand allein. Sie lächelte über die fröhlichen Kind» -, >>te sich auf dem Teppich herumkullerten; sie lächelte un-. .... beiden dort am Schreibtisch, die in diesem Augen- bliu .vieoer ganz holde Siebzehn waren. Wer etwas Wehes war doch bei diesem Lächeln: „Eigentlich bist du selber nie ein frohes Kind gewesen; eigentlich hast du nie eine Freundin gehabt..." ,
Am Abend, als Signe schon im Bett lag, kam Dodo nom einmal hineingchufchh, setzte sich auf den Bettrand uns) machte ernste Augen.
„Ich wollte dir da unten nichts sagen, geliebte Große. Wegen... na du weißt schon. Du — gib mir die Hand . . so. . . nämlich, fetzt muß es doch heraus: ich bin sehr glücklich, daß alles so gekommen ist. Manchmal hatte ich schon Sorge. Aber du bist doch die Klügste. Recht hast du gehabt! Recht! Recht! Und zum dritten Male recht! So . . . und nun will ich dich nicht quälen, 'n Kuß noch. Gute Nacht. Schlaf recht sckön —"
So war's immer. Wenn sie feierlich Gute Nacht gesagt hatte und schon aufgestanden war, setzte sie sich noch einmal, baumelte mit den Füßchen eine Weile und sing wieder an. , ,
lieb, die Elly, nicht wahr? Das erste hebe Madel, das ich in diesem ganzen dummen Berlin kennen gelernt habe. Und riesig klug. Klug, sag ich dir, zum Genieren klug. „Eine- gescheite Range!" sagte Friedel nachher unten. „Dies Fräulein Neumann." Weißt du, und dabei zog er den Namen so, als ob der vom Keller bis in ein drittes! Stockwerk reichte. Das diplomatische Schaf! Ich hab ihm die Range aber aufs Butterbrot gestrichen. „Im kleinen Finger," hab ich gesagt, „ist meine Freundin mehr, als die Braunstein aus der Bolsbude, der du so toll die Kur geschnitten haft. Diese Er—rna mit der Wespentaille — fa — aus der Tiergartenstraße, wo die Millionenerbiuneni als Lockenten für gute Namen sitzen." Na, du hättest Friedet sehen sollen. Ein Puter wäre ein Waisenknabe gegen ihn gewesen. Und dabei immer die di—diplomatische Mäßigung, zu der er sich zwingt. Zum Wälzen! Aber nun wirklich gute Nacht. Gute Nacht, du mein herziges Kind —"
Dann, auf der Schwelle, noch eine Kußhand: „Recht hast du gehabt! Dreimal recht! — Und morgen will ich mal zu den Neuleuten nach der Brüderstraße — Guts Nacht!"
„Gute Nackh Dodo —
Ja — gute Nacht! Wer dein Schlafe gebieten konnte H Signe lag und lag und konnte keine Ruhe finden.
Sie war ruhig gewesen, als Hoburg ging, froh, glücklich fast über ihren Entschluß. Er gereute sie auch jetzt nicht, er beschäftigte sie nur. Er gereute sie nicht, aber sie grübelte doch über dein, was sie durch ihn aufgegeben hatte. Trotz allen Abwehrens tauchte immer wieder das eine Wort vor ihr auf: „Prinzessin". Lachen hätte sie, über die eigene Torheit mögen und konnte es doch nicht. Spotten hätte sie- mögen; „Was ist denn das, solch klein«


