Ausgabe 
5.2.1912
 
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er ihm bei jeder hassenden Gelegenheit über das Beiräten mtÜ das Karrieremachen hielt beides gehörte für ihn unauflöslich zusammen waren um ihres Reichtums an tiefgründiger Lebens­weisheit willen nickst mit Gold zu bezahlen gewesen. Und es war in hohem Matze anerkennenswert, daß die wahrhaft mit­leidswürdige Verständnislosigkeit des 'Doktors seinen pädagogischen Eifer bisher nicht zu lähmen vermocht hatte.

Wenn man nun mal in der Wahl seiner Eltern so unvor­sichtig gewesen ist, wie wir beide," dozierte er auch jetzt,so hat man heutzutage eben keine andere Chance als eine vorteilhafte Heirat. Und für Leute unseres Schlages ist glücklicherweife die Auswahl so groß, daß man bei einiger Behutsamkeit recht wohl auch das sogenannte Herz zu dem ©einigen gelangen lassen kann. Die Hauptsache ist eben nur, daß man ihm nicht das erste und entscheidende Wort einräumt. Erst wenn der scharfblickende, nüch­tern prüfende Verstand sein zustimmendes Votum abgegeben hat, darf die Liebe in ihre Rechte treten. Nur nicht dem ersten beiten Lärvchen ins Garn lausen! Nur nicht verplempern! Wenn ich beobachte, wie interessiert du jedem netten Käfer uachschaust, gleichviel von welcher Art und Gattung er sein mag, so wird mirs jedesmal todesangst um deine Zukunft."

Na, erlaube mal," wagte Dr. Reimers schüchtern ein» zuwenden,ich denke, in bezug auf das Aeugeln bin ich der reine Waisenknabe gegen dich"

Der Maler machte eine wegwerfende Handbewegung.

Ah, bei mir das ist ganz was anderes! Bei meiner Kenntnis der Menschen und zumal der Weiber!--Ich sehe

es jeder auf den ersten Blick an, wie ich sie zu rubrizieren habe» Und wenn du mich mal Feuer fangen siehst, mein Lieber, so darfst du ganz sicher sein, daß zuvor der Verstand gesprochen pnd mir alle nötigen Garantien verschafft hat."

Garantien wofür?"

Dafür, daß das Mädel aus guter Familie, von tadelloser Erziehung und im Besitz des erforderlichen Vermögens ist."

'Tu wirst also jedesmal, wenn dir ein hübsches Mädchen begegnet, zunächst ein Auskunftsbuveau in Nahrung setzen?"

Lewald lachte mitleidig.

Nee, mein Bester, das hab ich Gottseidank nicht nötig. Fünf Minuten oder höchstens zehne und ich weiß alles, was ich brauche. Wozu hätte mau denn seine Maleraugen und seine in Berlin gesammelten Erfahrungen! Ich sage dir Donner­wetter, was für ein pompöses Geschöpf!"

Der bewundernde Ausruf, mit dem er seine Rede unterbrochen hatte, war durch die Erscheinung einer jungen Dame hervor-, gerufen worden, die draußen auf dem Gange des Wagens auf­getaucht war, um an einem der Fenster stehen zu bleiben. Auch Peter Reimers mutzte sich gestehen, daß er selten etwas Ele­ganteres gesehen harte, als diese hoch gewachsene gertenschlanke Figur und dies mit wahrhaft raffiniertem Geschmack gearbeitete Wintersport-Kostüm, das sich wie angegossen um den wundervollen Körper legte. Bon dem Gesicht'konnte man von dem Platze der beiden Freunde aus nur das sein geschnittene Profil erkennen, aber es war hübsch, genug, um den Beschauer ohne weiteres zu ver­gewissern, datz die junge 'Dame auch eine Prüfung in der Vorder­ansicht mit allen Ehren bestehen würde.

Sehr nett!" meinte der Doktor. Lewald aber stieß ihn beinahe ergrimmt in die Seite.

Sehr nett nennst du das, du Böotier! Herrlich »st sie einfach herrlich! Und eine Vornehmheit, wie sie mir in eurem München iwch nicht vorgekommen ist! Siehst du da können wir ja gleich mal die Probe auf das Exempel machen. Ich werde mich an das göttliche Geschöpf heranschlängeln, und wenn ich innerhalb der nächsten zehn Minuten nicht zu dir zurückgekehrt bin, so hast du damit den Beweis, datz mein physiog- uomischer Scharfblick mich nicht getäuscht hat."

Wenn du nicht zurückkehrst?" fragte der Doktor verständ­nislos.

Na, es ist doch selbstverständlich, datz man einen solchen Glückssund nicht wieder fahren läßt, und daß man noch weniger Lust hat, ihn mit einem anderen zu teilen. Erweist sich diese reizende junge Dame bei näherer Prüfung als das, wofür ich sie halte, so sehen wir uns vor heute abend nicht wieder. Damit wirst du dich wohl oder übel abfinden müssen, mein guter Peter!"

Du hast ein goldenes Gemüt, Erwin! Aber in Gottes­namen ! Ich wünsche dir viel Glück, und ich werde versuchen, die Trennung mannhaft zu tragen."

Der Maler hatte inzwischen einen verstohlenen Blick in seinen Taschenspiegel geworfen. Dann stand er auf und trat in den Gang hinaus. Dr. Reimers bewunderte ihn um der Kühnheit willen, mit der er sich der vornehmen jungen Dame zu nähern wagte, und er würde es ganz natürlich gefunden haben, wenn der Verwegene einer kühlen Abweisung begegnet wäre. Aber Erwin mußte wohl in Berlin W. gelernt haben, wie man mit distinguierten Damen Bekanntschaft anknüpft, ohne sie zu ver­letzen, denn wenige Minuten später befanden sich die beiden bereits in der lebhaftesten Unterhaltung, und ein silberhelles Lachen der schönen Unbekannten war das letzte, was,der , arme verlassene Peter von ihnen hörte, ehe sie gemeinsam in einem der benach­barten Abteile verschwanden. Nicht nur die bedungene Frist von zehn Minuten, sondern eine weitere halbe Stunde verstrich, ohne daß der Maler znrückgekehrt wäre, und so mußte Dr. Reimers.

denn wühl annehmen, daß auch die nähere Prüfung zum Vorteil der jungen Dame auSge tollen war.

Tutzing! Nach Kochel umsteigen!" rief der Schaffner, und während Peter bedäckstig seine Rodel auf dem Gepäcknetz holte, stürzte Erwin sehr eilfertig herein, um sich der feuriger! zu versichern.

Nun?" fragte der Doktor.Es stimmt also?"

Natürlich stimmt es! Dieser Rodelausflug war die glor­reichste Idee deines Lebens, Peter! Vielleicht sehen wir uns nachher aus der Kesselbergerstraße. Aber du nrußt entschuldigen, wenn ich dich nicht vorstelle. Du weißt ja: in Herzenssachen"

Hört die Freundschaft noch früher auf als in Geldangelegen­heiten. Jawohl, ich weih! Rodel heil, mein Guter!"

Schwupp war der Maler weg. Peter aber ging nach seiner Gewohnheit höchst gemächlich zu dem anderen Bahnsteig hinüber, wo schon eine ganze Anzahl anderer winterlich ver­mummter Sonntagsausflügler des Kocheler Zuges harrte. Ein kleiner, dicker Herr mit eisgrauem Schnurrbart und echt münch- nerisch jovialem Biergesicht bat ihn artig um Feuer für seine Zigarre und knüpfte aus diesem Anlaß mit bajnvarischer Zu­traulichkeit gleich eine Unterhaltung an, die sich natürlich um die Schneeverhältnisse in den Bergen drehte und die bei dem Doktor freundliches Verständnis fand, obwohl sie von dem kleinen Dicken im reinsten Münchener Dialekt geführt wurde.

Kochel einsteigen!" riet der Schaffner, und Peter toat eben im Begriff, sich dem einzigen Wagen zweiter Klasse zuzu­wenden, als er gewahrte, daß der kleine Dicke einem jungen Mädckyen zuwinkte, das bis dahin um zwei oder drei ©dyritte abseits ge­standen hatte und das aller Wahrsckzeinlichkeit nach seine Tochter war. Sie war bei weitem nickst so schön, wie die biftinguiertd Unbekannte, und ihr Kostüm hatte nicht den geringsten Anspruch auf raffinierte Eleganz, aber sie hatte ein gar so liebes, blau­äugiges Gesichtchen, daß Peter wie unter dem Einfluß einer un­sichtbaren Gewalt seine verbrieften Anrechte auf Beförderung in der zweiten Wagenklasse fahren ließ und hinter den beiden her die Plattform einesAmerikaner-Wagens" dritter Klasse erklomm. Als er den Fuß noch auf dem Trittbrett hatte, streifte eben seist Freund an ihm vorüber uitb raunte ihm warnend zu:

Keine Dummheiten, Peter! Du wirst dich doch nicht um des Lärvchens willen an diesen Bierkeller-Stammgast atta- chieren? Mein Wort darauf, er ist ein Metzgermeister oder im allergünstigsten Fall ein Magistrats-Funktionär."

Peter brummte etwas Unverständliches und kletterte weiter. Aber als man in Kochel den Zug verließ, sah er ebenso vergnügt aus wie der kleine Dicke, mit dem er bei einem harmlosen Geiprächl über die neuen Maßkrüge im Hofbräuhaus, über Weißwürste und das hartnäckig stumm bleibende Glockenspiel im Turm J) neuen Rathauses nachgerade auf einen fast freundschaftlichen Fuß gekommen war, ohne daß man die Zeremonie gegenseitiger Vor- jtellnng für erforderlich gehalten hätte. Ob es just die Ansichten des Dicken über die neuen Maßkrüge und die Weißwürste gewesen waren, die ihn so freundlich gestimmt hatten, mochte freilich dahin­gestellt bleiben. Sicher war nur, daß seine Augen sehr oft zst dem rosigen Antlitz des allerliebsten Töchlerckyens hinüberflogen, und daß er sich förmlich dazu drängte, ihr beim Aussteigen be­hilflich zu fein. Damit kam er nun allerdings trotz aller Be­flissenheit zu spät, denn Fräulein Fanny er wußte aus ihrer Unterhaltung mit dem Vater, daß sie Fräulein Fanny hieß< sprang behend wie ein junges Eichkätzchen von dem hohen Tritt­brett herab, jegliche Hilfe verschmähend. Ein dankbar freundlicher Blick aas ihren lieben blauen Augen aber wurde ihm doch als Lohn für seine rittcrlidye Absicht zuteil, und während sie dann zu Tritt durch das verschneite Tors und am lieblichen Gestade des Kochelsees entlang dem majestätisch herübergrüßenden Herzogsstand zuschritten, beteiligte sich Fräulein Fanny mit hellem Stimmchen auch an der Unterhaltung, die sich jetzt nicht mehr um Weißwürste, sondern um die Schönheit der rointcrlidyen Natur und um die Freuden des Schncespvrts drehte. Einmal mußten sie hastig zur Seite answeickyen, um den slott dahersausenden Sdstitten vorbei zu lassen, darin Erwin Lewald und die vornehme Unbekannte sahen. Mißbilligend sckyüttelte der Maler den Kopf, als er seinen Freund trotz aller wohlgemeinten Warnungen in solcher Gesellsckyaft er­blickte, und weil er sich offenbar vor feiner Begleiterin schämte, in den Verdacht einer Zugehörigkeit zu derartigen kleinen Leuten zu kommen, unterließ er es, ihn zu grüßen.

Peter aber liefe sich dadurch keinen Augenblick die gute Saune verderben. Ihm gehet der fröhliche Metzgermeister sehr gut und fein munteres Töchterchen noch viel besser, so daß er nach keiner vornehmeren Gesellschaft Verlangen trug. Und als sie dann nach ziemlich langer Wanderung durch goldenen Sonnenschein und durch prächtigen, im eisglitzernden Festgewand prangenden Hochwald die Paßhöhe erreicht hatten, vorbei an zahllosen, mit Windeselle herab­sausenden, sportsrohen, ladyenben und jauchzenden Menschenkindern jeden 'Alters, Standes und Gcsckyleckstes als der kleine 'Licke sich auf seinen Rodel zurecht setzte wie ein ausgelassener Schulbub, da sand Peter trotz aller angeborenen Unbeholfenheit und Schüchtern­heit das Herz, Fräulein Fanny zn fragen, ob sie nicht der größeren Sicherheit halben lieber mit auf seinem Schlitten Platz nehmen wolle. Denn er übte den Rodelsvort feit seinem ersten Münchener Semester und durfte sich wohl getrauen, die Verantwortung für eine glückliche Fahrt zu übernehmen. Fräulein Fanny stimmte mit