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Dadurch, daß man heiftzUlage die gewöhnliche, und feinere Mandel-Marzipanmasse fertig kaufen kann, gewinnt die zusammengesetzte Marzipanmafse an Bedeutung für den Weihnachtstisch. Da ist z. B. der Schokoladenmarzipan. Ve Kilogramm geschälte und feingestoßene oder geriebene süße Mandeln werden mit Vr Kilogramm feinem Zucker und 150 Gramm auf heißer Herdstelle erweichter seiner Schokolade vermischt, diese Mischung röstet man unter fortgesetztem Rühren über kleinem Feuer im Messingkessel ab, läßt sie erkalten, rollt sie nicht zu dünn aus, sticht Figuren davon aus, legt sie auf cüt Blech, läßt sie im Ofen bei ganA schwacher Hitze backen und überzieht sie mit Zuckerglasur.
Mit Hilfe von Erdbeer- oder Himbeersaft kann man Frucht- utarzipan bereiten. Wenn inan Vz Kilogramm süße Mandeln mit etwas Eiweiß fein gestoßen hat, kocht man 380 Gramm Zucker zum Flug, niischt dazu die Mandeln und 175 Gramm Himbeersaft, verrührt alles über ganz schwachem Feuer, bis sich die Masse vom Gefäß löst, läßt sie erkalten, formt sie, zu Figuren, läßt sie im Ofen übertrocknen und glasiert sie mit in Eiweiß aufgelöstem Zucker. — Zu Zitronenmarzipan nimmt man an Stelle des Saftes die sein abgeriebene Schale einer Zitrone, zu Apfelsinenmarzipan neben etwas Saft ebenfalls die geriebene Schale. (Die Hauptsache ist es, die Marzipanmasse gut abzurösteu, wöbet aufgepaßt werden muß, daß sie sich nicht im Gefäß festsetzt!)
Wenn nun auch das Weihnachtsfest ein sehr weitgehendes Interesse für die Herstellung von Süßigkeiten beansprucht, so läßt sich von Süßigkeiten allein nicht leben, und gerade zur Festzeit wird dann oft das Verlangen nach herzhaften Darbietungen der Küchenregionen besottders rege. Dabei tritt an die Stelle des vielfach nicht besonders beliebten Weihnachtskarpfens nach altnordischer Sitte neuerdings gern der pikante Heringssalat, aus würfelig oder feiustrcifig geschnittenen Heringen, Aepseln, Gurken, Kartoffeln, Wurst, Fleisch usw., der mit Essig, Oel, Pfeffer, Salz, Brühe, Sahne, Zucker, Gewürz, Kapern augeinacht ober mit einer abgerührt en Sauce aus Eiern, Oel, Essig, Salz usw. gemischt wird. Will man int ersteren Fall den Salat, von rötlichem Aussehen haben, so gibt man einige feingeschnittenc rote Rüben und eilten Löffel von dem Rote-Rüben-Essig dazu. Auch die mit etwas Sahne verguirlte Heringsmilch und ein Löffel Senf werden oft dazugemischt. Die Salzheringe legt man vorteilhaft einen Tag in abgerahmte Milch, wäscht sie dann ab, säubert und verwendet sie zu Salat. Durch die Milch erhalten sie einen milden und doch Pikanten Geschmack (Heringssalat muß mehrere Stunden vor dem Aufträgen gemischt werden, damit er gut durchzieht!)
Wer den Karpfen sonst „polnisch" oder „in Braunbier" oder „blau" oder „in Weißbier" über hat, der versuche es einmal mit einer feinen Bischofssauce. Der gut gereinigte Karpfen wird in Stücke geschnitten, diese leicht eingekerbt, mit Salz bestreut und 1—2 Stunden beiseitegestellt. Inzwischen dünstet man 3—4 fein- geriebene Schalotten und etwas Mehl in zerlassener Butter hellbraun, gießt s/s—Vs Liter Rotwein dazu, rührt bis zum Kochgrad, würzt mit der sein abgeschälten Schale einer grünen, bitteren Pomeranze, etwas Zucker oder braunem Sirup, etwas Salz und Zitronenschale, läßt die Fischstücke in dieser gut abgeschmeckteu Sauce ankocheu und bann auf heißer Herdstelle garziehen. Die Fischstücke werden beim Anrichten mit der dicklichen Sauce über» füllt, zu der man zuletzt noch einen Löffel Rotwein und cttvas frische Butter geben kann.
Wildschwein ist bekanntlich als glückbebcutender Festbraten toieber sehr geschätzt, unb sehr schmackhaft wird z>. B. ein Stück Wildschweinkeule, wenn man sie für 1—2 Tage vor dem Zu- bereiten in eine milde Essigbeize legt, der mau etwas Gewürz und Wachholderbceren beifügt. Es ist immer vorteilhaft, solche Beize aufzukocheu, halb auskühlcn zu lassen und dann auf das Fleisch zu gießen, das öfter darin umgeroenbet werden muß. Es wird dann abgetrockiiet, in siedende Butter gelegt und bei fleißigem Begießen und Zufüllcn von etwas durch ein Sieb filtrierter Beize und dicker saurer Sahne schön saftig gebraten. Die Bratbrühe kann mit saurer Sahne und Kartoffelmehl verkocht werden.
Manchmal reicht man auch Hagebuttensauce zu Wildschweins- braten. Da es aber bedeutend sparsamer ist, von der Bratbrühe Sauce Herzustcllen, so gibt man, weil Hagebutten so besonders gut zu Wildschweinsbraten passen, ein Hagebuttenkompott ober einen Hagebuttensalat nebenher. Zu beibent lassen sich gebörrte Hagebutten gut verwenben. Man legt sie natürlich, nachdem sie gewaschen finb, für eine Nacht in kaltes Wasser, mit bem sie dann aufgestellt unb gar gekocht werben.
Als echte Weihnachts-Nachtischspeisen gelten Plum-Pudding unb Mohngerichte. Einen sehr guten, wohlfeilen Mohnanslaui stellt man her, indem man eine Anzahl altbackener semmeln abreibt unb bie Krume in Milch erweicht. Dann drückt mau sie aus unb wiegt sie; eS sollen 120—130 Gramm fein. Juzwnchcn hat man 75—80 Gramm Butter zur Sahne gerührt, fugt nach unb nach, stets kräftig rührenb, 3—4 Eidotter, 80 8o Gramm Zucker, etwas feine Vanille, 75 Gramm geschälte, gehackte laße Mandeln, die Milchbrotmasse, eine große Obertaste mit Rosen- Wasser gestoßenen weißen Mohn, zuletzt den feingeschlagenen Schnee von 2—3 Eiweißen dazu, füllt die Masse in eine mit Sutter aus» gestrichene, mit geriebener Semmel bestreute feuerfeste llustauf-
sorm, läßt den Auflauf eine Stunde im Ofen backen, Und' gibt ihn in der Form sofort ^u Tisch.
Zuletzt beansprucht die Dezemberküche noch bie Kenntnis der Herstellung eines guten Punsches, und ein holländischer Punsch z. B. wird wie folgt bereitet: Auf einen Teil durch ein Sieb gegossenen Zitronensaft, der übrigens oft durch Berberitzensast ersetzt wird, rechnet man 2—3 Teile Zucker und 4 Teile besten Arak (alles in einem Glase gemessen). Diese Mischung wird in einer weißemaillierten Kasserolle (gut zugedeckt) über gelindem Feuer znm Kochgrad gebracht und gut gerührt, damit der Zucker schmilzt, dann fügt man, stets rührend, 8 Teile kochendes Wasser oben eben aufgegoffenen recht Hellen Tee dazu unb schmeckt beu Punsch, der sehr heiß serviert werben muß, nach Zucker ab.
Erinnerungen an Gtto Brahm.
Nur wenige Tage nach dem 50. Geburtstage seines Freunde! Gerhart Hauptmann ist Otto Brahm gestorben. Der Kunsts tempel am Schiffbauerdamm steht nun verwaist. Was er dort und vorher im Deutschen Theater geschaffen hat, wird stets einen Ehrenplatz in Deutschlands Theatergeschichte einnehmen. Brahms einer und künstlerischer Sinn ließ ihn das Gute unb Bleibend« erfassen. Ibsen und Hauptmann, beiden war er Führer. Mehr noch, Ibsen dankt ihm eigentlich seine Einführung in Deutschland überhaupt. Ibsen-Vorstellungen unter Brahm waren künstlerische Erlebnisse, wie sie uns nur selten von der Bühne herab zuteil werden. Für das von ihm geförderte naturalistische Drama fand er den einzigen Stil. Unb Brahm heißt auch bas hohe Ziel, das jeder Theaterleiter vor Augen hat, wenn er zum modernen Drama greift. Freilich wirb eS kaum einem gelingen, so rechtlos das naturalistische Drama zu erschöpfen wie Brahm es tat.
Wir nun, bie wir noch die Bänke der Berliner Universität drückten, haben oft in wahrhaft stummer Andacht gelauscht, wenn von dort unten (ein echter Student sitzt immer „oben") der Stimmungszauber über uns kam. Das war nicht etwa ein gefühlvolles Einweben in weichliche Gefühle, nein, das war uns allen ein Fortreißen in und mit dem Strom der großen Zeit. Denn groß schienen uns die Tage, bie so gewaltige Umwälzungen in ber dramatischen Kunst brachten. Brahm war unser Gott. Wir fehlten bei keiner Hauptmann-Premiere. Und noch heute sind wir stolz darauf, daß wir es waren, bie so manchen zischenden Philister niederklatschten.
Die Sorma, ber Kainz, später die Lehmann, der Rittner, der Sauer, ber Bassermann, der Hermann Müller unb nicht zuletzt ber alte Reicher, bas waren unsere Freunde. Sie wußten alle, baß wir bort oben die Wacht hielten. Wenn sie ber Beifall vor die Rampe rief, war ber erste Blick nach oben. Wir waren bei dem Sturm, als „Fuhrmann Henschel" für bie Welt geboren wurde. Wir sahen den Rittner, wie er im vierten Akt sein „Beweisa — Beweisa —! Sonst gnade Gott!" mit nie wieder gehörter Stimme hervorpreßte. Wir waren dabei, als „Rose Bernd" in ber Schumannstraße zum ersten Male gegeben wurde. Damals sahen wir auch noch bie Paule Conrad, die Gattin des Paul Schlenther, von ber uns unsere Eltern Geschichten erzählten, als sie noch jugendlich Naive am Berliner Königlichen Schauspielhaus war. Ja, wir waren dabei, wir deutsche Studenten. Und Brahm unb feine Künstler haben es uns gedankt.
Nun ist Brahm nicht mehr! — Nekrologe werden geschrieben werden. Man wird den Künstler, den Bühnenleiter, den Schriftsteller preisen. Wir aber haben mehr verloren — den Freund. Den väterlichen Freund, ber manchen von uns, der sich auf bie dornenvolle Bahn des Dichters wagte, mit Rat unb oft — ach wie oft — mit Hilfe beiftanb. Die Berliner Studenten jener Tage werden Brahm nie vergessen.
Brahm ist 56 Jahre alt geworden. Von ihm stammen eine Kleist- unb eine Schillerbiographie, letztere leider unvollendet. Beide Werke gehören zu den besten literaturhistorischen Büchern, die wir aufweifen können. Nach Beendigung seiner Studien war Brahm eine Zeitlang Theaterkritiker. In den 80er Jahren gründete er mit Paul Schlenther, Maximilian Harden, Otto Erich Hartleben u. a. bie „Freie Bühne". Als 1892 Aböls L'Arronge bas von ihm gegründete „Deutsche Theater" aufgab, fand er in Brahm einen würdigen Nachfolger. Brahm beschrankte sich nur auf bie moderne Kunstrichtung, da bie klassische Kunst am Gen- darmemuarkt unb in bem damals noch von Ludwig Barnay geleiteten „Berliner Theater" Heimstätten fand. 1904 übernahm er das „Lessing-Theater". Im „Deutschen Theater" hatte Max Reinhardt bas Zzepter, ber einst Brahms Schüler war unb als junger Charakterschauspieler von Wien nach Berlin kam. Durch beit tragischen Tod Hermann Müllers kam Reinhardt an erste Stelle Zwischen Reinhardt und Brahm bestand em großer llw- terfchieb' Reinhardt, ber Mann, ber im Großen arbeiten muß, ber bie Masse beherrscht — auf der Bühne sowohl als auch braußen; er ist ein Mann ber Reklame. Ganz das Gegenteil war Brahm: Still und ohne viel Worte zu machen schuf er. Die tiefe Wirkung des bürgerlichen unb Proletarier-Dramas konnte nur ein Brahm hervorbriugen. Von keiner Strömung


