Ausgabe 
4.11.1912
 
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Die Dame im Pelz.

.Roman von G. W. Appleton.

(Nachdruck tierboten.)'

(Fortsetzung.)

Am Mittwoch abend hatte ich in der Stadt einige Einkäufe besorgt. Als ich heimkam, teilte mir Gregory mit, daß eben ein Junge mit der Meldung dagewesen sei, daß ich unverzüglich nach Putney kommen möchte. meine Tante wäre 'gefährlich krank und wünschte, mich so schnell wie möglich zu sprechen. 'Diese Botschaft erschien mir ver­heißungsvoll. Zweifellos wollte sie sich vor dem Tode mit mir aussöhnen. Eine andere Auffassung dieser Nachricht war nicht gut denkbar, und so freute ich mich, zumal sie gerade am Vorabend meines Hochzeitstages cintraf, un­gemein darüber.

Ich werde mich sofort auf den Weg machen, sagte ich. Holen Sie meine Tascheuapotheke herunter, Gregory, und sehen Sie nach', ob sie gut in Ordnung ist. Mit her Krankheit meiner Tante kommt mir's nicht ganz ge­heuer vor.

Gregory, der das Kästchen von einem Wandbrett heruntergenommen hatte, sah mich erstaunt an.

Sie werden doch nicht etwa vermuten, daß

Ich weiß es nicht; aber was ich nicht begreifen, kann, erweckt stets allerlei Besorgnisse in mir.

Wer behandelt sie denn?

Penuyseather.

Trauen Sie ihm etwa nicht recht? fragte Gregory, während er die Fläschchen nacheinander prüfte.

O, das schon; aber er weiß nicht alles, was wir wissen, Gregory. Freilich kann ich mir nicht denken, wozu unsere guten Freunde meiner Tante Leid zufügen sollten. Ist alles gefüllt?

Jawohl, nur das Aconit-Gläschen ist leer. Soll ich s ergänzen?

Gewiß, antwortete ich. Man kann nie wissen, wie man's braucht. Nebenbei bemerkt, welches ist eigentlich die Maximaldosis von Aconit? Ich hab's im Augenblick vergessen.

Eine Drachme (3.75 Gramm) soll schon tödlich wirken. Hier geht 'ne Unze (30 Gramm) hinein, erwiderte Gregory, inbem er das Fläschchen auffüllte und wieder an seine Stelle setzte.

. Ich habe mir später mehr als tausendmal überlegt, wie ich an jenem Abend zu dieser fatalen Frage gekommen fein mag, aber ich' werde mir's wohl nie beantworten können. Jedenfalls ließ ich mir nicht im Entferntesten träumen, daß dieser zufälligen Frage, bei der ich mir nicht das Ge­ringste gedacht hatte, eine so fürchterliche Bedeutung bei- gelegt werden würde, wie es bald nachher geschah.

Da die drei Mädchen ganz in ihre Arbeiten vertieft

waren, entfernte ich mich, ohne ihnen den Grund meines Ausgangs anzugeben, und war in einer halben Stunde in Putney. .

Es war eine schreckliche Nacht. Ein entsetzlicher Sturm, tobte durch die Straßen. An den Ecken drohte er, mich niederzureißen 'Der Himmel war mit schweren, schwarzen Wolkenmassen bedeckt, die .mit rasender Geschwindigkeit über mir dahinfegten, das schwache Mondlicht manchmal hindurchschimmernd lassen. Dicke Hagelkörner flogen nut solcher Wucht gegen mein Gesicht, daß es nur bräunt« vor Schmerz, lieber meinem Kopf ächzten die Aeste der Bäume. Endlich erreichte ich die Gartentür meines Be­stimmungsortes und klingelte. , -

Sie wurde gleich geöffnet, und im Schein einer Gas­laterne sah ich das Gesicht eines fremden Weibes, deffen Augen mich aus der Dunkelheit des. Gartens durchbohrend anblickten.

Was wollen Sie? fragte sie mich.

Meine Tante, Fräulein Doualdson besuchen. Sie hat eben nach mir geschickt, erwiderte ich.

Ohne eilt Wort weiter zu sagen, führte sie mich ins Haus, das den Eindruck eines wirklichen Trauerhauses machte nirgends war ein Licht sichtbar. Erst im Haus­flur entdeckte ich eine Kerze. Mit dieser führte mich die Fremde, noch immer lautlos, ins Empfangszimmer, einen großen, begräbnisähnlichen Raum, voller unheimlicher Schatten. Sie stellte den Leuchter auf den Tisch und ging schweigend hinaus, die Türe hinter sich zumachend. In diesem Moment beschlich mich ein seltsames Gefühl. Ich wußte nicht warum, konnte es aber auch trotz meines Be­mühens nicht loswerden. Ich zog meinen Ueberzicher aus, hing ihn über eine Stuhllehne und bereitete mich im Geist, auf die kommende Unterhaltung vor. Während ich darüber nachdachte, hörte ich etwas auf den Boden fallen aber noch ehe ich mich darüber klar werden konnte, passierte etwas anderes, das mich erschaudern und jenes Geräusch! vergessen ließ. .

Ich stand gerade einem großen altmodychen Spiegel gegenüber, und in seinem matten Schein erblickte ich tm Hintergründe ganz deutlich das Gesicht Marcellas. Ich sah nur das Gesicht, aber aus den Augen schaute keine Liebe sondern Bosheit es waren unheimliche, teuflische Augen die Augen einer Lilith. Ich sah mich scharf um, konnte aber nichts entdecken als ein Paar schwere Vor­hänge, die ein nebenliegendes Zimmer abteilten, ^ch blickte wieder in (den Spiegel, das Bild der Vorhänge war deutlich zu sehen, aber das Gesicht war verschwunden.

Ich nahm das Licht, ging an den Vorhang, schlug ihn zurück und leuchtete dahinter. Es' war nichts zu sehen, aber in meiner erregten Phantasie glaubte ich wieder, jenes leise, geheimnisvolle Rauschen eines DamenkleideA zu vernehmen, das mich vor zwei Tagen schon so beun- ruhigt hatte. In diesem Moment hörte ich- hinter mir husten. Ich drehte mich um' und befand mich Hephzibah