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Über das Wehr stürzenden Muhlbach zu seltsamen Schatten verzerren. Lustig schallt das Geklapper der Mühle durch die säuselnde Stille und vereint sich mit dem Rauschen des Baches zu melodischem Klingen. In Frei-Weinheim wird in einem Gasthause, das dicht am Rheine steht, Einkehr gehalten. In grünender Laube kosten wir des Rheines herrlichste Gabe, den Wein. Bon den Römern gepflanzt, von den Mönchen gehegt, hat sich dieser goldene Saft einen Weltruf errungen durch seine köstliche Blume.
„Wie glüht er im Glase!
Wie flammt er so hold!
Geschliffnem Topase vergleich ich sein Gold!
Und Düfte entschweben ihm blumig und fein.
Gott schütze die Reben am sonnigen Rhein."
So fühlte schon manch anderer, so sangen schon viele Tausende, und der Wunsch durchdrang ihre Herzen in heißem Flehen, 'wenn sie am Rhein und beim Weine den Zauber erkannten, der die Menschen dort so fröhlich und heiter macht.
.... Gott schütze die Reben am sonnigen Rhein ....
Auf schmaleni Pfade geht es weiter den Rhein entlang. Aus frischgrünen Hecken dringt eines, Schäfers wehseliges Lied. Unter einer starken, rissigen Pappel sitzt er da, den ergrauenden Nacken über einen Strickstrumpf gebeugt, unbekümmert um seine Herde, die zwei Hunde in ruhelosem Gekläff umeilen. Ueberall Leben, Freude und Bewegung.
Durch die schimmernden Wellenhügel des Stromes bahnt sich ein langer Schleppzug schnaufend seinen Weg. Schwer und ächzend frißt sich der große Schleppdampfer in die strömende Flut. Düstere Rauchwolken entströmen dem Schornsteine des Schiffes und das Rasseln der Maschine, das Schreien der Matrosen und Flößer klingt bis zum Lande herüber. Rheinab zieht einer der eleganten Dampfer der Köln-Düsseldorfer Gesellschaft, durch seine bunten Wimpel und Fahnen als Festschiff bezeichnet. Mit dumpfen Böllerschüssen begrüßt es das Sinnbild der deutschen Einheit, die Germania, und das Vaterlandslied braust huldigend empor. Stolz Und erhaben steht sie da, die Hüterin des deutschen Rheines, von der Abendsonne in glitzerndes Gold getaucht. Mutige, deutsche Augen schauen voll kühnen Feuers zu ihr hinauf, und in den Herzen Hingt das Lied:
„Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein,
Ob sie wie gier'ge Raben, sich heiser darnach schrcin!" . .
Aus dem Rochus berge, der jetzt im Äorblick erscheint, ragt des heiligen Wundertäters Kapelle, deren Wiederherstellung Goethe in einer seiner Schriften erzählt hat. An der rheinseilen Wand des Gotteshauses leuchtet eine weiße Marmorplatte in stiller Trauer. Sie ist deut Andenken einer Studentengesellschaft gewidmet, die vor Jahr en bei einer Nachenfahrt umkam. Auf der anderen Seite erglüht die Ehrenburg unter den Strahlen der Spätjonne und ihr liebliches Bild grüßt aus den wogenden Fluten, die den alten Mäuseturm umspülen, in dem einst der Sage nach der grausame Bischof Hatto von Mäusen den Tod fand. iTatsächlich wurde früher jedoch an dieser Stelle von den Schissen ein Zoll — bayrisch Maut — erhoben, woraus der Name Mautturm, später Mäuse- turm, entstand.) Heute dient der Turm der Schiffahrt als wichtige Signalstation,_ die den Verkehr in dem gefährlichen Bingerloch regelt, wo fast jährlich trotz aller Vorsicht Unfälle Vorkommen oder Schiffe gar scheitern. Nach kurzem Besuch der Burg Klopp, deren Entstehung auf die Römer zurückgeführt wird, lassen wir uns in einem der freundlichen Wirtsgärten am Rheinufer nieder und dehnen behaglich die vom Marsch ermatteten Glieder. Drüben auf dem Rhein ziehen die Schiffe vorüber und auf beiden Ufern rollen ratternd Eisenbahnzüge vorbei: Dampf und Dunst erfüllt die Luft. Das ist die neuzeitliche Rheinromantik, in der keine Nixe mehr kosende Zwiesprache hält mit einem sehnsüchtigen, jungen Blut und es mit seinen feuchten Blicken betört, um cs zu sich hinabzuziehen in die kristallenen Paläste, wo der Nibelungen verderbenbringender Hort in leuchtender Pracht geborgen liegt. Auch Frau Loreley ist längst verschwunden und nur ihr goldenes Haar^ schimmert noch manchmal im Abendschein von der Klippe des Felsens hernieder. Kein Sterblicher mehr sah das berückende Weib. Still und ruhig ruht sie auf dem Grunde des Stromes, den einst Siegfried, der „herrliche Held", lachend befuhr, als er gen Jsenstein zog, um Brünhild für Gunther zu gewinnen. Seitdem ist der Rhein nicht aus der Geschichte der deutschen Völker geschwunden. Alle find bereit, ihr Blut für ihn zu lassen. Aber mild und strahlend fließt sein Wasser dahin, als ob das Leid ünd die Kämpfe von Jahrhunderten eindruckslos an ihm vorübergegangen wären. . . .
O, wie herrlich ist so ein Abend am Rhein. Die Sonne senkt sich im Westen strahlend hinab und mit grauen Füßen schreitet die Dämmerung über die rheinischen Fluren. Allmählich, .foringenb wie ein Irrwisch, flammt den Strom entlang Licht nm Licht auf und aus schmalen Fenstern fällt ihr dämmernder Strahl
ins mollige Dunkel. Der Mond steigt in sanfter Bahn am Himmel empor, schimmernder Glanz flutet in silbernem Schaum über die träumenden Wogen und der Duft der blühenden Reben liegt schwer auf dem abendlichen Land. 0. Nth.
was das Autzbrtt der verefina erzählt.
Schon rüstet man sich in Rußland zu den großen Gedenkieiern, die die einzelnen Phasen des welthistorischen Ringens der großen Armee mit dem russischen Riesen der Rachivelt wieder ins Bewußtsein bringen sollen; in Moskau und bei Bo>odino wird man iestlich des großen Jahres gedenken, aber im Mittelpunkt des Interesses steht doch jener kleine Weiler an den Ufern der Beresina, wo das Schicksal der Großen Armee sich endgültig entschied und wo ungezählte Tausende von jungen Menschen, die hoffnungsvoll in den Kamps gezogen waren, in den eisigen Fluten des nun welthistorisch berühmten Flusses ein furchtbares Grab sanden.
Noch heute erzählen die Felder itnd Hügel in der Umgegend von Studjänka bisweileit von dem tragischen Geschick des napo- eonis hen Heere-, das sich hier vollendete; immer wieder findet der Bauer, der seinen Pflug über den Acker iührt, verwitterte Fetzen von alten Patronentaschen und Tornistern, gebrochene Klingen und rostige Wasfenresie. Aber diese vereinzelten kleinen Funde sind, wie nachdenklich sie den sinnenden Betrachter auch stimmen mögen, bedeutungslos gegenüber denr, was das Flußbett der Beresina erzählen könnte, iuam mau sich dazu entschlöße, dem Flusse seine Geheimnisse zu entreißen. Ein Fahr nach der Katastrophe, 1813, sind schon einmal Nachforschungen in dieser Richtung vorgenommen worden, man unternahm eine Ausgrabung, die trotz ihres geringen Umfanges ganz außerordetitlich reiche Ergebtiisse halte. Damals entwand »ran den Fluten in dem Grunde der Beresina eine lange Reihe von Koffern, Kästen und Tornistern, die zum Teil den Wassern getrotzt hatten; die Geräte und Uniformstücke waren vollkommen erhalten. Karossen, Wägen und Geschützteile wurden zur Oberfläche geiorderi, ganze Berge von Geivehren, Säbeln und Ausrüstungsiegenständen.
Ein ivürttembergischer Arzt, der Augenzeuge jener Ausgrabungen war, berichtet, daß er dabei am liier „eine Menge Gold, Silber und Juwelen" gesehen habe, „goldene Uhren, Schmuckstücke, dir von den bei den Arbeiten beschäiligten Soldaten untereiliander geteilt wurden". Die aus der Umgegend herbeigeeilten Bewohner kauften zu Spottpreisen wahre Schätze, die Unmasse der auf« gefundenen Reliquien raubte dem einzelnen Stücke jeden Wert, und schließlich kaur der Befehl, die Ausgrabungen einzustellen. Doch a.t)l Jahrzehnte später zivang der Zufall die Beresina, wieder von dem großen Iah e 1812 zu erzählen. Eine der Baggermaschinen, die auf dem Oberlauf der Beresina arbeitete i, machte im August 1893 gewnüber von Studjänka fest. Nachdem die obere Schicht des Fliißbettes aiisgebaqgert war, förderte die Maschine einen schwarzen Schlamin zu tage, der sich bei näherer Untersuchung als die lieber- -reste verfallenen Pulvers erwies. Die Vulverjchicht im Flußbette wies eine Dicke von nicht weniger als 35 Ztm. au«. Man fand dann eine Fülle menschlicher Gebeine und Tierskelelte, Gewehre, Säbel, Lan.en. Helme, Sporen; auch Geldstücke und einen Lössel, der religiösen Zwecken gedient hatte; emen russischen Lössel, mit be :t den Gl iubigen der orthodoxen. Kirche die Kommunio!» erteilt wurde. Die au! diese Weise anigeinnbeiien Gegenstände wurden versiegelt nach Petersburg gesandt und fanden im Armeemuseum einen Ehrenplatz. Eingeweihte aber behaupte», daß gerade die ivertvollsteu und besten Stricke dieser Besti>nmung entzogen wurden; jedeniasis sind mehrere Fälle bekannt, in denen Leute a>ts der Umgegend für iveniges.Geld einzelne Kostbarkeiten erlangten; so bezahlte ein Backsteinarbeiter für ein goldenes Opernglas 7 Rubel und ein Neugieriger erstand ohne Mühe ein paar Pistolen. Werin die Ernte damals nicht reicher re ar, so erklärt sich das durch einen Umstand, der einige Jahre zurücklag. Damals ivar der Sommer sehr trocken nnb der Wasserstand der Beresina ungewöhnlich niedrig und zrvei große Baggermaschinen, die flußabwärts trieben, mußten aus Mangel an Wasser bei Studjänka unfreiwillig Halt machen. Sie gerieten auf Grund und zivar an der Stelle, wo in dem Jahre 1812 die beiden Brücken errichtet ivordeu waren. Durch ihr geivaltiges Gewicht preßten sie den Uferschlamnr ziisammeii, während sie gleichzeitig dem in der Strömung herbeitreibenden Sande Widerstand baten. Es entstanden Sandbänke, und so kam es, daß diese beiden Baggermaschinen bem großen Grabe im Flußbett der Beresina sozusagen einen Sargdeckel a>is Sand nnb Schlamm schulen, unter bem jetzt bie Ueberreste der Großen Armee und mit ihr zahllose Reliquien nit jene ivelihistorische Katastrophe geborgen liegen. Eine sy nematische Ausbaggerung jenes Teiles der Beresina ivürde zweifellos diese Zeugnisse einer tragischen Vergangenheit ans Licht fördern.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universikäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Giejen.


