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sondern eine ost schon von Ort zu Ort bemerkbare Mannig»- saltigkeit derselben.

Eine charakteristische Eigentümlichkeit aber dieser Sitten ist, daß sie säst durchweg mit einem mehr oder weniger krassen Aberglauben verbunden sind. Aberglauben? wird das aufgeklärte Stadtkind rufen: gibts denn das auch noch in unserem modernen 20. Jahrhundert? Ten findet man doch allenfalls noch bei alten Jungfern und hysterischen Frauenzimmern, die den Freitag für einen Unglückstag und die Zahl 13 für eine Unglückszahl halten! Und doch, auf dem Lande begegnet man ihm aus Schritt und Tritt. Ter Aberglaube begleitet die Dorfbewohner von der Wiege bis zum Grabe, von Aberglauben umwoben sind Geburt und Taufe, Hochzeit und Tod. Interessant sind besonders die aber­gläubischen Gebräuche, die mit der Hochzeit verbunden sind. Sie zu schildern ist der Zweck dieser Zeilen: vielleicht, daß ich ein ander Mal die Schilderung solcher Gebräuche fortsetze.

. Was gibt es Lieberes für ein Bräutchen in der Stadt, fernen Schatz zu Weihnachten und Geburtstag mit selbstgefertigten Hausarbeiten zu überraschen und zu erfreuen! Eine Braut aus dem Lande aber darf, wenn sie in der Ehe mit ihrem Liebsten einig blechen will, keinen Nadelstich für ihn tun. Uneinigkeit und Zwietracht sind die unausbleibliche Folge. Unglück in der Ehe bringt auch, wenn die Braut beim Backen der Hochzeitskuchen schon beim ersten Gebäck ins Backhaus kommt. Schöne Gebräuche knüpfen sich an den Rumpelwagen oderBräutwagen". Steht er fertig gepackt und geschmückt, mit Pferden bespannt zur Abfahrt bereit irn Hofe, so muß eine Taglöhnersfrau einen neuen, mit bunten Bändern und Sträußern geschmückten Reiserbesen dreimal hoch über den Bräutwagen werfen. Bleibt er hängen, oder kommt er mcht über den Wagen, so bringt das Unglück. Tie Pferde müssen dreimal anziehen und wieder anhalten, ehe es eudgiltig zur neuen Heunat geht. , Dieser Brauch findet sich auch in der Form, daß der Besen dreimal um den Wagen herumgetragen wird. Zwischen­durch bleibt die Frau jedesmal vor den Pferden stehen, die dann kurz anziehen müssen. Nachher wird er sofort auf den Wagen geworfen, wo er so liegen bleiben muß, wenn es Glück bringen soll. Nun geht es in lustiger Fahrt in die neue Heimat. Aber Uschi ungehindert, denn oft werden von ärmeren Leuten und Kindern die Pferde, angehalten und nur gegen ein Lösegeld in klingens er Münze freigegeben. Scharf wird aber beobachtet, wer zuerst auf der Fahrt ihnen entgegenkommt und den Zug zum Stehen bringt, ^zsts ein Mann, so bringt das Glück, ists eine Frau, dann Unglück. Nun kommt der Tag der Trauung. Wahrlich, es ist eine Kunst und erfordert die angestrengte Aufmerksamkeit der Braut­leute, alle die Gebräuche genau zu beobachten, damit ja das Glück im Ehestand nicht fehle. Schon mit der intimsten Brauttoilette beschäftigt sich der Aberglaube. Tie Braut muß, will sie selbst der Herr im Hause fein, das Brauthemd von unten herauf an- Swhen! Aber obs immer hilft? Tann gäbe es auf dem Land fast lauter Pantoffelhelden. Nun kommt der Gang zur Kirche. Wehe, wenn sich die Braut einmal umschaut oder auch nur nach der Seite blickt. Tann heißts: sie schaut nach einem andern aus und die Ehe dauert nicht lange; die jetzt zum Altäre schreiten zum Gelöbnis lebenslänglicher Liebe und Treue, kommen bald auseinander durch Tod oder Scheidung und das eine heiratet wieder. Auch das Wetter ist von großer Vorbedeutung für Glück oder Unglück. Starker Regen, schlechtes Hochzeitswetter bringt Unglück. Man sagt aber auch vielfach, wenn es leise regnet auf den-Gang zur Kirche, so regnet es Glück auf das junge Paar. Und steht es dann am Altäre, so kann man seine Liebe leicht ermessen. Eng aneinander geschmiegt stehen recht glückliche Braut­leute. Unglück in der Ehe bedeutet, wenn man zwischen ihnen hindurch sehen tarnt. Vor allem aber sieht man streng darauf, und das ist ganz allgemein Sitte daß nicht zwei Braut­paare am selben Tag getraut werden. Was in der Stadt oder auch nur an größeren Orten sich unmöglich durchführen ließe, wird hier fast immer möglich gemacht. Tenn nur das zuerst kopulierte Paar hat den Segen. Dem zweiten ist er genommen, es wird im Unglück heimgesucht in der Ehe. Es kommt immer wieder vor, daß zufällig in solchen Fällen Mann oder Frau frühzeitig sterben. Tas bestärkt natürlich wieder das ganze Torf in seinem Glauben auf Jahre hinaus und peinlicher noch als früher wird darauf gesehen, daß die alte Regel nicht verletzt wird. Und es läßt sich einmal nicht vermeiden, daß zwei Paare am selben Tag heiraten, dann sucht das zweite Paar sich doch den Segen zu verschaffen. Auf dem Lande ist es Sitte, daß die ganze Hochzeitsgesellschaft mit dem Brautpaar an der Spitze der Bräutigam voran nach vollendeter Trauung um den Altar zieht, um ihr Scherflein zu opfern. Tiefer Zug um den Altar geschieht natürlich wie bei der Abendmahlsfeier von links, so daß der Altar rechts bleibt. Muß nun am selben Tag noch ein zweites Paar diesen Gang tun, so geht es von rechts um den Altar. So wird der vorweggenommene Segen doch noch erlangt. Es ist die uralte Geschichte von Jakob und Esau, die sich auch heute noch in dieser veränderten Form immer wiederholt.

Es ging über den Rahmen dieser Skizze hinaus, wollte ich die Anschauungen von Gott und dem göttlichen Segen klarlegen, die dieser Sitte zu Grunde liegen, so interessant dies auch fein mag; wie es überhaupt der Mühe wert wäre, den in all diesen Gebräuchen steckenden Aberglauben nach seinen Wurzeln zu unter­suchen.

Es wäre zuviel gesagt, wollte man behaupten, alle diese Ge­bräuche würden noch in jedem einzelnen Fall so gewissenhaft wie in früheren Zeiten befolgt: es gibt auch auf dem Land emanzipierte" Leute, die sich über solche Tinge spottend hin­wegsetzen. Aber wenn auch vielfach die Jugend diesem Aber, glauben und seinen Aeußernngen zweifelnd ober ablehnend gegen­über steht dieAlten" im Hanse und in der Verwandtschaft, Großmutter, Mutter und Tanten sorgen schon dafür, daß die Jungen nichts von dem versäumen, was sie ihnen dringend ans Herz legen. Und wenn dieseJungen" selbstalt" geworden sind, machen sies nicht anders.

Frühling am Rhein.

Das erste Morgenlicht flirrt mit fahlem Schimmer über das schlummernde Mainz und ruft mich zu früher Stunde aus den Federn. Während ich mich anUeide und mein Ränzel schnüre, greift das Morgenrot in warmem Schimmer am Himmel weiter und erfüllt die Landschast^mit rotfrohen Farben. Rasch und rascher hebt sich im Osten die Sonne in purpurner Pracht und verklärt die Stadt mit ihren goldenen Strahlen. Am Gonsenheimer Tore treffe ich meine Kameraden und mit munterem Sieb gehts hinaus in den Tag, der sich in Hellen Bogen über das erwachende Land wölbt. Mit uns zieht eine Abteilung Soldaten aus der Stadt nach deinGroßen Sande". Auch sie sind heiter und froh. Lustig Hingt ihr freudiger Sang durch das Feld. Es ist als ob alles vorn Lenze geküßt wäre, als ob es in allen klinge und jubi­liere vor Lebenswonne und Lebenslust. Und doch gehen sie nur an die Arbeit, an das harteMuß" des Alltags, während wir frei und ungebunden in den Tag wandern können und uns an der Schönheit der Welt ergötzen dürfen. . . .

Durch lockeren Sand und duftenden Fichtenwald führt der Weg zürn Leniaberg, der einen herrlichen Blick auf den Taunus gewährt, der in greifbarer Nähe seine sanftgeschwungenen, wal­digen Höhen reckt. , Mit goldenen Kuppeln grüßt die griechische Kapelle durch den jungen Morgen und das Jagdschloß auf der Platte schimmert in glänzendem Weiß. Von dem in nächster Nähe liegenden, hochtürmigen Schlosse Waldhaufen, dessen Park und Anfahrt mit den zwei prächtigen Erzhirschen ein Bild voll Schönheit und Wucht bietet, hat man einen zweiten Blick auf den Taunus und den Rhein, der in der w eiten, fruchtbaren Niederung seine stolzen, grüngoldigen Fluten dahinwälzt. Zur Rechten liegt Budenheim, in ein Meer von Blüten versenkt, auf der anderen Seite des Stromes Eltville mit seinem alten Wartturm, Walluf, Kiedrich und wie die Dörfer alle heißen mögen, von blühenden Bäumen umgeben und von sprießenden Reben umgrenzt. Das ist ein Anblick, wie ihn die Welt kaum zum zweitenmal wird bieten können. Durch einen Weidenwald, der in golddoldiger Blüte steht, geht unser Weg über Heidesheim auf die Pariser Straße, die einst Napoleon I. für seine Heere bauen oder doch wenigstens ausbauen ließ. Sie führt nach Ingelheim, das schon zur Zeit Karls des Großen seine Weinberge pflegte und heute durch den würzigen Geschmack seines Rotweins weithin bekannt ist. Das alte Dörflein birgt noch jetzt die verwitterten Trümmer der alten Kaiserpfalz in feinem Innern, in der einst Karl lustwandelte und sich von den Sorgen und Lasten seiner Würde erholte. Vor uns, ganz in der Nähe wellt nun der Rhein und quer durch das Feld geht es nach Frei-Weinheim. Mit langsamem Schritt schreitet ein Bauer durch das Feld und wirft mit ansgereckten Armen den Samen in die dampfende Erde. Am Ranfte grasen seine Pferde beim um- gestürzten Pflug, auf dem ein Junge mit behaglichem Grinsen sein Butterbrot verzehrt. Weiter draußen im Feld leuchtet der rote Unterrock einer Frau, die in geschäftigem Eifer durch die Furchen geht.

Es ist allmählich heiß geworden unter der Frühlingssonne, und der kleine Wald, der sich dem Blicke zeigt, ist daher höchst will­kommen. Ragende, sattgrüne Tannen umfangen uns mit er­frischendem Schatten. Auf moosigem Boden lächelt die blauäugige Anemone, die mit ihrem gelben Herzchen und ihrem leuchtenden Silbermäntelchen reizend aus dem Grünen hervorlugt. Leider tritt diese schöne Blume fast nur in demMainzer Becken" und auch da schon spärlich auf. Aus dem nahen Gebüsch flüstert das rieselnde Plätschern eines hurtigen Wässerchens, das in pur­zelnden Sprüngen die Felsen herabgurgelt und die schießenden Gräser mit schmeichelndem Zünglein umtost. Sanfte Kühle ver­breitet sich um das lauschige Fleckchen und belebt die ermüdenden Glieder. Nach kurzer Rast setzen wir den Marsch mit freudigen Schritt fort, durch Üppige Wiesen und Felder. Vorbei an knor­rigen Weiden und altersgrauen Pappeln, die sich in einem brausend