In jähem Erschrecken erstarrt das Herz stand ihr plötzlich still gelähmt durch den über sie hinstürmenden Ausbruch seiner Lcivenschaft, ließ Eva Söllnitz geschlossenen Auges, wie in einer seligen Ohnmacht, das sekundenlang über sich ergehen; sie wußte nicht, wie ihr geschah. Aber dann kehrte ihr die Besinnung wieder. Mein Gott, was tat er mit ihr?

Mit einem Ruck entriß sie ihm die Hände.

Da kam auch er aus seinem Taumel zu sich. Er richtete sich ans. Dann aber zuckte er plötzlich wie unter einem furchtbaren Schlage zusammen. Totenblässe erschien auf seinen Zügen, und seine Hand fuhr zur Stirn. Mein Gott was hatte er getan! Er starrte mit fast entsetzten Blicken auf sie nieder, die in zitternder, selig-banger Erwartung, mit gesenkten Augen seines Wortes harrte, das ihr die volle" Seligkeit bringen sollte.

Sie harrte, mit angehaltenem Herzschlag aber das Wort kam nicht. Statt dessen drang jetzt ein dumpfer Laut wie ein unterdrücktes Stöhnen an ihr Ohr.

Erschreckt blickte sie auf. Da sah sie ihn vor sich stehen keinen Tropfen Blut im Gesicht.

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Langsam sank ihm die Hand hernieder, ein Blick traf sie, der ihr das Herz zerschnitt, dann kam es tonlos von seinen Lippen:

Ich bin zum Frevler an Ihnen geworden. Mein Gott wäre diese Stunde doch nie gekommen!"

Und abermals entrang sich ihm ein verzweifelter Laut.

Sie starrte ihn mit weit geöffneten Augen an, entsetzt, wortlos. Sie verstand ihn nicht, aber sie fühlte es: Da war eben etwas Furchtbares zwischen sie beide getreten im Augenblick höchster Seligkeit, wo das Glück sie schon gestreift hatte.

Die entsetzliche Pause dünkte sie eine Ewigkeit. Dann machte er eine Bewegung auf sie zu:

Nun ist es geschehen, was nie hätte sein dürfen; denn ich bin ein Unfreier, der nicht das Recht hat, Liebe zu zeigen, und um Liebe zu werben. Ich bin verheiratet, Frau Eva."

Wie ?"

Sie blickte ihn mit irren, weit geöffneten Augen an. Das konnte er doch nicht gesagt haben, was ihr da eben ihr Ohr vorlügen wollte!

Aber stumin bestätigend neigte sich langsam sein Haupt. Da war es ihr, als ob alles herum um sie. sich zu drehen begann. Ihre Hand tastete wie nach einem Halt.

Amthor sah es und streckte die Rechte nach ihr hin. Doch sie raffte sich im selben Moment zusammen; es war, als schreckte sic vo^ der Berührung seiner Hand zurück. Es entging ihm nicht, und ein unbeschreiblicher Schmerz spiegelte sich in seinen Zügen.

Verurteilen Sie mich nicht ungehört!" flehte er leise. Sie wissen nicht, was mich diese Stunde kostet. Lassen Sie mich Ihnen alles sagen!"

Sie sah an ihm vorbei, hinunter in die Tiefe, mit einem leeren Blick. Was konnte er ihr noch sagen? In ihrem Ohr. tönte ja unausgesetzt das eine furchtbare Wort, das alle anderen überflüssig machte: Unfrei!

Frau Eva!"

Seine bang bittende Stimme entriß sie ihrer Starr­heit. Mechanisch begann sie sich zu regen. Ihr Blick fiel drunten auf die Gesellschaft; unterhalb des Felsenvor­sprungs wurden jetzt auch ihre Bekannten wieder sichtbar, das Ende des langen, sich herabwindenden Zuges. Es kam ihr plötzlich zum Bewußtsein, wie weit zurückgeblieben sie hier waren, und unwillkürlich begann sie bergab zu gehen, des Weges achtlos, nur schnell, schnell den anderen nach.

Amthor schritt an ihrer Seite. Noch immer hatte er keine Antwort auf seine Frage.

Sie wollen mich also nicht hören?" Eine unendliche Trauer klang aus seinen Worten.

Ja so er hatte sie ja vorhin da etwas gefragt. Es kam ihr wieder in Erinnerung.

Doch aber nicht jetzt. Vielleicht morgen später."

Mit müdem, gleichgültigem Ton erwiderte sie es. Da sprach auch er nichts mehr. In todestraurigem Schweigen gingen sie beide nebeneinander her.

XIV.

Im Damensalon des Schiffes, der auch als Schreib­zimmer diente, saß Amthor und schrieb. Es war in der vierten Morgenstunde. Der mattgelbe Schein der nächt­lichen Polarsonne fiel durch die Scheiben, ein eigenes, geheimnisvolles Licht erzeugend, das die Gegenstände im Raum mystisch umfloß. Lautlos still und verlassen lag das Gemach, nur ganz vorn, vom anderen Ende des Decks, drang dann und wann ein gedämpfter Hall, aus dem Rauchsalon, dort saßen noch die letzten unermüdlichen Schwärmer beim Sekt und feierten die Polarnacht.

Blatt auf Blatt vor Amthor hatte sich mit seinen festen Schriftzügen gefüllt. Nun schrieb er die letzten endenden Zeilen, langsamer, jedes Wort in seiner vollen Schwere empfindend." Dann legte er die Feder aus der Hand und tief aufatmend lehnte er sich im Stuhl zurück. So ver­harrte er einige Augenblicke mit geschlossenen Augen; dann beugte er sich wieder vor. Noch einmal nahm er die Blätter auf und überlas, was er da eben niedergeschrie­ben hatte:

Liebe, liebe Frau Eva!

Wenn Sie mich auch vorhin erkennen ließen, daß Sie einer Aufklärung von meiner Seite nach dem, was ge­schehen ist, kein Interesse mehr entgegentrügen, so muß ich doch zu Ihnen sprechen. Und ich bitte Sie, wenn ich Ihnen je etwas gewesen bin, versagen Sie mir diese letzte Bitte nicht. Ich ertrage es nicht, ungehört von Ihnen ver­urteilt verachtet zu werden. Glauben Sie mir: Ich bin ein so mit Leid Beladener, daß Sie mir das nicht auch noch antun dürfen. Die nachstehenden Zeilen werden es Ihnen zeigen und Ihnen zugleich dartun, daß ich nicht ein Abenteurer bin, der ein frivoles Spiel mit einer schon genug vom Schicksal heimgesuchten Frau getrieben hat.

Sie wissen, daß ich Ihnen auf unserem ersten Ritt in Island sagte, daß mich ernste Pflichten dort festbannten, in jenes Haus des Grauens und der Trauer, das ich Ihnen von ferne zeigte. Ich sagte Ihnen aber nicht, welcher Art diese Pflichten sind. Ich tat es nicht, weil ich über mein Unglück seit Jahren nicht mehr spreche, weil ich nicht durch das Aufrühren alten Leids meine nur mühsam errungene Ruhe wieder aufs Spiel setzen wollte.

Ich bin verheiratet, Frau Eva, Sie wissen es ja nun bereits aber nun mögen Sie auch alles wissen: Ver­heiratet mic einer lebendig Begrabenen, die jenes Haus beherbergt das ist die Pflicht, die mich auf Island fest­bannt.

(Fortsetzung folgt.)

hgchMzgebräuHe im Vogelsberg.

Ein Beitrag zur Volkskunde Oberhessens von A. S.

Nichts ist interessanter als die Verkiesung in die Sitten und Gebräuche der biederen Dorfbewohner. Denn während das Leben der Stadtbevölkerung in unserer rasch dahinflutcnden Zeit mit ihrem Erlisten, Erraffen, Wetten und Wagen schon seit mehr denn einem Menschenalter nüchtern und poesielos geworden ist, finden sich im Torfleben noch so viel poesiereiche und ge­mütvolle Gebräuche, das; man sich in die Zeit unserer Urgroß­eltern zurückversetzt glaubt. Freilich, der oberflächliche Beobachter sieht und merkt davon nur sehr wenig; er sieht nur die rauhe Außenseite mit all ihrem nüchternen Tun und Treiben. Tas Gemüt des Bauern bleibt ihm ein unbekanntes Gebiet, zumal der Landmann nur schwer einem Fremden einen offenen Blick in diese Seite seines Lebens tun läßt. Man muß schon jahrelang unter ihnen leben und ihr Vertrauen gewinnen, und ein auf­merksames Ohr und einen scharfen Blick für all die Tinge haben, die den meisten entgehen. Freilich ist wohl zu unterscheiden zwischen den Dörfern, die in entlegener Gegend, fern dem hastenden Ver- kehx, in Weltabgeschiedenheit viel länger am Althergebrachten festhalten und wohin die moderne -Zeit mit ihrer Aufklärung und Nüchternheit nur sehr langsam vordringt, und der m un­mittelbarer Nähe der Industriestädte liegenden, in beständigem Wechselverkehr mit der Stadt stehenden Orten, in dem der seit Jahrhunderten eingesessene Bauernstand von der stetig wachsenden und wechselnden Arbeiterbevölkerung in Zahl und Einfluß und Sinnesart verdrängt wird. Und auch wieder in abgelegener Gegend, wie etwa im Vogelsberg, beobachtet man, nicht eine sich auf größere Gebiete erstreckende Gleichheit der Sitten und Gebräuche,