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Der König von Thule.
Roman von Paul Grabern.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Den Schluß des kleinen Zuges machte Amthor und Mr. Sanderham, dessen Gattin mit Frau Eva ihnen vorauf ging. Eine halbe Stunde fast wanderte man über das Plateau des Gebirges hin, durch die starre Felsöde; die Kosten der Unterhaltung wurden fast ganz von Kapitän Neidhardt bestritten, der, mit noch einem Herrn vorauf- gehend, lebhaft in seiner humorvollen, drastischen Art erzählte, von früheren Nordlandsfahrten und einem Besuch in Spitzbergen.
So kam man an den Rand des Plateaus, das nun in einer tiefen Auskehlung zu der kleinen Meeresbucht darunter abfiel, wo, wie dunkle Punkte, die Boote lagen mnd weiter draußen auf der goldflüssigen Flut die „Hamburg" wie ein Kinderspielzeug schwamm.
Der Weg war ziemlich steil und durch loses Geröll etwas beschwerlich. Nach wenigen Schritten, wo der Pfad gerade in scharfer Biegung um einen Felsen führte, glitt denn auch Mrs. Sanderham schon aus, und ein kreischender Aufschrei rief nach Hilfe. Schnell war der Gatte bei ihr, noch vor den beiden Herren darunter, und sie klammerte sich ängstlich an ihn.
„Bleib bei mir! Laß mich nicht allein gehen, Dick, auf diese miserable Weg!" bat sie dringlich, und der gutmütige Gatte diente ihr gern als Stütze.
Eva Söllnitz blieb so einen Augenblick sich selbst überlassen; diese lang ersehnte Gelegenheit benutzte Amthor, um an ihre Seite zu treten. Mit geheimem Erbeben fühlte /sie ihn herankommen. Nun wär ja der Moment da, vor dem sie sich so bangte, dem sie so aus dem Wege gegangen war, und schon tönte ihr seine Frage im Ohr:
„Warum fliehen Sie mich, Frau Eva? — Was haben Sie gegen mich?"
Es klang aus seinen Worten eine so große Trauer; da konnte sie ihm nicht länger ausw'eichen.
„Nichts gegen Sie!" versicherte sie, und ein beteuernder Blick traf ihn.
„Was dann aber?" Mit tiefster Sorge fah er auf sie. „Sie sind ja seit gestern ganz verstört."
Ein letztes Zaudern noch, schwer atmete sie; dann gestand sie leise und stockend, den Blick vor sich auf den Boden heftend:
„Ich habe etwas Furchtbares erlebt. — Als ich mich gestern von ihnen trennte und in meine Kabine kam — fand
ich einen Brief —" es würgte ihr in der Kehle, „diesev Brief war anonym."
„Wie?" Ein Ahnen schoß wie ein Blitz in ihm aus. „Anonym?"
Sie nickte nur schweigend in stummer Qual. Ach, wenn sie doch nichts weiter zu sagen brauchte!
„Nun versteh ich!" 'Er blieb in zitternder Erregung vor ihr stehen. „Dieser Brief enthielt Verleumdungen — Verdächtigungen gegen Sie?"
Wieder ein stummes Nicken. Aber es sagte ihm genug.
„Ah — diese Elenden! Diese —" ein unterdrückter Zornlaut entfuhr ihm, und fußstampfend ballte er die Faust nach der Gesellschaft, die drunten unterhalb des Felsvorsprungs, wie eine endlos lange Schlange sich auf dem Zickzackweg den Hang hinab zog. Dann aber kehrte er sich ihr wieder zu.
„Aber warum sagten Sie mir das nicht schon längst? Warum auälten Sie siw damit allein?"
Es kam keine Antwort, doch tiefer senkte sich ihr Haupt.
„Frau Eva." Sehr ernst klangen seine Worte. „Sind wir denn nicht Freunde?"
Er sah,, wie sie noch einmal mit sich rang; dann aber raffte sie sich entschlossen auf, als würfe sie eine falsche Scheu von sich, und blickte ihm voll ins Gesicht:
„Nun zwingen Sie mich zu sagen, was ich Ihnen hatte verschweigen wollen. Die Verleumdungen in jenem Briefe, sie trafen nicht nur mich, sondern — auch Sie!"
Einen Moment stand Amthor, noch ohne Verständnis; aber wie er jetzt ihr Haupt sich senken sah, wie eine flammende Röte auf ihren Wangen erschien, begriff er.
„Man hat Sie — man hat unsere Beziehungen —?" Sie zuckte, statt jeder Antwort, nur in sich zusammen. Da kam, sein Herz erschütternd, das volle Verstehen über ihn: Um ihn hatte sie gelitten, die furchtbaren Qualen tödlich verletzten Frauenstolzes — allein, ohne jede Hilfe — gelitten bis zum Zusammenbrechen! Hatte er sie nicht getrieben, ihren vertrauten Verkehr frei vor aller Welt zu zeigen? Und nun hatte sie es büßen müssen!
Seine Augen begannen zu zittern. Wie sie. die Zarte, Schwache und doch so Tapfere, in frauenhafter Scham erglüht da vor ihm stand — so süß, so begehrenswert! Und all das, was in diesen Tagen cm Sehnen in ihm zurückgedrängt worden war, das brach jetzt leidenschaftlich in ihm aus, brausend, unaufhaltsam, alle Vernunflsschran- ken hinwegreißend, wie ein aufbrandendes Meer.
„Eva — Eva!"
Ehe sie es hindern könnte, hatte er ihre beiden Hände ergriffen, und nun brannten seine wilden, inbrünstigen Küsse wieder und immer wieder auf diesen kalten, leidenszarten Händen.


