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stiefeln gar nicht in die schmalen SteigWgel fahren konnte, rutschte er rückwärts vom Pferde und fiel ins Gras. Aber rasch entschlossen sprang er wieder auf den Gaul und zwang ihn durch seinen Schenkeldruck zum Gehorsam.
Nun ritten sie fort. Immer stiller ward! es ini Wald. Die Stimmen des Biwaks verklangen immer mehr, und nach fünf Minuten hörten sie das Raunen der Baumkronen und den schüchternen Gesang der ersten erwachenden Vögel. So stießen sie durch den Wald. Weit, weit hinter ihm blitzte es auf, erst zaghaft und selten, dann immer heftiger und dazu ertönte dumpfes Surren und Brummen durch die 8uft. Das kam von den An- When von Lipa und Chlum und Rosbieriz, wo die Oesterreicher wte vorzügliche Artillerie aufgestellt hatten, die nun ihre Eisen- fmcke rn die Reihen der ersten und zweiten Division des preußischen Gardekorps schleuderten.
Sonne schien wieder zur Ruhe gehen zu wollen, graue schlierige Nebelschleier schoben und drängten sich am Himmel und ganz, ganz feiner Regen fieberte hernieder. So begann die Schlacht von Sadowa. —
--Verdammt! Bei solchem Nebel soll ein Mensch was sehen!" sagte Ewers und hielt seinen Gaul an. Er drehte sich um und suchte seinen Kameraden. Der hatte sich weiter nach rechts ge- weirdet und rief ihm zu: „Ewers, ich werde mal hier am Sumpfe entlang reiten, drüben am Buschsaum treffen wir uns wieder." Wre kann einer im Kriege sagen, dort treffen wir uns wieder?!
So ritt Ewers allein-über die Heide. Hier sprang ein Hase Ulf, Itef zehn Ellen weg und machte Männchen und blickte den Rerter mit großen Augen an, und dann humpelte er in den Kohl. Was war ihm Krieg? Was waren ihul Reiter und Heide? I Mechanisch starrte Ewers dein Hasen nach. Sein Geist war wach und rege, fern Körper matt und siech. Gestern elf Stunden
marschiert und zwei Stunden im Gefecht gelegen, in vergangener Nacht zwei Stunden als Außenposten gestanden, dazu nichts im Magen als etwas schwarze Brühe, die man Kaffee nannte, und I E Handvoll Kartoffeln, halbreif, wie sie Anfangs Juli sind.
Er dachte an die Heimat jenseits der Grenze, an sein sächsisches I Warum mußte er hier im Böhmerlande durch die Heide I retten, wo sie doch daheim sich zum Kornschnitt rüsten, warum I nfußte er gegen seine deutschen Brüder kämpfen, die ihm doch I nufytS getan?! Der König will es so, da heißt es gehorchen! I faste eine Stimme in seiner Seele. Aber zu Hause reist das Korn, — und die Mutter hat nur einen Sohn. Wer schlägt dem I Vater das Korn und wer gibt der Mutter den Sohn zurück?! Auch der König?! Heinz Ewers fuhr zusammen und reckte sich ^Efn,und halblaut sagte er zu sich selbst: „Pfui, Heinz, das sind schlechte Gedanken und eines Soldaten nicht würdig." ,, ,®r stieg vom Gaul Und streckte beide Hände tief in die tau- I feuchte Heide und strich sich dann mit den nassen Händen über I Augen und Stirn. O, das kühlte und tat gut
Er führte das Roß am Zügel und schritt dem Busche zu.
toa8 %ar das? Ern Ruf, — ein Hilferuf, rechts von ihm. I MErs! Ewers! — Gefreiter Ewers!" Aber leise, heiser, er- stEnd. Er blieb stehen und lauschte. Wieder der Schrei, heiser Und doch markerschütternd. Und nun ein dumpfes Stampfen und Planschen unb angsterfüllt^ Pstrdewiehern. Da schoß ihm der
hUTC^ru enr r der Sumpf! Er schwang
sich auf den Gaul, hieb das müde Tier, das am Tage vorher f^,UVr$ertVlen nar< m,t der Faust in die.Weichen und jagte nach I
<ieß ihn ergrausen: Mitten im a!; x C %?et. ^^fcnde Geschöpfe — ein vor Todesangst rasendes I und auf seinem Rücken stehend ein Soldat. Sie sanken I Und sanken und wurden immer kleiner und Ewers stand am Rande und konnte nicht helfen und mußte zusehen, wie der treue Kamerad in den Tod hinabgezogen wurde. Er biß sich auf die Zahne und wandte sich ab, er hieb sein Pferd mit den Fäusten I tob stieß ihm die Stiefelabsätze in die Weichen und jagte über I £lL ■' ^rt sollte er, — nur dieses klägliche
Hilfeschreien, dieses dumpfe -Stampfen und maorische Pantschen wollte er nicht mehr hören. — I
k a!*L?ufdV Da blickte er sich um und lauschte. Alles war still und Nichts mehr war zu sehen. Er stieg ab, lehnte ein Iferd, faltete die Hände vor die Brust und betete!
^chte er mit dem Handrücken eine Träne I
,^en Augen und stieg den Pfad aufwärts. Ja, ja — im Krieg I farnt man manches, da lernt man auch beten. Wenns den ersten I Kameraden von der Seite reißt, wenn einem die tausend spitzen I erltgegenblitzen, dann zwingt sich ein Gebet, kurz, aber
mV . .^orch^die Lippen. Wenn man am schwelenden I Wachtfeuer sitzt und in schweigender Nacht in den Himmel starrt, I ba kommen tote einsame, müde Wanderer allerhand Gedanken tn die Seele, da steht man Bilder von Vater oder Mutter und all den Lieben tu der Seintat und die Fäuste, die noch am Tage den Kolben auf seine Mitbrüder niedersausten ließen, diese selben Fauste falten sich ineinander und die Lippen murmeln ein Gebet I — Unj> tpie viele Gelöbnisse an Gottvater und unsre Mitmenschen - werden tn solchen Stunden geboren?! Und auch Heinz Ewers I hatte soeben gebetet und gelobt, und nun dachte er: Jetzt kann es nun getrost vorwärts gehen. Und er zog den müden Gaul I 1 nad) sich, bis die Lehne so steil und steinigt wurde, daß das I ' Stier nicht weiter konnte. Da schlang er den Zügel um den ver- j ■ krüppelten Ast einer Jungbirke und wühlte in feinem Brotbeutel. I '
| Stück Feldzwieback, trocken und schmutzig, war alles, was er I !• . 5. Das gab er dem Pferde und ein Büschel frisches Gras | ^erdrem. Daun streichelte er ihm den Hals und ging.
I Mühsam klomm er empor, hastig und ohne bestimmtes Ziel, aber immer seme Aufgabe im Sinn: Du sollst auf die Höhe, um
I ins jenseitige Tal nach Feinden zu spähen.
I ...Da horte er auf einmal einen Höllenlärm, der mit jäher, I m „ Hast uaher kam. Es war ein Stampfen und Rollen und Poltern, ein Schreien und Rufen, ein Knirschen und Klirren, und D? W Ungewitter sfab es heran: Vier — acht — zehn — zwanzig Geschütze osterreichlfcher Artillerie, ein Ruf, ein Ruck — Stille, dann geschäftiges Treiben von hundert Menschen, Kommando-
I rufe, dampfende, zitternde Pferde, die man rückwärts fortführt/ I „"Du! , Sachs! Bitt schön, mach dich weg da
| vorn, sonst kriegst was ins Kreuz!" Das brachte den staunenden
Ewers zu sich, er sprang zur Seite und einen Augenblick später Dachte cs auch schon, Nicht zehn Schritt weit von ihm, und ein
I Feuerstrahl huschte dicht an ihm vorbei, und nun hielt ein Reiter neben ihm, starr wie ein Standbild, einen Feldstecher vor den Augen. U?b+,ber jetzt nach der Batterie, die soeben
a-Ä CV, -schritte zu kurz!" — und hui! wieder
em Krach, und der Retter: „Bravo! Noch 50 Schritt höher'" r-Jlnb^ns.Begann eine Höllenmusik aus 24 Schlünden. Aber brühen bet den Preußen schlief man auch nicht, und jetzt kam
I ew Luftzug. Donnerwetter! Und jetzt flog dem Soldaten Ewers etwas Feuchtes an die Backe und klatschte dann vor ihm nieder,
I JV1 x ats er hlnsah, war es ein blutiger, zersetzter Männerarm, I aer geballten Faust noch den Feldstecher, und vor ihm, wo eben noch der Offizier zu Pferde gestanden hatte, wälzte sich
I fantttofe 9l(if|e am Boden, von der er nur noch einen Pferdekopf erkannte, ans dem ihn zwei große, gläserne Augen | grausig anstierten Er wandte sich ab und rannte fort. „Halt! I Dageblieben! Sachs, verfluchter Kerl! Wo willst du hin?" Er j £aiV> und ent Offizier ritt auf ihn zu. „Greifen Sie mit zu, | Kerl. Jede Faust wird gebraucht."
. , zurück, Meldung bringen. 7 Uhr 30 Minuten
muß ich bei meiner Truppe fein."
. . . Ihre Truppe sieht doch, daß wir vorgerückt sind
und den Hügel besetzt halten. Außerdem finden Sie Ihre Truppe m diesem Schlachtengewühl nicht, die haben sicher auch langst ihre Stellung verlassen. Also greifen Sie mit zu!" Und so rannte
I fr zum nächsten Geschütz und schleppte Munition herbei, wie es ihm die Kanoniere befahlen, und wenn das Geschütz nach jedem Schuß zuruckrollte, weil sie noch nicht Zeit gehabt hatten, es ein- zugraben, griff er mit in die Speichen und rollte es vor.
Das war ein Kampf. Hölle! Heißer Kampf! Da bäumte fto wer einer auf und fiel dann platt nieder, dort drehte sich einer tote ein Kreisel oder machte einen Luftsprung oder hielt- sich mit beiden Händen den Bauch, daß ihm die Gedärme nicht I heraussielen, dort kroch einer in sich zusammen und wird immer Heiner und lag nun wie ein Haufen neben dem Geschütz. Und em Feldprobst kam und spendete den Sterbenden Trost, aber ein grober Hauptmann rief: „Tun Sie mir bloß den Gefallen und gehen Sie weg oder machen Sie sich nützlich, aber lassen Sie hier im Feuer Ihren Salm, — Sie machen mir die andern bloß kopfscheu!"
Da griff der Probst, der ein wackerer Geselle war, tüchtig mit zu und achtete nicht des Geschoßregens, mit welchem die preußischen Grenadiere ihren Sturm auf die Anhöhe vorbereiteten. Er führte Leichtverwundete weg und nahm einem getöteten Sanitäter den Verbandskasten ab und verband, so gut er konnte, und stärkte dort einen, der vom Anblick der blutigen Fleischfetzen, die am Geschütze klebten, schwach geworden war, durch einen Trunk W ast er.
Die preußischen Geschütze drüben wurden stiller und stiller. ^a, Kinder, bindet nicht mit österreichischer Artillerie an, die versteht ihren Kram, und alles, alles gezogene Geschütze! Aber die Garde! Die preußische Garde! Wenn es die nicht gäbe?! Wie sie durch die Ebene flitzten, jetzt am Fuße deS Hügels, jetzt aufwärts, immer aufwärts! Die Kanoniere greifen zu Säbel Ä^^volver Stiimm stehen die Geschütze. Jetzt sind sie am Buschsaum. Em Brüllen, ein wahnsinniges Brüllen, ein Wut- und Kampf- und Mordgeschrei, — und nun sind sie da, die baumlangen Kerle. Das prasselt anders, das sind Zündnadel- gewehre und Hinterlader! Und einen heißen Strick spürt Heinz Ewers an der Wange. Er wischt sich mit der Hand drüber" und duckt fich gleichzeitig und hebt einen daliegenden Offiziersdegen auf, und er sieht, wie ein blutjunger Grenadier mit fröhlichen Augen und ohne Helm sein Gewehr auf ihn anlegt. Da brüllt er auf und stürzt vorwärts und schlägt mit seiner harten Bauern- faust den Degen mit furchtbarer Gewalt über den Kopf des Grenadiers, daß der Stahl im Haupte bleibt und er den Griff tn der Hand behält, — und der junge Bursche sinkt nieder, das lange Eisen im Kopfe. Und Ewers ergreift das Geivehr des Gefallenen und rennt es einem preußischen Leutnant in den Leib und stolpert mit hin und der Offizier schlägt 'ihm dreimal den Revolver ins Gesicht und schreit: „Da! Da! Da!" und stirbt, und Ewers ivill sich aufraffen, obgleich er vor Blut nicht aus den Augen sehen kann, aber fein linkes Bein ist wie gebrochen und schmerzt, wahnsinmg und aus dem Stiefel quillt Blut im Hellen Bächlein. Und er stützt sich auf und feuert feinen Revolver,


