Ausgabe 
4.4.1912
 
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Men Profil sah er ihr sympathisches Gesicht mit den schonen dunkeln Augen, die für ihn etwas Rührendes hatten, wohltuenden Gegensatz zur Sicherheit ihres Auftretens, das die Frau von Welt bekundete, lag in ihren Blrcken bisweilen etwas so kindlich Bittendes, Vertrauens­volles wenigstens wie sie ihn anzuschauen pflegte.

Es war die erste Frau, wirkliche Dame, die Amthor sert langen Jahren sah. Er verkehrte kaum in den lFamilien Reykjaviks, und die Frauen, denen er dort gelegentlich begegnet war,, hatten in ihrer ihm fremden, anspruchslosen und zugleich geistig wenig entwickelten Art aus ihn, der anderes gewöhnt war, kaum irgend einen Eindruck ge­macht. . So hatte er denn, soweit er überhaupt Verkehr unterhielt, fast stets nur Männer um sich gesehen, und diese Berührung nun mit Frau Söllnitz war wirklich ein Ereignis für ihn.

Im Anfang ihrer Bekanntschaft hatte er Frau Söllnitz mit einer starken Zurückhaltung, ja mit leis ironischer Kritik gegenübergestanden; mußte er sie doch nach allem Aeußeren für eine jener Weltdamen halten, die ihm in tiefster Seele zuwider waren. Um so sympathischer war ihm aber nun ghr Wesen, wo sie sich ihn: zu erkennen gegeben hatte, und un­merkbar spann ihn immer mehr der ganze Zauber seinen Frauenwesens ein, der von ihr ausging dieser Zauber, den er hier in seiner freudlosen Einsamkeit so lang entbehrt hatte und daher nun doppelt froh als eine Wohltat empfand.

Drei Stunden oder mehr saßen sie nun schon so imj Sattel, zumeist in flottem Galopp bergan sprengend.

(Fortsetzung folgt.)

3m Morgenrot.

Von Max Karl Böttcher -Chemnitz.

| Heinz Ewers ritt langsam und vorsichtig am Waldrande I fan- hinter bem Hügel schob sich ganz, ganz sacht der Sonnen- | ball hoch, und blutrot huschten die ersten Strahlen in die Täler. I Heinz zog die Zügel an und der Gaul stand. Wie der Helm I drückte und die Schenkel schmerzten. Heinz war Infanterist "und I saß doch zu Pferde. Das war so gekommen. Seine Kompagnie, I verstärkt durch einen Halbzug der Königlich Vierten, lag am weckesten rechts und hatte die Ausgabe erhalten, ein kleines

I Wäldchen, au welches sich ein elender Sumpf anschloß, besetzt zu I halten und so die ganze Flanke der aufgerollten verbündeten I sachspcheu und österreichischen Armee zu sichern.

Eine verteufelte Aufgabe, zumal am Abend noch der Befehl gekommen war, unbedingt den Wald zu halten, was ja mit Hilfe des Sumpfes, der sich weit rechts vom Walde ausstreckte, immerhin mit dieser kleinen Streitmacht bei genügender Munition möglich war, denn der Feind konnte von dieser Seite nur durch einen Engpaß kommen, dessen Einmündung in die Ebenen vor dem Walde vollständig unter dem Feuer der Waldbesatzung stand.

In der Nacht kam nun wiederum ein Depeschenreiter und meldete dem Hauptmann von Löser: Bei Sonnenaufgang habe eine reitende Gefechtspatrouille in die Gefilde westlich der rechten Flanka vorzudringen, um die Annäherung der Preußen von dieser Seite festzustelleu. Die Avantgardenkavallerie werde in der Nacht die dazu nötigen Mannschaften senden. Die Nacht verging, aber keine Kavallerie traf ein. Wie später festgestellt wurde, waren! sie tatsächlich abgeschickt worden, aber wo sie geblieben, hat nie ein Mensch erfahren. Man verinutet, daß sie der wüste Sumpf verschlungen.

Da trat am dämmernden Morgen der Hauptmann v. Löser- unter die Reihen seiner Soldaten, die am verglimmenden Wacht­feuer saßen und schweigend und mit dumpfer Spannung den Kanee tranken, und er sagte:Wer von Euch kann reiten?"

Hier, Herr Hauptmann!"

Sie, Gefreiter Ewers? Schön! Wer noch?"

Hier. Soldat Meinig."

Der Hauptmann überlegte eine Weile und sagte dann:Macht Euch fertig Kavallerie habe ich nicht, aber den Befehl vom Obercommaiido muß ich unbedingt ansführen, also muß ich mir selbst Kavallerie bilden. Sie, Ewers, nehmen mein Dienstpserd und Sie, Meinig, meinen Reservegaul. Aber Vorsicht! Himmel­kreuzdonnerwetter, Vorsicht!! Schreibt's Euch hinter die Ohren. Hhr reitet am Walde hin, umreitet den Sumpf und 'dann 'erklimmt ^phr den Paß rechts der Schlucht, seht, die sich da drüben, rechts des niedrigen Gestrüpps, nach Süden zu erstreckt. Dort müßt Ahr, einen samosen Ausblick ins Gelände haben. Wenn Ihr das Geringste vom Feinde wahrnehmt, meldet einer. Der andere blerbt und beobachtet die Bewegung des Feindes. 7 Uhr 30 Mi­nuten müssen spätestens alle beide zurück sein. Los!"

, .Ibrnz Ewers verbarg sein Gewehr unter einem Busch, des­gleichen Mernig. Dann steckten beide die Revolver, die ihnen der Feldwebel reichte, zu sich und bestiegen die Pferde. Des! Hauptmanns Dienstpferd bäumte sich auf, und da Ewers keinen Halt rn den Bügeln hatte, weil er mit seinen breiten Koinmis-

Gcwiß kamelshären, imprägniert!" scherzte er, seinen Wettermantel ineineud, den er ebenso verpackt hatte.

Also dann frisch vorwärts!" ermunterte sie.Es wäre ja freilich bei Sonnenschein schöner gewesen; aber diese schwere Regeiistimmung hat auch ihren Reiz. Machen wir einen Galopp?"

Hallo komm!"

Sein Zuruf trieb die Tiere in schneller Gangart vor­wärts, und so flogen sie in gestreckten Sprüngen über die Ebene hin. Es war derselbe Landschaftscharakter, wie sie ihn schon vorgestern kennen gelernt hatte. Baum- und strauchlos, in eintönigem Grau dehnte sich das steinige Feld. In sanften Wellen bewegte sich so das Terrain, all­mählich steigend, zu den Bergen hin, wo ein grüner Anflug dürftiges Weideland für verkümmerte Rinder und Schafe verriet. Kein Haus, keine Hütte, kein Tier, kein Mensch war zu sehen wie ausgestorben war die ganze Gegend.

Empfinden Sie denn auch immer wieder die Traurig­keit dieses öden Landes?" wandte sich Frau Söllnitz an Amthor.

Nur zu oft," bestätigte er.Das Sehnen nach dem deutschen Wald, nach grünen Auen und goldenen Saaten wird oft sogar übermäßig in mir."

Wie lange sind Sie schon nicht mehr in die deutsche Heimat gekommen?"

Zwölf_ Jahre."

Und diese ganze Zeit haben Sie ununterbrochen hier gelebt?"

Er nickte nur ernst.

Wie schrecklich !" bedauerte sie ihn. Eine Weile hing sie stumm ihren Gedanken nach; dann kehrte sie sich ihm wieder zu. Zögernd kamen ihre Worte:

Halten Sie mich, bitte, nicht für neugierig aber ich versetze mich so in Ihre Lage ich kann es so schwer verstehen, wie sich ein Mann wie Sie gerade einen solchen Wirkungskreis wählen konnte."

Ein Schatten verfinsterte seine Züge. Er antwortete nicht gleich, und dann nur kurz, wie abwehrend:

Es war Ehrensache Pflicht für mich."

Sie schwieg. Sie Merkte wohl, er hatte Gründe, nicht darüber zu sprechen; aber es machte sie doch etwas traurig, daß er so wenig mitteilsam war, nachdem sie ihm gestern so viel Vertrauen geschenkt hatte.

Er fühlte das wohl, und mit wärmerem Ton wandte er sich nach einigen Augenblicken an sie:

Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht weiter über diesen Punkt ansspreche. Es ist nicht Mangel an Vertrauen," er blickte ihr voll ins Gesicht,ich könnte Sie in mein I Innerstes sehen lassen wahrhaftig! Aber die Worte kommen mir nur schwer über die Zunge, wenn es sich um mich handelt, und vollends hier, wo ich an Dinge I rühren müßte, die für mich tot sein sollen."

Seine ehrliche Art und die Versicherung seines Ber- I trauens zu ihr taten ihr herzlich wohl; aber doch schmerzte es fte, daß sie ihm nicht ein wenig geben konnte, so wie er rhr gestern abend mit seinem teilnahmsvollen Anhören I und Mitempfinden.

Sie sind sehr stolz und unnahbar," Sagte sie.Ich I glaube, Sie haben den Ehrgeiz, alles mit sich allein ab- I zumachen, und brauchen gar keinen Menschen, der Ihnen I zur Seite steht."

Sie überschätzen mich," gestand er, und ein tiefer Atem­zug entrang sich ihm.Auch ich habe meine schwachen I Stunden, wo ich die Hand suchend nach einer Freundeshand | ausstrecke, die mich in stummem Verstehen drückte."

Wirklich?" Ihr Blick suchte den seinen. Es kam Plötz- | nch so warm über sie, ein tiefes Mitleid und der treibende Wunsch, daß sie dem einsamen Manne da diese Freundeshand breten konnte. Die Worte drängten sich ihr auf die Lippen chnr das in ihrer umpulsiven Art zu sagen; aber frauen­hafte Scheu verschloß ihr den Mund.

verstand, was in ihr vorging, und ein warmer Blrck dankte rhr, doch keines von ihnen sprach ein Wort. Ihren Gedanken nachhäugeud, ritten sie, jetzt wieder im I .Schrrtt, weiter. j

Von Zeit zu Zeit richtete Dr. Amthor sein Auge aus LL,«n wema vor ihm ritt. Trotz der geraden Haltung I?* j^tet hatte ihre Gestalt in ihren Linien, in dem weichen I

Bewegungen, doch etwas sehr Anmutiges.

h"ig lhr im feinen Nacken der I schwere, tiefe Knoten ihres reichen Braunhaares, und im |