6
Solch armes Hosbämchen hat es schwer, Hub nun hat Eigne doch ihre wundervolle Stimme —"
Onkel Reinhard hatte sich noch eine Birne von Dodo schälen lassen und aß sie behaglich auf, während Frau Ida sprach. Erst als er das letzte Stückchen verspeist hatte, unterbrach er sie: „Glaub ich ja alles. Nur laßt mich ans dem Spiel. Ich bin immer gefällig, ich helfe immer gern. Eure Jungens könnten euch davon auch allerlei er- fählen, was ihr nicht wißt. Na, Gndarcza, guck mich nicht o an. Dabei ist gar nichts, wenn ich den Beugels mal mit sechs Dreiern aushelfe. Aber das mit der Signe — ne, damit verschont mich. So — und wenn's euch nun recht ist, dann stehen wir auf, und ihr gebt mir irgend ein Sofa. Ich schlafe ja sonst nachmittags nie, aber heute fühl ich wirllich solch menschliches Rühren . . . Mahlzeit!"
„Wie peinlich —" dachte Gndarcza wieder, während er dem Alten die Hand schüttelte. „Wenn doch Ida geschwiegen hätte... zu peinlich, an meinem Tisch diese Absage." Und Frau Ida hatte ein rotes Gesicht bekommen.
Schweren Schrittes ging Reinhard zur Tür. Er hatte die Klinke aber noch nicht in der Hand, da kam Dodo wie ein Wirbelwind, umfaßte ihn: „Du, Onkel, ich hab's mir überlegt. Das gilt doch noch mit dem Wunsch — was? ■— und dem Kuß. Ein Mann»— ein Wort."
Er beugte sich über das lachende Mädchengesicht und lachte mit. „Aber natürlich- du schwarzer Deibel! Ein Mann — ein Wort!" Und sie küßte ihn redlich auf die dicken Lippen. „So . . . ein Mann, ein Wort, Onkel! Jetzt wirst du Signe Helsen . . . dem: das ist mein Wunsch."
„Du Schlansuchs!" Der Alte schien sich köstlich zu amüsieren. Er hielt die zierliche Gestalt fest an beiden Schultern zwischen feinen Riesenhänden. „So willst du mich fangen? Gar nicht so dumm. Gar nicht so dumm, Nur hat die Geschichte einen Haken, Dodochen, du Schäfchen. Denn das Tauschgeschäft Knß und Wunscherfüllung bestand unter der juristischen Voraussetzung meinerseits, daß du dir was wünschtest. Na — laß gut fein. Wir bringen unser Geschäft schon in Ordnung. Wollen's mal erst beschlafen."
Der Major hatte Onkel Reinhard auf seinem eigenen Schlafsofa im Herrenzimmer untergebracht, ihm die Reise- decke selber über die Füße gebreitet. Dann blieb er noch einen Augenblick stehen. „Liegst du auch bequem?" fragte er. Und nach einem Weilchen: „Du bist doch nicht ungehalten, lieber Onkel? Mir war's so fatal . . . das mit der Signe. Und erst recht die dumme Bettelei von Dodo. Gut hat sie's ja natürlich gemeint . . ."
„Aber utt ja doch —" Onkel Reinhard hatte das Gesicht schon gegen die Wand gekehrt. Nün wandte er's noch einmal halb zurück. Er sah doch ein bißchen ärgerlich aus, fand Gndarcza. Erhitzt, sehr rot, röter noch als gewöhnlich, und über die Augen hingen die Lider halb herab. Oder er war wohl nur stark schläfrig? Kein Wunder, was hatte der alte Herr heute zusammengetrunken. „Aber nn ja doch, natürlich hat die Dodo es gut gemeint," sagte er und gähnte. „Nachher soll sie ihren Knß mit Zinsen znrück- kriegen. Jetzt aber will ich meinen ordentlichen Dormus halten. Nacht, Gndarcza . . ." Er nickte noch einmal und drehte sich wieder der Wand zu. Gleich darauf sägte er los.
*
Und noch jetzt drang in regelmäßigen Intervallen das Schnarchen des Alten in den Salon, in dem der Major langsam, leise auf- und abging. Er hatte sich auch ein wenig hinlegen wollen, ans die Chaiselongue hier. Aber es war sei dem Versuch geblieben. Es war zu viel ausgerüttelt worden in ihm.
_ Ruhe . . . ja die Ruhe! Er dachte daran: als er den Abschied genommen hatte — nun ja: man nimmt den Abschied, auch wenn man ihn bekommt —, da hatte er sich eigentlich aus das ruhige, beschauliche Leben in der Keinen Stadt gefreut. Manchmal, anfangs war ihm die Ruhe freilich getoorben. Aber nun die Kinder groß nmen, erwachsene Menschen, nun hatte er eigentlich noch weniger Ruhe als damals, wo ihr Holterdiepolter das Hans erfüllte.
Nicht daß er sich selber ein Klagelied Vorsingen wollte. Bewahbe! Dazu lag wahrhaftig Fein Grund vor.
Die Kinder waren gut eingeschlagen. Gottlob! Aber aus den Sorgen kam man doch nie recht heraus. Gerade keine erdrückenden Sorgen, gewiß nicht, Sorgen waren es aber doch.
Da war das Studium von Friedel, das sich hinzog und hinzog. Und da kam der Eberhard mit kleinen Anliegen.
Nebenan schnarchte der alte Mann aber wirklich wie ein Vollgatter, das einen rechten, derben, festen Eichen- stamm in Angriff genommen hat. Dann und wann war's, als ob die Sägen einen besonderen Knorren anfaßten.
Ja — Onkel Reinhard hatte das alles wieder ausgerührt.
Gndarcza stand vor einem der Fenster. Er sah die großen Löcher in den Gardinen, die Ida kunstgerecht gestopft hatte.
Langsam, leise ging der Major zurück, vom Fenster zur Korridortür, und von der zur Tür des Herrenzimmers, und überall sah er plötzlich die sorgsam verborgenen Keinen Schäden, die die Zeit der Einrichtung geschlagen hatte.
Und doch war das alles eigentlich so gleichgültig. Denn die Jugend hatte nun einmal das Vorrecht. Für sie bringt man so gern Opfer. Nur, daß man allmählich immer mehr unb mehr in die gleitende Bahn kommt. Und dann, dann — Signe —
Immer wieder kehrten schließlich seine Gedanken zur ältesten Tochter zurück.
Sie war fein Liebling gewesen. Sie war allechMelt Liebling schon als Kind mit ihrem feinen Gesicht, den großen blauen Augen, dem Tizianhaar. So überraschend wirkte ihre Schönheit, daß die Leute aus der Straße stehen blieben. Einmal, als der Kommandierende zur Besichtigung gekommen war, hatte der ihn beim Diner im Kasino gesprochen: „Gndarcza, denken Sie sich — geh ich da vorhin über den J'nngfernstieg und seh ein Mädelchen von acht, neun Jahren, so schön, so eigenartig schön, daß ich gar nicht anders kann, als sie anhalten und fragen. Dja, unb sie knickst und sagt ganz artig: „Signe Gndarcza, Euer Exzellenz!" Wetterchen, zu solch einem Ausbund von Schönheit möcht ich doch gratulieren. Die wird den Männern mal die Herzen heiß machen."
Das war auch ganz Signe gewesen, daß sie mit neun Jahren schon den Kommandierenden gekannt hatte, gar nicht verlegen geworden war, ihm ganz richtig geantwortet hatte! Ganz Signe —
Und dann, fünf oder sechs Jähre später, oben im oftprenßischen Nest, war der kleine bucklige Kirchenorganist, der in der Privat-Mädchenschnle von Fräulein Sebenicht den Gesangunterricht gab, §u ihm gekommen. Im schwarzen Gehrock mit zu kurzer: Kenneln, mit einem himmelhohen Zylinder und mit vielen verlegenen Verbeugungen Eine Wunder stimme, eilte Gnade Gottes. Eine Sünde, wenn diese Stimme nicht geschult, nicht von einem Meister ausgebildet würde. Ein Mt, wie er vielleicht seit Menschengedenken in deutschen Landen nicht bageivefen. Er — Simon Breimann — Jet nur ein elender Stümper, er lebe tagaus, tag ein in Angst, das kostbare Material zu schädigen. Aber Fräulein Signe müsse, müsse nach Berlin ...
Gndarcza war vor der Etagere in der Ecke stehen geblieben. Ganz mechanisch nahm er einen der kleinen Por- zellanhunde nach dem andern in die Hand, die dort standen, ein Dutzend oder mehr. Der große Wauwau, der in der Mitte stand, ein Bulldogg mit gefletschten Zähnen, der ftammte von Onkel Reinhard. — Was schnarchte übrigens der Mann —
Ja, damals, gerade damals hatte Onkel das Ungetüm getauft, als wir wegen Signe in Berlin waren. In der Leipziger Straße, als wir von der Lilli Lehmann kamen. Noch zn früh, hatte die entschieden. Wunderbares Material. Aber jetzt nichts als schonen; kein übertriebenes' Heben, wie ein rohes Ei behandeln, und in zwei Jahren wiederkommen. Und sie hätte Signe angesehn und an- gesehil-und im Flur heimlich zu ihm gesagt: „Eine selten schöne Erscheinung; solch eine Stimme und solch ein Gesicht — es ist zum Staunen. Eine doppelte Gnade — oder ein doppeltes Danaergeschenk." Ja, und die Leute auf der Straße hatten denr langaufgeschossenen Backfisch nachgesehen, der den rotgoldblmchen Kopf so stolz trug -- und


