Ausgabe 
4.1.1912
 
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Donnerstag den 4. Zanuar tf*

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.» Glückslasten.

Roman von Hanns von Zabeltitz.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Uff!" machte Onkel Reinhard, als die Droschke hielt, Und rieb sich die Augen:Weiß Knöppchen, Gudarcza, ich hab 'nen kleinen Dormus riskiert. So, und nu woll'n mer noch amal. . ." Schwer, langsam tastend, streckte er das Bein aus dem Wagen, schob den Körper nach und lachte dabei zum Fenster hinauf:Na, du schwarze Kröt', ihr wartet wohl mit der Suppe. Ja, euer Vater kann nu mal kein Ende finden, wenn er hinter der Buddel sitzt. Mer nun schick einen dienstbaren Geist herunter. Ich bring euch alle Schätze Indiens mit."

Quietschvergnügt war der Alte. In heiterster Stim­mung nachher auch beim Mittagessen und galant, in seiner Art, gegen beide Damen. Er saß zwischen Mutter und Tochter, schäkerte bald mit der Blonden, in deren reichem Haar nur ganz vereinzelte Silberfäden glänzten, und bald mit der Schwarzen, ließ sich selber ein bißchen den Hof machen, für zwei, lobte zu Frau Idas Entzücken von der Suppe bis zur Mehlspeise und sprach dem Moselchen so wacker zu, tote bei Emke dem Rotspon.

Gudarcza schmeckte es nicht. Unmittelbar vor Tisch hatte ihn seine Frau auf einen knappen Augenblick allein gesprochen. Er befürchtete eine kleine Vorlesung wegen der Verspätung, aber er irrte sich. Ida fragte nur:Ist Onkel guter Stimmung? Ich möchte nachher wegen eigne mit ihm reden."

Aber, Mamachen"

Ich bitt dich. Das überlasse nur mir. Er kann wirk- ttch einmal etwas für eins von den Kindern tun, und Signe ist sein Patchen."

Wehr nicht. Wer der Major würgte bei jedem Bissen daran und fürchtete bei jeder Wendung des Gesprächs, daß seine Frau von Signe anfangen würde, dem Schmer­zenskind.

Manchmal schloß er auf eine Sekunde die Lider, und dann sah er Signe jedesmal vor sich in ihrer stolzen blon­den Schönheit, mit dem herben Zug um dm Mund, mit den sehnsüchtigen blauen Äugen. Fast ein >whr hatte er sie nicht gesehen/ fast ein Jahr ivar sie nun schon in der Fremde. ...

Die anderen plauderten von Friedel und von Eber- Hard. Beide hatte der Onkel noch kurz vor der Abreise in Berlin gesprochen.

Dann fiel der Name doch: Signes Name.

Onkel hatte gefragt:Du, Dodoc^n, wünsch dn- mal was. Wenn ibu mir nachher einen Kuß gibst, sollst du einen Wunsch frei haben. Ueberleg's immer.

Da hatte Dorothee den Pudelkops geschüttelt undge- lacht.Den Kuß kriegst du gratis, Onkel Reinhard. Wer einen Wunsch? Ich hab wirklich einen Wimsch."

Weitab vom Tisch hatte der Alte seinen Stuhl gerückt um mit beiden Händen auf die Knie schlagen zu können: Mädel, bist du toll! Ein Mensch von siebzehn Jahren, sozusagen wirklich schon ein Mensch und uocy keinen Wunsch! Gibt's ja gar nicht, gibt's ja gar nicht. Na, weißt du, da sind deine Geschwister anders. Die Bengels . . . ja . . . und Signe auch."

Gudarcza blickte zu seiner Frau hinüber. Sie rückte gerade auf der Käseschüssel etwas zurecht, damit sich die dünnen Pumpernickelfcheiben besser präsentieren sollten. Er sah es deutlich, ihre Hand zitterte dabei, so erschrocken war sie. Wer sie faßte sich gleich wieder. Sogar lächeln konnte sie, als sie sagte:Freilich, Onkel Reinhard, Signe war immer groß, auch in ihren Wünschen." Es sollte scherz­haft klingen, aber sie fühlte, der Ton gefiel dem, Alten nicht; er zog so eigen seine Augenbrauen hoch. Und so setzte sie ernst hinzu:Unvernünftig war sie übrigens nie. Ich wollte nachher grade über Signe sprechen."

So wolltest du, Ida?" Er zog den Stuhl wieder mit den Fußspitzen nach vorn, steckte die Serviette ener­gisch in den Westenausschnitt und trank sein Glas aus. Na, lieber nicht nachher, sondern gleich. Das Mädel hat mir nämlich geschrieben von da unten her, aus ir­gend solchem italienischen Nest, wo Ihre Hoheit zu ge­ruhen geruhen. Sechs Seiten oder achte, was aber nicht viel sagen will, denn jeder Buchstabe ist nen halben Meter groß. Inhalt: nicht mehr und nicht weniger, als uh soll ihr das Geld geben, sich zur Konzertsängerin auszubilden. Na Ida, tu mir die Liebe und mach nicht solch erstauntes Gesicht. Ich seh's dir ja doch an der Nasenspitze an, daß du ganz genau unterrichtet bist. Schad't ja auch nichts, stt sogar ganz natürlich und gut. Aber weißt du: ich bin wahrhaftig ein moderner Mensch und finde gar nichts darin, wenn eine Freiin von Gudarcza öffentlich auftreten will Nur daß ich's gerad mit meinen paar Kröten unter­stützen sollte ne, Ida, dafür bin ich nicht zu haben, 's ist mir, ehrlich gestanden, zu phantastisch."

Der Major sah wieder unsicher zu seiner Frau hin­über. Hoffentlich schwieg Ida.

Es schien fast so. Ida saß ein paar Minuten mit ge­senkten Augen. Doch dann kamen zwischen ihren Brauen . die kleinen feinen Fältchen zum Vorschein, die immer an­zeigten, daß sie sich nicht beherrschen konnte.

Erlaube, lieber Onkel," sagte sie.Phantastisch ist Signe eigentlich nie gewesen, und phantastisch ist ihr Wunsch nicht. Daß sie sich nicht wohl fühlt in ihrer Stellung bei der kleinen Hoheit, ist auch ganz begreiflich. Dies ewige Umherreisen, das ewige Hotelleben, diese stete Unruhe kann ja auf die Dauer kein Mensch aushalten, und das -wige Unterhalten, das die Fürstin verlangt, erst recht nicht.