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immer. Da muß er ihnen getrennte Häuser bauen und möglichst dafür sorgen, daß sie sich nicht sehen, denn zu tätlichem Haß könnte sich ihre Eifersucht steigern. Die Liebe des Mannes mit einer andern teilen, warum sollte das einer türkischen Frau leichter fallen als einer europäischen?
Alle Romantik des Harems und der verschleierten Frauen gibt es nur in der Ferne. Sie muß weichen vor unserm sozialen Empfinden; denn wir sind doch nun einmal Kinder des 20. Jahr-- hunderts. .
. Wer im Innern Stambuls unter den Türken wohnt, wer vielleicht von seinem Fenster aus in einen türkischen ©orten' schauen kann, für den schwindet bald der Hauch der Romantik. Die türkischen Frauen (die des mittleren und niederen Standes) arbeiten wie andere Frauen. Ihr Haus ist ihre Welt. Wie manche europäische Frau kommt sie auch kaum einmal aus ihrem Haus heraus. Nur sagt der türkischen Frau ein anerzogenes Gefühl, daß sie sich von fremden Männern abwenden muß. Ihr ist die Gegenwart jedes fremden Mannes genau so peinlich, tote einer Europäerin der Blick eines unverschämten Menschen Die Fenster des Hauses sind mit dichten Holzgittern versehen. Gewiß muß das einen starken Einfluß auf das ganze Wesen der türkischen Frau haben. Aber nicht, weil sie darin em Symbol ihrer Gefangenschaft sähe, — sie kennt es ja gar nicht anders, es „gehört sich doch so", — sondern weil sie durch dieses Grtter in einem ständigen Halbdunkel lebt, das gewiß zu der Beschaulichkeit, der Apathie des türkischen Lebens mit beiträgt.
.,llnb ich, der ich als Fremdling unter ihnen weile, habe mich langst daran gewöhnt, sie nicht durch auffällige Blicke zu belästigen. Nur wo im Garten oder auf der Wiese schöne Frauen sitzen, die den unbequemen Tscharschaf mit einem leichten Sommer- Niantel vertauscht und um den Kopf das dünne Tuch geschlungen
-T bie Türkin verbirgt vor dem Fremden nicht etwa ihr Gesicht nut größter Sorgfalt, sondern vor allem ihr Haar — da gibt s wohl, wenn sich in dunklen Augen die Evanatur bemerkbar macht, ein schnelles, heimliches Blickegeplänkel, voraus- gesetzt, daß kein Türke es beobachtet. Aber wieviel haben die verschleierten Frauen von ihrem Interesse verloren, seit ich gesehen vssbe, wie hinter dem Vorhang so oft sich abgearbeitete, gleich- gultige Gelichter verbargen. Und schließlich, auch die schönen'unter den Türkinnen haben alle denselben Zug im Gesicht: leer, von kemem lebhaften Interesse erzählend, und fütbeft du noch etwas Lfben in ihren Gesichtern, so ist es der Zug leidenschaftlicher Sinnlichkeit. Wohl ist es etwas Schönes um eine große Seihen« lehnst, aber wenn sonst gar nichts in den Zügen geschrieben steht?
Aber ehrlich gestanden: auch für die Europäer in der Türkei gilt das Gesetz vom Reiz des Verborgenen. Und wer von schönen Türkinnen erzählen kann, wer gar mit einer sprach oder sie in einem türkischen Hause sah, dem hört man hier ebenso gerne zu wie daheim in Deutschland. Das Mitgefühl des Europäers mit der Stellung der türkischen Frau wird erst erregt, wenn wir an jene Frauen denken, die ihren Zustand erkannt haben, das heißt • ,dw europäisch erzogen sind, die geistig regsam sind, die europäische Geisteskultur als Nahrung erhielten und im selbstverständlichen Gefühl von der Gleichwertigkeit aller Menschenseelen heranwuchsen Sie mußten doch erkennen, daß ihre Abgeschlossenheit einfach eine Sorge des Mannes bedeutet, man möchte ihm das beste Stück seines Hausinventars stehlen, wenn er es öffentlich zeigt Die Frau als Menschen zu betrachten, der als Persönlichkeit für sich selbst einstehen, der über sich selbst bestimmen kann, das geht dem Türken ab. Dies Gefühl der Minderachtung muß bei den gebildeten Frauen stark sein. Sie sprechen mit keinem fremden Mann, haben also keine Ahnung, wie er denkt und empfindet, und verstehen darum sein Handeln nicht. Tausend Gedanken, Ideen, Anregungen, die einem bei einem kurzen Gespräch auf der Straße, bei einem Besuch, beim Plaudern in den Theater- und Konzertpausen kommen, bleiben ihnen verborgen. Abends müssen sie zu Hause sein; Theater, Gesellschaft gibt es für sie Nicht. Hin und wieder wird einmal des nachmittags eine Sondervorstellung für Hanums (Frauen) veranstaltet.
Ist es ein Wunder, daß die türkische Frau, der alle andern Zerstreuungen versagt sind, sich noch mit größerem Eifer als die europäischen Damen auf die Toileitenfragen stürzte? Und so lächerlich das klingt: es schien wirklich, als wenn der Schneider der Befreier der Türkin aus engen Gesetzen werden sollte. Mit weiblicher List und schneiderlichem Raffinement wurde dem häßlichen Tscharschaf, der über Kopf, Brust und Arme fällt, um unter der Taille als weiter Mantel weiterzufallen, eine neue Form gegeben. Immer enger legte sich der Mantel um die schlanken Körper, immer kürzer würde der Ueberwnrf über die Arme, so daß diese allmählich zum Vorschein kamen und gar ein Stück des bunten Kleides sehen ließen, und immer mehr ließ er erkennen/, daß eine ganz moderne Frisur unter dem dunklen Tuch sich verbarg. Und immer dünner wurde der Vorhang vor dem Gesicht, so daß das Oval des Gesichtes unjd die lieblichen Mandelaugen mkennbar wurden. Und die Freude an diesen schönen, schlanken Gestalten, die sich so gern im Brennpunkt der europäischen Welt Konstantinopels, auf der Perastraße, sehen ließen, flieg immer wehr. Hier schien der Uebergang zur europäischen Kultur für die türkischen Frauen zu liegen.
Da fiel ein Reif in der Frühlingsnacht!
Die Politik machte, daß diese Blütenträume nicht reiften.
Wohl hatten die Jungtürken bei den letzten Wahlen eine erstaunliche Mehrheit erworben. Aber keinem Menschen blieb es verborgen, mit welchem unverschämten Wahlterrorismus sie sich' ihrer Machtmittel bedient hatten. Sie fühlten sich selbst ihrer Macht nicht sicher und bauten vor. Die Feinde, die Alttürkeir unter Leitung der Hodschas, der geistlichen Lehrer, hatten ihnen bei der Wahlagitation gezeigt, wessen man die Jungtürken anklagte. „Unsere Frauen sollen keinen Tscharschaf mehr tragen und unsere Kinder sollen Hüte! europäische Hüte aufsetzen!" wurde als das Ziel der Jungtürken hingestellt. Und diese nun, — taten sie es ans Ueberzeugung oder weil ihnen ihre Macht über ihre Grundsätze ging? — diese ließen noch zur Zeit ihrer Herrschaft den Scheich ül Islam auf den Plan treten, um den Feindert den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Auch die Mohammedaner haben einen Papst, wenn er auch nur zeitweilig den Thron einnimmt, und wenn er auch einen andern Namen hat.
Der Scheich ul Islam also ließ ein Gebot ausgehen, daß alle Frauen in ihrer Tracht wieder zur alten guten Sitte des geschmacklosen Tscharschafs zurückkehren sollten. Nicht Strafen nach dem Tode wurden ben, Uebertretern angebroht, sondern Gefängnis! Und um keine Suffragettegelüste aufkommen zu lassen/ wurden auch Männer, Väter und Brüder haftbar gemacht für die Einhaltung dieses Gebotes. Und man sagt, daß den Männern im allgemeinen diese Verfügung nicht gar unsympathisch gewesen sein soll! Für einen Europäer köstlich zu lesen, für die Sache an sich allerdings ohne Belang ist die Begründung der Verordnung. Der Scheich ul Islam weist auf die Japaner hin, die ihre kolossalen Fortschritte in den letzten Jahrzehnten nur dadurch erreicht hätten, daß sie an ihrer nationalen Art und ihren (Sitten festgehalten hätten!
Dieses Edikt fand man an ben türkischen Häusern vielfach angeschlagen, mir schien: gerabe in solchen Gegenden, wo sich die Frauen etwas freier gaben als man wünschte.
Den Jungtürken hat die Konzession unter den Alttürken nichts genützt; sie haben das Feld räumen müssen. Und sollten sie noch einmal an die Regierung kommen, so tarnt, die türkische Frau doch kein Vertrauen zu ihnen haben, denn sie haben gezeigt, daß es ihnen nicht im Ernst um eine Einführung euro-t päischet Anschauung zu tun ist.
Auf wen soll bann aber die türkische Frau .hoffen? Arme türkische Fran . . . !
G. Kleinhömer.
Napoleon an der Beresina.
Ueber den Schilderungen des Elends auf denk Rückzüge der Großen Armee vor hundert Jahren vergißt man oft das soldatische Heldentum, das sich auch in diesen entsetzlichen Tagen bewährte, nicht zuletzt in der Person des Kaisers selbst. Als die sliehenbä Armee vor der Beresina stand, schien ihr völliger Untergang unvermeidlich. Keine Brücke führte über ben im Tauwettet an- geschwollenen Strom. Von drei Seiten drohten die Russens drüben, im Rücken und in der rechten Flanke. Und doch lebte, wie Gustaf Dickhuth in einem eingehenden, mancherlei Unbekanntes! zutage sörderuden Aufsatz des Oktoberheftes von Velhagen und Klasings Monatsheften schreibt, in der Brust dieser todgeweihten Menschen noch die Hoffnung; und diese Hoffnung.Uammerte sich an einen einzigen Mann. Er ist ha, er wird uns retten! Und er hat sie gerettet aus einer nach menschlichem Ermessen völlig verzweifelten Lage. Zunächst durch seine persönliche Haltung. Was auch in ihm! Vorgehen mochte — nach außen war nichts erkennbar. Sein marmorblasses Gesicht zeigte den ruhigen, leilnahmlofen Ernst, den es stets zur Schau trug; er sah immer aus, als! wenn er an ganz was anderes dächte. Strenge Anordnungen-wurden getroffen, um vor dem Uebergang das Durcheinander einigermaßen zu entwirren. _ Auch die unberittenen Kavalleristen, soweit sie noch Karabiner besaßen, sollten in Bataillone formiert werden. Alle Wagen sollten verbrannt, alle Pferde — auch die des Kaisers, nicht ausgenommen — an die Artillerie abgegeben werden. Diese Befehle ließen sich nicht durchführen, aber sie stärkten den Glauben, daß der außerordentliche Mann auch das unmöglich Scheinende möglich machen würde.
Napoleon suchte die Russen zu täuschen. Einen kleinen Teil! Truppen ließ er bei Borisow stehen, einen kleinen Teil schickte er flußabwärts; mit der Masse zog er unter dem Schutz der Dunkelheit flußaufwärts nach Studienka und ließ dort zwei Behelfsbrücken schlagen. Bor diesen Brückenstellen stauten sich, in der Nacht Menschen und Wagen zu einer undurchdringlichen Masse. Jeder wollte als einer der ersten das jenseitige Ufep erreichen. Aber drüben sah man unzählige Biwakfeuer bet Russen Brennen. War es denkbar, unter diesen Umständen ben Ueber- gang zu wagen? Nur ein Wunder konnte noch Rettung bringen. Der Morgen dämmerte herauf. Er beleuchtete ein Chaos vor den Brückenstellen, das jeder Beschreibung spottet. Selbst wenn der Feind nicht auf dem anderen Ufer stände, wäre ein Hinüberführen dieser formlosen Masse kaum denkbar.
Napoleon erscheint auf der Höhe, im grünen, goldverschnurten Samtrock, den Kopf bedeckt mit einer Pelzmütze, einen Stock,in der


