Samstag, den 3. August
Mf
4
11
Sommerlrutnsnts.
Roman von Walter Bloem. Copryght 1910 by Orethlein & Co.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Flamberg schlenderte von einer Gruppe zur andern — ließ sich bald hier, bald dort zu einem kurzen Geplauder nieder und sog die Stimmung der Stunde in sich hinein. — Mit Wonne verfolgte sein geschulter Blick das langentwöhnte Schauspiel, wie sich nun das rötlichgelbe Licht der Kerzen, das tchfe Goldbraun des Sonnenuntergangs, das hellere Gelb der elektrischen Kronleuchter von droben her, der bläuliche Tabaksdunst, der in breiten Schwaden über den Gruppen lagerte, mit dem Blau und Rot der Uniformen, den goldenen Reflexen auf den Monturknöpfen und der satten Sonneufarbe der gebräunten Gesichter verwob. — In seinen Adern glühte der Sekt, schäumte die freudige Hoffnung auf acht Wochen eines neuen, verwandelten Lebens voll farbiger Eindrücke, voll harmlos heiterer Erlebnisse.
Aber als nun mit dem Fortschreiten des Gelages die Kehlen immer rauher wurden, die Luft immer dicker — da meinte er den Augenblick gekommen, sich dem Feste zu entziehen und ungetrübt das erschaute Bild Heimzutragen.
Nach einer kurzen Wanderung durch die stillen Straßen des Kasernenviertels stand er in der engen Mietbude, deren schäbige, zerschlissene Trivialität so seltsam kontrastierte gegen den künstlerischen Reiz seiner verlassenen Jung- gefellenhüuslichkeit, kontrastierte auch gegen den süßen Hoffnungstraum von einem künftigen Daheim, den er seit Wochen mit seinem Schatz gesponnen.
Schwül war die Luft im 'Stübchen — er stieß die Fenster auf — und Vom tiefschwarzen Himmel nieder flammten tausend freundliche Sterne. — Da mußte er von seinem Mädchen träumen — sie hatte ihm das Versprechen abgenommen, allabendlich zum Himmel aufzuschauen und heimwärts zu ihr zu denken — und er dachte heimwärts.
Eine große, tiefe Ruhe war in seiner Seele — ein Heimatbewußtsein — das traute Wissen, verankert zu sein im tiefsten Grunde des Erdenseins, in einem Herzen, das nichts als Liebe war für ihn.
3. Kapitel.
Um die fünfte Morgenstunde dämmerte Wilhelm Fro- benius mit wüstem Kopf aus schwerem Traum empor. Es hatte erst sanft, dann recht energisch an die Tür geklopft — er fuhr auf, starrte in dem engen Gelaß umher, daß ihn umschloß, und konnte sich nicht enträtseln, wie er eigentlich in diese nüchterne, unbehagliche Umgebung geraten war.
Plötzlich fiel's ihm ein: ach, du lieber Himmel — du bist ja in der Garnison — und •— o Schauder — gleich geht's zu Pferd !
„Herr Leu'nant — et is höchste Zeit für uffz'stehn!" mahnte von draußen eine ihm völlig fremde Stimme.
Das mußte der Bursche sein. Herrgott, wie der Schädel brummte.
Er führ mit be.it dünnen, haarigen Beinen aus der Deck« hervor, fühlte sich geniert durch den ungewohnten Gedanken, nun im Nachthemde vor den fremden jungen Menschen hin- treten zu sollen, zog erst Unterhosen und Strümpfe gn und schlurrte dann zur Tür. Kaunt hatte er sie geöffnet, da schoß mit energischem Ruck ein junger, rotblonder, sommersprossiger Gesell herein, die Feldmütze auf dem Kopf, die Drillichhose schon in den langschäftigen Stiefeln steckend. Er schlug krachend die Absätze zusammen und meldete: „Füselier Schmitz als Bursch bei de Herr Leu'nant kommediert!"
„Schön, schön," sagte Frobeüius 'verlegen, „also Sie sind Schmitz, schön, schön. Was gibt's denn heute morgen?"
„Sechs Uhr fufzehn Abmarsch in't Jelände zur Ausbildung im Entfernungschätzen!"
„Ach ja — ganz richtig — also sehen Sie, da ist mein' Koffer — den packen Sie mal zuerst aus."
Und während der Bursche sich anstellig und geräuschlos anschickte, die Habseligkeiten seines neuen Herrn aus dem vorsintflutlichen Reisekoffer zu entwickeln, kühlte Wilhelm Frobenius sein schmerzendes Haupt — immer neue Schwämme drückte er über den Nacken aus, daß das Stübchen schwamm, aber der dumpfe Druck im Schädel wollte nicht weichen — und noch weniger der dumpfe Druck in der Herzgegend — vor seiner Phantasie aber stand das Bild des Augenblicks, wo er das wilde, gefährliche Tier besteigen würde, das dem Menschen n»ch dem Leben trachtet.
Herrgott, wie die funkelnagelneuen Reitstiefel drückten — wie der steife Lederbesatz der Reithose die Schenkel scheuerte — wie entsetzlich das war, durch die Stube zu schreiten mit den klirrenden Sporen, die sich immerfort ineinander verfingen!
Füsilier Schmitz waltete indessen geräuschlos seines Amtes. Er betreute seinen Herren wie eine erfahrene Kinderwärterin ihren Säugling.
Als er seinen Herrn in bett Waffenrock gesteckt hatte, verschwand er auf Zehenspitzen und kam nach wenigen Minuten mit dem Frühstückstablett zurück.
Himmel, aber dieser Kaffee! — Mit Wehmut gedachte Wilhelm Frobenius seiner sorgsamen Haushälterin daheim, die ihm denn doch einen ganz andern Morgentrunk kredenzte — und verzehrte knurrend die mit einem Uebermaß von Margarine bestrichene Frühstückssemmel, während Füsilier Schmitz Helm, Feldglas, Säbel und Schützenpfeife zusammensuchte.
Zehn Minuten später schritt Frobenius an dem präsentierenden Posten vor dem Kasernenportal vorbei in den Hof hinein und sah schon von weitem die dunkle Masse der in Zugkoloune aufgestellten Königlichen Zweiten. Noch war kein anderer der Offiziere auf dem Platze, und als der


