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„Um Gottes willen, Baron, sprechen Sie das Wort „befehlen" nicht aus," bat der Graf, „das erinnert mich immer an meine Soldatenzeit! Schön war es ja manch- mal, aber trotzdem — Sie wissen ja: die Befehle der Vorgesetzten sind nicht immer die Freude der Untergebenen. Na, Gott sei Dank, jetzt bin ich ja mein freier Herr und kann gehen. So gehe ich denn jetzt in den Stall, Herr Baron, um nicht weiter zu stören. Mer nachher suche ich Sie in ihrem Zimmer auf — ich möchte. Sie gern um eine kleine Gefälligkeit bitten. Na, dann auf Wiedersehen."
Und der Graf ging wieder davon. Für einen Augenblick wollte er sich darüber ärgern, daß er_ dem Baron nicht wenigstens angedeutet hatte, was er auf dem Herzen hatte, damit dieser Bescheid wußte, falls die Gräfin ihm zuvorkam und ihm ihre Wünsche mitteilte. Aber gleich darauf gab er den Gedanken, sich zu ärgern, wieder auf: es hatte ja keinen Zweck, geärgert hatte er sich in früheren Jahren genug. Man lebte ja nur einmal, und da wollte er das Leben genießen, es sich nicht durch Kleinigkeiten verbittern lassen. Große Sorgen hatte er Gott sei Dank nicht, da durften die kleinen ihm erst recht nicht seine Laune verderben.
Das war seine Lebensphilosophie, die ihn schließlich dahin gebracht hatte, daß er alles tat, was man von ihm verlangte. Seine Frau und seine Töchter hatten ihn unter dem Pantoffel, ohne dies je auszunutzen, obgleich das bei der grenzenlosen Gutmütigkeit des Grafen ein Leichtes gewesen wäre. Wer die Gräfin sowohl wie die Kinder liebten ihn herzlich und aufrichtig, und wenn er nachgab, sollte es nur aus Liebe zu ihnen geschehen.
Der Graf ahnte nicht, wie wenig er noch zu sagen hatte, und bildete sich felsenfest ein, der Herr in seinem Hause zu sein. Daß oft manches anders kam, als er es gedacht oder erwartet hatte, sah er natürlich sehr wohl, aber gerade, weil er trotz alledem der Herr blieb-, konnte er das ruhig geschehen lassen, ohne dadurch an seinem Ansehen und an seiner Autorität irgendwie Einbuße zu erleiden.
Ich werde mich in das Wohnzimmer des Barons setzen und ihn dort erwarten, sagte sich der Graf, dann bin ich sicher, daß meine Frau mir uicht zuvorkommt und ihn zu sich bitten läßt. Dann kann ich als Erster mit ihm sprechen.
Aber als er über den Schloßhos schritt, kam ihm der Verwalter entgegen. Der hatte ihn schon gesucht, um chN wegen aller möglichen und unmöglichen Dinge um Rat zu fragen. Er war ein äußerst tüchtiger Beamter, aber seine absolute Zuverlässigkeit ging zuweilen in solche Unselbständigkeit über, daß er auch in vielen gleichgültigen Dingen es für nötig hielt, die Einwilligung des Herrn einzuholen.
So oft der Graf sich zum Gehen wandte, hielt der Verwalter ihn zurück: „Nur noch eine Kleinigkeit, Herr Graf!" Aber aus der einen wurde ein Dutzend und mehr, und als der Graf sich dann endlich frei gemacht hatte unh das Zimmer des Barons betrat, kam er zu spät. Er sah, wie sein Gast einen Brief, in dem er eben noch gelesen hatte, schnell in die innere Brustrocktasche schob; er konnte nicht mehr zweifeln, seine Frau hatte dem Baron ein Billet gesandt, um ihrem Gatten womöglich zuvorzukommen! Und jetzt erkannte er auch auf dem Kuvert, das der Baron auf dem Tisch hatte liegen lassen, die Schriftzüge der Gräfin.
„Ja, ja, die Weiber."
Der Graf hätte es nur denken wollen, aber er hatte es zu laut gedacht. Und etwas verwundert sah ihn der Baron an, um dann übermütig hinzuzusetzen: „Aber schön sind sie doch.
Der Graf wurde Feuer und Flamme und eine fast jugendliche Begeisterung sprühte aus seinen Augen. „Schön ist überhaupt gar kein Ausdruck dafür! Als Leutnant sagten wir immer „feenhaft"., das ist ja auch dumm, aber als Leutnant ist man mit seinen geistigen Ausdrücken ja nicht sehr wählerisch. Es ist wohl sehr schwer, einen passenden Ausdruck zu finden, denn sie sind nicht nur sehr schön, sie find noch viel mehr, sie sind unser Leben, unser alles! Das heißt —" verbesserte er sich nach einer kurzen Pause, ich darf nicht sägen: sie sind, sondern ich müßte sagen: sie waren. Damals, als ich noch jung war, ein
flotter Leutnant, und auch hinterher noch, als ich eine Reise um die Welt machte! Natürlich dachte ich damals noch nicht ans Heiraten. Baron! das müssen Sie mir versprechen: wenn Ihre Tante in Kuba das Zeitliche gesegnet hat, dann müssen Sie einmal nach Samoa fahren. Wer da stirbt, ohne eine junge, dunkeläugige Samoanerin im Arme gehalten zu haben, der hat überhaupt nicht kennen gelernt, was Liebe, Schönheit, Anmut, Grazie, Lieblichkeit ist! Kurz, der stirbt, ohne die Schönheit kennen gelernt zu haben."
„Das höre ich nicht zum ersten Male, Herr Graf —। ich habe einen Freund in Berlin, der ebenfalls dort war."
„Wissen Sie, lieber Baron, -es ist tausendmal besser, selbst -da gewesen zu sein, als nur einen Freund zu haben, der da war. Das können Sie mir glauben."
Der Baron stimmte ihm lachend bei, aber der Graf fuhr ganz ernsthaft fort:. „Tempi passati! — Schön war's doch. Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar — und jetzt? Ein alter Ehemann, Vater zweier^ erwachsener Töchter und eines Schlingels von einem Sohn, den ich sehr lieb Habe. — Aber wie kamen wir eigentlich auf dieses leichtsinnige, jugendliche Gespräch?"
„Wenn ich mich nicht sehr irre — stießen Sie vorhin einen Stoßseufzer über die Weiber im allgemeinen aus."
„Ach so, ja, richtig!" Jetzt fiel ihm alles wieder ein, aber er -durfte natürlich dem Baron gegenüber nicht den Verdacht aufkommen lassen, als wüßte er von dem Briefe seiner Frau, Und als hätte sich sein Ausruf, der ihm ganz wider Willen über seine Lippen kam, auf seine Frau bezogen.
So sagte er denn: „Ach ja, jetzt weiß ich. Der Verwalter hat mich lange festgehalten — da sind wieder Streitigkeiten zwischen den Hofgängerinnen vorgekommen, da hat man immer neuen Äerger und Verdruß —" und der Graf versuchte sein Gesicht in finstere Fallen zu legen.
Der Baron glaubte natürlich kein Wort von dem, was der Graf sagte. So meinte er denn nur: „Von einer Hof- gängerin bis zu einer Samoanerin ist ein weiter Schritt."
Der Graf fuhr von seinem Stuhle in die Höhe, um sich gleich wieder hinzusetzen: „Nennen Sie die nicht zusammen in einem Atem — und nicht einmal zusammen in derselben Stunde! Aber ich habe eben ein Preisrätsel gemacht, wenn Sie es lösen, sollen Sie heute bei dem Diner die schönste Flasche Wein aus meinem Keller haben! Die Frage lautet: was für -ein Unterschied ist zwischen einer Hof-gängerin und einer Samoanerin?" — Und ohne die Antwort des Barons abzuwarten, fuhr er gleich fort: „Sie raten es ja doch nicht, da will ich es Ihnen sagen; die Samoanerin stirbt, wenn sie sich nicht jeden Tag dreimal badet, und die Hofgäug-erin stirbt, sobald sie sich nur ein einziges Mal in ihrem Leben badet."
„Aber Herr Graf!" rief der Baron entsetzt — „solche Witze am frühen Morgen!"
Doch der Graf ließ sich nicht beirren: „Können 'Sie bessere machen? Dann nur zu, ich höre."
Dem Baron fiel im Augenblick nichts ein, so sagte er denn: „Wenn ich mich Nicht irre, wollten Sie mich in irgend einer Angelegenheit sprechen. Wenn Sie mir vielleicht mitteilen wollten, um was es sich handelt —"
Das war eine scheußliche Frage. Gestand er jetzt, daß er ihn bitten wollte, feiner Frau keine adeligen Geschichten mehr zu erzählen, so würde -er einfach ausgelacht, denn der Baron hatte ja den Bries in der Tasche, in dem seine.Frau ihn bat, mit ihrem Manne in Zukunft weniger Skat zu spielen! Dann würde der Baron doch sofort durchschauen,- daß der -eine ihn nicht dem andern gönnte, daß jeder ihn des Abends ganz für sich -allein haben wollte! Und- das! ging doch nicht, das sah doch fast so aus, als ob zwei Kinder sich um einen Spielgefährten zankten, und als ob jeder versuchte, ihn auf seine Seite zu locken.
So machte der Graf beim ein ganz erstauntes Ges- sicht: „Ich wollte etwas mit Ihnen besprechen? Ach so, nun ist mir auch so, als ob — was' wär es doch -noch?"
Gr strich sich ein paar mal mit der. Hand über die Stirnt Was wollte ich doch noch sagen -—
Mer da es ihm nicht einfallen sollte,- fiel es iW natürlich auch nicht ein.
(Fortsetzung folgt.)


