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(912 - Nr. 53

Mittwoch den 3. April

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Der König von Thule.

Roman von Paul Grabern.

(Nachdruck verboten.)' (Fortsetzung.)

Es lag in seinem ernsten Wesen so etwas Vertrauen­einflößendes, daß sie bei ihm die allzeit wache Vorsicht dergaß, die sie sonst im Verkehr mit Männern jede An­näherung sofort abweisen ließ. Ohne jede Befangenheit hielt sie auch seinem langen Blick stand. Er hatte eine so eigene Art einen anzusehen, still-forschend, aber nicht zu­dringlich und neugierig; es char der Blick des Arztes, der in die Seele drang, um helfen zu können.

Run gab er ihre Hand wieder frei.

Es freut mich, daß Sie nicht so sind, wie ich erst glaubte. Nun wird mir ihre Bekanntschaft eine wertvolle Erinnerung sein."

Ein Gefühl leiser Traurigkeit überflog sie. Es tat ihr S1 Wohl, jemanden gefunden zu haben, zu dem sie sich ohne cheu aussprechen konnte; aber nun sollte sie ihn, kaum gefunden, gleich wieder verlieren. Sie gab diesem Emp­finden offenen Ausdruck:

Schade, daß unsere Bekanntschaft nur so flüchtig bleiben muß. Ich glaube. Sie wären der Arzt, der mir helfen könnte."

Sie würden Vertrauen zu mir haben' volles Vertrauen?"

Vollstes?"

Sie sah ihn fest an.

Er erwiderte ihren Blick, aber antwortete dann nicht gleich. Schweigend schritten sie so nebeneinander her, neben diesem lautlos ruhenden Meer mit seinem gleißenden, die Augen blendenden Spiegel, der eine hypnotische, die Sinne traumhaft einlullende Macht ausübte.

Wie lange sind Sie schon wieder allein von Ihrem Wann getrennt?"

Unwillkürlich fragte er es, aus tiefem Schweigen heraus.

Drei Jahre."

-,Und Sie sind ganz allein haben keine Kinder?" Doch, einen Jungen von bald neun Jahren." Es lag ein eigener, leiser Klang über ihren Worten, gls wolle er deren Wert abschwächen; aber es entging ihm.

Wie?" rief er erstaunt.So müssen Sie ja als ein halbes Kind noch geheiratet haben?"

Sie lächelte trübe.

Leider ja! Ich war noch nicht achtzehn Jahre."

Dann freilich!. -Aber wie konnten Ihre Eltern das nut zu geb en?"

Ich war Waise, und mein Vormund war froh, mich los zu werden."

Ach so Sie armes Kind!" Er stellte sie sich in Arer unberatenen, hilflosen Jugend von damals vor. Kein

warmer mitleidsvoller Blick haftete auf ihrem Antlitz. Wie anders mochte dieses Gesicht einst mit seinen achtzehn Jahren ausgeschaut haben, ehe bitteres Leid es vorzeitig blaß und müde gemacht hatte.

Sie liebten Ihren Mann damals wohl sehr? Ver­zeihung, es ist nicht Neugier!" Rasch fügte er es hinzu, als er es schmerzlich in ihren Zügen aufzucken sah.

Ich weiß es." Ein dankbarer, weicher Blick streifte ihn; dann wandte sie die Augen von ihm ab und vor sich hin, ins Weite. Mit leiser, trauriger Stimme er­zählte sie:

Ich hatte eine schwärmerische Liebe zu meinem Mann. Er ist ein großer Künstler seine Geige schmeichelt sich einem ins Herz. Ich liebe Musik sehr, besonders sein Instrument, das ich selbst spiele so kam es. Auf einer Gesellschaft lernte ich ihn, den schon lange Bewundernden, persönlich kennen, und «vom ersten Moment an loderte es auch bei ihm auf. Ich ahnte ja damals noch nicht, daß es nur seine entflammten Sinne waren, die aus seinem heißen Werben sprachen. Ich war selig, wie trunken vor Glück, daß der berühmte, von aller Welt verwöhnte Künst­ler mich anbetete, vor mir jungem Dinge auf den Knien lag! War es nur, weil ich sonst nicht sein werden konnte, 'war es vielleicht auch wirklich, wie er später behauptete, eine Selbsttäuschung, die ihm eine echte Liebe zu mir vor­gaukelte kurzum, er heiratete mich. Er, der Günstling der Frauen, dem sie alle sonst zugefallen waren ohne diese überflüssige Formalität."

Eine unsagbare Verachtung klang aus ihrer Stimme.

Ich hatte ja damals natürlich von all dem keine Ahnung. Ich glaubte, einer ewig währenden Seligkeit ent­gegenzugehen. lind in beit ersten Monaten unserer Ehe ich muß es anerkennen war mein Mann auch von einer mich wahrhaft berauschenden Liebenswürdigkeit ilnd Zart­heit. Er trug mich auf Händen, er vergötterte mich- ich war das glückseligste Geschöpf auf Gottes Erdboden."

Eine kleine Pause trat ein; dann fuhr sie mit ernster Stimme fort:

Bald aber kam das Unglück; mit der Zeit, wo das Kind sich ankündigte. Ich war sehr zart, und der Arzt verlangte größte Schonung für mich. Das aber war ein tiefer Verdruß für meinen Mann. An so etwas hatte er beim Heiraten nie gedacht. Er war ein krasser Egoist, eine Natur, die außer seiner Kunst nur ein leidenschaftliches Ausgehen in Genüssen kannte. Hätte es immer so weiter gehen können tote im Anfang, too er mit mir seinen un­vernünftigen Kultus treiben konnte, möglich, daß unser Glück von Dauer geblieben wäre. So aber kam eine große Enttäuschung und Unbefriedigung über ihn; er wurde nervös, reizbar, später unbeschreiblich rücksichtslos, ja brutal gegen mich-, und endlich kam, was kommen mußte: er suchte bei fremden Frauen, was ihm die eigene nicht bieterr , konnte."