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Da begann er schon wieder: „Seien Sie barmherzig, gnädiges Fräulein. Warum sollten Sie nicht über — über Diese Viertelstunde hinweg die Brücke zu unserem früheren Verkehr wiedersinden können? Vielleicht — aber Sie werden es gewiß banal finden: vielleicht legt die. . . Aussprache, Die wir hatten, sogar den Grund zu freundschaftlicheren Beziehungen zwischen uns beiden."
Es war so wie er sagte: sie hatte das billige Angebot der Freundschaft immer für eine sehr banale Ausflucht gehalten, wenn es einen hübsch geflochtenen Korb verkleiden sollte. Für ein artiges Mäntelchen, für eine Ausrede; unter Umständen mochte solch Angebot auch allerlei Gefahren für die Zukunft in sich tragen.
Nun erschien ihr solch ein Kompromiß doch in etwas anderem Lichte. Der Ausweg kam ihr nicht ungelegen, half ihr nicht nur über die Peinlichkeiten des Augenblicks hinweg. Sie empfand ihn auch als etwas, das sie nicht versagen durfte. Nicht durfte und nicht konnte. Und eine Gefahr: welche Gefahr hätte für sie daraus erwachsen können?
Sv sagte sie — freilich zögernd: „Durchlaucht, ich wüßte nicht, warum zwischen uns nicht altes bleiben könnte wie bisher."
Hastig griff er zu: „Dank, gnädiges Fräulein! Innigen Dank! Ich bin ja so froh, daß Sie mich nicht ganz ohne Hoffnung gehen lassen."
„Nein! Bitte. . . keine Hoffnung. . ."
„Es soll nur ein ganz geheimes, stilles Hoffen sein ... ich schwöre, daß ich Ihnen nie damit lästig fallen werde." Er faßte nach ihrer Hand. Sie ließ sie ihm. Er drückte seine Lippen darauf, vielleicht wärmer, vielleicht eine Spanne länger als üblich. Auch das duldete sie. Und dachte dabei: „wie anders wäre es, wenn mir nicht noch im letzten Augenblick die rettende Erkenntnis gekommen wäre. Gottlob, daß sie kam — Gottlob!"
Dann mühten sich beide, sofort den konven iouetlen Ton wieder zu gewinnen. Es gelang nicht recht. Die Erregung zitterte in beiden doch nach. Aber die gesell- sü)astliche Gewöhnung schuf bald neue Möglichkeiten, auch da, wo Frage und Antwort immer noch im Zusammenhang mit dem Ereignis der letzten Stunde standen.
„Durchlaucht bleiben in Berlin?"
Er suchte in ihren Augen. Wollte sie, daß er reifte, daß er für einige Zeit wenigstens verschwand? „Ich weiß noch nicht recht, gnädiges Fräulein. Die Riviera lockt mich nicht mehr wie ehedem."
„Es ist möglich, daß wir für einen Monat, bis zum Beginn der Hofsestlichkeiten, nach Rom gehen. Die Eltern sprachen davon. Aber es ist noch ganz ungewiß. Für mich hat übrigens gerade ein Wintermonat in der Ewigen Stadt wenig Reizvolles. Rom ist kalt und unfreundlich."
„Gewiß. Wenn man im Dezember nach Italien geht, muß man schon bis Sizilien herunter. Oder besser, man geht gleich nach Aegypten."
Sie konnte schon wieder lächeln: „Oder noch besser man bleibt daheim, wo man wenigstens gut geheizter Zimmer sicher ist. Und bann will man doch auch seinen Weihnachtsbaum haben."
Ein paar Worte noch über das deutsche Weihnachtsfest . . . ein paar gleichgültige Worte beim Abschied. Dann doch noch ein Nachklang: „Auf gute Freundjchaft also, tzilädiges Fräulein!" Es war ihr schon zuviel, es weckte ru ihr eine leichte Beklemmung. Sie schüttelte den Kopf. „So nicht, Durchlaucht —" und reichte ihm dann doch noch einmal die Hand.
Nun war er endlich gegangen. Er mußte draußen sehr schnell den Pelz umgetan haben, die Schelle der Haiis- pforte flang schon. >
Signe stand und sah auf die Mr, die sich hinter ihm» Seschlossen. Nun erleichtert urid froh. Ja — so war es och am besten. Gerade so!
Da kam Mutter aus dem Salon hereingestürzt. In heller Aufregung: „Signe, was hast du getan! Signe, dich verstehe ein Mensch! Dein Glück hast du mit Füßen getreten!"
Die Tochter wich zurück: „Mein Glück?" sagte sie leise. Und schämte sich der Mutter, die hinter der Tür ge- lMischt hatte, , u
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, „„Frau Ida konnte nicht schweigen. Trotzdem Signe sie jNMndigst gebeten hatte, über das Erlauschte niemand Mit
teilung zu machen — sie fühlte, daß sie Hoburg das schuld big war — unb trotzdem Mutter ihr es feierlichst versprochen hatte, wußten noch am gleichen Tage Vater und Geschwister darum. Freilich hatte jedes Mitglied der Familie Mutter wiederum feierlichst zusagen müssen, zu schweigen, aber Signe empfand doch, wie verschieden die Nachricht in jedem einzelnen nachwirkte. An halben Worten und Anspielungen fehlte es ja nicht.
Vater nahm's noch am ruhigsten. Er sagte bei Tisch nur: „Ereignisreicher Tag — dja — hat so seine Pein--' lichkeiten. Na, man kommt schon darüber fort. Wer weiß, wozu es gut war!" Eberhard und Friedel schienen ausnahmsweise einmal einer Meinung- Sie zuckten recht deutlich die Achseln. Mer während Hardi nur auf ein paar Minuten zum Tee gekommen war, eigentlich nur, um von einem neuen Pferdekaus zu sprechen unb Vater dafür zu erwärmen, (bann, flüchtig wie jetzt immer, roieber verschwand, setzte sich Friedel nachher noch mit an den Kamin und machte allerlei boshafte Bemerkungen von der Art, wie er sie liebte: man konnte sie im Notfall auf ganz fern-, stehende Personen beziehen und wußte doch genau, wem sie gelten sollten. „Das diplomatische Schas", nannte ihn Dodo bisweilen.
Dodo äußerte sich gar nicht. Nur ihre Augen blickten manchmal zur Schwester hinüber.
Dann, man saß noch um den Kamin, ließ sich plötzlich Elly Neumann melden. Sie bat durch den Diener nur um ein paar Minuten, wollte nur mit Dorothee eine Kleinigkeit wegen des Kollegs besprechen. Beide Schwestern erhoben sich sofort, um sie zu begrüße«.
„Bringt sie nur herein! Ich lasse sehr bitten!" rief Mutter ihnen nach.
Dann gab es draußen ein kleines Jubeln. Karli und' Magda waren mitgekommen, hingen sofort an Signes Kleidern wie die Kletten, und Signe suchte sich mit ihnen ein stilles Eckchen, während Elly , wenigstens auf einen Stipps" mit Dodo in den Salon mutzte. „Ablegen, Fräulein Elly. Anders geht's bei uns nicht. Mama Hacks besonders besohlen, baß ich Sie mit hineinschleppe. Und wenn die Mütter befehlen ।— ua i—i Sie wissen ja."
(Fortsetzung folgt.)
Das Klccifikder.
Humoreske von E r n e st Stoll.
Ms Frau Käthe Sörendseu die Karte des Referendars Hugo Strach überreicht wurde, sah sie einen Augenblick sprachlos auf den kleinen viereckigen Karton, dann setzte sie sich kopsschüttelnd und sah ratlos zu dem bemalten Plafond ihres Boudoirs auf.
War es zu glauben, daß dieser Mensch sich schon wieder ein» sand! So etwas von zäher Ticksülligkeit war ihr denn doch noch nicht vorgekommen. Gewiß wurde sie seit dem Tode ihres Gatten umworven — kühn und zaghaft, schüchtern und aufdringlich, in allen Arten und Nuancen, mit betten Liebe und auch Berechnung um eine Frau zu werben psl-egen, die selbständig, jung unb reich ist.
Daß Frau Käthe auch bildhübsch war, registrierte sie in dieser flüchtigen Erwägung nicht — vielleicht weil sie es für selbstoer- ständlich hielt, vielleicht auch, weil es ihre wirkliche Meinung war, was sie oft und gern zu betonen pflegte: daß nämlich die Schönheit ein Danaergei chenk der Natur sei. Nur das „Unglück der Schönheit" sei schuld, wenn die Frau in den Kämpfen der Zeit eine dem Manne ebenbürtige Stellung noch nicht einnehme.
.Sie warf die Karte.auf den nächsten Tisch.
„Sagen Sie dem Herrn, daß ich ihn nicht empfangen könne., Ich sei verhindert oder krank — was Sie wollen."
„Sehr wohl, gnädige Frau."
Die Zofe ging. Frau Käthe ©örenbfen machte eine Bewegung, als wenn sie ihr noch etwas auszutrageu hätte, aber sie beherrsch.e sich.. Einen Moment verharrte die schöne Frau lauschend, als! wenn sie der Erledigung ihres Auftrags durch süits Zimmer solgen könnte. Dann wandte sie sich ab unb trat ans Fenster.
Es war gut so! Mochte er wissen, daß sie dieser nun seit Jahren betriebenen Toggenburgerei herzlich überdrüssig war. Aber --vielleicht hätte sie ihn wenigstens empfangen sollen . . . .
Die Männer sind ein so seltsames Volk . . . Vielleicht glaubte er gar, daß sie sich por ihm fürchte — daß sie sich nicht stark genu!g suhlte, ihm ins Gesicht zu sagen, was die Abweisung durch den Dienstboten besagen sollte —----
Und mit der ganzen Unsicherheit ihrer kapriziösen Natur begann es ihr schon leid zu tun, Herrn Hugo Strach nicht emp- sangen zu haben, als die Zose zögernd und verlegen abermals das Zimmer betrat.
. ^.Jchhabe dem Herrn gesagt, baß die, gnädige Frau krank


