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mit seinen ersten Dramen und Gedichten als ein ganz Fertiger! auf den Plan, als der verfeinerte Spätling einer milden welkenden Keit, und erst nach langem Ringen und schwerer Läuterung sind ihm die Hellen frischen Töne .einer jungen starken Epoche, die seitdem angebrochen war, geglückt, in seinen Gesängen von Sonnenaufgang und Frühling, vom brausenden Meer und wagemutigen Sport. Wird Hofmannsthal Aehnliches vollbringen? — Vorläufig ist nur die Kunst seiner Jugend ein unverlierbares Gut unserer Poesie; sie gleicht einer jener erzgegossenen, herrlichen Epheoen- statnen der Antike, zart und grazil in der Bewegung und Formung der Glieder, aber zugleich von üppiger Lässigkeit und sehnsüchtiger Träumerei erfüllt; so wird sie aM Eingang stehen zu dein Tempel einer neuen großen Dichtung, den uns erst dre Zukunft erbauen muß.
Wchenhygiene.
(Aus der Dürer-Bundes-Korvefpondenz.)
Paff — paff paff paff — paff paff ..... dasMotorraÄ des Nachbars! Allmorgendlich, ehe die Sonne aufgeht, rast es die Straße entlang — wie heute so gestern und ehegestern. Unfehlbarer als hundertstimmiges Hahnengeschrei weckt es den Tag Und mordet den Schlaf, mordet den Schlaf selbst der wohlbeleibtesten Männer mit glatten Köpfen, die dem großen Cäsar so teuer Ware«. Und nicht wieder schließen sich des Schlummers Pforten: Menschenstimnlen, Hundegebell, Blecheimer, vom Mlchmann auf das Pflaster geschleudert, Türen, die krachend ins Schloß fallen, Peitschcngeknall. Jetzt faucht das erste Lastauto heran, ein zweites 'folgt, prasselnd, heulend', tutend; nun auch die Elektrische nut Schrillen und Quietschen und Klingeln!
Ach, wer gibt der Straße den Frieden von ehemals zurück, Preisen wollten wir den Mann und ihn erheben über alle die großen Lärmerfinder zu Wasser und zu Lande und im blauen Aetherraum.
Unmutig kleide ich mich an, schlage die Gardine zurück und — spähe nach einer Zielscheibe für die Pfeile meiner grämlichen Morgenstimmung. Da ist sie, drüben an jenem Küchenfenster, wo sich mein Blick verhakt — der willkommene Splitter im Ange des Nächsten ist gesunden. Dort nämlich regt es sich, nachlässig und schlampig gewandet, in fettiger und speckiger, einst rosenroter Jacke, darunter das isabellfarbige Tag- und Nachthemd hervorlugt — das Hemd „Ich hab es getragen sieben Jahr und kann es nicht tragen mehr", wie die Ballade vom Grafen Douglas anhebt, vertont von Löwe. Gerichtsrats „Mädchen für alles" ists, Und im engen Wichengelaß kämmt sie ihr goldenes Haar, kämmt es nicht mit goldenem Kamme, singt auch kein Lied dabei, denn während sie die blonden Strähnen striegelt und säubert, hat sie schaudervoll, höchst schauderooll! — das Frühstück für die Herrschaft zu bereiten. Sie zündet das Feuer an, setzt das Wasser Un den Herd und schüttet die Milch in die Töpfe. Dann — Göttin der Gesundheitspflege verhülle dein Haupt! — beginnt in der Wche die Reinigung der herrschaftlichen Toilette: graue Straßenkotfladen werden von dem Schuhzeug heruntergekratzt, Röcke und Hosen geschüttelt, geklopft, gebürstet. Dichte Staubwolken wirbeln lustig durcheinander und senken sich herab «auf die dampfenden Kessel und auf all das schöne gerichtsrätliche Speise- und Trinkgeschirr. — Heilige Hygiene, Asklepios gnadenreiche Tochter, erbarme dich der ahnungslosen Herrschaft, die aus dieser Sudelkochwerkstatt gespeist werden soll, blase mit deinem göttlichen Odem all diesen fäulnis- und giftgeschwängerten Kot und Dreck zum Fenster hinaus, mitsamt den Parasiten, Mikroben, Diphtheriekeimen und Tuberkelbazillen, die in ihm leben und weben Siehe, dieses „Mädchen für alles" weiß in seiner Einfalt ja nicht, was es tut — und wenn sie es wüßte, wo findet sie denn in dem „gutbürgerlichen" Hause einen Raum, wo Kleid und Schuh gereinigt werden darf? Auf Fluren und Treppen ists verboten und tnt W. C. ists doch gar zu ungemütlich, tzu Lug oder zu dunkel. t r
Während solcher Beschwörung ist unten vor dem Hause auf seinem Zweirad der Bäckerjunge eingetroffen. Bon dem schwitzen- Rücken nimmt er den Tragkorb ab, stellt ihn in den Torweg, just in jene dunkle Ecke, wo die Austretenden — es wohnt ein Zahnarzt im Erdgeschoß — auszuspucken und die Hündlein sich zu erleichtern pflegen, ergreift etliche der nackten Brote und Semmeln und will mit ihnen die Stiege hinauf. Jetzt hat er wohl geklingelt, denn es verschwindet oben die Maid und kehrt dann mit der Bückware zurück, die sie, aus dienstbeflissener, aber schweißtriefender Hand empfangen, auf der Tischplatte neben den nunmehr blank geputzten Schuhen aufbaut; diese ab'er werden jetzt zur Seite geschoben, denn es wird Platz gebraucht für die schmutzige Leib- und Tischwäsche, die heute, Samstag, geordnet und gezählt werden muß. Was denn auch alsbald geschieht, wobei das brave „Mädchen für alles" es nicht unterläßt, sich schnell auch der eigenen Strümpfe zu entledigen und sie dem gemeinsamen Bündel, hinzu- zufligeu, — von den Füßchen, welche jene enthüllten, laßt ims schweigen: schneeweiß Waren sie nicht, und ein gläsernes Pantöffelchen hätte wohl niemand gerne diesem Aschenbrödel anprobiert. Wie das Mägdelein übrigens so dasaß, das linke Bein über das rechte Bein geschlagen und versunken in den Anblick ihrer Hühner
augen, erinnerte sie lebhaft an die Gestalt des mhromschen Dorn«, ausziehers auf dem Kapitol zu Rom — Doru oder Leichdorn, das figürliche Motiv bleibt dasselbe! Inzwischen aber, und das ist die Hauptsache, hat das Frühstück den letzten Grad seiner Vollendung erreicht. Da steht es nun bereit: der dampfende Kaffee, das Brot, ldsie Butter und der Honig. Sitte nur zu klingeln, meine Herrschaften, und — gesegnete Mahlzeit.
Verehrte Hausfrau, die Sie diese übellaunigen Lamentationen eines unfreiwilligen Frühaufftehers gelesen haben, in Ihrer Küche gehts anders zu, sauberer, appetitlicher, hygienischer^ Wer dennoch, glauben Sie mir, schaden kann es nicht, wenn Sie das eine- oder das anderemal um die Stunde, da die Sonne aufgeht, unerwartet, eine dea ex machina, dort erscheinen. Vielleicht, daß doch nicht alles, was daselbst sich ereignet, Ihren Beifall findet Auch wäre es sehr nützlich und menschenfreundlich, wenn Sie diese morgendliche Gelegenheit ergreifen wollten, auch Ihrerseits etwas für die a l l g e 'm e in e Zebu n g d e s R e i n l ich- keitssinns zu tun, mit dem es trotz aller Aufklärungsarbeit der Aerzte und der Nahrungsmittel-Chemiker. noch recht nbel bestellt ist; wenn Sie zum Beispiel so nebenbei einen Blick tn die Schlafkammer Ihres Mädchens würfen, und nach, den Wasch- gelegenheiten sehen und ob diese auch an dem für sie bestimmten Platz (und nicht etwa in der Küche) Verwendung finden; des- selbigengleicheii auch die Handtücher prüfen, nach Zahl und Beschaffenheit, und die Bettwäsche, wann und ob überhaupt sie gewechselt wird; dann fragen Sie doch auch so nebenbei, es ist wahrlich nicht überflüssig, ob das „Mädchen für alles, außer Ringen und Broschen und Armbändern — das Dekorative versteht sich immer von selbst, wie das Moralische — ob sie auch ein zweites Hemd zum Wechseln ihr eigen nennt ? Und da wir einmal bei diesem intimen Bekleidungsstück angetangt sind, fragen Sie auch — doch Sie verstehen mich schon! Sollten sie bet Ihren Nachforschungen in den Dienstbotenräumen Ihres Hauses wider Erwarten wunderliche Dinge erleben, so bitte schelten Sie nicht, halten Sie ia<uch keine schönen Reden über Ordnung und Sauberkeit, sondern öffnen Sie Ihr soziales Herz und achten Geldbeutel und verbessern Sie die Umgebung und die Verhältnisse, unter denen die Dienenden bet Ihnen leben und fronen. Das ist die Vorbedingung jeglicher hygienischer Reform. Ist die erfüllt, dann erst folge die Belehrung: an die Küchenwand ein Anschlag, klar, kurz und bündig, mit den drei oder vier wichtigsten Regeln der Reinlichkeit und der Gesundheitspflege! Ihr Mädchen wird, diese Wand- weisheit anfangs verletzen, aber schließlich, etwas bleibt doch immer hängen: Denken Sie nur an die Spuckverbote in der Elektrischen, genützt haben sie doch. Die Abfassung jener Sanitätspredigk wird Ihr Hausarzt gewiß gern übernehmen; noch besser wäre es, wenn er auf Ihre Anregung eine Reihe hygienischer Hauptgebote drucken und auf einem hübschen und eindrucksvollen Täfelchen zu einem billigen Preise der Allgemeinheit zugute kommen ließe, was ich ihm, unbekannterweise, hiermit empfehlen möchte. Jedenfalls aber, wenn anders Sie überhaupt in Ihrer Küche reformieren wollen, tun Sie es bald. Unheimlich klingt es ja ans jeder Zeitung heraus: hier ein Fall, da ein Fall, bakteriologisch fest- gestellt, hind mit tödlichem Ausgang! Warten Sie nicht bis die grimme Seuche etwa durch die Gassen wütet. Opfern Sie, so lange es noch Zeit ist, eine goldene Morgenstunde und ein goldenes Weihgeschenk der kiankhxitw ehrenden Tochter Aesknlaps, sie wird es Ihnen danken. A. L.
Rätsel.
Mein erstes muß der Landmann hoben/ Wenn er will seine Furben zieh«. Bis dann nach nianchen langen Tagen Des Fleißes krönt Eriolg fein Mühn. Gibt dann der Himmel seinen Segen SDiit Wind und Sonnenschein und Regei^ So freut er sich, doch nun gib acht Auf daß, was dir mein zweites sagt: Auch ich bin stets zn finden außen, Doch auch im Haufe bin ich oft. Ich dien' zur Nahrung, doch auch draußen Gar mancher viel von mir erhofft. Mein Ganzes ivieberum ist wertvoll, Es fchließet Segen ein fürwahr.
Doch ivie das werte Ting nun heißt wohl, Ich bitt dich, Leser, mad) es klar.
Auslösung in nächster Nummer,
Auflösung der Königspromenade in voriger Nnmmerr
Wer sähe nicht beim ernsten Scheiden Des Jahres »och einmal zurück? Es brachte ja fo manche Freuden, So manchen frohen Augenblick! — Und kehrte auch ein Leiden ein, So sollte e? nur nützlich sein. —
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steinbruderei, R. Lange, ©leien.


