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Der junge HofmannsLtzal.
Von Dr. Paul L a n d a u.
Unsere Zeit strebt danach, zu den Dingen der nächsten Vergangenheit schon einen historischen Standpunkt zu gewinnen. Im raschen Fortschreiten und Durchleben fühlt sie Epochen gegenüber die sie kaum noch durchlaufen, bereits eine objektive Distanz' sie .will sich gleichsam selbst geschichtlich werden, unb so werden es ihr vor allem ihre „representative men". Künstlern, dis noch ini vollen Schaffen stehen, einem Thoma, einem! Lieber- 1«önn, Jefet man ein Denkmal in Gesamtausgaben ihres Werkes al» „Klassikern der Kunst"; Dichter, die kaum des Lebens Mitte uberlchritten, geben in einer Reihe von Bänden einen Ueberblick über ihr Wirken, wollen nicht als Zeitgenossen, sonderii als histomche Perfonlichkeiteu gewertet sein. Wenn solch eine Betrachtung von hoher zeitloser Warte, sub specie aeternitatis bei einer bedeutenden und berühmten Persönlichkeit unserer Tage einen tieferen Sinn hat, dann ist Ges bei Hugo von Hosmamisi- thal der Fall. Die Jugendperiode dieses Poeten ist seit Jahren abgeschlossen; die berauschenden, herrlich entfalteten Blüten seines Dichterfrühlings zieren jene Gärten unserer Poesie, die einst Tieck .in seinem „Zerbino" mit frommtet Scheu entdeckt undi betreten. Welch neuer Reife, welch köstlicher Frucht seine hohe Begabung zustrebt, ist uns heut noch in Dunkel gehüllt. Aber estst gilt, gerade in diesen Tagen, da hinter dem Librettisten des „Rosenkavalier" und llebersetzer des „Königs Oedipus" der Selbstschöpfer ein wenig zurücktritt, daran zu erinnern, daß dieser eben auf der Höhe seiner Mannesjahre angelangte Kiinstler bc- rerts eine Reihe von Werken geschaffen, die ihm in ihrem harmonischen Zulainmenklang einen unverrückbaren Platz in der Geschichte der Literatur sichern. Daran gemahnt die soeben erschienene Volksausgabe der „Gedichte und kleinen Dramen" Hofmannsthal im Insel-Verlag, die alle wichtigen poetischen Schöpfungen seiner ersten Jahre, von 1892 bis 1899 etwa, sammelt und so eine der schönsten Gaben der Dichtung vom Jahrhundert-« ende in edler und bleibender Fassung der Nachwelt aufbewahrt.
Wie Athene gewappnet, in Helm und Panzer, aus dem des Zeus sprang, so trat der 18jährige HofmannstM 1892 als ein völlig reifer Dichter mit seinem herrlichen Bruchstück „Der Tod des Tiziait" vor die Oeffentlichkeit. Zwar hatte! schon das Jahr vorher ein gewisser „Theophil Morren" eine dramatische Studie „Gestern" veröffentlicht, die eine wundervolle Süße der Worte und tiefen Wohllaut der Verse besaß. Wer dies früheste Werk des reimenden „Wunderkindes" ist mit Recht aus unserer Sammlung abgeschieden worden, nicht etwa, weil es weniger reif und fertig wäre, in Form und Stimmung, sondern weil es das in blässeren, matteren Tönen sagt, was un „Tod des Tizian" jauchzt und seufzt, im einförmigen Monolog flötet, was dort in brausendem Verein voller Akkorde crt'önt' Eine neue Melodie voll unbekannter Schönheit war hier, ’toie auch in dem entzückenden Prolog zu Schnitzlers „Anatol", zum erstenmal in deutscher Sprache angeschlagen. Ueber die trübe Grau in Grau-Malerei des Naturalismus triumphierten stark leuchtende Farbenfanfaren von tizianischem Gold, über die mühselige Nachahmung der Umgangssprache hymnische Rhythmen edelster Wortkunst. Hermann Bahr, der stets bereite Herold des neuen.Ankömmlings auf dem Parnaß, fragte damals, ob diese Verse nicht die reife Anmut und das mühelose Glück ei nm Geibel und Heyfe hätten, aber er fand in ihnen eine sensiblere! Grazie, ein heißeres Erleben, ein Sßjnen nm die letzten Dinge der Schönheit. Das zauberhafte und scheinbar voranssetzüngslose Auftreten des knabenhaften „Loris" erklärt sich uns heute, zumal wenn tvir ähnliche Ansätze unter den aleichstrebenden Genossen, bei Bahr, Andrian, Dörinann, berücksichtigen, aus einer allgemeinen ästhetischen Stimmung der Zeit, die mit zuletzt die deutsche Literatur ergriff und diesen jugendseligen, aufnahmefähigen Dichter am stärksten durchdrang. Jene Kunst „der halbverwehten Klänge und der unerfahrenen Farben des Verlangens", schimmernd von .„dem Schmelz der ungelebten Dinge, altkluger Weisheit voll und frühen Zweifels", die uns heute als der Ausgangspunkt der Neuromantik erscheint, war damals bereits in Frankreich von Mallarm« begründet, in England von Swin- burne zur höchsten Reife ausgebildet, in Italien von d'Annunzio, in Belgien von Lerberghe und Maeterlinck anfgenommen. Sie hat ettva zur selben Zeit Ivie bei uns ihren größten Vertreten in Rußland in Konstantin Balmont gepinben.
Ein Auflösen der ganzen Welt in Schönheit, ein Betrachten alles Geschaffenen unter dem einen Gesichtswinkel des Acste- tischen, das Ivar das Evangelium der reinen Kunst, das der junge Hofmannsthal predigt. Nicht am Leben und an der Natur entzündet sich sein Lebens- und Naturgefühl, sondern am Geschaffenen, an den künstlichen Dingen. Für des Meisters von Cadore begeisterungstrunkene Schüler haben Wolken, Bäume, alle Wunder der Welt nur Seele und Sinn durch ihn und seine Werke. Ans „Gestern" ist der Mensch des Heutigen angckeMt und „ganz vergessener Völker Müdigkeiten" kann er nicht abtun von seinen Lidern. Müde 'von dieser doppelten Last des Vergangenen und der Kunst blickt der Dichter, der Erbe; vieler Geschlechter und Gefühle, auf das Dasein, das ihn ja nur im Bilde, nur durch die Form Gestalt und Wirklichkeit gewinnen
kann. Daher sind ihm die Ersiyeinungcn des Lebens Schatten eines Traumes oder einer fieberhaften Vision, Marionetten eines Puppen,piel», bunte sprühende Tropfen eines im ewigen Wechsel und Wandel zerstiebenden Springbrunnenstrahls. Immer stellt er m solchen Gleichnissen sein Erlebnis dar, zunächst in seltsam grübelnden, ahnungsvoll malenden Gedichten, aus denen wie aus fruchtbaren Keimen, die Dramen hervorwachsen, wie aus der Stimmung des „Nox portentis gravida" die schicksalsvoll« Stunde des „Tod des Tizian", aus dem sehnsüchtigen Gesicht des „Erlebnis" Der Tor und der Tod". Mit einer intellektuellen Lust versenkt sich Hofmannsthal in die geistigen Qualen und ubersiimlichen Verzückungen des Menschen seiner Zeit, und dresi unkörperlichen Schwebungen des Gestihls schildert er in möglichst plastischen, von allem Glanz der Erde umwobenen Bildern. Sein glühender Kolorismus hat sich gesättigt an den Gemälden der Farbenineister der Renaissance, seine Phantasie o Aullt von großen Kunstwerken und schaut mühelos in der Landschaft Michelangelos Anghiari-Schlacht oder ein antikes Vasen- bub. Für das Streben, das llnsinnliche sinnlich auszudrücken, M etwa der Gedichtanfang bezeichnend: „Dein Antlitz war mit Traumen ganz beladen. . ."
« YAkchr von „allen Zeugen menschlicher Bedürftig-,
keit , solche Verachtung des Wirklichen, wie sie der junge Hofmannsthal mit unvergänglicher Intensität und Grazie festgehalten, führte den Dichter zu einem tieferlebteii, tragischen Konflikt, der ebenfalls durchaus in der Müden Seele des „fin de siede" lag und dessen .Typus er im „Claudio" von „Der Tor und der Tod" geschildert hat. Wie dem Pagen im Prolog des „Todes des Lizian" rief er sich selbst zu:
„Schauspieler Deiner selbstgeschaffenen TräuMe, Ich weiß mein Freund, daß sie Dich 'nennen Lügner. Der in seine Visionen Eingesponnene, der über allem 'künstlichen Gewiß, die Fähigkeit des Erlebens verliert, belügt sich stets in schaudervoller' Ichsucht, „wie auf der Bühn' ein schlechter Komödiant", und geht so über diese Lebmsbühne hin „ohne Kraft und Wert". Dies erkennt der Claudio des Gedichts, dem der geigende Tod Mutter/ GÄiebte und Freund vorüberführt, die alle ihn geliebt, um ihn gelitten, für ihn gestorben, ohne daß seine in sich felbst ver-, narrte Seele es bemerkt. In dieser ergreifenden Gestalt ist biei Wesenheit einer ganzen Generation festgehalten, ebenso scharf und unvergänglich, wie früher im „Werthcr" oder in Constants „Adolphe". Dramatisch freilich ist weder die lyrische Polyphomek tut „Tod des Tizian", noch die reliefartige Flächenbehandlung im „Tor und Tod". Ein wirkliches Drama zu gestalten, hat der junge Hofmannsthal auch nicht versucht. Zu solchen Aufgaben hak er sich erst in einer späteren Periode und noch nicht mit vollem Gelingen durchgerungen. Mer eben in ihrer ruhigen Formenreinheit, ihrer geschlossenen Größe der plastischen Anschauung find diese Jugendwerke so einzigartig, daß sie heute schon etwas von klassischer und unvergänglicher Schöne haben. Da sind die „Gedichte", deren Rhythmik und blühende Wortpracht an di« Sprachkunst des alten Goethe, an dem westöstlichen Divan und den zweiten Teil des Faust lankmipft, und bald anmutig und leicht klingt wie ein Liedchen der Anthologie, bald rätselhaft und tief wie eine Hymne des Pindars, dann wieder klar und rein wie eine Canzone des „dolce stil nuovo" oder magisch geheimnisvoll wi« ein Gedicht der chinesischen Lyrik. Es folgen di« „Gestalten", die sich als scharfe, ruhig ebenmäßige Reliefs vom Hintergrund der Verse abheben oder wie „das Keine Welttheater" in einem' düster großartigen Fries des Schattenspiel tragischer Wesen vorübergleiten lassen. Die „Prologe und Trauerreden" sind Meisterwerke einer hochgestimmt feierlichen, poetisch hinrauschenden Festdichtung, in den Gedächtnisworten für Mitterwurzer, Herrmann Müller und Kainz, von tiefem Verstehen beseelt für den Genius schauspielerischen Schaffens. Die „Vorspiele" verdanken ebenfalls in ihrem tiefsinnigen Nachdenken und Schauen besonders bedeutsamen Anlässen aus dem Bereich der Bühne ihre Entstehung. Unter den „Kleinen Dramen" hält sich der wundersame Monolog der „Frau im Fenster" dem ,Dod des Tizian" am nächsten; das Visionäre von „Tor und Tod" lebt in dem fiebrig lebcnu digen, purpurn glühenden Trophäen von „Der- Kaiser und di« Hexe" auf, in diesem „weltlichen Weihespiel" in der Art des Calderon, das so reich erfüllt ist von reiner Menschlichkeit. Di« psychologische Vertiefung in dem entzückend graziösen Zwischenspiel „Der weiße Fächer" weist bereits auf ein späteres Werk hin; „Christinas Heimreise". Die mystische Märchcnsliminung im „Bergwerk von Falun" wagt sich an dramatische Steigerungen, die zu dem bisher gewaltigsten Werk des späteren Hofmannsthal zü „Oedipus und die Sphinx" führten.
Diese leisen Anfänge neuer Möglichkeiten, die sich hier regen,- sind dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts in jene lange Zeit des Tastens, Versuchens, Verirrens eingemünbet, in der sich Hofmannsthal noch befindet. In mancherlei Verkleidungen kam er, im antiken Pantherfell des Dionysos und im Kleid des Shakespeareepigoneu, im Rokokokostüm und im Biedermeiers rack, stets interessant, voller Verheißungen und einzelner großartiger Züge, aber es fehlte die persönliche, reine vollendete Schönheit der Jugendwcrke. Ter Dichter ähnelt auch in feiner Entwicklung dem einzigen Poeten, dem man sein unerhört reifes Debüt vergleichen kann: Swinburne. Wie der Wiener trat der Engländer


