Sinclair erreichte sic als erster und stieß sie aus. Ich folgte ihm auf den Fersen und warf einen furchtsamen Blick über seine Schulter. Was wir erblickten, war ein leeres Zimmer. Dorothea war nicht darin. Sinclair den- tetc mit lebhafter Handbewegung auf das Bett: man hatte nicht darin geschlafen, —• und dann aufs Gaslicht, das immer noch brannte. Tas angrenzende Zimmer, in den: Frau Lansing schlief, Ivar ebenfalls beleuchtet, wie wir durch die offene Spalte erkennen konnten, aber es herrschte dieselbe Stille darin, wie in dein kleinen Zimmer, worin ivir uns befanden. Dies fiel uns als der unverständlichste Umstand daran auf. Frau Lansing war nicht eine von den Frauen, die sich durch Lärm nicht im Schlafe stören lassen. Wo befand sie sich dann? Und warum erhob sich ihre Stimme nicht in kreischenden und anzüglichen Tönen, um gegen unser Eindringen lebhaft zu protestieren? Hatte sie ihre. Nichte begleitet, als die ihr Zimmer verließ? Würden wir im nächsten Augenblick ihre gewichtige Persönlichkeit in der kleinen Schar der Gäste entdecken, die, wie wir jetzt hörten, sich uns eilig näherten? Ich hielt es für das beste, uns zurückzuziehen und das Haus nach Dorothea abzusuchen. Aber Sinclair besaß einen richtigeren Instinkt und zog mich über die Schwelle dieses stillen Zimmers.
Es war ein Glück für uns, daß wir zusammen eintraten, denn ich weiß nicht, wie einer von uns, geschwächt, wie wir durch unsere düsteren Vorahnungen und die Aufregungen dieser unheilvollen Nacht waren, den Anblick ertragen haben würde, der hier unserer harrte.
Auf dem Bett, das rechts vom Eingänge stand, lag eilte Gestalt, die schrecklich beängstigend und unsäglich abstoßend aussah. Ihr regloses Haupt, das auf den Kissen gebettet lag, war von den grauen Haaren vorgeschrittenen Alters umgeben; die Augen, die weitaufgerissen nns an- starrten, schienen aus Glas zu seiu und nicht in eigenem Leben, sondern von toten Lichtreflexen zu glänzen. Dieser starre Blick erklärte das fürchterliche Schweigen int Zimmer. Wir waren in Gegenwart des Todes. Nicht des Todes, den wir vorhergesehen und für den wir in einer gewissen Hinsicht vorbereitet waren; aber dieses Ereignis traf uns ebenso schrecklich. Tas Opfer war nicht Dorothea Camerden oder Gilbertine Murray, sondern die herzlose Tante, die sie beide jvie Sklavinnen behandelt hatte und nun ihre Handlungen ans Erden zu verantworten abberufen worden war.
Als ich die fürchterliche Wahrheit x,u begreifen begann, mußte ich mich am Bettpfosten halten, um nicht umzusinken. Vor meinen Augen schien sich das ganze Zimmer zu drehen. Ich bemerkte nur, daß Sinclair sich über das schnell farblos werdende Antlitz beugte, dessen natürliche Röte noch nie jemand zuvor hatte verschwinden sehen. Ich stand noch an meinem Platze, als Herr Armstrong und all die anderen eindrangen. Es ist mir nicht die geringste Erinnerung übriggeblieben, was in diesem Augenblick gesprochen wurde, noch weiß ich,- wie es kam, daß ich.mich plötzlich wieder int Vorzimmer befand. All mein Denken, ja mein ganzes Bewußtsein hatte mich verlassen, und jch erwachte erst ans meiner dumpfen Betäubung, als jemand in meiner Nähe flüsterte:
Ein Schlaganfall!
Da begann ich, mich umzublicken pnd suchte unter der Menge von .Gesichtern, die mich! von allen Seiten umringten, das eine, das mir meine Selbstbeherrschung wieder zurückgeben konnte. Aber trotzdem ich in den entsetzten Gruppen, die das Zimmer füllten, manch ein Mädchenantlitz gewahrte, konnte ich Dorothea nicht entdecken, und ich war daher nicht sehr erstaunt, als ich einen Augenblick später,bettt Ruf vernahm:
Wo ist Fräulein Dorothea? Wo war sie, als ihre Tante starb?
Es war niemand da, diese Frage zu beantworten, und diejenigen, die bisher nur von Entsetzen und Schrecken beherrscht gewesen, begannen erstaunt zu sein, und mehr als einer verließ das Zimmer, um nach ihr zu suchen. Ich schloß mich ihnen nicht an. Ich konnte mich nicht von meinem Platze bewegen. Auch Sinclair rührte sich nicht; nur seine'Augen, die bis jetzt unruhig über die Gesichter der Anwesenden geirrt waren, richteten sich jetzt fragend auf die Türe. Wen erwartete er? Gilbertine oder Dorothea? Gilbertine ohne Zweifel, denn fein Antlitz heiterte sich sichtlich auf, als nunmehr feine Braut in
einen Morgenrock gekleidet, der sic noch größer erscheinen ließ und ihrer ganzen Gestalt eine ungewohnte Einfachheit verlieh, auf der Schwelle erschien.
Sie war pffenbar von dem Ereignis in Kenntnis gesetzt worden, sie, ohne etwas zu sagen, in stummem Entsetzen am Türpfosten lehnte und ihre Augen durch das Zimmer schweifen ließ. Sinclair ging ans sie zu und bot ihr den Arm. Aber sic verriet durch nichts, ihn bemerkt zu haben. Ta sprach er sie an. Nun schien sic zu cr- wachen; sie junrf ihm einen dankbaren Blick zu, aber sie nahm seinen Arm nicht an.
Morgen wird Unsere Hochzeit nicht stattfinden, murmelte sie Por sich hin, als rede sie mit sich selber.
Die Leute, die fortgegangen waren, Dorothea zu suchen, hatten erst seit ein paar. Minuten das Zimmer verlassen; aber mir kam diese Zeit wie eine Ewigkeit vor. Im Geiste begleitete ich die Leute auf der Suche nach ihr durch das ganze Haus. Wo steckte das Mädchen? Würde sie in irgendeinem Zimmer entdeckt werden, halb tot vor Schreck? Oder harrte unser noch ein weiteres, ein viel schrecklicheres Drama? Ich begann mich zu wundern, warum es mir nicht möglich war, auch nach ihr zu suchen; ich war erstaunt, daß auch Sinclair sich trotz des beruhigenden Er- scheinens Gilbertines nicht von der Stelle rührte. Wußte er denn nicht, was aller Wahrscheinlichkeit nach das gesuchte Mädchen bei sich trug? Erinnerte er sich nicht meiner Leiden während des Abends, dachte er nicht daran, was ich jetzt ausstehen müßet? Ah ! Und was nun? Sie kommt! Ich höre, wie sie mit ihr reden. Gilbertine tritt beiseite, und auf der Schwelle erscheinen ein Herr und eine Dame, Dorothea in ihrer Mitte.
Aber wie sieht das Mädchen aus! Jahre könnten sie nicht mehr verändert haben, als es die paar Stunden getan, seit ich sic zum! letzten Male sah! Ihr Aussehen und ihre Bewegungen waren die eines Menschen, der mit dem Leben abgeschlossen hat, jedoch die wenigen Stunden fürchtet, die ihm noch übrig bleiben. Instinktiv traten wir vor ibr zurück; instinktiv verfolgten wir sie mit den Augen, als sie erst an der Türe stehen blieb, wie um Mut zu fassen, dann einen Blick unfaßbaren Schauderns erst auf ihr eigenes Bett, hieraus ans die Gruppe älterer Leute warf, die sie mit ernsten Blicken musterten. Während sic dies tat, bemerkte ich, daß sie immer noch ihr graues Gesellschaftskleid trug, und daß die? Farbe ihrer Wangen und Lippen nicht lebhafter war, als die neutrale Färbung ihres Kleides.
(Fortsetzung folgt.)
Zur Entstehung unserer ßcmMeünamslk.
Der Vorgang der Entstehung unserer Familiennamen ist längst zum Stillstand gekommen. Was da etwa noch von Neuem auftaucht, ist meist künstliches Erzeugnis, nicht natürliches Wachstum. Aber es gibt doch noch Gebiete in unserem Vaterland, wo wir die Entstehung der Familiennamen gleichsam am lebenden Körper studieren können, weil fort und fort solche neu erzeugt werden. Mir, der ich von der Wasserkante in ein oberhessisches Torf verschlagen war, war es höchst auffallend, daß hier die: meisten Familien neben ihren offiziellen Namen, mit denen sie „sich schrieben", noch einen zweiten führten, der zwar in keinem! Standesamts-Register oder Kirchenbuch zu finden war, mit dem sie aber im gewöhnlichen Leben so regelmäßig benannt wurden, daß mancher vom andern kaum wußte, wie er „sich schrieb", sondern nur wie man ihn hieß,. Geriet doch einmal ein Taufvater, der seinen eigenen Schwager als Paten! anmeldete, in große Verlegenheit, als ich ihn fragte, wie sich denn sein Schwager eigentlich schreibe. Auch diese Nenn-Namen vererben stch oft durch Generationen, bis sie durch neue wieder verdrängt werden.
Die Ursache dieser Erscheinung mag zum Teil darin zu suchen sein, daß bestimmte Familiennamen in den einzelnen Dörfern außerordentlich häufig Vorkommen. Die oberhessischen Dörser müssen in einer merkwürdigen Abgeschlossenheit gegeneinander gelebt haben. Unterscheiden sich doch bekanntlich heute noch oft die benachbarten Dörfer desselben Tales durch mundartliche Eigentümlichkeiten voneinander, so daß man an der Sprache zu erkennen vermag, aus welchem Dorf der Redende stammt. Diese Abgeschlossenheit äußerte sich natürlich vor allem in einem fortwährenden Jneinanderheiraten innerhalb der Dorfgemeinde. So hat jeder Ort verhältnismäßig mir wenige Familiennamen, und einzelne überaus häufig vorkommende. In meiner früheren Gemeinde heißt tatsächlich jeder vierte Mensch entweder Sommerlad oder Otto oder Lindenstruth!, lind da auch die Auswahl der gebräuchlichen Taufnamen nicht sehr mannigfaltig ist, gibt es eilte große Zahl Leute, die gleichen Taus- und Familiennamen:


