Ausgabe 
2.12.1912
 
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sichren. Amtlich sind' ja nun Beireichen eingeführt. Aber etwas I Unlebendigeres nnd Beziehnngslvsercs als diese- Beizeichen gibt i es kaum. Es Prägt sich auch schlecht ein, wer nun der Sechste oder I Siebente, Trei- oder Bier-und-Kwanzigste ist. So bleiben un­liebsame Verwechselungen nicht aus. Auf diese Weise haben itk z. B. einmal einen ganz anderen, als wir eigentlich wollten, in die Gemeindevertretung gewählt. Wir hatten eben die Beizeichen verwechselt. ,

Aber wenn auch das Bestreben, die Unterscheidung zu erlerch- ter», Mitwirken mag, dec eigentliche Grund wird sicher das Be­dürfnis fein, die Menschen mit Namen zu bezeichnen, die eins deutliche Beziehung zu dem Träger haben. Unsere Famstien- namen sind ja für die große Masse längst tote Worte ohne Sinn geworden, und mau weiß nicht mehr, warum-gerade dieser Mensch diesen Namen trägt. Jede Beziehung zur Person des Trägers ist verwischt. Müller könnte ebensogut Schulze heißen, imtb Meier Schmidt. Wenn ich ein Glied der Familie Lmdenstruth daraus anrede, daß diese aus denr gleichnamigen Dörschen stamme, be­komme ich sicher die Antwort:Nein, die Familie hat immer hier gewohnt." -Oder wer verbindet einen Sinn mit dem Namen Sommerlad? Tic älteren Leute wissen zwar noch, daß man das Wort Somuierlad wohl für den Schößling eines Sommers an Baum und Strauch gebraucht, die jungen kennen es gar nicht mehr. Aber weder Junge noch Alte denken bei dem Namen an I dies Wort, oder wissen, was diese Familie mit dem Sommer- I schößliug zu tun hat. Vermutlich galt von dem ersten Träger des Namens:

üfreht alsam ein sumerlate was sui lip ze mäzen lanc.

(Konrad v. Würzburg bei Grimm s. v.)

Mer wer weiß das heute? Unsere Familiennamen sind längst Worte ohne Sinn und Bedeutung. So schafft das Volk neue Namen, von denen es- weiß, warum sic die Träger tragen, und bei denen es sich etwas denken kann.

Bekanntlich besteht ein großer Teil, wo nicht der größere Teil unserer Familiennamen aus . ursprüng­lichen Taufnamen, für den Laien freilich in vielen Fällen kaunr mehr kenntlich. Genau so werden auch heute hier noch Vornamen von Vorfahren zu Familiennamen. Wenn ro.tr das Fest der Mctzelsuppe feierten, schickten wir zu Gottfrieds und der Gottfrieds Wilhelm übernahm die Leitung des Festes, -sein Großvater mütterlicherseits führte den Taufnamen Gottfried, und so nannte man feines Vaters Familie Gottfrieds und letzt auch die seine. Sein Bruder freilich hat diesen Namen verloren leit er in das Melchers-Haus hineinheiratctc und heißt rett selber der Melcher, weil seiner Frau Großvater den Taufnamen Melchior trug. Und so gibt es Kasimirs, Kappers (von Kaspar), Kobches (von Jakobh Kodches (von Konrad), Lieroigs (von Ludwig), alle mit den Taufnamen irgend eines Vorfahren Väter- oder mütter­licherseits benannt. ,

Oder: Zu dem. Spielgefährten unserer Kruder gehört das Schütze-Willemche. Sein Vater heißt weder Schütze, noch ist er cs Aber weil bessert Vater des Flurschützen Tochter heiratete, heißt die Familie noch heute Schütze. So wird also gerade wie bei vielen unserer offiziellen Familiennamen das Gewerbe oder die amtliche Stellung eines Vorfahren zum Nennamen der Familie. Wir haben Schusters, Schmieds, Schlossers, Gellrewers iGeld- erliebersh Scholtheß (Schultheiß) nnd so weiter. Bon, den gegen­wärtigen Trägern dieser Namen führt keiner mehr dres Geschart oder dies Amt, aber der Vater, oder Großvater, oder schwieger- vater, oder ein noch früherer Ahne führte es. An den Nennen Scholtheß, der natürlich in vielen Dörfern als Renname vorkommt, ganz wie es zahlreiche Schulzes gibt, knüpft sich übrigens merk­würdigerweise die Vorstellung,. daß er kein Glück bringe.eine Tante meiner Frau," berichtete mein Gewährsmann,hatte ern Godckcn, das heiratete in eine so benannte Familie eines andern Dorfes Da sagte die Patin: hätte man mich gesragt, ,ch hatte es nicht gelitten, das bringt kein Glück! Und wirklich sind die Leute verarmt." Und so gebe es viele Bcifpiele. Dem liegt der Gedanke zugrunde, daß in früherer Zeit, wo noch nicht alles ,o von oben herab überwacht sei, die Schultheißen ihre Stellung oft in selbstsüchtiger Weise ausgebcutct hätten, und daß nun Gott die Sünde der Väter strafe am dritten loder vierten Glied. Hinter die Bedeutung des Nam'ens Hamann, den eine hiesige Familie führt, konnte ich zuerst lange nicht kommen.. Der Name sei w alt, sagten mir alte Leute, das wisse mau gar nicht mehr, woher der komme: ich solle aber den nnd den fragen, der sei der Netteste. Und der Aeltestc wußte es. Seine Mutter hatte ihm einmal erzählt, in dem Homauns-Hause habe früher des vop-Haunüvbs Hannjost gewohnt, und der Hop-Hannikob (Johann Jakob) habe so geheißen, weil er von einem der damals hier noch vorhandenen Edelhöfe Ländereien gepachtet habe, Homann ist also hier ab- gefchlifsen aus Hopmann oder Hofmann, wer ja mchc seltene Familennamc Hamann (oder Hohmanii) wird freilich wüst auf einen uutergegaiigenen Taufuameii zurückgefuhrt iso Förstemann. Altdeutsches Namenbuch), doch wird in diesem Falle wohl sicher keine irrige Volksethymologie vorliegen.

Zuweilen wird auch eine Verbindung von Berufsbezeichnung und Taufnamen zum Nennamen. In einer Zeit der Madchennot half uns die tüchtige Schneider-Baltzers-Kathrin aus. Ihr Vater hieß nicht Baltzer und war auch nicht Schneider, aber ihr Groß­

vater war Balthasar getauft unb' da er des Schiceiderkappers Tochter heiratete, ward er der Schneiderbaltzcr nnd seine Nach­kommen die Schneiderbaltzers. Man vergleiche dazu Familien­namen Ivie Schmitthenncr (--- Schmied-Heinrich).

Es ist wohl nur ein Zufall, daß ich nur eine n Fall auffand, in dem der Name des Herkunftsortes eines! Ahnen zum Nenn­namen der Familie geworden ist. Unter unfern Familiennamen stellt diese Klasse ja neben den von Taufnamen abgeleiteten das größte Kontingent. Wir 'haben zwar eine ganze Reihe geogra­phischer Namen, aber nur die Pirmasenser haben wirklich einen Vorfahren, der aus Pirmasens stammt. Als ich auf einer Hoch­zeit einen alten Manu aus einem Nachbardorf traf, der Albach genannt wurde, glaubte ich, ein zweites Beispiel gefunden zu haben. Allein die Sache hing doch anderZ(zusammen. Sein Eller- vatcr hatte in dem nicht weit entfernten Albach ein Mädchen gehabt, zu dem' er ging, und weil es nun, sobald ihn feine Kameraden vergeblich suchten, hieß: Ach der ist wieder in Albach, so wurde er der Mbächer oder kurzweg Albach genannt, und hat diesen Namen auf seine Nachkommen vererbt. Es lebt also des Ellervaters Liebesgeschichte in dem Namen fort. Ueber- hänpt halten gerade die Namen dieser Art manche alte Erinne­rung wach. Da sind die Russen. _ Deren Ahn hat 1812 mit den Franzosen nach Rußland gemußt, ist aber heil und gesund wiedergekehrt, und erschien eines guten Tages Plötzlich wieder im Heimatdorf. Man weiß noch den Weg, den er herabkam. Z» dem Namen der Engländer wurde mit .olgendes berichtet: Früher, als die Leute hier noch sehr arm waren, war da ein Mann, dem überließen Leute, die viele Kinder hatten, gegen ein paar Gulden eins ober das andere aus ihrer Schar. Der brachte sie nach England, wo er sie an Seiltänzer ober andere Leute derart verkaufte", oder sie in London mit Drehorgeln umherzicheu! ließ und so sein Geschäft mit ihnen machte. Manche haben stch von ihm losgemacht, gutes Geld verdient und sind wieder zurück^ gekehrt. So hats auch eine Ahnin der Engländer gemacht, und daher heißt man diese so. Der Vater der Holsteins war 1848 mit in Holstein, unb ber ber Hollands hat in Holland reicheren Verdienst gesucht, als die karge Heimat bot. Dabei ist es be­achtenswert, daß sehr häufig der Orts- oder Landesname gauzi unverändert, nicht etwa in adjektivischer Form, znm Nenii- namen wird, also einfach Albach, Holstein, Holland, genau wie das bei unseren Familiennamen zumeist der Fall ist.

Auch Eigentümlichkeiten der äußeren Erscheinung der Vor­fahren werden Anlaß zur Bildung forterbender Nennamen. Der Rotbart trägt zwar einen stattlichen Bart, doch zeigt dieser keinen Schimmer von roter Farbe. Aber seines Vaters Bart war rot, nnd so wurde er und nach ihm der Sohn der Rotbart gertannt. Dazu vergleiche man die zahllosen Langes und Kurzes, Rothes, Kraushaars, Langhals usw. nsw. unter unfern yamtliennamen. Auch bei dem Nennamen Weibches hat die Körpergestalt enter Ahnin, die einklein, niederträchtig Weibchc" gewesen, den An­laß gegeben. Wieder ein anderer, der ebenfalls' klein von weftalt, dabei aber sehr munteren, beweglichen Wesens war, wurde scherz­weise, wohl im Gedanken an den Zaunkönig, der König ge­nannt, und sein Nachkommen heißen noch heute Königs. Hier ist also ein ursprünglicher Scherzname Nenuame der Familie geworden. Ueberhaupt führen hier neben ihrem Schreib- unb Nennamen viele Leute noch als brüten einen llebernamen, bei dem man sie freilich bei Leibe nicht anreben darf. Aber bic harmloseren unter diesen Spottnamen werden doch gelegentlich einmal zu 9iennantcn, wie ja auch unter unfern Familiennamen bic ursprünglichen Nebcruamen nicht selten sind. Da ftnb z. B. die Laabers (= Laubers), deren Großvater sich beim Laubholen im Walde nie genug tun konnte und statt mit einem einfachen Sack wie andere Leute immer gleich mit einem großmächtigen Bett- sack in den Wald zog. Bei den Lehrers forschte ich vergeblich nach einem Boifahren, der den Schulmeisterstab geschwungen, bis ich bedeutet wurde, daß der betreffende MM nicht Kinder, sondern Ochsen gelehrt habe, die er uneingefahren ankaufte, uml sie dann als gründlich ausgebildete Ochsen wieder zu verkaufens So hat auch keiner von den Vorfahren der Parrers, von denen ich ans einem andern Dorf hörte, je auf der Kanzel gestanden. Aber einmal als das Dorf feinen neuen Pfarrer erwartete und auf den Ruf:Der nau' Pa er er kimmt!" sämtliche Fenster auf- flogen und alle Köpfe herausfuhren, war niemand zu sehen, als eben der Stammvater dieser Familie, der gemach ich und ahmmgs-- los die Torsstraße daherkam. Von da ab trüg er nut den ©einen den Namen Parrers. Nicht eigentlich ein Hebername scheint der Name Paff zu sein, denn des Passe-Konrad Großvaterdas alt' Paffemännche" scheint irgendwie nut der Verwaltung des Pfarrautes (Pfaffengntes) zu tun gehabt zu haben. Und auch die Goldmanns sind nicht int Spott so benannt, sondern ihr Vater war wirklich drüben in Kalifornien, hat Gold gegraben unb auch mit heimgebracht _

Wie schon bic angeführten Beispiele erkennen lassen, ist es nichts Seltenes, daß diese Namen nicht aus. der väterlichen, sondern ans der mütterlichen Linie, stammen, und daß der Mann den Nennamen der Familie seiner Fran überkommt, durch den fern eigener verdrängt wirb. Tas ist natürlich vor allem bann der Fall wenn der Mann in das Hans oder den Hof der Fran hinetn- heiratet, weil dann eben seine Zugehörigkeit zu die)er Familie be­sonders kräftig in die Augen springt. Aber es ist keineswegs.