llloiitoe, den 2. DsZember
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Das Amethyst-Fläschlein.
Eine Erzählung von A. K. G r ee it (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Im Hause war alles still. Erst halte inan noch den liblicheu. Lärm vernonlnien, wie.er nach der Trennung einer Gesellschaft zu hören ist, das Gelächter und Geplauder der Mädchen, während sie zu 'Bette gingen- dies währte indes nicht lange, denn die großen Ereignisse des folgenden Morgens erheischten fröhliche Augen und frische Wangen, und dies kann ja nur durch genügenden Schlaf erlangt werden. In diese Stille hinein klangen die Mitternachtsschläge der Standuhr ans der großen Diele; somit war die erste Stunde meines ängstlichen Wachens zu Ende. Ich mußte an Sinclair denken. Er hatte durch kein Anzeichen seine Wache verraten, oder ich. wüßte, daß er lauschend an der Türe saß, des Alarms gewärtig, der, wenn überhaupt etwas Vorfällen sollte, sich in Bälde bemerkbar machen mußte.
Aber würde denn überhaupt etwas Vorfällen? Verschwendeten wir nicht unsere Kraft und eine große Aufregung an eine Befürchtung, die in Wirklichkeit einer festen Begründung entbehrte? Wo hatten löte beide für gewöhnlich praktischen, wenn auch empfindlichen Männer unseren Verstand gehabt, als wir einer von diesen zwei Schönen einer konventionellen und gesitteten Gesellschaft den Wunsch andichteten, eine Tat zu begehen, die die Kraft und den Wagemut eines herrischen Naturkinbs beanspruchte? In dieser nüchternen Stunde der Ueberlegung schien wir der Gedanke ganz unhaltbar. Wir waren einem wesenlosen Alpdruck erlegen und würden jetzt aus unserem Traum erwachen.
Warum war ich noch aufh Hatte ich irgend etwas vernommen?
Doch ja, cüt Knarren, ein schwaches Knarren unten im Gange — wie das langsame, vorsichtige Ocffnen einer Türe, dann ein leiser Schritt — oder hatte ich mir diesen eingebildet? Ich konnte jetzt nichts mehr vernehmen.
Ich drückte meine Türe auf uud blickte vorsichtig hinaus. Nur das blasse Antlitz Sinclairs fiel mir ins Auge. Er sah scharf aus der Ecke eines naheliegenden Nebeum.ngs, vom Mondschein umflossen, heraus. Wir gingen schweigend aufeinander zu. In diesem Augenblick schienen imr die einzigen wachen Menschen in dem großen Hause zu sein.
Es war mir, als höre ich jemand gehen, flüsterte ich, nachdem ich einen Augenblick anstrengend gelauscht hatte.
Wo?
Ick» deutete nach dem Teile des Hauses, wo die Gemächer der Damen lagen.
Ich habe etwas anderes gehört, widersprach er mir leise, mir war es. als krache der Fußboden dort, wo die
kleine Treppe am Ende der Diele bei meinem Zimmer einmündet.
Jemand aus der Dienerschaft, mutmaßte ich. Erneu Augenblick blieben wir unentschlossen stehen. Dann lauschten wir wieder halb erstarrt: ein unbestimmter Lärm erhob sich in einem der Zimmer im andern Teil des Hauses; aber alsbald verstummte er wieder und löste sich in ein Gemurmel von unterdrückten Stimmen auf. _ Wo geplaudert wurde, konnte keine Gefahr vorhanden sein, daß das von uns befürchtete Ereignis eintreten würde. Unfere Erleichterung war so groß, daß wir beide lächelten. Im nächsten Angenblick jedoch überzog sich Sinclairs Gesicht — und ich zweifle nicht daran, auch mein eigenes — mit Totenblässe, und Sinclair taumelte gegen die Wand.
Ein Schrei hatte das schlafende Haus durchgellt, ein durchdringender, gedehnter Schrei, der uns das Haar zu Berge stehen und das Blut in den Adern gerinnen ließ.
4. Kapitel.
Dieser Schrei schien aus dem gleichen Zimmer herzurühren, in dem wir eben Stimmen Vernommen hatten. Rasch entschlossen stürmten wir beide den Gang hinab. Aus einem halben Dutzend rasch aufgerissener Türen tönten uns wilde Fragen entgegen. Brannte es? Waren Einbrecher im Haus? Was war los? Bon wem stammte der fürchterliche Schrei? Und wir von all den Leuten, die auf die Lösuug dieses Rätsels gespannt waren, bangten doch am meisten darnach, es aufgeklärt zu wissen! Wer war cs? Gilbertine oder Dorothea?
Gilbertiues Türe erreichten wir zuerst. Auf der Schwelle stand eine kleine schmächtige Gestalt, in ein hastig übergeworfenes Tuch gehüllt; ein weißes Gesichtchen blickte daraus hervor, in dem wir das kleine Fräulein Lane erkannten. , ,, „
Was ist passiert? stotterte sie. Es muß ja em schrecklicher Schrei gewesen sein, daß er alle Leute geweckt hat!
Wir dachte« nicht daran, ihr zu antworten.
Wo ist Gilbertine? fragte Sinclair und streckte die Hand aus, als wolle er sie beiseite schieben.
Da richtete sie sich mit plötzlicher Würde auf.
Im Bett, erwiderte sie. Sie sagte mir, daß jemand gerufen habe. Ich bin nicht aufgewacht.
Sinclairs Brust entrang sich ein tiefer Seufzer der Erleichterung. c.
Sagen Sie ihr, daß wir ausfmdig machen werden, was der Schrei zu bedeuten hat, antwortete er in freundlichem Tone und zog mich mit sich fort. ■
Nunmehr waren auch Herr und Frau Armproug aus den Beinen. Ich hörte den bedächtigen, beinahe zögernden Schritt des Hausherrn im Gange hinter uns.
Vorwärts, flüsterte Sinclair. Unsere Augen müssen die ersten sein, die sehen, was htnter der Türe vor sich geht.
Ich schauderte. Die von ihm bezeichnete Türe, bte halb geöffnet stand, war die Dorotheas-,


