Ausgabe 
2.11.1912
 
Einzelbild herunterladen

667

Wollen Sie nicht lieber morgen wieder kommen, meine Herren," sagte er dann. 'Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, der Baron hat um diese Zeit gewöhnlich einige Glas Wein ge­trunken und ist dann schwerlich ein angenehmer Gesellschafter."

Tabei hatte er die Türe hinter sich ein wenig geöffnet, und ich erblickte beim Schein der Lampe drei andere wüst aussehende Kerle, von denen her eine ebenfalls einen riesigen Hund hielt. Duroc mußte es ebenfalls bemerkt haben; aber er kehrte fick« nicht daran, sondern schob den Mann zur.Seite und sagte herrisch:

Genug des Geschwätzes; ich will zu Eurem Herrn!"

Die selbstbewußte Haltung des jungen Offiziers flößte offen­bar den Burschen Respekt ein, denn sie gaben den Weg frei. Dem einen aber klopfte Duroc auf die Schulter und befahl ihm', als ob er zu seinem eigenen Diener spräche:

Führt mich zu dem Baron!"

Der Mann zuckte jedoch die Schultern und brummte etwas auf Polnisch. Wie es schien, war nur der, welcher uns zuerst geöffnet hatte, des Französischen mächtig, und dieser trat auch jetzt au; uns zu und sagte mit sonderbarem Lächeln:

Nun, so sollen Sie Ihren Willen Haben, Sie sollen den Baron zu sehen bekommen. Aber Sie werden ,an mich denken und wünschen, meinen Rat befolgt zu haben." ,

Damit schritt er uns durch die lange, .hohe Halle voran. Der Boden war mit Steinfließen belegt, hier und da lagen Felle aus- gcbreitet, und Köpfe von wilden Tieren bedeckten die Wände. An« äußersten Ende des Ganges öffnete unser Führer eine Türe, und wir traten ein.

Das kleine Gemach war dürftig ausgcstattet und zeigte überall deutlich Spuren der ^Vernachlässigung uttd des Verfalls. Die Wände waren mit verblichener Tapete bekleidet, die sich an manchen Stellen losgelöst Hatte, so daß, die Mauer dahinter sichtbar wurde. Uns gegenüber bemerkten wir eine zweite, mit einem Vorhang verhüllte Türe, und vor uns stand ein viereckiger Tisch, auf dem noch das benützte Geschirr, mehrere Flaschen, sowie die un­appetitlichen Überreste eines Mahles zu sehen waren. An der Spitze des Tisches aber saß, uns zugewendet ein riesiger Mann mit großem, grobem Gesicht, verwirrtem, strohgelbem Haar und einem ungepflegten, gleichfarbigen Bart, der große Aehnlichkeit mit der Mähne eines Pferdes zeigte. Es sind mir seltsame Gesichter genug in meinem Leben vorgekommen; aber ein so wüstes, um nicht zu sagen tierisches, sah ich nie, als dies mit den kleinen, boshaften, blauen Augen, den fahlen, schwammigen Backen und der dicken Unterlippe, die über den Bart herunterfiel. Sein Kopf schwankte unsicher hin und her und verriet mit den trüben, stierenden Augen, daß der Mann vor uns betrunken war. Trotz- dcut war ihm noch Verstand genug geblieben, um die Bedeutung unserer Uniform zu begreifen und er lallte mit schwerer Zunge:

Nun, meine lieben Jungen, was gibt's denn Neues in Frankreich? Ihr habt euch doch alle von dem kleinen Aristo­kraten im grauen Rock und dreieckigen Hut unterkriegen lassen? Und wie ich höre, gibt's keinen rechtschaffenenBürger" mehr drüben, nichts alsMonsieur" undMadame"? Meiner Treu! Da werden wohl noch ein Paar Köpfe in den Sand rollen müssen."

... Duroc schritt schweigend vorwärts und trat an des Wütrichs Seite.

Jean Carabin!"

Der 'Baron fuhr zusammen und seine Augen öffneten sich weit. Jean Carabin!" wiederholte Duroc.

Da setzte er sich aufrecht und umklammerte die Lehne seines Urmstuhles.

Jean Carabin, Euch habe ich lange .gesucht!"

Und wenn ich je diesen Namen getragen habe, was kümmert das Euch, junger Mann? Ihr müßt damals noch ein kleines Kind gewesen sein." .

Ich heiße Duroc.".

Doch nicht der Sohn von" '

Der Sohn des Mannes, den Ihr ermordet habt!"

Der Baron versuchte zu lachen, obgleich Entsetzen aus seinen Augen sprach.

Laßt uns die Vergangenheit begraben!" rief er aus.Es ging in jenen Tagen allen ans Leben, Aristokraten und Volk. Euer Vater kam um, weil er Girondist war, nun, und den Meisten Meiner Kameraden ging's ebenso, weil sie zum Berge gehörten. Das ist Kricgsglück . . . Kommt, laßt uns alles vergessen und Brüder fein!" Bei diesen Worten streckte er eine rote, zitternde Hand aus.

Laßt das," erwiderte der junge Mann.Wenn ich Euch jetzt in den« Stuhle da mit meinem Säbel durchstoßen würde, so wäre das nur recht und billig. Aber Ihr seid ein jFranzvse, ja, Ihr habt einst unter derselben Fahne gedient, wie ich selbst: darum auf! Verteidigt Euch!"

Sachte, sachte," rief der Baron,so junges Blut, wie Ihr seid, hat gut.reden!"

Da riß Duroc die Geduld. Blitzschnell sauste seine geöffnete Hand' durch die.Luft und landete, deutlich hörbar, inmitten des großen, gelben Bartes. , Ich bemerkte eine blutige "Lippe und zwei boshaft funkelnde Augen. <

Ten Schlag sollt Ihr mir mit dem Leben bezahle,«!" So ist's recht!" warf Duroc ein. '

Meinen Säbel! Ihr sollt nicht lange auf mich zu warten brauchen! rief der andere drohend und eilte aus dem Zimmer.

Bn demselben Augenblick sahen wir, wie sich der Vorhang, der die zweite Aut verhüllte, leise bewegte; ein schönes, junges Weib trat em und schritt eilig und unhörbar auf uns zu. Sie beugte sich über die Hand meines Gefährten und küßte sie wieder­holt, bevor es ihm gelang, sie ihm zu entziehen.

,,^>ch habe alles gesehen," rief sie aus,o, mein Herr, wie brav haben Sie gehandelt!"

/»Her, Madame, womit habe ich verdient, daß Sie mir die nn^crn**ctt^" fru9 Duroc nicht ohne Verlegenheit.

...Weil Sie mit jener Hand seinen falschen, bösen Mund ge­schlagen haben, und weil dieselbe Hand vielleicht meine arme Mutter rächen wird, der er das Herz gebrochen hat. Er ist mein Stiefvater. Oh, wie ich ihn hasse und fürchte! St! Er kommt zurück!"

Un6 schnell, wie sie gekommen, war sie wieder verschwunden. Einen Augenblick später kehrte der Baron, den blanken Säbel in der Hand, zurück, und der Mann, der uns eingelassen, folgte ihm.

Das «st 'm eilt Sekretär," sagte er mit einem Blicke auf seinen Begleiter,er wird mein Sekundant bei der Sache sein. Aber ich finde, hier haben wir zu wenig Spielraum'; ich bitte Euch, solgt^nnr in ein geräumigeres Gemach!"

Der Maun hatte offenbar recht, denn der große Tisch füllte das ohnehin schon kleine Zimmer fast gänzlich aus. So folgten wir «hm denn hinaus in die spärlich beleuchtete Halle. Am anderen Ende derselben fiel heller Lichtschein durch eine halb­geöffnete Türe.

Hier wird es besser gehen!"

Wir sahen vor uns ein großes, leeres Gemach, an dessen Wauden Fässer und Kisten ausgestapelt waren; in der Ecke aber stand eine plumpe Lampe auf entern Brette. Der Fußboden war durchaus fest ünd eben >und wie geschaffen zu einem Duell. Duroc zog seinen Säbel und ging hinein, der Baron aber trat, sich verbeugciid, zurück und lud mich mit einer Handbewegung ein, meinem Kameraden zu folgen. Kaum hatte mein Fuß die Schwelle überschritten, [q, fiel die schwere Türe krachend hinter uns zu, und der Schlüssel wurde im Schlosse um gedrehte Wir waren gefangen.

Wir standen ivic erstarrt. Eine so unerhörte Schlechtigkeit >var uns noch nicht vorgekommen. Schließlich mußten wir aber doch selbst eingestehen, daß wir sehr dumm gewesen waren, einem Manne, wie dem Baron, auch nur einen Augenblick zu trauen, und nun ergriff uns blinde Wut über seinen Schurkenstreich und unsere eigene Torheit. Wir stürzten nach der Türe und be­arbeiteteck sie nach Kräften mit unseren Fäusten und schweren Reiterstiefeln. Tie kräftigsten Schimpfnamen, die uns nur ent­fallen wollten, begleiteten unsere ach so ohnmächtigen Be­mühungen. Denn die Türe, die aus dicken, durch eiserne Bänder zusammengehaltenen Bohlen bestand, war ungeheuer stark eine Türe, wie man sie in den Burgen des Mittelalters gewöhnlich findet man hätte ebensogut versuchen können, unsere alte Garde zu sprengen. Und unser Rusen und Schreien schien gerade so erfolglos zu sein, wie jene Stöße, denn pur das Echo des hohen Gewölbes antwortete uns. Aber der Soldat, der bereits so manchen Feldzug mitgemacht, weiß sich ins Unvermeidliche zu fügen, und ich als solcher erlangte daher meinen Gleichmut am ersten wieder und bewog Duroc, den Raum, der unser Gefängnis geworden war, mit mir zu untersuchen.

Er besaß nur ein einziges Fenster ohne Scheiben, und das war so schmal, daß man den Kopf nicht hindurch stecken konnte. Da es sich ziemlich hoch oben befand, stieg Duroc auf ein Faß und spähte hinaus.

Was sehen Sie?" frug ich ihn.

Tannenwald und einen verschneiten Weg darin," kam die Antwort zurück.MH!" rief er plötzlich überrascht.

Ich sprang neben ihn. Ta gewahrte ich, wie auf dem von ihm bezeichneten Pfade ein Mann, sein Pferd peitschend, im tollsten Ritte dähinjagte, wie er kleiner und kleiner wurde und endlich im dunklen Walde verschwand.

Was soll das bedeuten?" frug Duroc.

Nichts Gutes für uns. Vermutlich holen die Schufte noch andere herbei, um uns die Hälse abzuschneiden. Kommt, laßt uns versuchen, aus der Falle zu entwischen, ehe die Katze kommt."

Es war ein großes Glück, daß wir die schöne Lampe hatten, die, frisch mit Oel gefüllt, gut bis zum Morgen Brennen konnte. Mit ihrer Hilfe machten wir uns sogleich daran, die Kisten und Fässer ringsum zu untersuchen. An manchen Stellen stand nur eine Reihe davon, während sie in der einen Ecke bis zur Decke hinauf aufgeschichtet waren. Wie es schien, befanden wir uns im Vorratsgewölbe des Schlosses, denn wir entdeckten eine große Anzahl Käse, allerhand trockene Gemüse, Kisten voll gedörrten Obstes und eine Reihe Weinfässer. In einem der letzteren steckte ein Hahn, und da ich tagsüber nur wenig genossen hatte, ließ ich mirs vorläufig bei einem Becher Rotwein und einem kleinen Imbiß wohl sein. Duroc freilich war nicht dazu zu bewegen; er schritt, von Zorn und Ingrimm erfüllt, ungeduldig auf und ab und rief von Zeit zu Zeit:Der Schurke soll mir nicht entwischen! Ich will ihn doch noch kriegen!"

Tas war wohl alles sehr schön und gut, aber ich konnte doch nicht umhin, so meine eigenen Betrachtungen über den Fall