Ausgabe 
2.11.1912
 
Einzelbild herunterladen

686

sogar ganz sicher. Jedenfalls ist's eine komische Berwen- ouug eines Vermögens, aber was soll ich sonst damit machen? Hast dn dich immer noch nicht anders besonnen, Edward?

Nein, Tante, gab ich zur Antwort. Nichts in der Welt kann mich von meinem Entschluß abbringen.

Daun bleibt's also dabei! erwiderte sie. Ich' habe 'nichts unversucht gelassen. Du bist ein echter Donaldson. Ich hätte das vorher wissen und mir die Mühe sparen können. Gib mir meine Medizin. Sie steht dort auf dem Tisch. Nein, natürlich, du kannst nicht sehen. Klingele der Hephzibah; sie kennt das richtige Glas.

Ich klingelte und Hephzibah erschien, wie mir's vor­kam, auffallend schnell." Ehe sie kam, hatte ich jedoch ge­rade noch Zeit §il fragen:

Wer behandelt dich, denn, Taute?

Doktor Pennyfeather.

Ich zuckte die Schultern.

Es tut mir leid, daß du mich nicht gerufen hast, sagte ich. Früher hast du das stets getan.

Ja, versetzte sie, aber jetzt hat sich alles geändert.

In diesem Moment trat Hephzibah mit einem Licht ins Zimmer und uähm sofort das Arzneifläschchen, das meine Tante verlangt hatte. Sie goß etwas daraus in ein Glas und reichte es ihr. Dann nahm ich das Fläschchen, öffnete es und roch daran. Ich schaute auf und bemerkte, daß Hephzibah mich eifrig beobachtete. Was mag das be­deuten? sagte ich zu mir selbst. Da ertönte gerade die Hausklingel, und sie verschwand schleunigst, um uachzusehen, wer da sei. Im nächsten Augenblick kam sie wieder.

Herr Barton, der Notar, ist gekommen, Madame, mel­dete sie in einem solch triumphierenden Tone, daß es mir auffiel.

Dann mußt du gehen, Edward, sagte meine Tante zu mir.

Ich stand alsbald auf.

Wie du willst. Darf ich wiederkommeu?

Ist das notwendig? Du kümmerst dich ja doch nicht mehr um mich.

Das ist törichtes Gerede, erwiderte ich. Ich kümmere mich wohl um dich sehr sogar; und wenn dir's morgen nicht besser geht, so werde ich Pennyfeathers Stelle hier bei dir einnehmen. In diesem Falle ist es deine Pflicht, mich rufen zu lassen. Willst du das tun?

Versprechen kann ich's nicht. Geh!' nun und laß mich allein, versetzte sie in fast klagendem Tone und ich ging.

Als ich durch beit Flur ging, sah ich durch die Halo geöffnete Speisezimmertür die stattliche Gestalt des Herrn Barton. Er erblickte mich gleichfalls und zog mich zu sich ins Zimmer.

Diese Sache will mir absolut nicht passen, Doktor, sagte er. Es ist jammerschade. Ihre Tante ist ein verd . . . hartnäckiges, dickköpfiges altes Frauenzimmer. Es ist wirk­lich verrückt von ihr, so 'ne Menge Geld dieser sauertöpfi­schen alten Hexe, der Hephzibah, vermachen 'zu wollen! Mau sollte solchen Wahnsinn kaum für möglich halten!

Ehe ich noch Zeit hatte, etwas zu erwidern, hörte ich schon wieder das verdächtige Kleiderknistern, und im Nu stand Hephzibah neben, uns.

Fräulein Donaldson läßt Sie bitten, sofort nach oben zu konrmeu, Herr Barton, sagte sie zu dem Notar.

Gleich, gleich, antwortete der rührige Geschäftsmann. Ich komme sofort, selbstverständlich. Adieu, Doktor, viel Glück!

Ich schüttelte ihm die Haud und ging schweren Herzens hinaus in den heulenden Sturm und die dunkle Nacht, eine Beute vieler widerstreitender Gefühle.

18. Kapitel.

Auf dem Heimweg war ich sehr niedergeschlagen. Ich konnte das Gefühl kommenden Unheils nicht los werden und war daher recht froh, als ich mich wieder in heiterer Gesellschaft befand. Ueberdies machte man mir gleich eine angenehme Mitteilung, die meine düsteren Gedanken als­bald' verscheuchte und meinen Frohsinn wiedererweckte. ^ Während meiner Abwesenheit hatten nämlich die drei Mädchen weislich beschlossen, daß am nächsten Donnerstag

HvHzeit fein sollte. Da heute Dienstag war, trennten mrch also nur noch achtundvierzig Stunden von der Er­füllung meines sehnlichsten Wunsches und meiner schönsten Hoffnung.

Marcella hatte aus weiblichem Pietätsgefühl gebeten, kirchlich getraut zu werden, sonst würde ich wahrscheinlich die prosaische Art der standesamtlichen Eheschließung ge­wählt haben. Ihrer Bitte entsprechend, hatte ich bereits die dazu nötigen Papiere besorgt, und am nächsten Mor­gen war mein erster Gang, den Pfarrer einer benachbarten Kirche aufzusuchen einen Freund und Patienten von mrr und die erforderlichen Trauungsfeierlichkeiten zu verabreden. Dann fuhr ich in die Stadt und engagierte einen approbierten Kollegen, der während meiner kurzen Hochzeitsreise die Reste meiner Praxis übernehmen sollte. Sie war auf acht Tage berechnet, und die Flitterwoche sollte auf Vorschlag Helens in Bournemouth verbracht wer­den, wo sie selbst einmal das Glück eines im selben Hotel wohnenden Neuvermählten Paares mit innerer Freude be­obachtet hatte. Ich hatte durchaus leinen Grund, ihr diesen Gefallen nicht zu erweisen, weil mir Zeit und Ort für den Genuß meines neuen Glückes vollkommen gleichgültig waren. Das Gerücht von meiner bevorstehenden Verhei­ratung war natürlich in die Oeffentlichkeit gedrungen, und ich war sehr angenehnt überrascht, auch von solchen Seiten Glückwünsche zu empfangen, von denen ich es gar nicht erwartet hatte so rasch ändert sich in derartigen Dingen die öffentliche Meinung.

In der Zeit bis zu dem wichtigen Ereignis gab es in unserer kleinen Haushaltung sehr viel zu tun. Schneide­rinnen gingen ein und aus, uud Pakete liefen in Menge ein. Ich selbst spielte eine ziemlich nebensächliche Rolle und wurde wenig beachtet. Meine Stunde war eben noch nicht gekommen, und ich ertrug daher diese kleine, unter den obwaltenden Umständen natürliche und unver­meidliche Vernachlässigung mit gutem Humor.

An dieser Stelle darf ich einen Zwischenfall nicht un­erwähnt lassen, der mir damals wenig beachtenswert er­schien, später aber sehr verhängnisvoll werden sollte. Am Mittwoch erhielt ich von dem Rechtsbeistand meiner Tante folgendes Schreiben:

Lieber Herr Doktor!

Durch gutes Zureden ist es inir gestern abend ge­lungen, Ihre Tante zu veranlassen, die Unterzeichnung ihres wunderlichen Testamentes noch etwas zu verschieben. Es bietet sich Ihnen jetzt also eine günstige Gelegen,-t beit; lassen Sie die unbenutzt vorübergehen, so werde ich in Zukunft von Ihrer geschäftlichen Tüchtigkeit eine noch schlechtere Meinung haben als jetzt schon. Greifen Sie auf alle Fälle zu. Die verdammte Hephzibah weiß nichts davon und wähnt sich als die alleinige Erbin. Das Feld ist noch vollkommen frei für Sie, und das Ver­mögen bedeutend größer, als Sie glauben.

Ihr treuer

Georg Barton.

Hätte ich gewußt, iit welch schrecklichem Lichte diese harmlose Mitteilung in kurzer Zeit betrachtet werden, würde, so hätte ich sie vernichtet und in alle Winde zerstreut, an­statt sie als glückliches Omen und wertvolles Besitztum sorgfältig in meiner Brieftasche aufzubewahren "und; sie keiner Menschenseele zu zeigen.

(Fortsetzung folgt.)

Abenteuer der Brigadier Gerard.

Von C. Doyle.

(Fortsetzung.)

Da sich an der großen, eisenbeschlagenen Türe weder Klopfet noch Schelle befand, blieb uns weiter nichts übrig, als mit unfern Säbeln daran zu pochen. Nach geraumer Zeit öffnete ein hagerer Mann mit einer Habichtsnase und einem ungeheuren! Bart, der das ganze Gesicht bedeckte, das Tor. Mit der einen Hand hielt er die Laterne hoch empor, an der andern führte er eine riesige, schwarze Dogge an der Kette. Beim Anblick unserer Uniformen und unserer Mienen stutzte der Alte, und die drohende Haltung, womit er uns zuerst entgegengetreten, wich vorsichtiges Zurückhaltung.

Der Baron Straubenthal empfängt keinen Besuch zu so später Stunde," sagte xr in reinstem Französisch.

Meldet nur Eurem Herrn, daß ich Hunderte von Meilen hergekommen bin, um ihn zu sehen, und daß ich mich nicht abweisen lasse," entgegnete mein Gefährte, und ich muß gestehen, daß ich selbst diese Worte nicht mit besserer Stimme und Haltung hätte sagen können.

!Der Mann schielte uns verstohlen an und zupfte verlegen an seinem! schwarzen Bart.