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Md da nicht jeder Autor von Natur so feinfühlig, und DÄ- ständnisvoll wie jener wohlbeleibte, so war Bartholomäus gezwungen, beim Wschied etwas von „ausgebliebener Geldsendung", ;,momentaner Verlegenheit" zu murmeln. Und fast ein jeder war sogleich bereit . .Mein Gott! Bartholomäus hatte solch liebes offenes Jungengesicht, und er bewunderte so ehrlich, so Von Herzen, und Bewunderung tut so wohl--— na ja, plso.
Bartholomäus gefielen diese „Kunstreisen" außerordentlich. Mit der Zeit arrangierte er seine -Touren nach einem richtigen System. Zum Beispiel: Rheinreise, Hinfahrt über Thüringen, Rückfahrt über den Harz. Nun kam die Vorbereitung. Zunächst: welche .Städte kamen in Betracht? Dann: .welche Schriftsteller lebten dort? Wie hießen ihre letzten Werke oder sonst ihre bedeutendsten? Folglich mußte er das und das lesen. Natürlich führte er Buch über die einzelnen „studierten" Werke, denn, wenn auch sein Gedächtnis glänzend war, so hätten doch bei derartiger Massenaufnahme literarischer Erzeugnisse leicht sehr peinliche Verwechslungen bei den späteren Begeisterungsausbrüchen vorkommen können.
Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß sich Bartholomäus nicht auf den Besuch berühmter und allgemein bekannter Größen beschränkte, denn erstens gab es ja für seine Begeisterung keine Ausnahmen, und zweitens hatte ihn die Erfahrung gelehrt, daß gerade Visiten bei weniger bekannten Schriftstellern durchschnittlich einträglicher waren; so war zum Beispiel der .Clou der Reise meist ein Dichter mit Selbstverlag.
Auch hatte sich Bartholomäus angewöhnt, bei seinen Besuchen prinzipiell nicht seinen richtigen Namen anzugeben. Wozu auch? Das konnte diese Künstler ja gar nicht interessieren; für sie war es doch ganz gleich, ob Meyer, Schulze oder Zeisig sie bewunderte. In einen irgendwie dauernden Verkehr hätte er doch nicht mit ihnen treten können — oh nein, an dergleichen dachte er auch gar nicht! — er wollte ja nur die von ihm Bewunderten sehen, sprechen, ihnen die Hand drücken und ... na ja, also wozu da seinen richtigen Namen nennen? —
Bartholomäus machte die schönsten Reisen auf diese Art, nicht bloß in Deutschland, nein, er durchquerte auch Oesterreich Und besuchte die Schweiz samt den italienischen Seen. Und er lernte viele interessante Menschen kennen und brachte manch Buch mit eigenhändiger Widmung des Autors heim.
Aber dann, eines Tages . . . oh, niemals hätte Bartholomäus so etwas für möglich gehalten! . ,
Er war gerade mit den Vorbereitungsarbeiten zu einer Tour nach München und Umgebung beschäftigt; das war ein gesegnetes Stück Land Und es war, weiß Gott, keine Kleinigkeit, dort „nichts auszulassen". Am Wend, nach getaner Arbeit, ging Bartholomäus!^ wie immer, in sein Stamm-Cafe, Um die neuesten Tageszeitungen zu lesen. Fröhlich, ahnungslos schlug er die erste beste auf und — was müßte er sehen? \ Was mußten seine bestürzten Augen lesen? Was stand da unter der mächtig fettgedruckten Ueberschrift „Warnung"?
„Jeder Schriftsteller möge sich vorsehen — denn ein junger Mann — mal Meyer, mal Schulze, mal so und so — mal ; Student, mal Dr. Phil., mal Seminarist — unter dem Deckmantel eines Bewunderers — erbittet Geld — verspricht Rück- ; fendung — Schwindler — Gauner —Polizei überweisen — -—",
Bartholomäus starrte auf das Blatt nieder — er konnte es einfach nicht fassen. Wie? Solche Undankbarkeit sollte möglich sein? Solch schamloses Vorgehen? . . . Und das von Künstlern! Wie hatte er sie doch immer in der höchsten Extase genannt? „Gottbegnadete Seelen!" Und nun? Ha, Krämerseelen waren das, jämmerliche Pfennigfuchser, die eines Zwanzigmarkstücks wegen aufschrien, die. . . Nun ja, gewiß, er hätte versprochen, das Geld zurückzugeben, aber macht ein feiner Mann deshalb solch einen ordinären öffentlichen Spektakel, wenn--?
»Unter dem Deckmantel eines. . ." O, das wagten sie zu sagen, sie, die er so ehrlich, so aufrichtig bewundert hatte! Sein Herz zog sich krampflsaft zusammen. Die Tränen traten ihin ins Auge. „Gauner" nannten sie ihn, ihn, der sich all die Zeit im Innersten als eine Art Wohltäter der schriftstellernden Menschheit gefühlt hätte! , '■ ;
Und war er es vielleicht nicht?,
O, er brauchte nur an den greisen Dichter zU denken, den er in feiner Einsamkeit seiner Berge ausgesucht Hätte, wo er, von aller Welt vergessen, hauste. Wie der gestrahlt hätte, als Bartholomäus ihNi erzählte, daß er immer wieder nach seinen, des Alten, Bücher griffe, wenn er mal herzhaft lachen wolle. Und dann, dieser geschniegelte Familienschriftsteller! W, wie der geschmeichelt sein Köpfchen gewiegt hätte, als Bartholomäus ihm! sagte: „Ihr letzter Roman . . . wirklich, ich müß gestehen, ich, konnte abends nicht einschlafen, wenn ich nicht wenigstens ein Kapitel verschlungen!" Oder jener, dem er erklärt hatte: , „Sie sind der schneidigste Satiriker, den Deutschland je besessen!" Ja, hätte ihn dieser Herr nicht voll stürmischer Freude so an sich gedrückt, daß ferne steife Hemdenbrust einen mächtigen Knacks bekam?- Oder jeher blutjunge Tropf mit der Lisztfrisur! War, der vielleicht auch zur, Polizei gelaufen, ihn anzuzeigen? Er, dem Bartholomäus wohl angemerkt hätte, daß int ganzen Leben noch niemand zu ihm-gekommen'war, um ihn zu bewundern. — Und all die andern, all die vielen, die seine Bewunderung genossen hätten, ja, „genossen".! . . 1
7,Haha!" ■— Bartholomäus schob die 'Zeitung verächtlich bev feite — „Tank vom Haus Habsburg!" - -
Von diesem Tage an gab Bartholomäus seine »KunstreiseM auf. Er hatte den Glauben an die Menschen verloren. Abev mcht nur,- daß diese Enttäuschung fein harmloses Knabengemüt aufs furchtbarste erbitterte, auch sein „Talent" ward dadurch höchst seltsam beeinflußt'. Denn von Stund an war es ihm nicht mehr möglich, ein literarisches. Werk — und wenn es das schönste war, das je einer geschrieben — zu bewundern, dagegen konnte er es in einer direkt fabelhäften Weise „herunterreißen". Und da thm sein Onkel plötzlich um diese Zeit die Pastoren-Rente entzog- und Bartholomäus nunmehr gezwungen war, sich ehrlich sein Geld zu verdienen, so beschloß er das mit Hilfe seines -neuen Talentes zu tun und ward Kritiker. Es war allerdings keine »bedeutende" Zeitung, die ihn.beschäftigte, aber sie wußte fein; Talent zu schätzen. - f
Und wehe, wehe! wenn ihm einer jener Namen unter die Feder geriet, deren Träger er im Verdacht hätte, daß er damals auch . . , dann lächelte er satanisch und konnte nicht umhin- "bMl-Anbluk der gelungenen Kritik zu sagen: ,,Na, mein Jungchen- gefällt dtr diese Art Heimsuchung besser?" ,
Marokkanisches heiligen- und Zaubererwesen.
Zum Verständnis der Kämpfe unt Marrakesch.
Von H. Singer.
Marokkos Bevölkerung ist zwar mohammedanisch, aber ihre Hauptmasse, das Berberelement, ist von den Lehren und Vorschriften des Propheten nur ganz oberflächlich gestreift, und die alten heidnischen Sitten und Anschauungen machen sich überall- vor allem bei den Landbewohnern deutlich bemerkbar. Der marokkanische Islam überzieht nur wie ein Schleier die heidnischen Riten, und so bilden diese in ihrer Gesamtheit eine Religion des! Aberglaubens, die sich im Volke größerer Beliebtheit erfreut, als die offizielle Verehrung des Propheten. Tie Sprache des Koran ist arabisch, aber nur wenige Marokkaner verstehen arabisch, und noch weniger können arabisch lesen; wie sollten sie also den Islam völlig in sich aufnehmen? Daraus' erklärt sich das Fehlen jenes religiösen Fanatismus, der sonst nicht selten die Bekenner der Lehre Mohammeds beherrscht. Wenn also gegenwärtig fast ganz Marokko sich gegen die Franzosen erhebt und diese nach dem Auftreten des Gegensultans El-Hiba in eine höchst gefährliche Lage geraten sind, so ist -das keine Folge von Christenhaß, sondern lediglich von F r a n z o s e n h a ß. Tie Liebe zu dem, was sie Freiheit nennt, sitzt der Bergbevölkerung so tief int Blute, daß ihr die Vorstellung, von Fremden beherrscht zU werden, unerträglich erscheint. Gehorsam gegen die Gesetze, Verzicht auf Ungebundensein, Aufhören der geliebten Anarchie, der Zwang zum Steuerzählen — das alles wäre mit dem Einzüge bet französischen Herrschaft unzertrennlich verbunden; all dem aber, möchte man entgehen, und deshalb setzt man sich zur Wehr.
Der Islam hat in Marokko eine derartige Verwässerung erfahren, sich den herrschenden Vorstellungen und Sitten in einem Maße anpassen müssen, daß er hier den Vorschriften seines Begründers oft geradezu widerspricht. Tas Verbot des Genusses geistiger Getränke und des Fleisches gewisser Tiere wird häufig mißachtet, weil eben das marokkanische Heidentum von solchen Beschränkungen nichts gewußt hat. Die Berber haben noch eine große Vorliebe für ihren ans vorislamischer Zett stammenden Steinkult. Unermeßlich ist die Zahl der Heiligen, die sich zwar als Jünger Mohammeds betrachten, ihn aber ganz verdunkeln. Tie Sauberer und der Glaube an ihre Künste, wie überhaupt krassester Aberglaube, haben in Marokko eine ebenso große Verbreitung, wie int heidnisches Teil Afrikas.
Die marokkanischen Heiligen zerfallen in zwei Hauptklassen. Die eine besteht nach Artbauer ans Leuten, die sich ihren Ruf fetter erworben haben, durch übersrontmen Lebenswandel oder andere Umstände, z. B. auch durch Geistesschwäche. Es ist die! Klasse der Märabuts. In großer Zahl und als freche Bettlet umherziehend, werden sie von den Marokkanern oft als Land- pfage empfunden, aber -doch respektiert. Ihr Segen, die Barakä, ist nicht umfonft tzu haben, und eine Weigerung, den Forderungen des Marabnts nachznkomnten, kann dessen Fluch nach sich ziehen, was immer Unannehmlichkeiten für den Betroffenen hat. Tie Marabnts verschmähen es nicht, auch Christen anzubetteln, weil sie bei diesen mehr Freigebigkeit voraussetzen, wie bei ihren immerhin als knickerig betamtten Glaubensgenossen. Nach ihrem Tode werden den Marabnts Knbbas, weißgetünchte Grabmäler von Würfelform mit Kuppel errichtet, und -diese Kubbas sind int Laufe der Jahrhunderte so zahlreich geworden, daß sie nicht selten einen charakteristischen Zug int marokkanischen Landschasisbtlde darstellen. Manche dieser Grabmäler sind von weil und breit her ausgesuchte Wallfahrtsorte geworden, auf untere achtet ketn Mensclff Mau stößt auch auf weiblichen Heiligen errichtete Grabmäler, was bei der untergeordneten Stellung der Frau in den Ländern des Islam emigermäßen überraschen muß. Jndesseit scheint es heute weibliche Marabnts nicht mehr zu geben.
Die zweite Hauptklasse der marokkanischen Heiligen bitten btel Schürfa (Sing-Scheris). Ihr Heiligenschein ist ererbt, und- man nimmt wenig Anstoß daran, wenn sie selbst kein sehr gottgefälliges; Leben führen; sie bilden leine .Art religiösen Adels und find int


