Ausgabe 
2.9.1912
 
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Gott' seit gedankt, er lebte... Friß lebte.r.!

Frau Cäcilie richtete sich! auf.. ! ihre Schläfen brannten ... die Augen flimmerten, als Habe sie die ganze Nacht schlummerlos durchwucht... und ihre Wangen waren kalt von nassen, bangen Tränen...

Sie würden kommen... würden sie anschauen... beide ... und in beider Äugen würde sie mit wirrem Streite der Gefühle das Bekenntnis lesen müssen: Ich gehöre dir... meines Lebens Schicksal ruht in deiner Hand...!

Das war ein grauenvolles Bewußtsein, also zweier Männer Seele zu beherrschen und doch von einer ge­heimen, wilden Süßigkeit... dieses Mächtgefühl... dieses Herrsckevgefühl...

Sre sprang aus dem Bette... ging zum Spiegel... schaute lange in ihre Züge...

Was ist denn eigentlich so Besonderes dran an dir, du weiße Larve mit den brennenden Augen drin, daß du immerfort durch einen Wall, durch einen Schwall von Huldigungen hinschweben mußt?!

Bum, bum läuteten droben auf den Bergen ringsum im Kreise die Kanonen, deren Sang ihren Traum wie Hoch­zeitsglocken durchwandelt...

Dort oben stand das ganze rheinische Armeekorps, in zwei Parteien geteilt, in lustiger Friedensschlacht... mehr denn zwauzigtausend rüstige Männer... die Jugendblüte der schönsten und reichsten Provinz des Vaterlandes...

Und in ihrer Schar gab es zwei, von denen sie wußte, daß sie mitten im Drang ihrer Pflicht... im sengenden Sonnenbrände... beim Marsch auf staubüberwölkter Land­straße... und beim Ansprung wider den Feind über den Sturzäcker die Stunden zählten, die sie noch vom Wieder­sehen trennten vom Wiedersehen mit ihr...

Dies Wissen war beseligend und fürchterlich.

Was würde werden? .Ihre Seele war schwer und glühend von der Ahnung eines Schicksals, einer nahen Ent­scheidung, einer Entscheidung, der sie wehrlos gegenüber­stand, einer Entscheidung, die sie über sich ergehen lassen würde wie ein unabwendbares Elementarereignis, wie einen Wirbelsturm, wie ein erlösendes und zerschmetterns des Gewitter.

Ja, machtlos willenlos fühlte sie fidji gegenüber dem Geschick.

Die beiden anderen waren ja die Manner... die mochten Händeln, die mußten entscheiden, was werden sollte.

Sie wär das Weib...! Ihrer harrte nur die äußere Pflicht, die Pflicht der Hausfrau, und Gastgeberin die würde sie erfüllen, korrekt und anmutig... von ihrer Er­ziehung, ihrem Instinkt unfehlbar geleitet... ohne daß an Willen und Entschluß irgendwelche Anforderungen gestellt wurden.

Das andere... das würde kommen von draußen her, unhemmbar, unabwendbar...

*

Und droben im Turmkäminerchen träumten zwei andere Herzen einem Wiedersehen... träumten ihrem Schicksal entgegen... ein Kinderherzchen, so willenlos wie die reife Frau im Banne dumpfer, triebhafter Gefühle und ein fester straffer Mädchenwille, der während schlummerloser Nacht in Frische und Resignation über sein Leben beschlossen hatte. <3

Ja, Nelly Sassenbach wußte, was sie wollte...!

Heut abend freilich würden die Herren erst spät ins Quartier kommen es war beschlossen, sie in Ruhe zu lassen. Nur der Regimentsstab, der ohnehin dem Schlosse bestimmt war, würde zur Tafel erscheinen, und natürlich der neue Schloßherr, obwohl er offiziell mit seiner Kom- pagnie drunten im Dörfchen lag.

Die Herren der ersten und zweiten Kompagnie würden sich ausschlafen beim Ortsvorsteher und bei den anderen wohlhabenden Bauern, derer: Höfen sie zugewiesen waren, würden mit aller Bequemlichkeit gegen Wend fit der Schenk­wirtschaft ihre Mahlzeit einnehmen und um neun zu Bette Wen.

Morgen aber ist Rasttag da werden die Herren gründlich ausgeruht als Gäste der Schloßherrin auf Hett- stein erscheinen man wird festlich! und fröhliche zusammen dinieren wird im Park spazieren gehen.

Und dann dann wird es geschehen dann soll es geschehen!

Dann wird sie die Braut des Hägern Gelehrten werden,

des Schulmeistersohnes vom Westerwald, des' miserabeln Reiters und Tänzers, des Mannes aus dem Froschtümpek, des Entgleisten vom Kasinoparkett.

Es wär beschlossen es würde sich! vollziehen sie wollte es. Und daß er die gleiche Sehnsucht hatte, das! wußte sie, seit er ihr von seiner Mntter erzählt, im Regen-, biwäk unter derMarscheider Burr".

, viel r- gar viel Resignation steckte in diesem' EM Muß. '

Ganz, ganz anders sah ihr Erwählter aus als die Ge!-i ff altert, die einst durch ihre Madchentränme geschwebt wären.

Wer wenn sie seiner gedachte, dann kam ein so tiefes! Ruhegefühl... ein so freudiges Geborgen sein über sie...

Ja... er wär doch der Rechte... der, für den das! Schicksal sie aufgespart hatte, das in ihrer Mütter Gestalt so nranchen glänzenden, stattlichen Bewerber aus ihrer eige­nen Welt von ihrer Seite gescheucht hatte...

Ich danke dir, Mutter es ist gut gewesen, daß ich den schwarzen Baron Höningen nicht bekommen hab, der jetzt in Amerika Pferde hütet... und nicht den riesigen Bettin­gen, der nun drunten in Südwestafrika im Wüstensande! liegt...

Es ist gut so, Mutter...!

Was morgen koinmt, das ist fürs ganze Leben... kein stürmisches Backfischglück wie das, von dem gewiß das blonde Schwesterchen jetzt träumt, das so eigenwillig sein Köpfchen der rosaroten Tapete zukehrt... aber eine frohe Ruhe... eine festlich stille Gewißheit... eine Heimstatt für freudiges! Wirken und Hineiuwachsen in eine helle, lichte Welt, in ein höheres, geistigeres Dasein, als meine Jugend es je geahnt....

Wilhelm Frobenins, du Prachtkerl! Du sollst es gut haben bei deiner Nelly hol mich der Teufel!

(Fortsetzung folgt.)

Da§ Talent der Herrn Zeisig.

Skizze von Annette Kispcrt (Berlin).

Er sollte eigentlich Theologie studieren. Ein Onkel zahlte ihm zu diesem 'Zweck eine kleine Jahresrente. Aber Bartholomäus Zeisig hatte nicht die geringste Lust,auf den Pastor zu büffeln". Wohl zeigte er eine große Liebe für Bücher, aber nicht gerade für die Bibel und jene Werke, die zum Studium der Theologie gehören; dagegen war er auf die schöne Literatur direkt ver­sessen: Romane, Novellen, Gedichte. Und für jedes Buch, das er las, begeisterte er sich. Er konnte gar nicht anders; es war ganz einfach sein Talent, sich literarisch zu begeistern. Bei dem einen Autor fesselte ihn die Wucht der Sprache, beim andern der tänzelnde Stil, diesen fand er prachtvoll spannend, jenen so beruhigend, da ergriff ihn das Sentimentale, dort das kraftvoll Brutale; bald schrie er vor Lachen über den erschütternden Humor eines Dichters, bald rühmte er das still-feine Lächeln, das dev Verfasser dem Leser abzwänge. Ueberall fand er int Nu eine gute Seite oder wie er es nannte, die spezielle Begabung des be­treffenden Schriftstellers heraus; und er fand sie selbst dort, wo kein anderer Sterblicher auch nur etwas irgendwie Erträgliches! erhaschen konnte, wie gesagt, das war sein besonderes Talent.

Einmal, als ihn wieder ein Roman seelisch aufs heftigste ge­packt hatte, und er sich zu einem Freunde darüber aussprach, meinte der scherzend:Willst du das nicht dem verehrten Autor selbst er­zählen ? Er wohnt ganz in der Näh' nurne Stunde Bahn­fahrt von hier." Bartholomäus schwieg, aber die Idee gefiel ihm die Idee reizte ihn. Zu denken, daß er diesem Dichter, Äug' in Ange, gegenübertreten und mit ihär reden würde, ihm! sagen . . . Konnte das ein Autor Übelnehmen? O, int Gegen­teil! Und Bartholomäus fuhr zu denk verehrten Manne!

Allerdings, zuerst war er etwas enttäuscht, denn er fand nicht denHerrgott", von dem er geträumt hätte, sondert: nur einen! kleinen, wohlbeleibten Herrn, der das größte Interesse für eine gute Küche besaß. Aber da die Küche wirklich sehr gut war: man forderte Bartholomäus auf, zu Tisch zu bleiben und der Dichter ein gar liebenswürdiger Mensch, so söhnte sich Barttzolo-! mäns schnell mit der wenig herrgottmäßigen Figur des Künstlers! aus; Und als sein Wirt tveinselig und gerührt ob des jungen Mannes, der extra eine Reise unternommen, nur um ihn z'N sehen ihm beim Abschied einen Fünfzigmarkschein aufdrang/ mit einem:Studenten brauchen immer . . ., und später können Sie mir's, ja. . .", da kehrte Bartholomäus mit der lieber- zeugung heim, daß dieser Dichter seine hochgespannten Erwar­tungen bei weitem übertroffen habe. , <

Dieser Besuch ward entscheidend für Bartholomäus Zeisigs weiteres Leben. Er konnte ttämlich von nun an jein Buch mehr lesen, ohne daß sein Begeisterungsausbruch mit dem Rufe schloß: Zum Teufel, den Mann muß ich kennen lernen!"

So fuhr er bald zu diesem, bald zu jenem'. Und da des! OnkelI Rente nicht für derartige Extratouren hexechnet war/