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sam auf dem Bahnsteig aus unb ab. Bill schwieg zuerst. Aber dann sagte er plötzlich: „Signe, ich fühle, datz du mir zürnst. Ich hätte dich nicht hierher bringen sollen, ehe ich nicht einigermaßen Ordnung geschaffen habe. Ehrlich gestanden, ich hatte gar keine Augen für den Verfall — ich habe überhaupt nie sonderliches Interesse für Hoburg gehabt. Bitte, sei mir nicht böse."
Er sagte das so offen, so rückh-altslos, datz es sre wirklich versöhnte. Sie war ja froh, sich eine Brücke schlagen zu können. „Laß gut sein," antwortete sie. „Wenn ich enttäuscht war, so ist es überwunden." Und nach einer kleinen Pause setzte sie Hinzu: „Ich danke dir, datz du die Sache noch eimnal berührt hast."
Der Zug fuhr ein. Bill küßte Signe die Hand. „Ihr habt hoffentlich bessere Fahrt zurück als hierher. Es' ist ein Gewitter int Anzug." Er half Mutter in den Wagen. „Auf Wiedersehen in acht Tagen." Und dann stand er noch, grüßend und winkend, bis der letzte Wagen bei der nächsten Kurve verschwand.
Es zog wirklich ein Gewitter heran, doch es' kam nicht zur Entladung. Ein paar Regentropfen an der Fensterscheibe — das war alles? IM Coups eine drückende Schwüle. Mutter saß ganz zusammengesunken in ihrer Ecke. Signe starrte durch die Fenster aus die fahle Wetterwand am Horizont. Dann und wann wechselten sie ein paar Worte; daun sanken sie wieder in das dumpfe Schweigen zurück. Einige Male versuchte Signe, den versäumten Nachtschlaf nachzuholen; es gelang ihr nicht. Sie wollte lesen. Es ging nicht. Nicht nur der unerträglichen Hitze wegen: ihre Stimmung war so eigen aufgewühlt und Zerrissen. Sie wollte sich immer wieder an Bills letzte Worte aik- klammeru — was durfte, konnte sie int Grunde mehr verlangen, als seine Bitte itint Entschuldigung! — aber die Eindrücke des letzten Tages waren doch zu niederschmetternd. Und so oft sie sich wiederholte: „Es sind ja nur Aeußerlichkeiten" r- sie kam uicht darüber hinweg. Ihr war's, als sähe sie hinter dem äußeren Verfall den inneren Marasmus, durch den nun ihr Leben gehen solle.
Endlos schien ihr die qualvolle Fahrt.
Als der Zug in den menschenüberfüllten Frankfurter Bahnhof entrollte, stand sie aus und trat ans Fenster. Der Schaffner riß die Tür auf. Da sah sie im Gewühl einen Zeitungsverkäufer. Sie winkte ihn heran und kaufte ein Berliner Abendblatt. Vielleicht half es ihr doch über die letzte Strecke hinweg.
Aber es lag dann lange auf ihren Knieen, ohne daß sie es ansah. Einmal nahm Mutter das Blatt auf, legte es wieder hin: „Ich kann nicht lesen; es flimmert mir vor den Augen." Sie hatte die Zeitung aber doch auseinandergefaltet.
Und nun fiel Signes Blick zufällig auf eilte, großgedruckte Notiz, auf einen Namen, der ihre Aufmerksamkeit erregte. „August Kühnes Selbstmord" hieß e§ da.
„Wir meldeten schon heute früh, daß der allbeliebte Komiker in seiner Wohnung, Genthinerstraße 134, gestern abend tot aufgesunfden wurde. Es ist inzwischen bis zur Evidenz festgestellt worden, daß Selbstmord vorliegt. Hinterlassene Briefe lassen keinen Zweifel daran zu. Näheren Bekannten fiel übrigens schon seit Monaten das verstörte, scheue Wesen dös unglücklichen Mannes auf, der überhaupt, tote merkwürdigerweise so- manche Bühnenkünstler, die allabendlich Hunderte durch ihre Kunst erheitern, einen Hang zur Melancholie gehabt hat. Freilich geben Eingeweihte auch traurigen Familienverhältnissen schuld. Die Gattin August Kühnes, eine stadtbekannte Schönheit, ist auf einer Reise int Ausland begriffen."
Signe schloß die Augen. Sie war tieferschüttert.
Das Bild des kleinen Mannes, sein auffallend häßliches Gesicht mit den wunderschönen Augen tauchte vor ihr auf. Zum Greifen deutlich. Sie sah ihn vor sich!, wie er auf der Probe zu dem großen Wohltätigkeitsfest an sie herangetreten war, als sie den Neumannschen Kindern Märchen erzählte. Sie sah feinen todtraurigen Blick. Und sie sah! ihn dann beim Souper neben der bildschönen^ üppigen Frau.
Plötzlich schrak sie jäh zusammen: Hardi! Auf der anderen Seite der Blondine hatte Hardi gesessen! Nur mit ihr hatte er getanzt! Und sie erinnerte sich der Blicke, die zwischen beiden herüber- und hinübergegangen waren —
Hardi!
Sie sah zur Mutter hinüber und schob das Blatt zu- f mimten und beiseite. Mutters Blick sollte nicht auf diese Nachricht fallen. Entsetzlich, wenn sie nicht unrichtig kombiniert hatte?! Wie würde das auf die Eltern wirken! EigeMich war Hardi doch beider Liebling. Der glänzende, schöne Hardi mit seiner einschmeichelitden ^Liebenswürdigkeit!
Mutter hatte grade die Uhr herausgezogen. Endlich! — in zwanzig Minuten mußte man in Berlin fein. Das gab ihr einige Frische. Sie begann zu sprechen. Von Bill und von Schloß Hoburg und von der Hitze; sie wollte Antwort. Und Signe mußte reden, gleichgültige Worte, während ihr Herz sich zusammenkrampfte. Wie wird's Vater ausnehmen? Wie wird's Vater ertragen? Hardi — sein Stolz!
Schlesischer Bahnhof — Alexanderplatz — Friedrichstraße —
Vater hatte sie -abholen wollen.
Aber da stand nur Friedel. Friedel int schwarzen Rock und Zylinder. Und mit einer Leichenbittermiene.
„Erschrick nicht, Mama," fogte er gleich, „Papa ist gar nicht wohl."
Nun wußte Signe: sie hatte nicht umsonst gefürchtet! Bebte, und durfte doch nicht fragen: „Hardi? Was ist's mit Hardi?"
Erst zu Hause erfuhr sie's. Von Dodo. Eberhard war ohne Urlaub fort. Fort! Heute vormittag war der Regimentsadjutant bei Baier gewesen. Und Vater hatte einen leichten Schlaganfall gehabt.
Mehr wußte Dodo auch uicht. Aber auch sie ahnte schon das Schlimmste. Ihre Augen standen voll Tränen.
Mutter war bei dem Kranken mit dem Arzt und Friedel. Dann kam der endlich heraus, und Signe drang in ihn. Erst wollte er nicht sprechen: „Das ist nichts für euch Mädchen." Aber da richtete sie sich auf und sah ihn an: „Ich bin kein Kind. Ich verlange die Wahrheit."
Nun sagte er alles, was bisher ermittelt war. Eber-, Hard war feit zwei Tagen verschwunden.
(Fortsetzung folgt.)
Die Krau in Haus und Ssrnf.
Die Ausstellung des Deutschen Lyceum-Klubs iit Berlins
Der Deutsche Lyceum-Klub, der einen Mittelpunkt für die mannigfachen Bestrebungen der heutigen Frauenwelt bildet, will durch die Ausstellung, die am Sonnabend in den Ausstellungshallen am Zoologischen Garten eröffnet worden ist, diesen Bestrebungen einen sichtbaren Ausdruck geben. Es sollte diese Ausstellung die Leistungen der deutschen Frauen unserer Zeit in zufammenfassender Form veranschaulichen und zur Darstellung bringen. Was die Leitung der Ausstellung hier zustande gebracht hat, ist in der Tat eine glänzende Zusammenfassung einer imposanten Tätigkeit, der sinnfällige Beweis dafür, tote ausschlaggebend in unseren Tagen die Frau auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens arbeitet, und es ist hier eine Welt erstanden von dem allumfassenden Komplex emsiger Arbeit und produktiven Fleißes, den die Frauenwelt entwickelt.
Die Frau im Beruf ist durch eine große Zahl von Einzelgruppen verkörpert. Sie erscheint int Kunstgewerbe zunächst in der dekorativen Malerei, in einem Fries und einer Apsis, die von Ida C. Stroever hergestellt worden sind. In den Wohnungseinrichtnngen zeigt sich die Tätigkeit der Frau in vielfältigen Abarten. Die Klnbempfangs- halle ist eine reizvolle und von Geschmack durchwehte Arbeit, deren Entwurf von Fia Wille stammt. Man sieht hier dann ein hübsches Redaktionszimmer, ein Musikzim- mer und endlich Spiel- und Beschäftigungszimmer für die Jugend. Korb-Dielenmöbel veranschaulichen die Einwirkung der Frau auf die Bildung eines gemütlichen und geschmackvollen Heims. In der Schmuck- und Fächerkünst macht sich die weibliche Frauenarbeit besonders eindring- lich bemerkbar. Ein imposanter Schatz von echten Spitzen ist in dieser Abteilung ausgebreitet, und auch! an den Ausstellungsobjekten für Glas, Porzellan und Keramik erkennt man bte freundlichen und wirkungsvollen Linien, die nur dem Schönheitssinn der modernen Frau entsprossen feilt können.
Die Frau in persönlichen und öffentlichen Interesses ist in dieser instruktiven und durchaus fesselnden Aus'-^


