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Glückslasten.
Roman von Hanns von ZobeltiA- (Nachdruck verboten.), (Fortsetzung.)
Es schien, als ob nun auch Bill verlogen und immer verlogener ,wurde. Als ob er j-etzt, tycitt erst, all die Schäden, die Zeit rind Verwahrlosung gerissen, sähe. Wie er nach bent ersten Rundgang die Damen endlich in ihren Zimmern allein ließ, sagte er leise: „Ich fürchte, du hast einen üblen Eindruck gewonnen, Signe."'
Sie erzwang -ein -Lächeln: „Man wird vieles ohüe große Mühe bessern können." Aber als -er dann gegangen war, sank sie müde -aus den nächsten Stuhl.
Mutter stand am Fenster, spähte durch die blinden Scheiben, stöhnte: „Polnische Wirtschaft! Polnische Wirtschaft! Du solltest nur da drüben das Dach sehen, Signe, aber sieh es dir lieber nicht an . . ."
Was hatte die Fürstin doch beim letzten Abschied in Rom -gesagt: „Grüßen Sie mir -auch- Schloß Hoburg, liebe Signe. Es ist höchst eigenartig. Ich sah es zuni letzten Male vor einem Vierteljahrhundert, aber es wird sich nicht verändert haben. Bill ist ha so pietätvoll."
Wohl -eine Viertelstunde starrte Signe vor sich hin, gradaus auf einen Fleck auf der schmutzigen Seidentapete. Da mußte ein-Bild gehangen haben; das Nagelloch klaffte noch. Später war-das Bild heruntergefallen, weil der Nage-l nachgegeben hatte; er-hatte die Seide zerrissen, die nackte Mauer sah durch den Spalt.
Der Zorn kam über sie. Ein ehrlicher Zorn. Wie konnte Bill sie hierher führen, ohne vorher die gröbsten Schäden beseitigt, lohne ihr und Mutter wenigstens -ein -behagliches Zimmer bereitet-zu haben?! Es gab- einen Augenblick, in dein sie entschlossen war, sofort -äbzureisen.
Dazwischen hörte sie Mutter nervös lachen: „Ein Fürstensitz — und dem Lümmel von Diener, der die Koffer brachte, fehlten zwei Knöpfe an der Livree."
Dann kam die Ueberlegung: „Es ist eben eine Aufgabe, der du dich gewachsen zeigen mußt. Schließlich ist's mehr eine Geldfrage, als etwas anderes. Wir wollten ja zuerst auf Reisen gehen, inzwischen kann viel geschehen."
Signe wurde ruhiger. Der Stachel freilich blieb : wie konnte Bill mich hierher bringen!
Aber sie war bereits entschlossen, ihm ihre Verstimmung nicht zu zeigen. Sie bat auch Mutter sich zu beherrschen. Sie hatte tausend Vernunftgründe — und sie dachte doch dabei: „Das war wie der erste Vorgeschmack eines bitteren Trunkes. Du wirst ihn bis zur Neige leeren müssen."
So verlief das Diner äußerlich ganz harmonisch. Herr Brumer, der Güterbirektor, war noch hinzugezogen, ein eitles kleines Männchen mit gesalbtem Scheitel und sehr
unterwürfigen Manieren. Auch seine Anwesenheit legte eine Reserve auf. Ganz ruhig sprach Signe von ber Not- wenbigkeit durchgreifender Reparaturen; ber Prinz beeilte sich, etwas beschämt lächelnd, zuzustimmen; Mutter war schon halbwegs getröstet, baß wenigstens die Küche vortrefflich schien. Schließlich würbe sogar ein wenig über die „schlesische Polakei" gelacht.
Aber in der Nacht lag Signe schlaflos- in dem gewaltigen Himmelbett. Ihre Augen irrten in dem großen, oben Raum umher, beit ber helle Mondschein noch um wirtlicher erscheinen ließ.
So öde — so öde —
Und wie ein Alp legte es sich ihr auf die Seele: so öde wie dieses Zimmer wird deine Zukunft sein!
Sie biß sich auf die Lippen, bis sie schmerzten. Sie kämpfte mit sich: schließlich war sie doch ein Faktor, ber. sich nicht ausschalten ließ! Der immer entscheibenb mit- sprech-en würbe, wenn es sich um bie Lebensgestaltung! handelte! Bill liebte sie, sie mußte ihn leiten, führen — beherrschen, wenn es nötig ivurbe.
Aber immer wieber unb immer näher schienen die oben Zimmerwänbe heranzukriechen, als ob die sie einschließen unb nieberzwingen wollten: Wir sinb stärker als bu! Wir spotten beiner! Sperre dich nur! Versuchs nur gegen uns! Wir sind bie Trabition, und bie Ueberlieferuna ist immer siegreich: bu änberst Hoburg nicht/ bies alte Schloß nicht unb seinen Herrn nicht!
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Mutter hatte vortrefflich geschlafen. Sie sah alles schon im rosigen Licht. Natürlich mußte Bill tüchtig in bett Beutel greifen! Auch Vater mußte bas seimige tun. Die Ausstattungspläne mußten grünblich revibiert unb erweitert werden. Für Gelb ist alles zu haben.
Es war Mutter sogar eine Genugtuung, hier ein neues F-elb bes Wirkens unb Schaffens vor sich zu sehen. Unb bie kleine Demütigung, bie bas für ben Schwiegersohn mit sich bringen mußte, war ihr auch nicht unlieb. Er war ja immer sehr rücksichtsvoll, aber er hatte doch bisweilen etwas . . . nun . . . man möchte fast sagen: etwas Herablassenbes. Sie sagte h-ent zum ersten Male: „Lieber Schwiegersohn . . ." unb recht bestimmt: „Ich werbe von Berlin gleich einen tüchtigen Architekten schicken. Der soll uns erst einmal einen Anschlag aufstellen."
-Signe sah übernächtig und elend aus. Hoburg betrachtete sie mit ängstlichen Äugen unb suchte sich selber mit einem Scherzwort zu täuschen: ob ber kleine Kapuziner ihr erschienen sei, das Schlohgespeirst, ber Geist des letzten Schloßkäplans, der seit bem Uebertritt ber Familie zum reformierten Glauben umgehe. Sie überwand sich und lächelte unb plauderte. So gingen die wenigen Stundeit bis zur Abreise leidlich vorüber.
Auf der Station mußten sie eine Viertelstunde bis zur Ankunft des Zuges warten. Mutter hatte noch etwas mit ihrer Zofe zu verhandeln; das Brautpaar schlenderte lang-


