Sonnerstag, den August
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Sommerirutnsnts.
Roman von Walter Bloem.
Copryght 1910 by Orethlein & Co.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Weniger heiter sah es in der Gruppe der Königlichen Zweiten aus:
Herr Leutnant der Landwehr Frobenius sah stumm und einsilbig zwischen dem stummen und einsilbigen Kompagniechef, dem Hauptmann Goll, und dem Oberleutnant Mens- hausen, dem Kasinovorstand, während ihnen gegenüber als dritter Offizier der Kompagnie der Leutnant Quincke saß, ein junger, blasierter Bursch mit glattrasiertem Gesicht — verlebten Zügen — die Scherbe ins rechte Auge geklemmt. Menshausen und Quincke nahmen von dem Kameraden der Landwehr kaum Notiz — unterhielten sich über den Tisch hinüber geflissentlich über Personen und Fragen, an denen der eingezogene Herr nicht das geringste Interesse nehmen konnte.
Und der Hauptmann, ein finsterer Junggesell mit starrem, schwarzem Haar und struppigem Schnurr- und Vollbart, sprach überhaupt nichts, füllte nur zuweilen die Gläser seiner Untergebenen und trank dem Gaste schweigend zu.
Als Frobenius gemerkt hatte, daß man ihn schlecht behandeln wolle, tat er instinktiv das einzige, was in dieser Situation für ihn möglich war — er schwieg nämlich ebenfalls vollständig und machte nicht den leisesten Versuch, die Zurückhaltung der aktiven Herren durch entgegenkommende Liebenswürdigkeit zu überwinden.
Schließlich bemerkte der Oberleutnant, daß die rücksichtslose Nichtachtung, mit der die aktiven Herren den Gast behandelten, dessen Hilflosigkeit immerhin ein gewisses Mitleid erregte, allgemein auffiel, und ließ sich nunmehr herab, ein Gespräch mit ihm zu beginnen.
„Sagen Sie mal, Herr Leutnant Frobenius," Hub er an, „was sind Sie denn eigentlich im Zivilverhältnis?"
„Ich bin Privatdozent an der Universität Bonn."
„Hm — was dozieren Sie denn also privat?"
„Ich lese deutsche Literaturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts -bis zur Gegenwart."
„Aha," — sagte Menshaufeu, „ich kann mir zwar dabei nichts Rechtes denken — aber es ist ja jedenfalls was sehr Gelehrtes! Nun sagen Sie mal, was wollen ©je denn nun eigentlich bei uns? Macht Ihnen denn das wirklich Vergnügen, hier so acht Wochen lang in Uniformen von vor fünfzehn Jahren herumzulausen und sich mit Ihrer Unkenntnis des neuen Exerzierreglements vor hundertzwanzig Bauernlümmels und Fabrikarbeitern lächerlich zu machen?"
Frobenius richtete sich ein wenig aus: „Herr Oberleutnant Menshausen — ich bin Mir wohl bewußt, daß ich hierherkomme, um zu lernen — ich habe aber auf der i
andern Seite während meiner früheren Uebungen die Beobachtung gemacht, daß Bauernjungens und Fabrikarbeiter ein ziemlich seines Mefühl dafür haben, wer vor ihnen steht, — und 'hinter 5er vielleicht etwas veralteten Uniform und der mangelhaften Dienstkenntnis des Landwehroffiziers die überlegene Intelligenz respektieren, die ihnen in der Person eines Mannes der Wissenschaft gegenübertritt. Diese einfachen Leute wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen der formgewandten Nullität und dem Geist, der sich im Notfall — daß heißt im Falle der wirklichen Not, meins ich — von selbst die Form' schafft, die der Augenblick verlangt."
„Ja, verzeihen Sie, Herr Leutnant Frobenius," sagte der Oberleutnant, „Sie drücken sich so gewählt aus, daß ich nicht zu folgen vermag — was wollen Sie eigentlich mit Ihrem Erguß sagen?"
„Ich ivill versuchen, mich Ihnen deutlich zu machen", erklärte Frobenius. „Wir Landwehroffiziere sind, das erkenne ich ja an, im Frieden scheinbar ein wenig deplaziert inmitten der jungen, dienstkundigen aktiven Herren — aber wir sind anch gar nicht hier, um in Ihrer Mitte gute Figur zu machen — wir wollen lernen — lernen einzig und allein für den Krieg — und glauben Sie mir, Herr Oberleutnant, im Kriege, kommt es weder auf gutsitzende Uniform noch auf die Kenntnis jeder neuesten Phase der Taktik der Saison an — da entscheiden ganz andere Faktoren. Da möchte vielleicht plötzlich mit dem Mobilmachungstage eine Umwertung der Werte stattfinden, und diesem Tage entgegen bewegt sich alle Hoffnung, die ich mit meinem Aufenthalt im Kreise des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande verbinde."
„Ah so," sagte Menshausen, „ich verstehe — Sie haben militärischen Ehrgeiz — wollen womöglich noch gar Hauptmann der Landwehr werden?"
„Allerdings will ich das," erwiderte Frobenius ruhig, „zurzeit übe ich auf Beförderung zum Oberleutnant."
„Allen Respekt!" meinte Menshausen, „das hätt ich Ihnen nun nicht angesehen — können Sie denn auch reiten?"
„Gewiß kann ich reiten," erklärte der Privatdozeut. „Ich meine, das versteht sich wohl von selber, da ich Ihnen sagte, daß ich die Beförderungsübung zum Oberleutnant mache."
Aber er konnte nicht wehren, daß ihm bei der Erwähnung des Reitens selber ein wenig bänglich zumute wurde. Er hatte erst im Frühjahr mit Zittern und Zagen zum ersten Male einen Gaul bestiegen, war beim ersten Antraben vom Woilach heruntergel'ugelt wie eine Klammer von der Wäscheleine und hatte sich das Schultergelenk dermaßen ausgerenkt, daß er den linken Arm drei Wochen lang hatte in der Binde tragen müssen. Nach Ablauf dieser drei Wochen hatte er mit noch hörbarerem Zähneklappern den Reitunterricht wieder ausgenommen, und seine Scheu vor dem wilden, gefährlichen Tier, das dem Menschen nach dem


