402
War es seine ritterliche Pflicht, auf die Seite seiner Frau zu treten. Auch >arm, wenn sie unrecht hatte. Und wer wußte, ob dies jetzt der Fall war?
„Ich hatte mir allerdings um fünf Uhr den Verwalter zu einem langen Vortrag befohlen — unglücklicherweise sind gerade heute ein paar wichtige Fragen zu erledigen. Aber da wir ja doch erst später fahren, könnte, ich den vielleicht noch vorher sprechen. Allerdings ist der Verwalter gerade jetzt .nach der Ziegelei geritten, und ich weiß nicht, wie viel Stunden er da zu tun hat, — immerhin denke ich--"
„— Du wirst es schon einrichteu können, Eduard," unterbrach seine Frau ihn. Sie begriff gar nicht, was er noch so viel zu überlegen hatte. Wenn s i e ihre Bedenken überwunden hatte, brauchte e r doch auch keine mehr zu haben. Denn daß die Konferenz mit dem Verwalter nur in seiner Phantasie bestand, wußte sie selbst ganz genau.
Sie begriff ihn nicht. Fühlte er denn gar nicht, daß diese zögernde Einwilligung nicht gerade sehr höflich war, daß sie'den Gast leicht verletzen könnte?
„Du hast recht, Konstanze. Ich werde es schon einrichten können. Vielleicht sogar leichter, als es mir im Augenblick erscheint."
So Ivurde denn alles verabredet. Fetzt war es gleich einhalb zwei; wenn man um drei abfnhr, konnte man bequem um fünf zu Hause sein. Dann wollte der Landrat dem Baron seinen Stall und seine Pferde zeigen. Und präzise sechs Uhr sollte diniert werden. Der Graf und Die Gräfin würden pünktlich zur Stelle sein. Und während diese am Abend mit dem Wagen zurückfuhren, würde der Landrat sich erlauben, die anderen Herrschaften wieder mit dem Auto zurückzubringen.
„Kinder, das wird herrlich," rief Alexa lebhaft. „Wir wollen uns schnell umziehen." Aber im Begriff, fortzueilen, machte sie nochmals Halt: „Aber um Gotteswillen, wie machen wir denn das — wir können doch nicht im Straßenkleid zum Diner kommen — und in der Diner- toilette können wir doch nicht Automobil fahren! Da müssen wir uns erst wieder umziehen."
Aber der Landrat widersprach: „Daran habe ich natürlich auch gedacht und darüber mit meiner Schwester gesprochen. Aber die bittet, ebenso wie ich, daß die Damen so bleiben, wie sie sind. Es handelt sich ja auch um keine große Festlichkeit, sondern um ein ganz zwangloses, gewissermaßen völlig improvisiertes Zusammensein. So etwas pflegt ja meistens am luftigsten zu werden."
Die Damen stimmten ihrn schließlich bei und gingen, um sich zurecht zu machen.
Alexa war Feuer und Flamme, und in ihrer Aufregung konnte sie zuerst beim Ankleiden nichts von den Sachen finden, die sie suchte und brauchte. Endlich aber stand sie doch fertig da.
„Wie weit bist du, Dagmar? Freust du dich nicht auch schrecklich?"
„Ob nun gerade „schrecklich", weiß ich nicht — immerhin kann der Tag vielleicht ganz nett werden. Wenn nur noch ein paar andere Herren bei dem Diner wären. Man sitzt sicher zwei Stunden bei Tisch, denn die improvisierten Diners des Landrats sind bei den Feinschmeckern poch beliebter, als die anderen. Und wieder nur mit dem Baron zusammen zu sein, — —"
„Was hast du denn nur gegen ihn? Er ist so nett tote nur einer, klug und gebildet--."
„Und ist in seinem Zivilberuf Pferdehändler und Bereiter. Denn ich weiß ganz genau, daß er auch Pferde kauft und verkauft."
„Und Papa verkauft Ochsen und Schweine. Hat er nicht vielleicht im vorigen Jahre seine beiden Traber verkauft und sich riesig über das gute Geschäft gefreut, das er dabei machte?"
„Das ist doch ganz etwas anderes."
„Dassist genau dasselbe," verteidigte Alexa den Baron, „denn daß er nicht das ist, was man im allgemeinen unter einem Pferdehändler versteht, weißt du genau so gut wie ich. Und ich sinde es viel ehrenhafter, daß er Geld verdient, anstatt daß er sich von reichen Verwandten unterstützen ließe oder Schulden machte."
Dagmar musterte sich nochmals im Spiegel. „In dem letzten Punkt stimme ich dir natürlich bei — wenigstens insofern, als es sich um das Schuldenmachen handelt, aber sonst gehen unsere Ansichten doch sehr auseinander. Aber
es lohnt, sich nicht, darüber zu sprechen. Ich- finde es' Nur langweilig, immer denselben Tischherrn zu haben."
„Freu' dich doch, daß du wenigstens den Baron hast! Und wenn er dir so unangenehm ist, werde ich mich ausschließlich mit ihm unterhalten. Ich habe ihn sehr gern und will nicht, daß du ihn ärgerst oder gar beleidigst."
„Du bist wirklich ein Kind, Alexa." Sie wollte noch hinzusetzen: im übrigen wird dich der Landrat so mit Beschlag belegen, daß du gar keine Zeit hast, dich! um jemand anders zu kümmern. —• Denn auch ihr war die Veränderuitg in seinem Benehmen nicht entgangen, sie hatte schnell erraten, daß er sich Hoffnungen auf Alexa machte, und sie glaubte auch zu wissen, daß diese jetzt anders über ihn dachte als früher.
Wenn sie trotzdem mit Alexa nicht darüber sprach und auch jetzt die Aeußerung, die ihr auf der Zunge lag, unterdrückte, so tat sie das nicht aus Gleichgültigkeit gegen ihre Schwester, sondern im Gegenteil aus dem Gefühl schwesterlicher Liebe heraus: sie wollte durch unnütze und vor allem voreilige Fragen diese nicht verlegen machen und die etwa in Alexas innerstem Herzen aufkeimende und aufsprießende Liebe nicht indiskret ans Tageslicht ziehen.
Endlich traten sie aus den Schloßhof, wo die Herren sie bereits erwarteten.
„Aber Baron — wie schien Sie denn aus?!" rief Alexa, während Dagmar die mit ihm vorgegangene Metamorphose gar nicht zu bemerken schien.
„Der Herr Landrat hat mich eben automobilmäßig angezogen. Warten Sie es nur ab, Komtesse, — JhNen steht die gleiche Verschönerung bevor."
„Um Gottes willen nicht!" Erschrocken hob sie die Hände, als der Landrat sich ihr mit einer Autobrille, einem dunklen, blauen Schleier und einem langen Staub- mantel näherte. Denn. in richtiger Erwartung, daß die Ausfahrt stattfiirde, hatte er die Sachen gleich mitgebracht.
Aber schließlich gab sie doch nach und ließ sich von dem Landrat helfen, während der Baron Dagmar behilflich war.
Einen Augenblick scherzte man noch über die Verkleidung, dann bat der Landrat, einzusteigen: „Vielleicht setzen Sic, Herr Baron, sich mit Komteß Dagmar auf die beiden hinteren Plätze, und Komtesse Alexa setzt sich vorn zu mir. Das wird besser sein wegen der 'Gewichtsverteilung, die bei dem Auto eine viel größere Rolle spielt, als man glaubt."
„Gewiß," stimmte der Baron ihm bei.
(Fortsetzung folgt.)
Die Reformation und Gegenreformation in yerMn und den ehemals lemögraslichen und ritterfchAWHen
Grten der östlichen und südöstlichen vogeisvergs.
Von Pfarrer Zinn in Herbstein.
(Fortsetzung.)
Zum Glück sind wir in der Lage, die verdächtigen Lücken ist der Kompschen Darstellung durch zwei unverdächtige Zeugen ausfüllen ,zu können. Beim Durchsuchen des ehemaligen fuldischen Archivs int Staatsarchiv zu Marburg, fanden wir nämlich nebM dem oben mitgeteilten bedeutsamen Religionscdikt Balthasars noch zwei andere wichtige Aktenstücke, die uns Auskunft geben über die Durchführung dieses Ediktes gerade in Herbstein. Das eine Aktenstück ist ein Bericht des fuldischen Schultheißen Konrad Leinberger zu Herbstein vom 22. März 1604 an den „hochwürdigen in götts. fürsten und"hern, Hern Bälthasarn erwählten und bestettigten üvt des stiefts .Fulda ufw." Der Beicht, der inhaltlich für sich selber spricht und keiner weiteren Erklärung bedarf, lautet:
„Euer fürstlichen gnaden befel, deren restanden, so sich noch zur zeit euwren fürstlichen Mandat und befel, sich zur comwunion nicht ingestelt, einen iden nach dem andern insonderheit in beiseiü des psarherns Vorbescheiden und befragen, ob sie -sich auf österliche zeit zur beicht und hochwurtigem sacrament des altars uraltem! catholischem brauch nach gehorsamlich instellen wollen oder nicht- wessen sich Han ein ider insonderheit erklert, e. f. g. in schröfsten widerumb underthenisch berichten, habe ich empfangen, demselben underthenigs nach gesetzt, was dan ein ider ausgeredt, werden e. f. gnaden nachfolgents zu ersehen haben. So viel nun an- belangt einen schnormacher Michael Kroschen genant, bericht, das er sich mrder e. s. g. overkett in catholischer religion lenger zsttz bleiben nicht gesinnet sei. Den schmidt Hans Stock belanget- bericht, das .er mit Weib sampt den lindern under e. f. 8- oberfeit als ein armer ackoriamer undxrthaner sich gern vxr-


