384
„Sehr," stimmte der Graf ihr bei. Aber ein aufmerksamer Zuhörer hätte an diesem „Sehr!" doch feine Zweifel hab en können. ,, m ,
Wählend die Gräfin übet den bevorstehenden Besuch von Hans aus einer freudigen Ekstase in die andere geriet, »erbrach der Graf sich darüber den Kopf, was der ^irrige wohl wieder „ausgefressen" haben könne. Er liebte seinen Sohn über alles, und gerade weil er ihn ,o liebte, hatte er den Wunsch, sich einmal an ihm freuen zu können, ohne daß ein Tropfen Wermut in den Jubelbecher hineinfiel. Er war reich, noch reichet, als sein Sohn glaubte, der ihn einmal wie ein Steuerbeamter eingeschätzt und danach betechnet hatte, wieviel er im Jahre ausgeben könne. Der Gras hatte ihm nicht widersprochen, als er das Vermögen viel zu niedrig taxierte. Der Steuer gegenüber mußte er ja die Wahrheit gestehen, seinen Sohn in dieser Hinsicht zu täuschen. Hi eit er für keine Sünde. Er war reich, und wenn er auch jedesmal schwer aufseufzte, so oft er den großen Geldschrank für seinen Sohn aufschloß, um diesem die Dukaten in die Hand zu drücken, so geschah das nicht, weil es ihm schwer wurde zu geben, sondern lediglich, weil er den Wunsch hatte, daß, Hans einmal kommen möchte, ohne eine Bitte zu äußern.
Et selbst hatte es in seiner Jugend allerdings ja auch nicht anders gemacht, aber gerade deshalb hätte er es so gern gesehen, wenn Hans ihm hierin nicht gliche.
„Findest du diesen Bries von Hans nicht geradezu kindlich richtend?" fragte die Gräfin.
„Rührend," sttmmte er ihr bei.
Er kannte diese Anwandlungen, er hatte sie in feiner Jugend auch gehabt, wenn er Sekt und Austern nicht mehr sehen konnte, wenn er auf dem Rennplätze oder im Klub Nicht nur den letzten Hundertmarkschein, den er in der Tasche trug, sondern auch die Zulage der nächsten Monate verspielt und verwettet hatte! Er hate diese Anwandlungen in seiner Jugend auch gehabt, wenn irgend ein unbequemer Gläubiger nicht aufhörte, zu mahnen, wenn er eine zarte Liaison abbrach und sich vor den Briefen der alten Freundin nicht retten konnte, deren Leitmotiv da war: kehre zurück, alles ist vergeben und vergessen!
Dann war auch in ihm die Sehnsucht nach stillest, glücklichen Stunden im Elternhause erwacht, dann hatte auch er plötzlich geglaubt, es vor Sehnsucht nach den Liebkosungen der Mutter und den freundlichen Worten des Vaters nicht mehr aushalten zu können. Dann hatte auch er weit mehr Sehnsucht nach der alten Dora empfunden, die ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, als nach jenen schönen, eleganten Frauen, deren Frou-Frou und deren Lachen in gleicher Weise unser Herz betört. Wenn er nur erst gewußt hätte, was Hans ausgefressen hatte! Irgendwo drückte den mal toieber der Schuh.
Während die Gräfin so tat, als ob sie an ihrer Hand^- arbeit stickte, tat der Graf, als lese er die Kreuz-Zeitung. Er blätterte sogar manchmal um, laut und umständlich', um dadurch zu zeigen, mit welchem Interesse er die neuesten politischen Nachrichten verfolge. Aber die Gräfin stickte nicht, und er las nicht. Beide hingen ihren Gedanken nach.
„Mir kommt eben ein Gedanke, Eduard, der sicher auch deine Zustimmung finden wird. Hans deutet mit vollem Recht an, daß die Gegenwart des Barons allein genügen wird, um die Intimität des ruhigen Familienlebens etwas zu stören. Mr Hans ist der Baron ganz fremd, er wird' sich in seiner Nähe geniert fühlen, meinst du nicht, daß du oa dem Baron einen kurzen Urlaub anbieten sollst? Er fährt gewiß sehr gerne einmal ein paar Tage nach Berlin, besonders wenn du ihm die Reise unter einem Vorwand anständig honorierst. Vielleicht konntest du ihn auch bitten, sich einmal nach neuen Wagenpferden für uns umzusehen —i vielleicht kommen wir doch über kurz ober lang einmal in die Sage, uns w elche an schaffen zu müssen."
„Und du meinst wirklich, daß der Baron sich so ohne weiteres beurlauben läßt? Daß man ihn für ein paar Tage fortschicken kann, gewissermaßen wie ein kleines Kind, zu oem man sagt: geh für einen Augenblick nach nebenan —, wir rufen dich, wenn du wieder Mreinkommen darfst! Kennst du den Baron so wenig?"
Der Graf war auf diese Antwort sehr stolz. Sie enthielt gewissermaßen gar nicht seine persönliche An
sicht über die Frage seiner Frau, sondern mehr die des Barons. , m
Er hätte ja auch feine eigene Meinung jagen können, aber warum? ' Er konnte ja tun und lassen was er wollte.
Die Gräfin wurde etwas nachdenklich. „Man müßte ihm die Sache sehr diplomattsch beibringen, — das wäre natürlich deine Aufgabe, Eduard."
Aber der Graf dankte. „Du weißt, ich habe für solche Dinge gar kein Talent. Ich kann mich nicht verstellen, ich platze gleich mit der Wahrheit heraus, ganz abgesehen davon, daß ich es für einen großen Fehler halte, wenn wir den Baron fortschicken. In der ersten Stunde wird Hans vielleicht lieber wünschen, hier ganz allein zu fein, aber schon Nach dem Diner wird er sich freuen, daß der Baron hier ist, — dann können wir zu britt Skat spielen."
„Aber Ebuarb!" Der Ruf des Entsetzens war ganz echt, ober er rührte den Grafen trotzdem nicht.
„Eduard," begann die Gräfin, nachdem sie sich von der ersten Empörung erholt hatte, „du sagst immer, du hättest Hans Wer alles lieb, und doch, wie Wenig kennst du ihn! Er kommt her, um sich auszuruhen am Herzen der Mutter '— und du sprichst vom Skatspielern"
„Gewiß. Denn er liebt dieses Spiel ebenso wie ich -5 Eeartö spiele ich allerdings noch viel lieber."
„Welches Kartenspiel liebst du nicht! Die Karten machen dein ganzes Denken und Empfinden aus."
„Aus jeden Fall lange nicht so sehr, wie es bei dir die adeligen Gespräche tun."
„Das Kartenspiel verroht den Charakter."
„Und immer dasselbe zu sprechen und zu denken, macht den Menschen langweilig."
„Eduard — vergiß bitte nicht, wer ich bin! Denk auch an deinen Namen und unsere Stellung in der Gesellschaft. Ehepaare in unseren Kreisen zanken sich nicht."
„Ganz meine Ansicht. Warum fängst du denn da an?" „Ich?!"
Grenzenloses Erstaunen sprach aus dieser Frage. „Ich?" wiederholte sie noch einmal, „ich fange nie an! Du bist doch stets derjenige, welcher! Kannst du das leugnen ?"
Ihm war jedes Streiten unbehaglich. Seitdem et vom Militär fort war, wollte er seine Ruhe und Bequemlichkeit haben. ' Jetzt war er ein freier Mann, er konnte tun und lassen, was er wollte, und außerdem war er doch Kavalier, und da svar es doch ganz selbstverständlich, daß er bei einem Streite mit einer Fran, noch dazu mit seiner eigenen Frau, jede Schuld auf sich nahm. Das erforderte schon die Ritterlichkeit und Höflichkeit. So sagte er denn: „Ich irrte mich — ich selbst fing vorhin an h entschuldige bitte."
„Wie könnte ich dir zürnen, Eduard!" Sie hielt ihm die Hand zum Kuß hin, und er erhob sich von seinem' Platz, um ihre Rechte an seine Lippen zu führen.
Es war in den letzten Tagen schon zu wiederholten Malen zwischen ihnen zu solchen kleinen Szenen gekommen. Die Schuld daran hatte dann stets der Baron. Und doch war er ganz schuldlos.
Wenn der Graf mit dem Baron Karten spielte, schall die Gräfin im stillen, daß dieser sich nicht mit ihr unterhielt.
Und wenn der Baron mit der Gräfin über den hohen Adel plauderte, dann schalt der Gras, daß dieser nicht mit ihm Karten spiele.
„Diese Szenen sind ekelhaft und unser unwürdig," dachte die Gräfin jetzt, nachdem sie den Handkuß erhalten hatte. „In Zukunft müssen sie vermieden werden. Ich werde einen Vorwand zu erfinden wissen, unter dem der Baron in Zukunft die Aufforderung zum Kartenspielen ablehnen kann t—, selbstverständlich ohne deswegen unfreundlich oder gar unhöflich zu erscheinen. Das einfachste wäre, ich sagte ihm, daß die Karten meinen Mann zu sehr aufregen, daß er dann nachts unruhig schläft und daß das Spiel ihn in seine Träume hinein verfolgt."
Der Graf hatte inzwischen die Zeitnng wieder zur Hand genommen, nm dadurch zu beweisen, daß dieser Keine, eheliche Zwischenfall für ihn definitiv erledigt fei. Er knisterte mit den Blättern, und um zu beweisen, wie die Lektüre ihn vollständig gefangen nahm, las er insofern sogar laut, als er von Zeit zu Zeit einen Zwischenruf aus-


