Ausgabe 
1.6.1912
 
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Samstag den \ Juni

8

WM

Die von Gründingm.

Roman von Freiherr von Schlicht.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Marianne blickte nachdenklich vor sich hin: sollte sie sich doch geirrt haben? Aber nein so kalt, so herzlos konnte die Freundin nicht sprechen, wenn sie nicht einen besonderen Grund hatte, den Baron zu. hassen oder ihn wenigstens zu fürchten. Und dieser Grund konnte einzig und allein die Liebe sein, beim sie waren doch erst wenige Tage zusammen- was konnte er da wohl getan haben, um sie so zu erzürnen, daß sie in dieser Weise über ihn sprach?

Nun," ein stolzes, ironisches Lächeln umspielte leicht Dagmars Mund,siehst du nun ein, daß du mit deiner Vermutung wahnsinnig bist nimmst du die Wette an?"

Geiviß," kam es schnell über Mariannes Lippen,und wie dn, so setze auch ich das Liebste, was ich besitze. Du hast oft den alten Schmuck bewundert, den ich von meiner Mutter erbte wenn ich ihn auch nie trage, iveil sich Schmuck auf mir lächerlich ausnimmt1 so würde ich ihn trotzdem nie fortgeben. Du sollst dir von ihm aussucheu können, was und so viel du willst."

Ganz fassungslos starrte jetzt Dagmar die Freundin ent.Du weißt auch jetzt nicht, was du redest."

Doch," klang es sehr bestimmt zurück,du kannst dir von ihni auswähten, was und so viel du willst."

Es war ein Vermögen, das Marianne da wagte. Bor- allen Dingen bestand der Wert des Schmuckes in der alten, französischen Fassung, die heutzutage so oft nach- goahmt wird, ohne doch je auch nur annähernd die künst­lerische Eigenart und die Schönheit des Originals zu er­reichen.

Warum habt ihr denn plötzlich die Tür zugemacht - habt ihr Geheimnisse vor mir?"

Mit etwas erstauntem Gesicht war Alexa ins Zimmer getreten und sah nun verwundert die beiden Hand in Hand dastehen.

Schnell traten diese voneinander zurück, dann sagte Marianne:Es zog vorhin ein wenig und Dagmar fürchtete, sich zu erkälten; sie war beim Reiten doch warm geworden. Aber gut, daß du kommst, Alexa, da kann ich mich auch gleich von dir verabschieden. Dagmar hat meinen Händedimck schon weg."

Und mit ihrer großen, starken Hand preßte sie Alexas kleine, zarte Finger so kräftig, daß diese unwillkürlich einen kleinen Schrei ausstieß.

Wenige Minuten später ließ Marianne sich im Schloß­hof in den Sattel heben und trabte dem ziemlich entfernt liegenden, väterlichen Gute entgegen. Der Fuchs merkte, daß es nach Haus ging, auch war die Futterstunde nahe, griff das starke Tier mächtig aus.

Sonst hatte Marianne während des Reitens nur Ge­danken für ihr Pferd, sie unterhielt sich fortwährend mit ihm, rief ihm freundliche Worte zu, streichelte ihm lieb­kosend den Hals und erkundigte sich, was ihm fehle, wenn er einmal unwillig den Kopf schüttelte oder laut schnaufte.

Wer heute mußte der Fuchs auf jede Liebkosung ver­zichten, die Gedanken seiner Herrin waren bei Dagmar und bei der eben abgeschlossenen Wette. Für einen Augen­blick bereute sie, ein Erbstück ihrer Mutter aufs Spiel gesetzt zu haben, dann aber sagte sie sich: lieber den Schtnuck verlieren, als einen Menschen!

Denn sie wußte: offen, ehrlich und von freier Gesin­nung, wie sie selbst war, würde sie in Zukunft nicht mehr mit Dagmar verkehren können, sie würde diese als Freun­din verlieren, wenn Dagmar ihre Worte über den Baron wirklich ernst gemeint hatte, wenn etwas anderes als die Furcht, sich in ihn zu verlieben, sie zu jener Aeuße» rung veranlaßt hatte.

IV.

Hans hatte sich zum Besuch angenreldet.

Ganz plötzlich und unerwartet kam eines Tages ein Brief: er habe trotz der vielen dienstlichen Gründe, hie gerade in dieser Zeit gegen jeden Urlaub sprächen, es doch durchgesetzt, daß er für reichlich acht Tage nach Hause fahren könne. Er freue sich sehr darauf, endlich einmal wieder mit den Eltern und den Schwestern zusammen zu sein, und deshalb brächte er auch keine Gäste mit. Es sei ja schon mehr als genug, daß der Baron da sei, der würde schon, ohne es zu wollen, allein durch seine Anwesenheit oft genug das stille, ruhige, friedliche Zusammenleben als Fremder stören.

Die Gräfin las diesen Brief immer und immer wieder sie war ganz gerührt:Der gute Hans da siehst du es ja einmal wieder, Eduard, wie unrecht du ihm oft tust! Du schiltst ihn leichtsinnig, sagst, daß er von einem Bevgnügen zum anderen stürzt, hier aber offenbart sich seine wahre Natur der Hang zu einem glücklichen Familienleben--Nur, iveil er das sonst nicht hat, sucht

er seine Zerstreuung außerhalb der vier Wände. Der gute Junge! Wie ich mich freue, ihn wiederzusehen! Ganz allein mit ihm zu plaudern. Wir ioollen tun, was !vir können, damit er hier alles findet, was er sucht und braucht."

Hoffentlich nicht alles," dachte der Graf. Er hätte es ja chnch laut sagen können, aber warum? Er war ja sein freier Herr, er konnte tun und lassen, was er wollte. Ob er es dachte oder laut sagte das war ja ganz gleich.

Der gute Hans! Wie er sich wohl freuen wird, uns wiederzuseheu!" fing die Gräfin von neuem an.Und wie glücklich ich bin, ihn endlich mal wieder hier zu haben. Bist du nicht auch glücklich, Eduard?"