Ausgabe 
1.5.1912
 
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willigen, unter diesen Professor Welker und dessen Bruder Advokat Welker, Regierungsrat Groß, Hofgerichtsrat v. Preuschen, Assessor p. Schmallalder und dessen Bruder Kandidat gingen neuunifor-- miert nach Darmstadt ab, auch zwei Söhne des Regierungsrats v. Krug." Unter den freiwilligen Jägern befand sich auch der spätere Schwiegersohn des Chronikenschreibers, der nachmalige Landrichter Geh. Justizrat Dr. Ploch in Gießen.

10. Februar.Durch eine Estafette kam der Befehl .vom Ministerium aus Darmstadt, daß während der Krankheit des Medizinalrats Hegar, Professor Bogt Vater des berühmten Naturforschers Karl Bogt die Aufsicht über die Lazarette fremder Truppen erhalten habe."

Es kamen 70 Freiwillige aus dem Herzogtum Westfalen an. Abends kamen 6 Wagen mit Kranken, welche auf Befehl des Stadtkommandanten im Rathaus untergebracht werden sollten. Allein der Stadtrat wollte sie in die Bürgerhäuser einquartiert haben und gab vor, daß die Schlüssel zu den Zimmern nicht zu finden seien. General y. Nagel ließ darauf den Bürgermeister auf die Hauptwache bringen. Da tonten die Schlüssel gleich zum Vorschein."

12. Februar.Heute starb der Medizinalrat und Professor Hegar am Nervenfieber, das er sich durch seine Tättgkeit am Lazarett zugezogen hatte. Er war ein geschickter Chirurg, der für sein Fach außerordentlichen Eifer hatte."

In der »ergangenen Woche sind wieder 22 Menschen be­erdigt worden."

16. Februar.Gestern, als am Geburtstage der Großherzogin, tzaben die hiesigen Hoiwrattonen (38 an der Zahl) sämtlichen fremden Offizieren Abendessen und Ball im Einhorn. Ein Unter­nehmen dieser Art erforderte die Höflichkeit, welche die preußi­schen und russischen Offiziere am 31. Januar den Einwohnern von Gießen erwiesen hatten. Alles war wohlgeordnet und an­ständig. Jedes subskribierte Mitglied zahlte für sich und die Seinen. Was die Offiziere verzehrten, ging in Gemeinschaft. Dieses betrug für jeden Teilnehmer 5 fl. 26 Kreuzer." Etwas Aber 9 Mark.

Von feiten der Universität ging ein bewegliches Schreiben 'an den Grafen von Solms-Laubach, als Chef der Zenttalkom- htiffion für die Lazarette, nach Frankfurt ab, worin um Abführung des hiesigen Lazarettes ersucht wurde. Die Antwort fiel aber nicht sehr befrickigend aus, weil sie bloß Veränderung, sobald es die Umstände gestatetten, zusagte."

Auch das Kalbfleisch ist teuer und nicht immer zu haben. Das Pfund kostete sonst 4 Kreuzer, jetzt 8 Kreuzer."

3. März.Heute starke Einguartierung in der Stadt, haupt­sächlich Sachsen."

4. März.Heute hatten wir wieder Sachsen zur Einquar­tierung."

6. März.Heute kam der Kurprinz von Kassel mit ungefähr 3000 Mann hier an. Man stellte ihm die Unmöglichkeit vor, sie alle hier einzuquartteren, da so viele ständige Einquartierung hier sei. Doch blieben 600 Mann hier, z. T. undisziplinierte Leute, bei denen selbst ihre Offiziere wenig Ansehen hatten. Der Prinz kam in das Posthaus. Sein Betragen war roh. Auch requirierte er für feine 12 Hunde 12 Pfund Fleisch und 6 Pfund Mutter. Er bezahlte nicht, nicht einmal ein Trinkgeld für das Gesinde."

11. März.Gestern und heute wurden je vier am herrschen­den Nervenfieber Verstorbene beerdigt. Nicht auf dem gewöhn­lichen Gottesacker, wo die Preußen, wegen des Pulvermagazins ün der Totenkirche keine Beerdigung gestatteten, sondern hinter diesem auf dem Arrestantenkirchhof."

16. März.Es zogen preußische freiwillige Jäger zu Pferd durch. Sie betrugen sich in den Dörfern, wo sie übernachteten, sehr übermütig."

24. März.Seit einigen Tagen sind alle Kranken aus den Lazaretten nach Arnsburg gebracht worden. Das Entbindungs­haus wird für kranke Offiziere eingerichtet werden."

Inzwischen waren auf dem Kriegsschauplätze in Frankreich die Würfel zu ungunsteir Napoleons gefallen. Noch einmal auf dem Kongresse zu Chattllon, bot ihm Oesterreich, durch den Vor­schlag, er möge die Grenzen Frankreichs vor 1792 anerkennen, die rettende Hand. Nachdem er sie, durch einige kleinere Siege Über seine eigentliche Lage verbleitdet, zurückgestoßen hatte, kam es zu den für ihn verderblichen Schlachten von Laon uitd Arcis für Aube. Nun staitd den Verbündeten der Weg nach Paris offen. Mm 30. März ergab sich die Stadt am 31. erfolgte der feierliche Einzug der Sieger. Unmittelbar darauf sprach der Senat die Absetzung Napoleons aus.

7. April.Abends 7 Uhr kam ein Kurier hier durch, welcher die Nachricht von dem Einzug der alliierten Monarchen in Paris brachte. Diese Nachricht breitete sich alsbald überall aus, und wurde mit Jubel aufgenommen. Die Freude äußerte sich durch Kanonenschläge und Pistolenschüsse."

8. April.Die Nachricht kam hierher, daß unsere Truppen, besonders das Leibregiment bei Lyon mit vieler Auszeichnung gefochten, aber auch 300 Mann verloren hätte. Unter den­selben ist der junge Löber, Sohn des verstorbenen Hofgerichts- kekretärs. Abends hatten viele hiesige Einwohner ihre Häuser

freiwillig illuminiert. Es wurde dabei häufig geschossen und' das Schwärmen auf den Straßen war stark."

10. April.Heute, als am Ostermontage feierte das hier befindliche preußische Militär mit 90 Kanonenschüssen die Ein­nahme von Paris. 6 Sechspfünder waren auf der Schoor am Neuenweg an den Burggarten aufgefahren. Abends war im Saal im Einhorn große Tafel, 86 Kouverts. General v. Nagel brachte die Gesundheit des Königs von Preußen aus. Ein Trupp von 15 Preußen gab auf dem Lindenplatz dreimal Salve. Die meisten Häuser in der Stadt waren illuminiert und nur einige grämliche Leute, die au der neuen Ordnung der Dinge keine Freude hatten, schlossen sich aus. Das Schwärmen der Menschen auf den Straßen war außerordentlich. Dabei fielen viele tausend Schüsse aus Pistolen, Musketen, Mordschlägen. Die allgemeine Freude war laut und unverstellt. Nicht der mindeste Exzeß fiel vor. Ein anwesender russischer Offizier wunderte sich, daß den heimlichen Anhängern der Franzosen nicht mindestens die Fenster wären eingeworfen worden."

Es zeigten sich viele Sinnbilder an den Häusern. Man sah einen Drachen in den Fängen eines Adlers, ein kleines Kind (den König von Rom, Napoleons Sohn) das sich tief vor einem Kosaken verneigte, eine fliegende Taube mit dem Kleeblatt. Unter diesem letzten stand die Inschrift:

Komm' hernieder, goldner Friede, Wir sind dieser Zeit bald müde!" -

Der Bürgermeister von Meiches.

Seit Jahrzehitten ist in Oberhessen der Schwank vom Bürger­meister von Meiches bekannt, und von Mund zu Mund überliefert^ hat er Form und Inhalt wohl schon mehrfach gewechselt. Neuere Zutaten haben den alten Text erweitert, ältere Stellen sind vielleicht teils verstümmelt, teils untergegangen, und es wäre eine dankbare Aufgabe, auf Grund einer größeren Anzahl von Lesarten den alten Text wieder zusammenzustellen. Wir geben heute eine Fassung des Schwankes wieder, die wir nach mancherlei vergeblichen Versuchen endlich erhalten haben und möchten unser« Leser ersuchen, uns die ihnen bekannten Lesarten zu übermitteln^ damit wir sie in geeigneter Auswahl in den Gießener Fa- milienblättern veröffentlichen können. Der Humor, der in dem Bürgermeister von Meiches lebt, ist wohl wert, eines breiteren Oeffeutlichkett unterbreitet zu werden, denn unseres! Wissens ist er seither nur bei festlichen Gelegenheiten einmal ans Licht getreten.

lieber das Alter des Schwankes konnten wir nichts ermitteln, doch deuten verschiedene Anzeichen daraus hin, daß er wesentlich älter ist, als es erscheinen mag. Die Erwähnung des Gießener! Bahnhofs kann ebenso wie manches andere moderne Zutat fein, für die womöglich ein echteres und besseres Stück ausgefallen ist. Ob derBürgermeister von' Meiches" schon einmal irgendwo abgedruckt wurde, konnten wir nicht in Erfahrung bringen, und es ist auch darüber keine Klarheit zu erlangen gewesen, ob das lustige Stock vielleicht der Kunstdichtung wenn man so sagen darf entstammt und von da in den Besitz des Volkes über­ging, tote es bei vielen unserer sog. Volkslieder, den volkstom- lichen Liedern, der Fall ist. Daß es von einer Kunstform aus­gehen könnte, wurde durch mancherlei wahrscheinlich, aber darüber laßt sich vorläufig noch kein sicheres Urteil gewinnen. Ob es überhaupt möglich ist, die Quelle iwch zu entdecken, bangt von! der Unterstützung unserer Leser ab, die wir zur eifrigen Mitarbeit einladen. , 'i

l De vorjemafter vo Majes. ! i

Gunowend! Eich sei de Borjemaster vo Majes. Mei Brourer, doas ies de Hannes, der ies aach näit viel bontnter toäi eich. Bierm Joar, toäi de orje Wind tooar, do flug des Päannerdoav im. Wäis dann da e halb Joar getege hat, lohnt de Gomanradi von Majes zesomme, um se berühre, toer des Päanerdoar be- zoahle feilt, obs die Geman vo Majes orrer die Exelenz in Dormstadt bezoahle sollt. Mer tooar» do näit attig, mehr lohnte dann dahth überaus, e Gesandtschaft o die Exelenz in Dorm­stadt fe schecke, däi die Exelenz frege feilt, toer des Päannerdop bezoahle feilt. Etz dreht sichs drim, wen mer do wehle wollt. No wen sollt mer do wühl Wehle? Do Hummer dann mätch ien mei Brourer Hannes gewehlt, toeil mir zwoa die Geschcidste im Ort warn. ,

Of en schielte Dag lieftc mer ihs zwäi Billieder, faßte ünsj ien Zug ien retschte uo Gäiße. No !vas mahnter, do ftchr de Sug ien so e grüß gläsern Haus «nein. , Mei Brourer Hannes, der c dummer Kerl ies, touost das nadierlich näit, woas doas! tooar. Da fregte mich: bau, fa mer. emol, woas ies doas für e Dient? Jao, sahrich, Hannes, doas woas ich aach näit. Indem kohm so alter mit er grüße Schildkappe daher, den fragt aich: Dou, fa liier amohl, woas ies doas häi fitzr e Haus? Der saht: