Ausgabe 
1.5.1912
 
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er Wirklich bis zum völliges Stumpfwerden weiter die Kette tragen? Wenn dann nach Jahren der Allerbarmer Tod die Unselige erlöste, um die er all das trug, und ihm die Freiheit wiedergab, dann war es vielleicht zu spät für ihn die Schwingen waren erlahmt, sie trugen ihn nicht mehr zum Fluge ins Licht. Hatte er nicht aber ein Recht auf sich selbst? Warum also sprengte er dre Ketten tncht, solange es noch Zeit war?

Er reckte sich auf, hoch, jede Muskel gespannt und dre Zähne aufeinander gebissen einen Moment fieberte in seinem Hirn ein brausendes Drängen, als wolle ein erlösen­der Entschluß sich losringen; aber daun fiel seine Gestalt wieder in sich zusammen, matt senkte sich sein Haupt auf die Brust. Mit seinen jagenden Gedanke« war er voraus­geeilt in die Zukunft' er sah sich in der Freiheit, im Licht, aber neben ihm stand stets ein düsterer Schatten,, die quälende Reue, daß er im selbstsüchtigen Üebensdrange einer Verzweifelten die letzte Stütze ihres jammervollen Daseins entrissen hatte. Er fühlte es, er war nicht der Mann dazu, über gebrochene Herzen zu schreiten.

Also verzichten, auf alles, alles, was da lockend vor ihm stand, weiter dämmern das war die Losung für ihn.

Im trostlosen Brüten, die Stirn finster zusammen- gezvgeu, starrte Amthor vor sich hin.

Ein abermaliger Hornruf rüttelte ihn auf. Langsam sich emporrichtend, besann er sich: Das war ja das Zeichen, daß man da drunten sich schon an den Tisch setzte, und er stand hier noch im Oelnrantel, wassertriefend. Am liebsten wäre er der Tafel ganz fern geblieben; aber dann besann er sich anders. Es war doch besser für -ihn, er kam unter die Leute. Da entging er wenigstens den quäl» vollen Gedanken, die ihn hier in der Einsamkeit hin- und herzerrten.

So stieg er denn hinab; er ging gleich zum Speisesaal hin, nur Mantel und Hut draußen ablegend; es war ja keine Zeit mehr, Dinertoilette zu machen. Es mußte heute eben auch mal im Bordanzug gehen.

Aber wie er nun in den Saal trat, durchzuckte ihn der Gedanke: Sie! Wie sollte er ihr nun gegenübertreten? Nach jener Sekunde stummen Verständnisses vorhin! Noch einmal klaffte der ganze Zwiespalt seines Empfindens vor ihm auf, und einen Moment stockte sein Fuß. Aber dann schritt er entschlossen weiter. Ganz gleich! Es mußte jein; ein Begegnen war doch nicht zu vermeiden. Nur [ eins mußte geschehen: Mit keinem Blick, mit keinem Wort durfte er ihr mehr verraten, wie es in ihm aussah; aufs t strengste mußte er die Grenzlinie des ruhig freundschaft­lichen Verkehrs innehalten, wenn es ihn auch noch so zu ihr hindrängte. Es wäre ja ein namenloser Frevel an der Leidgeprüften gewesen, wenn er Hoffnungen in ihr tzenährt hätte, die sich doch niemals verwirklichen konnten.

Mit diesem festen Entschlüsse trat Amthor an die Tafel, kvv er seinen Platz hatte. Dank der freundlichen Verwen­dung des Kapitäns Neidhardt beim Obersteward hatte man ihn schon vor ein paar Tagen umgesetzt; er hatte seinen Platz bei den neuen Bekannten bekommen, wo er nun Neben Mrs. Sanderham, schräg gegenüber von Eva Söllnitz saß, so daß er sie wenigstens aus der Nähe sehen konnte.

-Die Tischgesellschaft war schon vollständig versammelt, Nur Eva Söllnitz lv-ar noch nicht erschienen. Es wurde schon der zweite Gang gereicht, da sah er, aufblickend, sie gerade herannahen. Er stutzte sofort beim ersten Anblick. Ihm, der in ihren Zügen so zu lesen gelernt hatte, fiel sofort ein ganz eigener Ausdruck darin auf, so etwas Un- Nahbares, Kaltabweisendes; er merkte, wie sie den feinen Kopf zurückgeworfen hatte. Und wie bleich war sie! Nur ihre dunkeln Augen brannten, in dem blassen Antlitz um so wahrnehmbarer, in einem stolzen, leidenschaftlichen Leuchten. So schritt sie, hochaufgerichtet, nicht übermäßig schnell den Gang zwischen den Tafeln entlang herauf, den Blick ge­radeaus gerichtet, als existierten die andern da rechts und links nicht für sie.

Noch nie war es ihm so aufgefall. wie schön fiel toar, als gerade in diesem Moment. ®L a seiner Blässe doppelt feine, stolze Antlitz, die schlau , vornehme Ge­stalt mit dem sie duftig umfließenden, helleuchtenden Ge­wände! Wie schön wie wunderbar schön war sie! Und »mso heißer brannte in feinem Herzen das trostlose Be­wußtsein: Nicht für dich!

Nun war Eva Söllnitz an ihrem Platz angelangt und -eg rußte die Bekannten mit einem leichten Kopfneigen.

Ihr Bestreben, dabei das übliche freundliche Lächeln zu zeigen, ließ Amthor aber eine innere Anstrengung er­kennen. Mit einer geheimen Spannung sah er dem ihm bestimmten Gruß entgegen; aber er wartete vergebens.- Ihr Blick vermied es, ihn zu streifen. Sich schnell über ihren Teller neigend und ein wenig hastig nach der Ser­viette greifend, setzte sie sich.

Ein Staunen beschlich Amthor: Was hatte das zu bedeuten? Warum dieses offenbar doch absichtliche Ueber- sehen?

Inzwischen hatten die Tischnachbarn sich an Frau Söll­nitz gewandt, wegen ihres verspäteten Kommens.

Nun, gnädigste Frau, doch nicht etwa auch noch Gott Aegir tributpflichtig geworden?" neckte Kapitän Neidhardt.-

Die junge Frau zwang sich ein Lächeln ab.

Dagegen bin ich gefeit! Nein, die Stewardeß war nur unglaublich ungeschickt heute beim Ankleiden."

Sie sprach es absichtlich laut. Der Regierungsrat und die anderen mit ihm sollten es hören, daß sie nicht" etwa sich freuen könnten: Es war geglückt! Es hatte sie zu Boden geschmettert. Nur mühsam hat sie sich wieder aufgerafft!i Und unwillkürlich warf sie noch stolzer den Kopf in den Nacken, und ein fast hochmütiger Zug trat um ihren Mund.

Wer wer in ihr Inneres hätte sehen können!

Sie war hierher gekommen, sie hatte ihren Entschluß ausgeführt doch sie hatte ihre Kraft überschätzt. Hinter der Maske dieses stolz-verächtlichen Lächelns barg sich ein zum Schreien aufgepeitschtes Wundsein. Wie ein Spieß­rutenlaufen war ihr ja eben hier der Weg durch den Saal bis zu ihrem Platze gewesen! Trotzdem sie ihre Augen starr geradeaus gerichtet hatte, hatte sie alle die lauernden, schadenfrohen Blicke körperlich, wie glühende Nadelstiche, an sich wahrgenommen, hatte geglaubt, auch das heimliche! Zischeln und Raunen um sich herum zu hören. Mit einer Anwandlung von Ohnmacht hatte sie auf halbem Wege ge­kämpft, sich aber mit eiserner Energie aufrecht gehalten, und innerlich zu Tode erschöpft war sie auf ihrem Sessel niedergesuukem

(Fortsetzung folgt)

Gießen vor hundert Jahren.

4 Wach ungedruckten Berichtens

Von M-. P l o ch - Darmstadt

(Schluß.)

16. Januar. Der Kurprinz von Kassel war auf der Durch« reise nach Hanau abends im Posthause. Er glaubte viele von unseren Studenten engagieren zu können, erhielt aber nicht mehr als zwei."

17. Januar.Wegen Mangels an Merzten am Lazarett wurden alle hiesigen Merzte schriftlich von der Landeskriegs­kommission in Requisition gesetzt. Keiner derselben verstand sich dazu. Mit den Chirurgen in der Stadt machte man weniger Um­stände. Man zwang sie idem durch eingelegte Exekution vou 3 Soldaten, sich den Arbeiten am Lazarett zu unterziehen."

18. Januar.Heute starben wiederum 4 Personen in bet Stadt an ansteckendem Nervenfieber."

20. Januar. 300 Bauernsöhne der Gegend wurden kom­mandiert, in dem Kolleggebäude Patronenhülsen zu machen. Sie bekamen vom Hundert -einen preußischen Groschen. Die Bürger müssen sie in ihren Häusern verköstigen."

21. Januar. Eine Abteilung Kasselischer Infanterie zog durch, viele in blauen Kitteln. Das gesamte Personal der Re­gierung, des Hofgerichts und des Kirchen- und Schulrats war heute bestellt, gemustert und gemessen zu werden für die zu organi­sierende Landwehr."

23. Januar.Die freiwilligen Jäger, unter welchen manche Honorationen sind, exerzieren täglich in dem Bansaschen Garten vor dem Walltor." Jetzt Marburger Straße.

30. Januar.Preußische Offiziere hielten nachmittags eine maskierte Schlittenfahrt, wobei sie sich als hiesige Bauern und Bäuerinnen verkleidet hatten." _

31. Januar.Die hier kantoni-erenden preußischen Offiziere gaben abends im Löwen einen the dansant, wozu fast alle Hono­rationen der Stadt geladen waren. An jungen tanzlustigen Frauenzimmern war großer Ueberfluß."

2. Februar.Heute zogen die ersten freiwilligen Jäger aus der Stadt, an der Zahl 25, teils Söhne von Horwrationen, teils von Bauern. Die Musterliste von sämtlichem Personale der Universität ging heute au das Oberkriegskollegium ab, für -re zweite Klasse der Landwehr und den Landsturm, welche aber hoffentlich nicht zustande kommen."

9. Februar.Die Einquartierungen und Durchmärsche der preußischen Landwehr dauern fort. Mehrere der hiesigen Frer-