1912 - Nk. 68
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Der König von Thule.
Roman von Paul Grabern.
(Nachdruck verboten.)!
(Fortsetzung.)
Dann wieder dachte sie an Amthor: Wenn er den Hauptwidersacher, den Regrerungsrat — denn darauf hätte sie schwören können: Er hatte das alles, angezettelt! — zur Rede stellte, irötigenfalls züchtigte und ihn zur öffentlichen Wbitte zwang? Doch auch diesen Gedanken ließ sie wieder fallen. Sollte sie Amthor vielleicht ihretwegen in ein Duell hineinhetzen — womöglich mit blutigem, tödlichem Ausgang? Nein, nein, um Himmelswillen nicyt das noch ! Und vor allem — sie brachte es ja auch nicht übers Herz, zu ihm über die schmachvolle Verdächtigung ihrer Beziehungen zu sprechen — lieber wäre sie gestorben!
Nein, nein, — das alles ging eben nicht.
, Doch was dann? Etwas mußte ja geschehen! Oder sollte sie sich wirklich in ihre Kabine vergraben? Aber gab sie denn den Verleumdern mit solcher Flucht aus der Oefsentlichkeit nicht ein anscheinendes Eingeständnis ihrer Schuld?
Nein — kein feiges Verkriechen! Hinaus unter die Feinde, und mit doppelt hoch erhobenem Haupte ihnen eine lächelnde Miene gezeigt, als ob die vergifteten Pfeile aus dem Hinterhalt sie nicht getroffen hätten!
Festen Schrittes ging Eva Söllnitz zum Speisesaal hinüber.
XII.
Das Signal, das zum ersten Mal zum Essen gerufen hatte, war schon lange verschollen, und immer noch stand Amthor auf demselben Fleck droben auf dem einsamen Promenadendeck, heute in Sturm und Wogen ein ungastlicher Ort. Mer dem vor sich hin starrenden Manne war es gerade recht, daß ihm der kalte Gischt und Sturmhauch ins Antlitz schlugen. Es tat gut — es war noch! Die kalte Vernunft mußte ja in ihm wieder die Oberhand gewinnen in dem Kampfe, den er da mit sich abzumachen hatte .
Seit dem Augenblick vorhin, wo ihn tote ein Blitz die Erkenntnis durchzuckt hatte, daß er mehr als Freundschaft für Eva Söllnitz empfand, stand sein Wesen in heftigstem Zwiespalt.
Auf der einen Seite lockte ihr liebes Bild, um das sich jetzt ein ganz neuer, süßer Zauber gesponnen hatte. Er wußte selbst nicht, tote rhm geschah. Er hatte sich bisher nur stets als einen ernsten, fast kühlen Mann gerannt, fern von jeglichem weichlichen Tändeln; und die Bitternis der traurigen Jahre da droben in Island hatte noch das Ihre dazugetan, ihn hart, fast rauh zu machen. Aber Nun war von ihr so etwas Weiches, Zartes ausgegangen, das ihn mit unsichtbaren Fäden umstrickte, aber doch so
fest, daß er kaum noch' entrinnen konnte. Jetzt merkte er erst, was er entbehrt hatte, so lange — immer! Ihre holde Frauenanmut hatte ihn unmerklich in ihren Bann gezogen, auch ihm im Herzen Zartes und Leises geweckt, das nun anschwoll zu einem sehnenden, übermächtigem Klange.
Ja, wie ein großes Erwachen war es plötzlich über ihn gekommen — überhaupt, in seinem ganzen Wesen! Seine Kräfte hatten ja jahrelang in hodesstarrem Schlummer gelegen, wohl hatte er es nur zu oft gefühlt, aber mit dumpfer Resignation hatte er sich in dies Dahindämmern hineingefunden. Was hätte es auch geholfen, wenn er immer wieder angerungen hätte gegen die Fesseln, die er doch nicht sprengen konnte? Nun aber war es wie ein zündender Blitz in sein ganzes Wesen gefahren. Alles, alles in ihm, das unterdrückt und gebunden gewesen war, schrie nach Freiheit, nach Licht und Leben. Er reckte die Glieder in ihren Banden und — welch Wonnegefühl — er merkte: Noch waren sie jung und stark! Wenn er nur wollte — ein Dehnen, ein Spannen, ein Ruck und in Splitter zerbarsten die Fesseln, die ihn so lange gezwungen hatten!
Warum hatte er sie überhaupt nur so lange getragen? Warum sich selbst des Lichts, der Freiheit beraubt? Hatte er benx nicht gewußt, wie lockend da draußen die herrliche, sonnige Welt war? War er blind gewesen? Mußte erst eine weiche Frauenhand kommen und ihm die Binde von den Augen nehmen, daß er all die Pracht wieder sah, die er so läng entbehrt hatte?
O, wie dankte er dieser lieben, lieben Hand! An seine Lippen möchte er sie pressen, an sich reißen die ganze angebetete Frau, sie bei sich halten für immer — immerl Wie ein Taumel wollte es über ihn kommen, seine Wern glühten wie im Fieber.
Aber da trat plötzlich ein zweites Frauenbild vor feine Seele — neben der strahlenden Lichtgestalt ein trauriger, schwarzer Schatten, blaß und gramgebeugt. Festgeschlossen blieben die Lippen, aber die großen Leidensaugen sahen ihn an mit erschütternder stummer Klage: Willst du mich nun auch noch verlassen? Du, das Einzige, das Letzte, was mir ein furchtbares Geschick gelassen hat? Soll mir so gelohnt werden, daß ich selbst dich zu dieser Reise gedrängt habe?
Ein Stöhnen brach fid) leise von Amthors Lippen. Das war es ja, warum sich seine Augen entwöhnt hatten, sehnend in das goldene Licht der Freiheit zu sehen! Wie hatte er es vergessen können, auch nur für flüchtige Augenblicke? Er war ein freiwillig Gefangener r-> er war es und mußte es bleiben. -
Mußte er es wirklich?
Im angstvollen Aufbäumen des fast schon erstickten Leibensdranges schrie es auf in seiner Seele. Warum mußt« er? Hatte er sich nicht genug geopfert? Die besten Mannes jähre vertrauert, seine Kräfte verkümmern lassen? Sollte


