Ausgabe 
1.4.1912
 
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Der gemeine Mensch lachte schlau itttti ließ seine stockigen Zähine sehen.

Dein Geschrei folgte eine Totenstille. Man hörte nnr dais einförmige Klingen der Geldstücke und den schlürfenden Schritt des Wächters, der mit der Sammelbüchse Aapperte.

Schaut einmal her," sagte Don Gaetanino, um ein Probe­stück seiner Weisheit zu liefern, und dabei zeigte er auf die Glas­scheibe einer Nische, die mit Gebeinen angefüllt mar. Tausende von Wassertropfen glitzerten auf der blanken Fläche.Befeuchtet Euer Taschentuch damit und hebt es aus. Wenn Ihr krank seid, legt es auf die schmerzende Stelle und rm Nu seid Ihr geheilt." Ach, wahrhaftig?"Mein Ehrenwort," beteuerte jener, beleidigt durch den Zweifel.

Erschöpft und aufgeregt kam die Hexe wieder zum Vorschein, und ohne ein Wort an ihre Gefährten zu richten, suchte sie den Ausgang.

Hier," sprach sie und zeigte ihrer Schutzbefohlenen ein Stofs- beutelchen,hier, das ist die Rettung. Es ist heilige Asche, die ich selbst aus der Priesterkapelle geholt habe, etwas Besseres gibt es nicht. Erinnert Euch gut alles dessen, was ich Euch gelehrl habe. Während Ihr das Pulver in dem Wein verrührt, sprecht sieben Gloria Patri für die Seelen im Fegefeuer, und dann gebt es Eurem Gatten. Dann wird er Teresina vergessen und nur Euch lieben. Euch allein, ewig nur Euch."

Aber es wird ihm doch auch nichts schaden?"

Da Hört das bloß an, Don Gaetanino, da soll man noch Lust haben, Gutes zu tun," sagte Donna Coucetta, empört über solche Nngläubigkeit, zu dem Gefährten.

Oho," unterbrach das Männchen entrüstet,was sagt Ihr ha, Gevatterin?"

Tausend Dank, Donna Coucetta," flüsterte die Unglückliche mit tränenvollen Augen,tausend Dank. Möge Euch Gott ver­gelten, was Ihr mir Gutes getan habt!"

*.

Das große Tor war geschlossen worden, der geschwätzige Pfört­ner !var verschwunden, aber die Frauen auf der Strass warteten geduldig: sie wollten um alles in der Welt Carmela zwischen der« Earabinieren vorbeikommen sehen.

Wer hätte es nur gedacht, daß dieses SchmeicheMtzchjen den Matten vergiftet hätte!"

Aber der schlug sie auch," verteidigte eine andere Carmela.

Mag sein," fuhr die erste fort,aber man muß schon einen barbarischen Mut haben, um ihn wie eine Ratte umzubringen."

Hätte sie ihm wenigstens ein Messer ins Herz gestochen," rief eine dritte.

Aich was," fuhr die dritte fort,gestern hat sie ihm ein gutes Mittagessen zurecht gemacht, und, stellt euch vor, um alles Mögliche anzuschaffen, hat sie sogar ihr Armband versetzt. Dann hat sie alles aufgetragen, hat sich ihr neues Kleid Ungezogen . . .'1

Und dann hat sie auch erzählt, die Madonna wollte ihr an jenem Abend eine Gnade gewähren."

Ariatella, eine schöne Gnade!"

Und dann ist es gekommen, wie es gekommen ist."

Ein Wagen rollte heran und hielt vor dem Tor. Ein Cara­biniere entstieg ihm und verschwand im Hause. Doch durch die Türspalte hörte die Menge ein verzweifeltes Schluchzen.

Hört nur, sie weint auch noch!"

(Eine Fürstin als Aufwartefrau.

, Im Leben Leo Tolstois blieb der tragische Ziviespalt, daß der Weste von Jasnaja Poljana durch Umstände und Familienbande immer wieder daran gehindert wurde, das einfache, mühevolle Leben eines schlichten Arbeiters zu iühren, dem seine Sehnsucht galt. Tie reiche russische Fürstin Maria Alexandrowna Garatzina, die zu den größten Grundbesitzerinnen Rußlands zählt, hat das Ziel erreicht, das Tolstoi schinerzvoll ersehnte: sie hat ihren Reich­tum abgestreiit, hat aus die Vorrechte ihres Standes, auf den Genuß ihres Reichtums vostkommen verzichtet und ernährt sich nunmehr schon seit Jahren als schlichte Auswartesrau durch ihrer Hände Arbeit.

Als 23jährige junge Dame, so berichtet eine französische Zeit­schrift, verließ sie das luxuriöse Elternhaus, legte das Gewand der Armut an, verzichtete auf jede Kopeke Hilfe von den Eltern und hat seitdem buchstäblich das entbehruugsreiche Leben einer armen Aufwartefrau geführt. Sie war Küchenmädchen in einem Hotel, wo sie morgens um 4 Uhr ausstehen mußte und täglich Hunderte von Stiefeln zu putzen hatte: dann vermietete sie'sich als Auf- wärtcrin und verdiente sich mit Bürste, Besen und Piltzlappen ihr tägliches Brot. Nur einmal hat sie seitdein ihren Lebensivaudel kiirze Zeit verändert. Tie ungewohnte körperliche Anstrengung ihres selbstgewählten Berufes warf die junge Fürstin aufs Krauken- bett und nach ihrer Genesung mußte sie sich bescheiden, eine körper­lich weniger aufreibende Arbeit zu suchen: sie ivurde Verkäuferin tu einem großen Warenhause. Die Erfahrungen, die sie dabei sammeln mußte, haben sie bald wieder zu ihrer srüheren Tätigkeit znrucklehren lassen und heute lebt die Fürstin Maria Alexandrowna Garatzma ivieder das Leben einer Aufwärterin.Denn das Leben

mancher Angestellten in einem Geschäft ist eine wahre Hölle. Nich daß die Arbeitgeber hart zu ihren Untergebenen wären, nein, eS sind seelische Martern, die man zu erdulden bat. Wer nie hinter einem Ladentische gestanden hat, vermag sich nicht vorzustellen, waS eine junge Berkäilferin an Demütigungen und Erniedrigungen durch eine geivisse Art uoit Käufern zu erdulden hat. Es sind die Frauen, die ihre soziale Ueberlegenheit zu einem grausamen Marter­gerät machen.' Die Fürstin hat auf diesem Gebiete Dinge erlebt, die an Gefühlsroheit nichts zu wünschen übrig lassen, imb nicht umsonst fällt sie das vernichtende Urteil:Die Härte und die Rück­sichtslosigkeit der Frauen gegen diejenigen, die sie als sich unter­geordnet ansehen, ist unfaßbar. Eine Dame, die ich sehr gut kannte, denn sie stand an der Spitze einer Reihe von Wohltätigkeits- tmternehmungeii und hatte sich durch ihren Wohltätigkeitseifer in der Gesellschaft einen Namen gemacht, kam eines Tages in die Abteilung, iit der ich arbeitete. Sie wollte etwas Spitzen taufen; ich mußte sie bedienen, und da sie natürlich die Fürstin, in deren Hanse sie oft als Gast verkehrte, in der kleinen Verkäuferin nicht wiedererkannte, behandelte sie mich schlechtbin unwürdig. Eine Stunde lang marterte sie ntich mit den bissigsten und arrogantesten Bemerkungen, eine Stunde lang mußte ich ihr immer neue Spitzen zeigen, und da ich ihre itnklaren unb komplizierten Erklärungs­versuche nicht immer richtig verstand, überhäufte sie mich schließlich mit Beleidigungen, und erklärte höhnisch: ich verstäitde von meinem Geschäfte nichts. Schließlich wollte sie ein Achtel Dieter von einer Spitze haben, von der der Dielet 2,20 Dif. kostete. Und als ich ihr erwiderte, ein so geringes Quantum dürste ich nicht verkaufen, wurde sie buchstäblich von ihrer Wut überwältigt und versuchte so­gar, mich um meine Anstellung zu bringe», indem sie zum Ches ging und ihm erklärte, ich sei unverschämt gegen die Kunden. Diese Dame hat mich gelehrt, was ich von gewissen Frauen der Gesell­schaft zu halten habe, die sich mit Wohltätigkeit beschäftigen, weil dies Diode ist, und die sich im Grunde viel weniger um ihre »Schützlinge" sorgen, als darum, eine Rolle zu spielen."

Die Fürstin Garatzina hat nach ivenigen Dionaten ihr Amt als Verkäuferin niedergelegt und arbeitet jetzt ivieder als Aufräume­frau. Sie ist mit ihrem Los zufrieden, fühlt sich glücklicher als tm heimischen Palais und ivill dereinst als arme Arbeiterin sterben, wie sie auch als atme Arbeiterin lebt.

vermischte».

* Eine moderne Legende. Es war einmal ein kleine« Knabe, der barftiß durch die Straßen von Nenyork wanderte, denn seine Eltern ivaren so atm, daß sie ihrem Kinde keine Schuhe kaufen konnten. Und der kleine Sullivan ging Winter und Sommer barfuß in die Schule, die Füße schwollen ihm an imb bluteten imb im Winter schmerzten sie ihn oft so sehr, daß seine Augen groß unb starr würben, wenn er durch den Schnee marschieren mußte. Der arme kleine Sullivan war sehr traurig und er wollte nicht glauben, daß diesen Tagen des Unglücks ein­mal frohere Zeilen folgen könnten. Aber mit den Jahren wurde aus dem kleinen Sullivan ein junger Sullivan, der fleißig arbeitete und Geld verdiente. Unb wenn es ihm so gut ging, baß er etwas ersparen konnte, bann kaufte er oft Schuhe für die armen kleinen Kinder, die barfuß gehen müsse». Und als aus dem jungen Sulli­van dann der große unb reiche Sullivan geworben war, kaufte er in jebeni Jahre von seinem vielen Gelbe 5000 Paar schöne marine Kinderschuhe und schenkte sie den Kleinen, die keine hatten unb benen im Winter die Füße weh taten . . . Diesemoderne Le­gende" ist wirklich geschehen und jener barfüßige arme kleine Sullivan ist heute der berühmte amerikanische Dlilltonär und Se­nator der Vereinigten Staaten. Und im Gedenken an die Not seiner Kindheit gibt er alljährlich ein Fest, bei dem 5000 arme Kinder von dem Senator Schuhe und Stiefel erhalten. Dann teilt der Senator Sullivan seine Gaben selbst aus und sorgt dafür, daß die Schuhe nicht drücken. Vor einigen Tagen haben die Neuyorker wieder, wie alljährlich, dies ungewöhnliche unb rührenbe Schau­spiel erlebt, das zugleich ein schönes Beispiel dafür ist, wie ein reicher und angesehener Mann seine Vergangenheit nicht ver­leugnet, sondern aus ihr den frohen Diut zu einer guten Tat empfängt.

* Frauenlvgik.Glaübst du, daß wir Marxens treffen werden?"Ganz sicher; sie haben ja auch gesagt, sie gehen nicht hin!" _____________

Geographisches verschiebest «vk.

Türkei Deutschland Rußland Griechenland England Kreta Europa.

Vorstehende Namen sollen derart untereinander geschoben werden, daß eine Buchstabenreihe, von oben nach unten gelesen, den Namen eines schweizerischen Kantons ergibt.

Auslösung in nächster Dummer.

Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer r Wer hat den Weg durchs wilde Meer gefunden, Der nie mit Todesstürmen stritt?

Mir ist ein Herz mit seinen Wunden

Mehr wert als eins, das niemals kitt. Tiedge.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- unb ©teinbrutferet, R. Lange, ®tejetv