Ausgabe 
1.4.1912
 
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Koldeuen HalMtte. Jetzt beugte sie sich zutraulich zu dein ver­schmitzt aussehenden Männchen und fragte ihn leise:

Wollen wir Carmelos Gatten behexen und ihn in ihre Arme zurückführen?"Ihr seid wie die gütige Mutter Gottes," ant­wortete er voll tiefer Verehrung.Ach, was Ihr nicht sagt!" klang es zurück.

Auf der Plattform stieß und drängte sich noch immer die Menge, obgleich der Wagen längst voll war, und aus dem lauten Stimmen» gewrrr hob sich gellend das Geschrei der Starrköpfigen hervor, die dennoch aufsteigen wollten. Zwei schnelle ungeduldige Klingel­zeichen, ein eilfertigesAbfahren", und der Zug setzte sich in Be- weguiig. All die Pilger, die er mit sich führt, wollen die Höhlen der Fontanella auffuchen, wollen ein Gnadenwunder erlangen in den Grotten des unheimlichen Friedhofes, der in einen kahlen, felsigen Berg eingehauen ist. Dort ruhen die ohne Beichte Ab­geschiedenen, die von Christus Verfluchten und die Selbstmörder, acht Millionen an der Zahl, wie das Volk! beteuert.

Doch wie ist es nur möglich," fuhr Don Gaetanino fort,daß Ihr schon nach einjähriger Ehe nicht mehr in Frieden lebt?"

Ach, die Männer sind so schlecht," meinte Donna Coucetta, Carmela bekommt Schläge von ihrem Mann, und er gibt ihr nichts zu essen; er hat sich in die Teresina verguckt, der läuft er immer nach."

Armes Weib," sagte der andere und.musterte mit geheuchelter Teilnahme das vergrämte und sorgenvolle Gesicht der Verlassenen. Carmela hörte ihnen nicht einmal zu, sondern heftete ihre großen müden Aiigen mit den tiefen blauen Ringen, die so viel Tränen und schlaflose Nächte verrieten, aus die bunte Schürze, die sie langsam mit .bett abgemagerten Händen geglättet hatte. Dann und wann stieg ihr eine Blutwelle ins Gesicht, so daß sie glaubte, der inneren Erregung unterliegen zu müssen.

. Wird es gelingen, wird ihr die güte Mutter Gottes gnädig feilt ? Die Angst schnürte ihr die Kehle.zu. Sie hatte von den Fontanellen gehört, von jenen grauenerregenden Felshöhlen, wo das Wasser immer dunkel und geheimnisvoll .herabtropft. Und matl sagte, das sei der Schweiß der Toten. Gütiger Gott! Ein kalter Schauer rann über ihren zitternden Körper bei dem Ge­danken, daß sie in tvenigen Minuten jene düsteren Grotten be­treten sollte, daß sie hinabsteigen sollte zu den sterblichen Resten jener Unglücklichen, die, am Leben verzweifelnd, sich den Tod gaben oder auf andere Art ein wenig christliches Ende gesunden hatten.

Als ihre erregte Phantasie ihr jene düsteren Gewölbe aus­malte, ergriff sie plötzlich der Gedanke, von ihrem Vorhaben ab­zustehen. Sie wollte umkehren und sich der Begleitung jener beiden entziehen. Doch die ließen sie nicht aus den Augen, sie tuschelten eifrig und warfen ihr fortwährend zudringlich neu­gierige Blicke zn. Keine Spur von Mitleid oder Mitgefühl sprach aus ihren Angen, nur jene freche Neugier, alle Schmerzen jener armen, gequälten Seele auszuspüren, sie bloß und frierend in ihrer Hilflosigkeit vor sich zu sehen. Nur zurückkehren, allein sein, dachte Carmela. Doch das Bild jener anderen stieg in ihr auf; wenn er nun doch wieder zu jener zurückkehrte, wenn er gar seine Drohung wahr machte, ganz mit dieser Person zu- sammenzuleben, wenn er sie für immer verließe! Nein und tausendmal nein! Tore sollte der ihre sein, sollte sie wieder, lieben wie ehemals, sollte wieder ihr Geliebter sein, feurig und zartfühlend wie einst. Die Erinnerung an die verflossenen Jahre stieg in ihr auf. Abend für Abend erwartete er sie, um sie nach Hause zu geleiten. Sein leidenschaftlicher Blick verwirrte sie bis zum Schwindligwerden, und ängstlich bat sie: schau mich nicht so an. Doch er lachte bann unb brückte ihre Hand, daß es weh tat. Wie glücklich war sie dabei! Sie hätte gewünscht, daß dieser Schmerz noch viel größer gewesen wäre, damit das seltsame Glücks- gefühl nie geendet Hätte, damit die holde Verwirrung, die sie er­blassen und erröten ließ und ihre Augen mit zärtlichen Tränen be­tauet, ewig geblieben wäre. Eines Nachts in Mergeltina sie waren erst kurze Zeit verheiratet überfiel sie eine un­erklärliche Angst, die ihr die Kehle zuschnürte, und ohne zu wissen, warum, weinte sie bitterlich Und verzweifelt, als ob ihr ein schreck­liches Unglück zugestoßen sei. Ihr Gatte, außer sich und auch dem Weinen nahe, überschüttete sie mit Fragen, während er sie fest umschlungen hielt.Ich weiß nicht, Samt es dir nicht sagen," kam es schluchzend von ihren Lippen,du weißt ja, wie glücklich ich bin. Vielleicht erdrückt mich mein Glück, wer kann es wissen. Du wirst mich immer lieben, nicht wahr, mich immer lieben wie jetzt, Tore?" Salvatore löste ihre schwarzen Flechten und barg sein Gesicht in dem zerwühlten, aufgelösten Haar, um feine Er­regung nicht sehen zu lassen, und dann erstickte er sie mit leiden­schaftlichen Küssen, und sie bebte unter seinen brennenden Lippen. Das waren seine letzten Küsse.

Dann wurde er anders und behandelte sie schlecht, ja, er fing an, sie zu schlagen. Der leuchtende Stern ihrer Liebe sank. Wenn er spät nach Hause tot, müde, mürrisch und oft auch heraus-. fordernd, dann war ihr, als brächte er den Duft jener anderen heim, als müßte sie sterben vor Eifersucht, als bräche ihr das Herz. Doch ihre Liebe zu ihm' war noch immer die alte und ihre Treue wankte nicht. Ob er auch noch so spät heim kehrte, sie erwartete ihn an dem kleinen Fenster. Sie fühlte nicht die eisige Kälte des Nachtwindes und merkte nicht, wie der Regen sie traf, her durch das elende Fensterchen ohne Läden schlug. Sie ver­

sehrte sich nur in qualvoller Angst, daß ihm etwas zugestoßen! sein könnte; auf den Knien flehte sie zur Madonna, ihn heil und gesund heimzuflihren. In der Ferne glitten die Umrisse seiner Gestalt durch die dunkle Nacht. Schnell schloß sie das Fenster und schlüpfte ins Bett; dann tat sie, als ob sie fest schliefe, denn er ärgerte sich, wenn er sie wach und wartend fand. Sie hörte, wie er vorsichtig eintrat, ganz leise seine Kleider ablegte und sich kaum hörbar, mit verhaltenem Atem in seine Decke wickelte, in der Hoffnung, sie würde nicht merken, wie spät er heimgekehrt sei. Trotz aller Anstrengung konnte sie manchmal ihre Tränen nicht zurückhalten; dann übermannte ihn die Wut, er fluchte ihrer verstorbenen Eltern, unb oft schlug er sie sogar.

Was machte sie sich daraus! Hätte er sie nur blutig geschlagen, hätte er sie zu Grunde gerichtet, alles hätte er tun können, wäre er nur nicht zu jener anderen gegangen, hatte er sich nicht durch den Verkehr mit jener Person besudelt! Und sie siel ihm um den Hals und kniete vor ihm nieder, sie küßte ihm die Hände und liebkoste ihn mit den zärtlichsten Namen aus ihrer glücklichen Zeit, aus den seligen Tagen ihrer Liebe. Er kämpfte verzweifelt gegenl sich selbst, denn er konnte sich des Mitleides gegen dies arme Geschöpf nicht entwehren, das ihn mehr, als sich selbst liebte, und als ihre Frauenwürde,, das sich demütigte, wie die niedrigste aller Frauen. Konnte er sich da noch verstellen, konnte er seine Er­regung meistern? Verzweifelt klagte er sich an, sich und seine gemeine Handlungsweise und sein unbarmherziges Geschick, das ihn in eine so unselige Leidenschaft verstrickt hatte. Er sah in solchen Augenblicken, was für ein schwacher, willenloser Mann er war in den Netzen einer schlechten Person, die aus seiner Schwäche Nutzen zog. Carmela verstand ihn in seinen leidenschaft- licheu Selbstauklagen unb glaubte, ihn gerettet zu haben, denn ihr Salvatore war ja gut im Grunde seines Herzens. Wenn er so vor ihr schluchzte, danu tröstete sie ihn, sprach liebevoll auf ihn ein und streichelte ihm fein zerzaustes Haar. Und sie wartete zitternd aus den Kuß der ihr versagt blieb. Trotzdem glaubtp sie an eine Besserung, wie sie ihn so ganz entnervt und matti daliegen sah. Kaum aber ließ ihn Teresina rufen, so vergaß er alle Schwüre unb kehrte in den Schlamm zurück.

Jetzt hatte er ihr sogar die Ehe aufgesagt. Sollte sie die Rivalin ermorden? Vielleicht zeigte ihr Donna Coucetta einen Weg, den Gatten wiederzugewinnen.

Eine Stimme schreckte sie aus den Grübeleien auf:Steh auf, Carmela!"

Sie bogen in eine schmale, gewundene Straße ein Und be­traten den Vorraum der Höhlen,. eine kleine Kirche. Bei jedem Schritt stteß man auf Verkäufer von blauumwickelten Wachskerzen. Du mufft jetzt eine Kerze kaufen unb sie für Christus anzünden," flüsterte die Hexe.Selbstverständlich," stimmte Don Gaetanino! hei, der Donna Coucetta gefolgt war. Carmela nahm eine Lims aus ber Tasche, verwirrt durch die Menge, di« sie unbemerkt dem' Kirchhof zudrängte, sie sah auch nicht, baß ihre Begleiterin nur vier Soldi für bie Opferkerze zahlte. Nun schritten sie an einem! Katafalk, mit verblichenem unb zerfetztem schwarzen Sammet unb künstlichen Blumen als Symbol der Vergänglichkeit geschmückt, vorüber und gelangten durch eine niedrige Seitentür in die Höhlen. Durch den Tuffstein führte ein langer enger Korridor; Gebückte, Kniende unb Blinde flehten das Mitleid der Besucher an, einige umklammerten die Füße ber Vorübergehenden, um ein Almosen zu erzwingen. Das schreckliche Geheul derer, die weiter innen um Gnade flehten, schlug an das Ohr der jungen Fran, eine eisige Kälte kroch über ihren jungen Leib, ließ ihr Blut erstarren unb legte sich wie ein Alp auf ihre Brust. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich ihr, als sie vor sich die Pyramiden aus Schädeln mit leeren Augenhöhlen sah, bie höhnisch zu grinsen schienen im Lichte der kleinen gelben, zitternben Kerzen. Auf allen Seiten starrte es von Bergen, Säulen, Türmchen unb Kegeln weißer Schädel, Brust- Und BeiNknochen, bei bereu Anblick sie voll Srouen 'erbebte.,

Fort, weg," flüsterte sie verstört unb brückte ihrer Führerin den Arm,ich kann nicht mehr!"

Oho," sagte diese tabelnb.Donna Carmela, wollt Ihr alles verderben? Denkt barmt, baß Ihr glauben müßt, ohne Glauben keine Gnade. Vor allem dürft Ihr mich jetzt nicht abtenten, ich mutz beten."

Die dicke unförmige Person begann nun die Litanei zu fingen und kniete dabei vor den Bildern ber Heiligen hin, fortwährend das Kreuz schlagenb. Die übrigen Frauen wiederholten langsam' bas Totenlied, während ans der Ferne bie Seufzer und das Mur­meln der Menge heranzog. Carmela preßte bie Hände auf bie Brust, bas Herz schien ihr still zu stehen, von einem Augenblick zum andern glaubte sie sich einer Ohnmacht nahe. Um diese Qual bis zu Ende zu ertragen, gedachte sie ihres Gatten: Tore, mein Tore, für dich nur, für dich! Jetzt bewegte sich der lange Zug der Frauen um das Grabgewölbe und nun kamen sie auf ber Schäbelstatte an, wo ein Christus'bilb mit blutenden Wundenmalen über Schädeln thronte.Gesu mio, mifericorbia", klang es schauer­lich burch bett Raum. Und Carmela stimmte ein:Tore, für dich, für dich allein."

Sie sah, wie bie massige Gestalt Eouvettas in einer bunklen Seitenkapelle verschwand unb sie eilte ihr nach, als eine Hand sie zurückhiell unb Don Gaetanino ihr geheimnisvall zuflüsterte: Gevatterin, bleibt hübsch Isier. Ihr dürft sie jetzt nicht stören."