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Ein wildfremder Mann war es, der da schweigerild neben ihr herschritt, und doch ihrem Empfinden plötzlich so nahe gerückt. Was für ein sonderbares Spiel des Zufalls! Morgen trieb sie die Welle des Lebens, die sie hier in seltsamer Laune zusammengefuhrt, wieder aus- einander, weithin, zwei Elemente, unter Millionen die ein- zigpn, aufeinander abgestimmt; dann wirbelte jedes wieder in seinen Lebenskreis zurück, als hätte es das andere nie berührt. Aber gerade darum, weil es eben nur eiu so dunkles Zufallsspiel war, weil es kein Wiedersehen gab, drängte es sie, zu diesem Mann zu sprechen von ihrem geheim verschlossenen Leid, in das sie einen von jenen aus ihrem Kreise ja niemals hätte blicken lassen. Losgelöst von aller peinlichen Scheu des Gesellschaftslebens, ganz nur Mensch 511111 Menschen, die sich hier an der Grenze der Kultur getroffen hatten, wollte sie zu ihm reden. Vielleicht, daß solch lösendes Wort ihr die schwerbeladene Seele etwas befreite; vielleicht, daß er einen Strahl tröstlichen Lichts in das Dunkel ihres Innern trug!
So nahm sie seine letzten Worte wieder auf, die er gesprochen hatte.
„Sie beklagten den Armen, der frierend allein steht — abseits vom wärmenden Glück des häuslichen Herdes, das er nie kennen gelernt. Meinen Sie aber nicht, daß noch viel, viel ärmer der ist, dem einst dies Glück gestrahlt, der es aber wieder verloren hat?"
Er sah sie an, mit einem staunenden, fragenden Blick. Ahnte sie, was in ihm vorging, oder sprach sie nur von sich? Dann neigte er zustimmend das Haupt.
„Sie haben nur zu recht. Lieber das Glück niemals kennen lernen, als es nach karger Frist verlieren! — Auch Sie können also schon ein Lied davon fingen? Sie Arme!" Ein mitleidiger Blick traf das blasse Gesicht der noch so jungen Frau. „Sind Sie schon lange Witwe?"
Ein leises Rot überhauchte plötzlich ihre Wangen. Er dachte offenbar gar nicht daran, daß es noch eine andere Möglichkeit gab — gewiß, weil er selbst das Unglück gehabt hatte, früh verwitwet zu sein — doch sie wollte ihn nicht in seiner Täuschung belassen. Stumm schüttelte sie den Kopf; dann erwiderte sie leise, doch ohne ihn anzusehen:
„Sie irren. Mein Mann lebt noch. Aber ich bin geschieden von ihm — auf meinen Antrag."
„Geschieden!"
Sie hörte den befremdeten Klang seiner Stimme und fühlte seinen plötzlich veränderten, sie prüfenden Blick. Noch tiefer ward das Rot auf ihren Wangen, aber jetzt war es aufflammende Empörung, die sie färbte. Mußte sie denn immer und immer auf dies kränkende Vorurteil stoßen? Als ob eine gewisse Schuld doch stets an der geschiedenen Frau haftetet Diese Erregung ließ sie mit heftiger Bewegung sich ihm zukehren, und mit blitzenden Augen fragte sie ihn, frei ins Gesicht:
„Auch Sie also teilen, wie ich merke, das Vorurteil gegen die geschiedene Frau?"
Ruhig erwiderte er ihren Blick, mit seinen klaren, ernsten Augen, ihr bis auf den Grund der Seele dringend:
„Ich gestehe offen: im allgemeinen ja!"
Sie wollte auffahren, aber eine Bewegung seiner Hand beschwichtigte sie.
„Unsere moderne Ueberkultur und die Emanzipation der Frau haben schweres Unheil angerichtet. Das Geschwätz von Recht und Freiheit, von Recht auf Glück, vom Sichausleben, und wie der Unfug sich sonst nennt, haben der Frau den Kopf ganz verdreht. Sie hat über all dem die Hauptsache verlernt: Den Begriff der Pflicht, der allein die Welt regiert!"
„Ah! Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie so einseitig ausschließlich vom Mannesstandpunkt aus —"
„Pardon! Sie ließen mich nicht zu Ende reden," unterbrach er sie ruhig. „Ich hätte sonst hinzugefügt, daß ich selbstverständlich aber auch gegenteilige Fälle kenne, wo die Frau durchaus der sympathische Teil ist und alle Schuld beim Manne liegt. Nrir pflegt es weit seltener zu seiu; während dagegen die „unverstandene Frau", mit ihrer ewigen Unbefriedigung und dem kindisch-phantastischen Hinterherjagen nach einem Märchenglück in den weitaus meisten Fällen die Ehe zerstört."
„Dem will ich nicht widersprechen," zwang sie sich das Bekenntnis ab. „Ich liebe die modernen Frauen selbst nicht. Um so mehr werden Sie es aber begreifen, wie bitter es ist, mit solchen unreifen oder pflichtvergessenen
Geschöpfen, wie Sie sie ganz richtig schildern, in einen Topf geworfen zu werden. Sie ahnen es nicht, wie furchtbar dieses Vorurteil der Welt eine Frau kränken muß, die ohne ihre Schuld das Schrecklichste hat durchkämpfen müssen und die an den Wunden dieses Kampfes unheilbar dahinsiecht."
Wie ein Aufschrei aus tiefster Seele klangeu ihre letzten Worte in sein Ohr. Ein herzliches Mitleid mit diesem noch so jungen und schon so schwer geprüften Weibe kam über ihn. Wer furchtbares Leid, wie er selbst, an sich erfahren, der kommt leichter zur Härte gegen fremden Schmerz; die Seele wird stumpf unter der steten, überschweren Last des eigenen Wehs. So war auch ein Empfinden anderen gegenüber erstarrt und ging zumeist nicht über eine oberflächliche, pflichtschuldige Teilnahme hinaus. In dieser Stunde aber, wo er das Aufzucken heimlich getragenen Leids in dem sympathischen Antlitz dieser jugendlichen Frau sah, wo ein unermeßliches, fremdes Unglück vor seinen Augen sich entschleiern wollte, heute fühlte er zum ersten Male wieder ein warm aus der Tiefe quellendes Mitgefühl.
„Ich ahne doch, wie furchtbar schwer Ihr Los ist," wandte er sich mit herzlichem Ton an sie. „Und, bitte, glauben Sie mir: ich bin fest überzeugt, daß Sie Ihrerseits frei vou Schuld sind. Sie sind eine Frau, die sicherlich ihr letztes getan hat int Kampfe um ihr Glück. Unselig der Mann, der es nicht vermochte, sich Ihre Liebe und Achtung zu erhalten!"
„Ich danke Ihnen — von tiefstem Herzen!"
In innerster Beiveguug streckte sie ihm ihre Hand hin, die er mit kräftigem Druck umschloß. Aus ihren dunkeln schönen Augen leuchtete ihn ein warmer Strahl an. Er gab ihre Rechte nicht gleich wieder frei, und sie überließ sie ihm ruhig.
(Fortsetzung folgt.)
Der Liebestrank.
Eine Geschichte aus dem Neapolitaner Volksleben.*)
Von Umberto Bajone.
Autorisierte Uebersetzung von Katharina Bombe-Giese.
„Es könnte nichts schaden, wenn Ihr ein wenig höflicher wäret, Don Gaetanino!"
„Entschuldigt, Donna Couectta. Die Leute stoßen mich von allen Seiten."
„Schon gut, aber so sehr braucht Ihr doch nicht zu drängen. Carmela, komm näher zu mir heran, mach dem Flegel, dem Don Gaetanino Platz."
„Euer ergebenster Diener, ganz zu Euern Diensten/ft schmeichelte jener mit fettiger Stimme. Das kleine, gelbe Männchen machte eine tiefe Verbeugung, die seine Dankbarkeit für die ihm erwiesene Freundlichkeit bezeugen sollte.
Ein zufriedenes Lächeln huschte über Donna Couvettas Lippen. Sie war eine der dicksten und gefährlichsten Halsabschneiderinnen des Pendino, doch die armen Leute grüßten sie ehrfurchtsvoll, da sie in dem Rufe einer unübertrefflichen Wahrsagerin und Giftmischerin stand; und mit dieser Art von Leuten muß man auf gutem Fuße stehen! Die halsen einem eines Wortstreites wegen eine Krankheit auf, die können durch ihren bösen Blick Unheil heraufbeschwören, vor allem aber das Schicksal, durch Mord und Verrat ums Leben zu kommen. Du mein Himmel, was diese Personen für Unglück anrichtcn können!
„Ich will nicht neugierig sein," klang es an Carmelas Ohr, „Ihr fahrt gewiß nach der Fontanelle?"
„Höchst wahrscheinlich," gab die junge Frau zurück, „warum nimmt man wohl sonst die Bühn nach der Sanita." Doch schon bereute sie die schnippische Antwort und wandte sich noch einmal an Donna Coucatta:
„Ich kann mir auch denken, warum Ihr dorthin geht, Ihr wollt gewiß jemanden etwas Gutes tun."
„Was tut mau nicht alles für seine lieben Mitmenschen," murmelte das dicke Weib und kräuselte die Lippen. Ihre farblosen, tiefliegenden Augen blinzelten scheinheilig,wis ob sie die erhabene Mission fühlte, überall da cinzugreifen, wo Menschen seelisch litten. Ein tiefer Seufzer hob ihren Busen, dessen üppige Formen von einem hohen, schlecht sitzenden Korsett nur mühsam gehalten wurden; ihre mächtigen runden Ohrringe klapperten auf der dicken,
*) Wer den Aberglauben des Neapolitaner-Volkes nicht kennt, könnte meinen, die Geschichte entspräche nickst der Wirklichkeit. Es sei daher hier nur an den Prozeß am Gerichtshof won Neapel 1904 gegen Ortensia Massari aus Frattamaggiore erinnert, die ihrem Gatten Simeone Jovinelli, um ihn zu einem ordentlichen Lebenswandel zurückzuführen, ein Pulver aus Totenknochen eingab, aus Anraten von Gaetano De Caro, einem bekannten Giftmischer. Der Gatte starb.


