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Der König von Thule.
Roman von Paul Grabein, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Wie anders sahen die blassen, nervösen Züge heute aus, als gestern, wo sie, vorn Reiten rosig angehaucht, jugendfrisch gestrahlt hatten. Diese Minute zeigte ihm das Antlitz einer Frau, die das Leid kennen gelernt hatte. Da wandte er sich mit warmem Ton an sie:
„J'ch sehe, ich habe Ihnen mein vorschnelles Urteil abzubitten. So war es auch gestern nicht bloße Neugier —"
Sie schüttelte stumm den Kops, ohne ihn anzusehen.
„Also Mitleid mit den Unglücklichen dort! — Dann verzeihen Sie mir, bitte, meine Schroffheit, die Sie sehr verletzt haben muß. Ich weiß wohl, ich bin oft scharf ohne Not. Man verbittert eben in der Einsamkeit."
„Das kann ich Ihnen nachempfinden. Aber glauben Sie mir: Man kann mitten in der rauschenden Gesellschaft einsamer sein als Sie hier in Ihrer Weltabgeschiedenheit!"
Wieder sah er sie an, die zu ihm sprach, ohne ihn anzusehen, den Blick starr geradeaus gerichtet auf den gleißenden Wasserspiegel der Bucht.
„Es ist schlimm, wenn man in so jungen Jahren zu solcher Erkenntnis kommt. Namentlich für eine Frau."
Sie erwiderte nichts, und so schritten sie schweigend nebeneinander, jetzt längs des kleinen Bootshauses, in dem eine Anzahl von Fahrzeugen lagen.
Auf einem Boote sah man die Leute geschäftig hantieren; sie gingen gerade darauf zu. Die junge Frau heftete mechanisch ihre Blicke auf das fremde Treiben.
„Ein französischer Jslandfahrer," erklärte ihr Begleiter, aus das Fahrzeug deutend. „Er hatte einer Reparatur wegen für ein paar Tage hier den Hafen aufsucheu müssen, will aber jetzt wieder auslaufen."
„Ah !" Die junge Fran blickte mit erwachtem Interesse aus das Fahrzeug. „Eines jener Schiffe, wie sie Pierre Loti schildert?"
Er rückte. „Wollen Sie es einmal besichtigen?"
Aber gern!"
Sie traten an das Boot heran, und nach einigen Worten des Doktors an den Schiffsführer betraten sie auf schwankender Planke das kleine Fahrzeug.
Die vier Männer der Besatzung, breitschultrige, große Leute, hielten einen Augenblick in ihrer Beschäftigung inne und blickten verwundert, zum Teil gutmütig lächelnd, auf die elegante Dame, die da so viel Interesse für ihr enges schmutziges Fahrzeug zeigte, das einen widerwärtigen Fischund Trangeruch ausströmte. Er kam aus-dem Laderaum, dessen Deckel aufgeklappt war.
Frau Söllnitz wandte unwillkürlich schnell das Gesicht ah, im Vorübergehen.
„Abscheulich! Wie können es diese Leute hier nur auss aushalten?"
„Das ist noch gar nichts! Aber sehen Sie, bitte, ein» mal hier hinein."
Ihr Führer kletterte durch eine kleine Luke eine wahre Hühnersteige hinab. Sie folgte und sah sich nun in einem engen, kastenförmigen Raum, so schmal, daß man beim Ausstrecken der Arme allenthalben die Wände berührte. Ein winziges Tischchen in der Mitte, zwei Sitzbretter seitlich, kennzeichnet diesen Käfig als die Kajüte des Schiffs. An den beiden Längswänden waren zwei Schiebetüren über den Sitzbrettern halb zurückgeschoben, man sah in die Bettkisten dahinter, so niedrig und schmal, daß man darin wie in einem Sarg eingepfercht lag.
„Um Himmels willen!" Frau Söllnitz prallte zurück, als sie nun hier unten stand. Eine wahre Stickluft schlug ihr entgegen, ein fürchterliches Gemisch von Ausdünstungen, kaltem'Tabaksgualm und unerträglichem tranigen Fischgeruch, der aus dem Laderaum nebenan hereindrang. (Älrgst stieg sie wieder auf der Leiter durch die Luke hinaus, die Tür und Fenster dieses Raumes zugleich bildete, und unter dem Jtummen Lächeln der Fischer ging sie schnell wieder ans Land.
„Rein, wie ist es bloß möglich, daß Menschen 'so hausen können! — Und monatelang, nicht wahr — den ganzen Sommer hindurch?" wandte sie sich an bett Doktor, der nun wieder zu ihr trat.
Er lächelte still.
„Gewiß, es ist hart. Und doch sind' diese Menschen längst nicht die Unglücklichsten. Wenn sie int Herbst Heimkehrer erwartet sie daheim Weib und Kind — ein bescheidenes, kärgliches Glück oft nur, aber doch etwas, das ihre Herzen wärmt, während sie hier oben in Wind und Wetter sich mühen. Viel ärmer ist der, dem kein Heim winkt mit sorgendem Frauenherzen und sehnenden Kinderärmchen. Dett frierts, und wenn er unter der heißesten Sonne lebte."
Leiser, fast düster war der Klang seiner Worte geworden, die ein wehes Echo in der Brust der jungen Frau weckten.
„Da haben Sie recht — nur allzu recht!"
Hatte der Fremde doch da ahnungslos an das große Leid ihres Lebens gerührt, an dem sie sich innerlich verzehrte. — Ohne wahres Heim, ohne den Sonnenschein treuer Liebe durchs Leben gehen zu müssen, also auch er krankte daran! Denn das hatte sie seinen Worten deutlich angehört, daß sie ihm aus dein Innersten kamen. So hatte sie hier oben, in der Einsamkeit der weltentlegenen Insel, eine Menschenseele entdeckt, die sie jahrelang da drunten im Strom des geräuschvollen Lebens vergeblich gesucht hatte; eine Seele, auf denselben Grundton wie die ihre gestimmt, mit dem gleichen Leid unb dem gleichen Sehnen, fähig, sie zu verstehen in den innersten, scheu verborgenen. Regungen.


